Ein Teller Müsli mit Ex-Blackberry-Chef Markus Müller, der keine Vorschriften will, die er nicht durchschaut – und lieber Hospizbegleitung lernte

Dass Kandidaten in Bewerbungsgesprächen ihrem künftigen Arbeitgeber nicht alles offenbaren, was den interessieren könnte, kann man sich vorstellen. Vor allem die Dinge, die gegen sie als künftige Mitarbeiter sprechen könnten. Von Markus Müller, dem Gründer des Unternehmens Nui Care, lerne ich: Das kann auch ein Pflegefall in der Familie sein. Wenn man sich als Angestellter um einen Vater oder eine Mutter kümmert. Oder vielleicht um ein behindertes Kind. Das ist ein dickes Malus – aus Sicht der Company. Denn Arbeitgeber haben dann die Sorge, dass der Kandidat jederzeit ausfallen kann. Von jetzt auf gleich. Personalchefs erkundigen sich dann – scheinbar beiläufig – nach dem Alter der Eltern. Gefragt werden das übrigens nicht nur Frauen, sondern auch Männer, erzählt Müller.

 

Beförderung? Nicht mit Pflegefall in der Familie

Dasselbe kann sich auch vor Beförderungen abspielen – und schwupps, fliegt der Betreffende mit möglichen Pflegefällen in der Familie von der Short List, berichtet der Softwareunternehmer aus München bei unserem Gespräch im Ab der Fisch in Düsseldorf-Pempelfort, kurz vor Beginn der Corona-Krise. Und das sind eine ganze Reihe von Menschen, sagt Müller. Drei Viertel aller Pflegebedürftigen würden zu Hause versorgt und das dann meistens von ihren Angehörigen.

 

Markus Müller (Foto: C.Tödtmann)

 

Die Angehörigen seien der größte kostenlose Pflegedienst Deutschlands, sagt der 46-jährige. Denn Pflegeheimplätze kosteten schnell 4.000,–  Euro im Monat aufwärts. Sein Unternehmen Nui Care hat für alle Pflegefälle wie demente ältere Menschen bis hin zu schwerbehinderten Kindern eine App entwickelt, die deren Pflege organisieren hilft. Mit und für alle Beteiligten wie die Familienmitglieder, Pfleger und Nachbarn. Alle, die dafür sorgen, dass die nötigen Maßnahmen passieren und alle Aufgaben oder Arzttermine erledigt werden. Denn die Koordination und Kommunikation unter den Helfenden ist ziemlich kompliziert. Fakt ist aber: Die Angehörigen sind oft völlig überlastet.

 

Vollkaskomentalität der Deutschen in puncto Gesundheit

Wer als Kunden für Nui Care infrage kommt? Weil Deutsche in puncto Gesundheit eine Vollkaskomentalität haben, kämen nur Krankenkassen in Betracht. Denn die wollen vermeiden, dass ihre Versicherten deshalb einen Burnout bekommen. Und wer noch: Unternehmen als Arbeitgeber. Also holt Müller nun diejenigen ins Boot, die das Thema ansonsten eher verschreckt – siehe oben: die Arbeitgeber. Eine Handvoll sei bereits im Boot. Sein Ziel für nächstes Jahr: Mit Nui Care im Ausland zu expandieren.

Das alles wäre allein nicht so erstaunlich, wäre Markus Müller einfach irgendein Softwareunternehmer. Irgendein Start-up-Unternehmer. Er ist jedoch der frühere Europachef von Blackberry – und ließ  sich vor fünf Jahren zum Hospizbegleiter ausbilden. Vor drei Jahren wurde er Vorstandsvorsitzender vom Hospizdienst DaSein. Müller: „Mir hilft es, mit Sterbenden zu arbeiten. Denn einem wird klar, was das Wichtigste im Leben ist.“

Auslöser war ein Zeitungsartikel über ein Hospiz, den er vor sechs Jahren im Spanien-Urlaub am Strand gelesen hatte. Und der ihn „zum Heulen brachte“, das war ihm noch nie passiert, erzählt der 46-jährige.

 

Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen

Und er fragt mich: Was meinen Sie, sind die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen? Dann zählt er auf:

Erstens: Ich wünschte, ich hätte mutiger gelebt und gemacht, was ich wirklich will.

Zweitens: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit Familie und Freunden verbracht.

Drittens: Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet.

Viertens: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.

Fünftens: Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten.

 

„Ich will keine Vorschriften bekommen, die ich nicht verstehe“

Der dritte Punkt war es denn auch, der für Müller der Auslöser war, nicht weiter für Blackberry arbeiten zu wollen: „Wenn ich jetzt nicht aufhöre, bereue ich es später auch“, war seine Überzeugung. „Ich bin kein Corporate-Mensch. Ich will auch keine Vorschriften bekommen und nicht verstehen, wieso.“ Das sei ist nicht sein Ding. Denn selbst Europachef zu sein, habe nichts mit Mut und Verantwortung zu tun. Für ihn als Unternehmer sei das einfach nicht das Richtige. So wie er schon nach seinem Jurastudium das Angebot der Münchner Rück in den Wind schlug, bei ihr als Vorstandsassistent anzufangen. Lieber gründete er seine eigene Firma, zog dafür in eine kleinere Wohnung und verkaufte sein Auto, erzählt er.

 

 

Müllers Müsli im Ab der Fisch (Foto: C. Tödtmann)

 

Zweimal dann doch geblieben

Bis er dann neun Jahre später Ubitexx an Blackberry – damals hieß die Firma noch Research in Motion – verkaufte und den Job übernahm, seine Firma in das kanadische Unternehmen zu integrieren. Das war der Deal und eigentlich wollte er nach zwei Jahren von Bord gehen. Doch es kam anders: Thorsten Heins, der Ex-Weltchef von Blackberry, bat Müller, der Chef der 500 Mitarbeiter hierzulande zu werden. Immerhin war Deutschland der wichtigste Markt für Blackberry, erzählt er. Als in Kanada Finanzinvestoren einstiegen und die Company von Hardware auf Software drehen wollten, versuchte Müller wieder auszusteigen. Und nochmal ließ er sich zum Bleiben bewegen. Diesmal, um als Europachef beim Turnaround zu helfen. Um aus dem Hardwarehersteller Blackberry ein Softwareunternehmen zu machen.

 

Nebenbei bemerkt: Mir als Blackberry-Fan – wegen der Tastatur, wegen des Hubs, weil er so stabil läuft, so sicher ist und ein ganzes Büro in sich vereint – wäre es anders lieber gewesen. Ich nutze jetzt noch die letzten Blackberrys – und dann?

 

Doch Markus Müller ist froh, dass er heute wieder in einem kleinen Team arbeitet, daheim in München. Mit einer Krankenschwester, einer Pflegepädagogin und acht Softwareentwicklern. Und ohne Vorgaben einer Zentrale, die er nicht mal durchschaut.

 

 

 

 

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