Risikoforscher Gerd Gigerenzer über richtige Entscheidungen in unsicherer Gegenwart: Hätten wir auf Berater gehört und Klinikbetten wegrationiert, hätten wir die Pandemie nicht so gut überstanden (Übernahme eines Interviews aus dem „Philosophie Magazin“)

„Wir sollten die Illusion der Gewissheit verlernen“

 

Wie können wir uns in einer unsicheren Gegenwart richtig entscheiden? Der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer über gelingende Kontingenzbewältigung und die Kraft der Intuition

 

Aus: Philosophie Magazin Nr. 05/2020 „Ins Offene. Wie lebe ich mit der Ungewissheit?“, S. 52-55, Philomagazin Verlag GmbH, Berlin. Die Ausgabe ist bis 9. September 2020 am Kiosk erhältlich.

 

 

Das Gespräch führte Dominik Erhard

Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er trainiert Manager, amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte im Umgang mit Risiken. Sein Buch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ (Goldmann, 2007) machte ihn international bekannt. Zuletzt erschien von ihm „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ (C. Bertelsmann, 2013).

 

Philosophie Magazin: Herr Gigerenzer, seit Jahrzehnten forschen Sie zu der Frage, wie Menschen mit Ungewissheit umgehen. Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Situation?

Gerd Gigerenzer: Die Pandemie hat gezeigt, wie schwer es ist, Risiken einzuschätzen. Der britische Premierminister schüttelte so lange Hände, bis er mit Covid-19 auf der Intensivstation lag, der Präsident von Weißrussland empfahl, das Virus mit Wodka zu ertränken, und der amerikanische Präsident … Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die vor Angst nicht schlafen können und den ganzen Tag vor dem Computer sitzen, um Corona-Meldungen zu verfolgen, mit der Hand auf dem Telefon bei gedrückter 112. Statt Risikokompetenz herrschen vielerorts Leichtfertigkeit, Angst und Verunsicherung.

Aber sind das angesichts einer Pandemie nicht nachvollziehbare und sogar wichtige Reaktionen? Angst ist überlebenswichtig. Doch ist es nötig, den Gegenstand seiner Angst zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Denn oft fürchten wir uns vor etwas, das eine relativ kleine Gefahr darstellt, wobei wir gleichzeitig in Situationen leichtsinnig verfahren, die tatsächlich größerer Vorsicht bedürften. Ein aktuelles Beispiel dafür sind Herzkranke, die aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 trotz akuter Beschwerden nicht oder zu spät ins Krankenhaus gehen. Sie riskieren es, aus Angst vor dem Virus zu sterben. Seit dem Beginn der Coronakrise in Deutschland hat sich die Anzahl der Patienten, die mit schweren Herzproblemen ins Krankenhaus kommen, deutlich reduziert, zum Teil fast halbiert. Fehlende Risikokompetenz kann tödlich sein.

 

Was können wir dagegen tun?

Wir sollten bei der Bildung ansetzen und Kinder bereits in jungen Jahren nicht nur die Mathematik der Gewissheit lehren, also Geometrie und Algebra, sondern ihnen auch die Mathematik der Ungewissheit, also statistisches Denken beibringen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen, dem Unterschied zwischen dem relativen und dem absoluten Risiko. Im Jahr 1995 wurden Frauen in England durch Pressemitteilungen aufgeschreckt, in denen zu lesen war, dass laut dem britischen Komitee für Arzneimittelsicherheit Antibabypillen der dritten Generation das Risiko einer lebensbedrohlichen Thrombose verdoppeln würden – also um 100 Prozent erhöhen.

 

Das klingt erschreckend.

Nicht wahr? Aufgrund dieser Meldung setzten viele Frauen die Pille ab, was zu ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen führte. Wie viel ist 100 Prozent? Die tatsächliche Studie besagte, dass von je 7000 Frauen, die die Pille der älteren, also zweiten Generation nahmen, eine Frau an Thrombose erkrankte. Unter den Frauen, welche die Pille der neuen Generation nahmen, waren es zwei. Der absolute Risikoanstieg war also 1 bei 7000 Frauen, der relative aber 100 Prozent. Absolute Risiken sind leicht verständlich, mit relativen Risiken kann man Angst und Aufmerksamkeit erzeugen. Das Ergebnis waren geschätzte 13 000 Abtreibungen mehr als normal.

 

Zu Beginn des Corona-Ausbruchs verglichen Sie die Krankheit mehrfach mit dem H1N1-Virus, besser bekannt als „Schweinegrippe“. Stehen Sie heute noch zu diesem Vergleich?

Ich hatte anfangs gehofft, dass es uns nicht schlimmer ergehen wird als bei der Schweinegrippe-Pandemie. In Deutschland zählte man etwa 250 Tote durch die Schweinegrippe, weltweit, schätzt man, einige Hunderttausende. Doch Covid-19 hat in Deutschland wesentlich mehr Menschenleben gekostet als die Schweinegrippe und auch als SARS. Und sie trifft ältere Menschen. Bei einer Pandemie weiß man erst im Nachhinein, ob man überreagiert oder unterreagiert hat. Der Grund ist, dass man es mit einer Situation von Ungewissheit zu tun hat, nicht mit einer Situation von berechenbaren Risiken. Auch Zahlen wie die Reproduktionszahl R, die uns abwechselnd Angst und Hoffnung machen, sind nicht sicher, sondern grobe Schätzungen unter Ungewissheit. Und der Wert von R hängt nicht nur vom Virus ab, sondern auch von unserem Verhalten. Wir wissen einfach nicht, wie sich das Virus verhalten wird, wie sich die Menschen verhalten werden und wie die Interaktion ablaufen wird.

 

Das bedeutet, dass Sie gehofft hatten, dass sich die Pandemie wie ein Risikoszenario verhalten würde, dann aber doch mehr Ungewissheit im Spiel war?

Eine Pandemie ist nie ein berechenbares Risiko, doch können wir aus dem Umstand, dass wir es mit Ungewissheit zu tun haben, eine wesentliche Einsicht ableiten. Über Jahre wurden deutsche Krankenhäuser kritisiert, dass sie nicht „optimieren“ und zu viele Intensivbetten hätten. Wir haben um die 34 Betten pro 100 000 Einwohnern, im Vergleich zu Italien, Spanien und Großbritannien mit nur zehn oder weniger. Jetzt wissen wir, dass diese Reserve uns in Zeiten der Krise schützt. Eine Beratungsfirma hätte wahrscheinlich Betten und Personal wegoptimiert. Unter Ungewissheit ist jedoch Optimierung eine Illusion. Aus früheren Pandemien kann man auch lernen, dass die Angst vor dem Virus für politische Zwecke missbraucht werden kann. Ägypten beispielsweise hatte angeordnet, alle Schweine zu töten, bevor es dort auch nur eine einzige an Schweinegrippe infizierte Person gab. Und wer besitzt Schweine in Ägypten? Die christliche Minderheit. Und schauen Sie aktuell nach Ungarn, wo Victor Orbán im Schatten des Notstands und ohne parlamentarische Prüfung Verordnungen erlassen hat, von denen wenige mit dem Virus und mehrere mit dem Ausbau der eigenen Macht zu tun hatten.

 

Waren und sind die in Deutschland ergriffenen Maßnahmen Ihrer Meinung nach denn gerechtfertigt?

Ich glaube, dass die Maßnahmen in Deutschland weltweit zu den besten gehören. Unsere Regierung hat schnell gehandelt und die Bevölkerung gut kooperiert. Viele haben sich auch mehr mit Wissenschaft beschäftigt als vorher, um sich zu informieren. Marie Curie, die einzige Frau, die zwei Nobelpreise erhielt, hat einmal gesagt: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“ Ich würde sagen, jetzt ist die Zeit, zu verstehen und sich weniger zu fürchten. Dazu braucht man den Mut, den eigenen Verstand zu benutzen.

 

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Sie spielen auf Immanuel Kant an.

Dieser Wahlspruch der Aufklärung, den Kant in seinem 1784 erschienenen Text „Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ festgehalten hat, ist heute noch immer gültig. Ich kann diesen Text nur jedem empfehlen. Wir brauchen besonders in Zeiten der Krise den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, statt auf die Verschwörungstheorien anderer hereinzufallen. Denn genau das bieten diese Theorien: Scheingewissheiten. Diese Krise ist somit auch eine Chance, mehr selbst zu denken statt uns anderen anzuschließen und einzusehen, dass wir manche Dinge eben nicht im Voraus wissen und kontrollieren können. Kurz gesagt: Wir sollten die Illusion der Gewissheit verlernen.

 

Auch wenn sich Ungewissheiten durch Corona verstärkt haben, war unser Leben auch davor alles andere als gewiss. In Ihren Büchern machen Sie die Intuition als Möglichkeit stark, Orientierung in einer Welt voller Unwägbarkeiten zu finden. Wie kann man sich das vorstellen?

Wichtig ist, dass Intuition nicht Willkür bedeutet. Sie ist kein sechster Sinn. Ich verstehe unter Intuition eine Form von unbewusster Intelligenz, die auf sehr vielen Jahren Erfahrung beruht. Man spürt sofort, was man tun oder nicht tun soll. Das Entscheidende dabei ist, dass man nicht sagen kann, warum. Doch ohne Intuition gäbe es kaum Innovation.

 

Was wäre ein Beispiel für intuitives Wissen?

Denken Sie an einen Schachmeister, der im Park an der Partie zweier Fremder vorbeigeht und innerhalb von Sekunden weiß: Schwarz gewinnt. Seine Intuition basiert auf Jahren der Übung, er wüsste sofort, wie er handeln würde, und weiß dennoch nicht, woher er es weiß, weil er natürlich nicht rational alle möglichen Züge durchgerechnet hat. Das Beispiel zeigt auch, dass Kopf und Bauch keine Gegensätze sind, weil meist beides im Spiel ist. Fortschritt in Wissenschaft und Technologie beginnt meist mit Intuition, die dann dazu führt, dass man ihr methodisch nachgeht und sie ausprobiert. Da Intuition auf langjähriger Erfahrung beruht, bezieht sie sich immer auf genau diesen Bereich der Erfahrung. Der Schachmeister hat nicht notwendig auch ein gutes Gespür im Umgang mit Finanzen.

 

Das bedeutet auch, dass, wer den Unwägbarkeiten der Welt mit Intuition beizukommen versucht, bewusst Informationen ausschließt. Ein gänzlich anderer Ansatz wäre der des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Dieser geht davon aus, dass Ungewissheit sich am besten bewältigen lässt, indem wir uns ausreichend Informationen beschaffen und diese richtig einordnen. Was halten Sie davon?

Intuition bedeutet, dass man unbewusst spürt, auf welche Information man sich konzentrieren und was man ignorieren soll. Intuition ist nützlich in Situationen der Ungewissheit, wo die Zukunft nicht wie die Vergangenheit ist, und daher eine vollständige Analyse der Vergangenheit oder Big Data in die Irre führen kann. Wenn Sie dagegen Roulette spielen, können Sie sich genau ausrechnen, was Sie auf lange Sicht hin verlieren werden. Hier brauchen Sie keine Intuition. Viele wissenschaftliche Systeme gehen jedoch davon aus, dass die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, Roulette oder Lotterien gleichen. Neben der Systemtheorie gehen ja auch Philosophen wie Rudolf Carnap davon aus, dass man praktisch keine Information auf dem Tisch liegen lassen sollte, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Dies ist aber nur richtig, wenn man die Risiken berechnen kann, was im Umgang mit Menschen – und Viren – meist nicht der Fall ist. Denn wir leben meist in einer Welt, in der jeden Moment Unvorhergesehenes passieren kann. Und dort gilt, dass weniger Information oft mehr sein kann und Intuition eine gute Orientierung bietet.

 

Dennoch versuchen wir auch in unserer Welt immer größere Teile des Lebens durch Präventivmedizin und Big Data verfügbar zu machen. Wäre eine Welt ohne Ungewissheiten für Sie ein erstrebenswertes Ziel?

Denken Sie mal kurz darüber nach, was das bedeuten würde. Wenn wir alle wüssten, wie unsere Zukunft aussieht, würde uns nichts mehr erfreuen, überraschen oder enttäuschen. Jeder wüsste, wann er oder sie sterben wird und ob die Ehe geschieden wird. In dieser Welt der Gewissheit hätten unsere Emotionen kaum mehr eine Funktion, wir bräuchten niemandem mehr vertrauen und auch keinen Mut haben, etwas zu wagen. Wäre alles gewiss, bräuchten wir wenig von dem, was uns zum Menschen macht. Das Leben wäre so langweilig, wie die Zeitung vom letzten Jahr zu lesen.

 

Und wenn einem all die Ungewissheit doch einmal auf die Nerven geht, wie kann man dann ganz persönlich etwas Berechenbarkeit in sein Leben bringen?

Wenn ich durch meine eigene Forschung eines gelernt habe, dann, Entscheidungen schneller zu treffen als früher. Als ich in den 1990er-Jahren einen Ruf an die University of Chicago erhalten habe, reiste ich in die „Windy City“, um ein Haus zu kaufen. Wie lange ich brauchte? Einen Tag. Alles war gut vorbereitet, ich hatte eine verlässliche Maklerin von der Universität – das war wichtig – und habe mir mit ihr ein Dutzend Objekte angesehen. Bei einem hatte ich ein sehr gutes Gefühl. Da habe ich meine Frau angerufen, die noch in Deutschland war und sie gefragt: „Vertraust du mir?“ Sie hat Ja gesagt und ich habe das Haus gekauft. Es war eine gute Entscheidung. /

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*