Corona-Virus: CNN-Interview mit Bill Gates, der schon 2015 vor der Pandemie warnte – aber nichts geschah (Auszüge)

In einem bemerkenswerten Interview mit CNN erklärt Microsoft-Gründer Bill Gates, der gemeinsam mit seiner Ehefrau die Bill & Melinda Gates Foundation gegründet hat, warum er schon 2015 vor einer Pandemie warnte, welche Lehren die USA aus den Reaktionen anderer Länder ziehen können und warum er glaubt, dass ein Shutdown für die gesamte USA notwendig ist.

 

(Foto: CNN International)

 

Hier ein Interview-Ausschnitt aus der CNN Coronavirus Townhall am 26. März 2020:

Coronavirus Townhall von CNN: Bill Gates im Interview mit Anderson Cooper und Sanjay Gupta

 

Bill Gates über die derzeitige Lage in den USA:

„Wir haben es mit einer Art Alptraumszenario zu tun, über das ich schon im Jahr 2015 einen Vortrag hielt und im New England Journal of Medicine geschrieben habe. Damals habe ich mich dafür ausgesprochen, dass wir in neue Plattformen investieren müssen, damit wir schnelle Diagnosen, Medikamente und Impfstoffe herstellen können, um eine Epidemie zu stoppen, bevor sie zu groß wird.“

Gates erzählt, was sich seit seiner Warnung und den damit verbundenen Empfehlungen getan hat:

„Im Grunde genommen fast nichts. Einige wenige Länder, unsere Stiftung und der Wellcome Trust haben zwar eine Impfstoffinitiative namens Coalition for Epidemic Preparedness and Innovation finanziert. Und ein Teil dieser Arbeit wird für die Herstellung des Impfstoffs verwendet, so dass dieser als erster für das Coronavirus fertiggestellt wird. Aber in Bezug auf die Tests dieser antiviralen Medikamente ist nicht viel passiert. Wenn man nicht weiß, ob ein Problem auftauchen wird, bereiten sich die Menschen manchmal – wie bei einem Krieg – mit Kriegssimulationen und hohen Investitionen darauf vor. Leider haben wir hier in den Vereinigten Staaten lange genug ohne solch eine Krankheit gelebt, so dass hier – obwohl wir es mit Ebola-, Zika- und SARS-Viren zu hatten – nicht viel passiert ist.

Die Länder, die im hohen Maße von SARS betroffen waren, haben bei dieser Epidemie am besten reagiert. Sie haben gehandelt, als die Zahl der Fälle noch sehr, sehr gering war.“

Ob Gates über das Ausmaß der Pandemie und die Art der Reaktionen überrascht ist:

„Eine meiner Aufforderungen damals lautete, es ähnlich wie mit Kriegssimulationen zu handhaben und den Entschluss zu fassen, dass wir keine Überraschungen wollen. Daher hatte ich gefordert, Virussimulationen durchzuführen. Dann hätten wir uns anschauen können, wer mit dem privaten Sektor sprechen würde; wer dafür sorgen würde, dass die Testkapazität erhöht wird; wer sicherstellen würde, dass die richtigen Leute getestet werden – und nicht jemand ohne Symptome täglich getestet wird, sondern medizinisches Personal mit Symptomen, die das auch wirklich wissen müssen.

Ich hätte zwar damals nicht vorhergesagt, wie langsam und chaotisch die Reaktion werden würde. Aber wenn wir diese Simulationen durchgeführt hätten, hätten wir einige dieser Mängel im System gesehen und uns ein wenig wie die Länder verhalten, die in diesem Fall am besten gehandelt haben.“

 

Gates über das Stadium der Pandemie in den USA und weltweit:

„Die gute Nachricht ist, dass China seinen Shutdown durchgeführt hat – und zwar auf eine sehr ernste Art. Und nach einer sechswöchigen Periode des Shutdowns – die übrigens extremer ist, als es selbst die besten US-Bundesstaaten wahrscheinlich tun würden – konnten sie mit einer Lockerung beginnen. Und die Gesamtzahl der Fälle dort ist sehr, sehr gering. Das sind sehr gute Nachrichten.

Und während Experten gerade Modelle entwickeln, schauen sie sich diese Daten aus China an. Sie schauen sich an, wie man die südkoreanischen Fälle wieder in den Griff bekommen hat. Wir begegnen also einer schwierigen Phase, in der wir – wenn wir es richtig machen – es nur einmal für sechs bis zehn Wochen tun müssen. Aber wir müssen es tun – das ganze Land muss es tun. Wir müssen das Testniveau und die Priorität dieser Tests drastisch erhöhen, um sicherzustellen, dass wir nur einen einzigen Shutdown vornehmen müssen. Damit wir das medizinische Problem angehen und stoppen, bevor es zu einer großen Zahl von Todesfällen kommt.

Wir haben es dann mit einem wirtschaftlichen Problem zu tun, weshalb man die Zeitspanne minimieren möchte. Und wenn man die einzelnen Staaten einfach machen lässt oder davon ausgeht, man kann das Problem Bezirk für Bezirk lösen, wird es nicht funktionieren. Die Zahl der Fälle wird überall dort exponentiell zunehmen, wo es keinen ernsthaften Shutdown gibt.“

 

Gates zeigt auf, warum in den USA ein landesweiter Shutdown sinnvoll wäre:

„Nehmen wir an, Sie haben 100 Fälle und führen keinen Shutdown durch. Dann wachsen die Fälle um 33 Prozent pro Tag. Man startet also bei 100, bekommt dann 1.000, und dann 10.000. Es handelt sich um ein exponentielles Wachstum, wenn es nicht aufgehalten wird. Je früher der Shutdown eingeleitet wird, desto leichter fällt es, die Spitze zu erreichen. Wir haben diesen Gipfel noch nicht erreicht.

Jene Teile des Landes, die einen Shutdown erfahren haben, sollten bis Ende April den Höhepunkt der Zahlen erreichen. Sie werden immer noch zu hoch sein, um wieder zu öffnen. Also müssen Sie wahrscheinlich noch einen weiteren Monat abwarten, um diese Zahlen wirklich zu senken. […] Aber in jeder betroffenen Region des Landes, in denen es Fälle gibt – und ehrlich gesagt liegen aufgrund der falschen Priorisierung beim Testverfahren auch in [nicht berücksichtigten] Teilen des Landes Fälle vor – aber selbst wenn dort Hundert Fälle sind, wird diese Zahl wachsen. Die Menschen bewegen sich über die Bezirksgrenzen hinweg. Und so muss im Grunde genommen das ganze Land das tun, was in den Teilen Chinas getan wurde, wo diese Infektionen auftraten.“

 

Gates erläutert, was aus Datenerkenntnisse aus 150 Ländern in dreieinhalb Monaten mit Blick auf weitere Entwicklung des Coronavirus abgeleitet werden kann:

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass reiche Länder, die einheitlich im ganzen Land einen ernsthaften Shutdown vornehmen, verhindern können, dass ein hoher Prozentsatz ihrer Bevölkerung infiziert wird. Das zeigen uns Erfahrungen in Teilen der Arbeit aus China und Südkorea. Wenn Sie nun in ärmere Länder gehen, wird die Schwierigkeit darin liegen, eine Isolation überhaupt zu bewirken. Wenn Sie in der Nähe von Slums leben, wo Sie jeden Tag hinausgehen müssen, um Ihre Nahrung zu bekommen, wird sich eine Isolation viel schwieriger gestalten.

Daher glaube ich, dass zum Sommer hin die reichen Länder, die in dieser Hinsicht kompetent geführt wurden, keinen Shutdown mehr verkünden. Und aus medizinischer Sicht werden sie eine sehr große Zahl von Todesfällen vermeiden. In dieser Phase haben wir es also noch mit einer Herausforderung in den Entwicklungsländern zu tun.“

[…]

Gates erklärt, ob es einen Mittelweg gibt und die Wirtschaft wieder teilweise hochgefahren und gleichzeitig das Virus bekämpft werden kann:

„Bis wir die Zahl der Fälle im Land mit Test und Isolierung auf eine geringe Zahl reduzieren können, müssen wir dies zu unserer obersten Priorität machen. Und es ist sehr hart, diesen sehr hohen Grad an sozialer Isolation, den ich als Shutdown bezeichne, voranzutreiben.

Es gibt keinen wirklichen Mittelweg, denn es ist schwer zu sagen: „Ach, gehen Sie eine Woche lang zurück ins Theater und vielleicht oder vielleicht auch nicht werden Sie infiziert oder andere Menschen anstecken. Solange wir nicht die Gewissheit haben, dass wir diese niedrigen Zahlen erreicht haben, bezweifle ich, dass auch wenn man Leuten sagen würde, dass sie neue Häuser und Autos kaufen oder in Restaurants gehen könnten, das auch wirklich tun würden.

Die Leute wollen ältere Menschen schützen. Sie wollen ihre Eltern schützen. Und je früher wir also diese harte Medizin schlucken, desto schneller sind wir wieder aus dem Ganzen raus und müssen das nicht nochmal durchmachen.“

[…]

Gates darüber, ob er sich vorstellen könne, dass sich Menschen bereits Anfang oder Mitte April in den Kirchen zu Osterfeierlichkeiten versammeln oder wieder regelmäßig zur Arbeit gehen können:

„Nein, das ist nicht realistisch. Die Zahlen steigen immer noch. Das wird erst passieren, nachdem die Zahlen ihren Höhepunkt erreicht haben, stark zurückgehen und somit auf ein absolutes niedriges Niveau sinken. Es geschehen aber auch einige gute Dinge. Die Arbeit an einem Impfstoff läuft auf Hochtouren – auch wenn das wahrscheinlich 18 Monate dauern wird. Unsere Stiftung finanziert das. Wir versuchen, Impfstoffe für Menschen auf der ganzen Welt zu bekommen. Auf lange Sicht ist das also der entscheidende Faktor.

Wir hatten ein wirklich positives Ergebnis mit Blick auf die Leute, die sich gefragt haben, ob der Abstrich (tief in der Nase) – der bislang nur von medizinischem Personal durchgeführt wurde – nur auf diese Weise gemacht werden konnte. Wir konnten beweisen – und am Montag hat das auch die FDA offiziell erklärt – dass, wenn Sie einen Selbsttest durchführen, dieser Selbsttest genauso akkurat ist als wenn man dies von einem medizinischen Mitarbeiter vornehmen lassen würde. Das bedeutet also, dass wir durch diese Selbstabstriche viel mehr Tests durchführen können […].

Also, Innovation – die auch teilweise vorher hätte vorangetrieben werden können – geschieht wirklich. Aber wenn man sich diese Zahlen ansieht – in den USA, die mittlerweile die meisten Fälle haben, gibt es keinen Staat, der einen Punkt erreicht hat, an dem die Zahlen wieder abflachen oder sinken. Und die [limitierten] Testkapazitäten bedeuten, dass wir im Moment bei vielen dieser Fälle auch relativ blind sind. Es ist also machbar, aber es gibt im Moment kein Licht am Ende des Tunnels im Sinne einer Wiedereröffnung Mitte Aprils.“

 

Gates darüber, wie sich sein Leben verändert hat und wie lange er glaubt, dass es andauert:

„Es gibt noch Unsicherheiten in dieser Hinsicht. Ich glaube, dass die Schulen hier leider wahrscheinlich bis Ende des Schuljahres im Mai geschlossen bleiben werden. Und ich glaube, das wird die Zeitspanne sein – Ende Mai/Anfang Juni – in der wir so leben müssen. Ich lerne, wie man digitale Meetings durchführt. Ich benutze diese Software namens Teams von Microsoft. Aber es ist ein ganz anderer Lebensstil. Und es ist sehr holprig. Wir befinden uns in einer beängstigenden Zeit. Jeden Morgen nach dem Aufstehen sieht man, dass sich die Zahl erhöht hat. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Wir bewegen uns auf völlig unbekanntem Terrain.

Aber die Wissenschaftler, die von unserer Stiftung finanziert werden und mit denen sie zusammenarbeitet, leisten großartige Arbeit. Und die Mitarbeiter im Gesundheitswesen leisten heldenhafte Arbeit. Also, ich sehe ein Ende. Und wenn wir es richtig machen, werden wir in den USA nur für diese eine Zeitspanne stillgelegt.“

 

Das komplette Interview aus der Coronavirus Townhall von CNN vom 26. März unter: https://www.cnn.com/videos/health/2020/03/27/entire-march-26-coronavirus-town-hall-part-4-sot-vpx.cnn/video/playlists/entire-cnn-facebook-march-26-coronavirus-town-hall/

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