Buchauszug Martin Fritz: „ABC 4 Japan. Ein Kulturguide.“

Buchauszug Martin Fritz: „ABC 4 Japan. Ein Kulturguide.“ Mein langjähriger WirtschaftsWoche-Kollege Martin Fritz – er ist unser Korrespondent in Japan – zeigt in 300 kurzen Texten Wandel und Widersprüche mit vielfältige Erfahrungen und tiefgründige Betrachtungen als Japan-Allrounder zum Nachschlagen, Zwischendurchlesen oder als Begleiter auf dem nächsten Trip.

 

Martin Fritz (Foto: Privat)

 

Arbeitsstilreform

Wenn die Bevölkerung so stark altert und schrumpft wie in Japan, dann handelt es sich volkwirtschaftlich um ein zweischneidiges Schwert: Einerseits droht der Wohlstand zu sinken – weniger Menschen erwirtschaften weniger. Andererseits bleibt der Wohlstand pro Kopf gleich oder wächst, solange die Wirtschaftsleistung nicht schneller sinkt als die Bevölkerung. Daraus hat die Regierung den Schluss gezogen, dass mehr Japaner erwerbstätig werden müssen. Das sichert den Wohlstand, ermöglicht Wachstum und füllt die Sozialkassen.

Die Lösung: Mehr Frauen und mehr Senioren gehen arbeiten; zudem lockt man 345.000 Ausländer mit einem Arbeitsvisum an. Doch damit die Pläne aufgehen, muss die Arbeitswelt attraktiver werden – dazu dient die „Arbeitsstilreform“ von 2018. Dieses wichtige Maßnahmenpaket setzt zwei große Hebel am Arbeitsmarkt an. Zum einen begrenzt es erstmals die Zahl der Überstunden auf maximal 45 in einem Monat beziehungsweise 360 im Jahr, inklusive Ausnahmen sind es maximal 720. Es verpflichtet die Unternehmen auch dazu, dass ihre Beschäftigten fünf Urlaubstage nehmen.

Zudem steigt ab 2023 der Lohnzuschlag für exzessive Mehrarbeit in kleinen und mittleren Firmen deutlich an. Zum anderen zielen mehrere Gesetzesänderungen darauf ab, die Zweiteilung des Arbeitsmarktes abzubauen. Auf dem gleichen Arbeitsplatz mit identischen Aufgaben erhielten Zeitarbeiter bislang sehr viel weniger Gehalt und Sozialleistungen als Festangestellte. Aber seit 2020 gilt „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Die Arbeitgeber müssen beide Gruppen gleich behandeln und Zeitarbeitern die Unterschiede erklären. Meines Erachtens könnten diese Änderungen zu weniger Überstunden führen und die finanzielle Kluft zwischen regulären und irregulären Beschäftigten verringern. Beide Trends wurden Erwerbsarbeit für Frauen, Senioren und Ausländer angenehmer machen. So könnte Japan aus der Not der alternden und schrumpfenden Gesellschaft eine Tugend machen.

 

 

karōshi, Tod durch Überarbeitung

„Ich werde sterben, ich bin so müde“, schrieb die 24-jährige Takahashi Matsuri auf Twitter, dann sprang sie in ihrer Verzweiflung vom Dach des firmeneigenen Wohnheims. In dem Monat vor ihrer Selbsttötung hatte sie 105 Überstunden für Japans größten Werbekonzern Dentsu geleistet.

Auch die Abschiedsnotiz eines namenlosen Bauarbeiters war kurz: „Ich habe meine physischen und mentalen Grenzen erreicht“, schrieb der 23-Jährige, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Zuvor hatte er für den Bauriesen Taisei in einem Monat 200 Überstunden auf der Baustelle des neuen Olympia-Stadions gemacht.

Arbeitsgerichte stuften beide Todesfälle als karōshi ein. Die drei Schriftzeichen bedeuten „Sterben durch ein Übermaß an Arbeit“. Das amtliche Kriterium dafür liegt bei 100 Überstunden und mehr in dem Monat direkt vor dem Tod oder durchschnittlich 80 Überstunden in den sechs Monaten davor. Infolge der Überarbeitung sterben die Opfer entweder an Herzinfarkt, Gehirnblutung und Schlaganfall, oder sie bekommen Depressionen und nehmen sich das Leben. Lässt sich ein Zusammenhang nachweisen, erhalten die Angehörigen eine staatliche Hinterbliebenenrente sowie eine Entschädigung vom Arbeitgeber. Mehrere hunderttausend Euro können es werden. Im Schnitt erkennen die Gerichte aber nur jeden dritten Fall als karōshi an, 2018 waren es 158. Wie das erste Weißbuch der Regierung zu dem Phänomen von 2016 enthüllt hat, verlangt mehr als jedes fünfte Unternehmen zumindest von einigen Mitarbeitern Überstunden im Extrembereich. Karōshi fallen überwiegend junge Männer zwischen 20 und 40 zum Opfer.

In größeren Unternehmen bürden ihre Chefs ihnen viele zeitaufwändige Arbeiten auf, zum Beispiel umfangreiche Unterlagen für Sitzungen vorzubereiten. Sie lassen sich wegen ihres Ehrgeizes am Anfang ihrer Karriere leicht ausbeuten. Das Prestige seiner Abteilung hänge davon ab, wie viel er und sein Team arbeiteten, berichtete mir ein junger Angestellter.

Die Regierung hat das Weißbuch veröffentlicht, weil die übermäßige Arbeit volkswirtschaftlich problematisch geworden ist. Der „Arbeitsstil“ soll sich ändern und Erwerbsarbeit attraktiver werden. Doch dafür müssten wohl jene Beschäftigten in Rente gehen, die den Ethos von überlangen Arbeitszeiten mit der Muttermilch eingesaugt haben. Aber die Vertreter dieser Generationen halten in vielen Unternehmen noch das Zepter in der Hand und sehen nicht ein, dass die jungen Mitarbeiter es besser haben sollen als sie selbst früher einmal.

 

 

Martin Fritz „ABC4 Japan. Ein Kulturguide.“ Stämpfli Verlag, 272 Seiten, 29 Euro https://www.staempflishop.com/detail/ISBN-9783727260476/Fritz-Martin/Abc-4-Japan?bpmact=open&bpmkey=112274-8&bpmparm=4&bpmtoken=

 

 

nemawashi, Konsensbildung

Wie Entscheidungen fallen, ist immer auch eine Frage der Kultur. Die Japaner brauchen dafür, zumindest auf der Ebene der Wirtschaft, mehr Personen und mehr Zeit als wir im Westen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es tatsächlich deutlich länger dauert, bis ich in Japan die Zusage für ein Interview von einem Unternehmen bekomme, als wenn ich mit Westlern verhandle. Allerdings muss dies keine Frage der Kultur sein. Warum sollte ein japanisches Unternehmen seine Zeit mit einem europäischen Journalisten verschwenden, wenn es dort keine wirtschaftlichen Interessen hat?

Andererseits haben sich Schweizer, deutsche und österreichische Manager in Japan übereinstimmend bei mir darüber beklagt, welche ausserordentliche Geduld sie aufbringen müssten, bis ein Geschäftsabschluss in Japan zustande komme. Die Konsensbildung, nemawashi genannt, wörtlich: die Erde um eine Pflanze vor ihrer Verpflanzung aufgraben, zieht sich in die Länge, weil alle Beteiligten hinter dem Beschluss stehen sollen.

Deshalb werden auch die Vorgesetzten frühzeitig eingebunden. Kommt dazu, dass die einzelnen Mitglieder einer Gruppe ihre Meinung nicht allzu klar äussern, damit sie später nicht persönlich verantwortlich sind, falls die Sache schiefgeht. Die Methode nemawashi erklärt, warum die Justiz keine Einzelperson für die Atomkatastrophe von Fukushima verantwortlich machte.

Der Stromversorger Tepco hatte im Konsens mit der Atomaufsichtsbehörde entschieden, das Tsunami-Risiko für das AKW Fukushima Nummer 1 zu ignorieren. Aber es gibt auch eine positive Seite dieses Prozesses: Wenn einmal eine Entscheidung gefallen ist, dann ziehen alle an einem Strang, weil jeder weiß, worauf es ankommt. Dagegen setzen westliche Unternehmen eine Strategie oft weniger effizient um, weil der Chef im Alleingang die Richtung vorgibt und ihn deswegen einige Mitarbeiter bremsen und boykottieren.

 

 

pawahara, Untergebene quälen

Die Japaner haben einen ausgeprägten Sinn für sozial nicht akzeptables Benehmen. Dafür japanisierten sie das englische Wort Harassment und verkürzten es zu „hara“. Kulturforscher zählen mehrere Dutzend Varianten: Los ging es mit sekuhara (Abkürzung von Sexual Harassment = sexuelle Belästigung). Es folgten matahara (Maternity Harassment = Schikanen am Arbeitsplatz gegen schwangere Frauen und Mütter mit Babys, weil sie früher nach Hause gehen wollen) und patahara (Paternity Harassment = Mobbing von Männern, die Vaterschaftsurlaub nehmen).

Aber es entstanden auch die Wortschöpfungen morahara (Moral Harassment = erzwungenes Beibringen von moralischen Werten), kasuhara (Customer Harassment = Kunden, die mit einer Anfrage immer wieder eine Hotline anrufen) und sōhara (Social Media Harassment, wenn man sich gezwungen fühlt, auf Freundschaftsanfragen auf Facebook einzugehen oder Follower auf Twitter von jemandem zu werden). In diesem Kontext wuchs das Bewusstsein für den Machtmissbrauch von Vorgesetzten gegenüber Untergebenen. Solche Schikanen laufen unter dem Sammelbegriff pawahara (Power Harassment).

Die hohe Sensibilität für unangemessenes Verhalten ist für Westler schwer nachzuvollziehen. Die Schweizer Höflichkeit kommt Nippons Idealen relativ nahe, während das direkte Benehmen von vielen Deutschen in japanischen Augen oft als aggressiv und unverschämt wahrgenommen wird. Tatsache ist: Die Zahl der förmlichen Beschwerden von Arbeitnehmern über ihre Vorgesetzten steigt stark. Das Arbeitsministerium schürt das Bewusstsein für pawahara per Youtube-Videos mit nachgestellten Schikaneszenen. Schon die Frage eines Chefs nach dem Beziehungsstatus kann die Privatsphäre verletzen. Ein Gesetz zwingt die Unternehmen, solchen Vorfällen nachzugehen.

Die Rebellion der Arbeitnehmer hat zwei wichtige Gründe. Erstens betrachten jüngere Japaner ihr Unternehmen nicht mehr als ihre Familie. Früher durfte ein Vorgesetzter seine Untergebenen behandeln wie der strenge Vater seine Kinder. Das akzeptieren die heutigen Mitarbeiter nicht mehr. Zweitens haben sich die Machtverhältnisse gedreht. Wegen der alternden und schrumpfenden Bevölkerung herrscht in Japan ein großer Personalmangel. Wollen die Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht verlieren, müssen sie sie besser behandeln.

 

 

Pflichtschokolade

In den Wochen vor dem 14. Februar bauen alle Kaufhäuser und Supermärkte Sonderstände mit Schokolade in allen Preiskategorien auf. Aber der japanische Valentinstag ist eine einseitige Angelegenheit – die Frauen kaufen das Geschenk, die Männer erhalten es. In den Büros hat sich der Brauch zum sozialen Muss entwickelt. Daher lassen sich die Frauen diese Pflichtschokolade pro Kopf höchstens vier, fünf Euro kosten. Schließlich sollen sie jedem Kollegen etwas Süßes auf den Schreibtisch legen, das geht ins Geld.

Einige Office-Ladys, wie die Bürohilfskräfte traditionell heißen, nutzen ihre Bringschuld dazu, einen launischen Vorgesetzten abzustrafen. Ihre Rache ist im wahrsten Sinne des Wortes süß. Denn für den Chef ist es ziemlich peinlich, wenn sein Schreibtisch am 14. Februar fast leer bleibt, während beliebte Kollegen in Schokolade ertrinken. Manch eine Mitarbeiterin, so erzählt man sich, zeigt ihrem Chef ihre Verachtung, indem sie ihre (anonyme) Schokogabe zerbröselt. Sind die Pralinen jedoch aufwändig verziert, von einer teuren Marke und hübsch verpackt, handelt es sich garantiert um „Favoritenschokolade“ für den wahren Auserwählten.

Ursprünglich machte diese wortlose Möglichkeit, das Gefühl der Zuneigung auszudrücken, den Valentinstag in Japan populär. „Früher war es für Frauen peinlich, ihre Liebe zu zeigen, dafür mussten sie schon sehr mutig sein“, erzählte mir eine ältere Angestellte. Für das erhaltene Präsent können sich die Männer am 14. März, dem White Day, revanchieren, passend zur Bezeichnung des Tages mit einer Gabe weisser Schokolade. Nicht alle Frauen müssen aber einen Monat lang warten. Manche Männer geben schon am Valentinstag ein süsses Gegengeschenk. Zumindest in einigen Fällen lässt sich dieser Bruch der Konvention als zarter Hinweis verstehen, dass dieser Mann an einer Frau stärker interessiert ist.

 

 

salarīman, Büroarbeiter

Aus den Bahnhöfen schwappen jeden Morgen endlose Wellen von männlichen Pendlern in dunklen Anzügen in die Strassen – die salarīman. Die Wortschöpfung aus den 1930er Jahren bezeichnet Büroangestellte, die ihr Arbeitsleben samt Freizeit ganz in den Dienst eines Unternehmens oder einer Behörde stellen. Mit ihrer uferlosen Bereitschaft zu Überstunden und ihrer bedingungslosen Loyalität zum Arbeitgeber schufen sie das japanische Wirtschaftswunder.

Lange Zeit fürchtete der Westen sie als „Samurai mit Aktentasche“. Der Ire Niall Murtagh, der 15 Jahre als salarīman für den Mitsubishi-Konzern gearbeitet hat, vergleicht sie lieber mit Ameisen: „Kleine Wesen, die hin und her huschen, unausgesprochenen Befehlen folgen, riesige Lasten tragen und keine Zeit für Pausen haben.“ Aber die schwere Rezession der 1990er Jahre zerstörte den Mythos. Die zwei Säulen der Salarīman-Existenz gerieten ins Wanken: die Garantie einer lebenslangen Beschäftigung und das Senioritätsprinzip, also steigendes Gehalt und höhere Position mit zunehmendem Alter.  Kleine Firmen entliessen ihre Büroarbeiter, Konzerne schoben sie unter Gehaltskürzung an Tochterfirmen ab. Der Beruf des salarīman war nicht mehr das Nonplusultra. So arbeiten nun fast 40 Prozent der Japaner als Zeitarbeiter und Selbständige.

Dennoch wünschen sich viele junge Japaner (und ihre Eltern) genau wie früher, dass ein Großunternehmen sie nach der Schule oder Universität als Büroarbeiter übernimmt und bis zur Rente behält. „Dort gibt es immer noch die besten Karriere- und Gehaltschancen“, sagt mir Murtagh. Dafür zahlen die Mitarbeiter besonders in Traditionsunternehmen einen hohen Preis. Ein Handbuch voller Vorschriften regelt das Miteinander. Zum Beispiel hänge bei Mitsubishi der Winkel der Verbeugung vom Dienstgrad des zu Grüßenden ab und bei einer Konferenz sitze die rangniedrigste Person immer an der Tür, berichtet der Ire. In der Kantine müssten die Mitarbeiter je eine Portion Gemüse, Reis, Fisch oder Fleisch sowie Obst nehmen. Die Vorschrift dient ihrer Gesundheit, aber entmündigt auch. Mitsubishi halte seine salarīman wie Sklaven, meinte Murtagh, aber umsorge sie auch wie Eltern ihre Kinder. Jedoch kämen damit selbst moderne Japaner klar: „Sie müssen viele Regeln einhalten, aber sie vergleichen dieses Leben damit, dass sie weiter zur Schule gehen, aber nun dafür bezahlt werden.“

 

 

Schlaf

Überall schlafende Japaner. Auf der Parkbank, in der U-Bahn, im Café. Angestellte legen ihr müdes Haupt auf den Schreibtisch, Schüler dämmern, den Kopf auf ihren Pulten, Abgeordnete dösen im Parlament, Manager begeben sich während Konferenzen ins Reich der Träume. Sogar Piloten und Lokführer nicken am Steuer ein. Das Phänomen wurzelt in chronischem Schlafmangel. Gemäss offiziellen Daten kommt die Hälfte der 40-jährigen Japaner auf weniger als sechs Stunden Schlaf pro Nacht.

Einer anderen Umfrage zufolge geht die Mehrheit erst nach 1 Uhr nachts ins Bett, muss aber wegen der weiten Entfernungen zum Arbeitsplatz ziemlich früh wieder raus. Daher holen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Mütze eines speziellen Schlafes nach, der inemuri heisst. Die japanischen Schriftzeichen bedeuten „anwesend sein“ und „Schlaf“. Gemeint ist: Solange ich nicht aus meiner sozialen Rolle falle, darf ich öffentlich einnicken. Dösen und dämmern in der normalen Sitzposition oder im Stehen an der Halteschlaufe der S-Bahn sind erlaubt, Füße auf dem Tisch und Schnarchen nicht. Verständlich, klagen doch viele über schlechte Schlafqualität. Deswegen bieten Kaufhäuser in einer eigenen Abteilung Einschlafhilfen an: bananenförmige „Umarmungskissen“, Augenmasken mit kühlendem Gel – und Massagesessel. Dort kommen viele Angestellte in der Mittagspause vorbei und lassen sich von den Probesesseln sanft in einen kurzen Erholungsschlaf massieren.

 

 

 

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