BER, Elbphilharmonie oder Kölner Opernhaus: Mit US-Vertrag wären die nicht passiert. Gastbeitrag von Baurechtlerin Antje Boldt

Selbst die „New York Times“ mokiert sich über deutsche Bauprojekte wie den Berliner Flughafen BER oder das Kölner Opernhaus. Oder die Elbphilharmonie in Hamburg, die mit sieben Jahre Verspätung eröffnet wurde und dann mehr als das Vierfache vom ursprünglichen Budget kostete. Die Zeitung erklärte ihren Lesern: Die Projekte würden am Anfang absichtlich zu niedrig geschätzt, um die politische Zustimmung zu bekommen. Schuld seien aber auch besonders umständliche Bauvorschriften, die alles verteuern. Dass zudem zu allem Überfluss ein jahrzehntelanger Bauboom zu Arbeitskräftemangel und wiederum zu höheren Kosten führe. Und dass Bauunternehmen so viele Aufträge haben, dass sie staatliche Projekte derzeit einfach nicht nötig haben. 

https://www.nytimes.com/2020/01/10/arts/music/cologne-opera-house-delay-cost.html

 

Antje Boldt (Foto: Privat)

 

Antje Bold, Professorin und Anwältin für Baurecht aus der Kanzlei ASD in Frankfurt wurde von der Bundesregierung zusammen mit zwei anderen Experten mit einem außergewöhnlichen Projekt beauftragt. Das Ziel: Es soll ein Ende haben, dass die Bauprojekte hierzulande fast immer viel mehr kosten als geplant, dass sie fast immer viel länger dauern als geplant, nach allen Genehmigungen das Projekt aus dem Ruder läuft und ein Nachtrag den anderen jagt. Das Trio soll alternative Vertragsmodelle ersinnen, die diesem Dilemma endlich ein Ende bereiten sollen.

Ein Vorbild: In den USA ist seit über 20 Jahren bei komplexen Großprojekten ein Vertragsmodell im Einsatz, das alle Planer, Baufirmen und Auftraggeber in einem einheitlichen Mehrparteienvertrag bündelt. Dieser Kontrakt ist so gestaltet, dass nur dann alle gemeinsam Gewinn erwirtschaften, wenn die Projektziele erreicht werden, berichtet Antje Boldt im Gastbeitrag:

Der Steuerzahler ist das Drama schon gewohnt. Wenn große Bauprojekte der öffentlichen Hand mindestens doppelt so teuer werden und dreimal so lange dauern wie geplant. Aber lernen die Behörden daraus? Bislang Fehlanzeige. Die Betroffenen beschränken sich darauf im Nachhinein festzustellen: Leider ist wieder einmal ein Bauvorhaben viel schlechter gelaufen als geplant.

Auch die Bauunternehmen haben genug davon, unkalkulierbare Risiken eingehen zu müssen und nur dann auf vernünftige Gewinne zu kommen, wenn sie sich jahrelang mit den Auftraggebern über Mehrforderungen gestritten haben. Jetzt endlich haben sich deshalb Baufirmen, Planungsbüros und Bauherren zusammengefunden, um konstruktive Lösungen zu finden, wie gemeinsam Bauen auch anders geht.

Vorbild sind Vertragsmodelle aus Australien, den USA und Großbritannien, bei denen das Erreichen des Projektziels im Vordergrund steht. Was aber ist anders als bisher? Wollen nicht alle trotzdem bestmöglich verdienen und Gewinn machen? Natürlich wollen sie das und das ist auch richtig so. Der Unterschied ist, dass der Gewinn nicht heimlich realisiert wird, weil Gewinnmarge und Risikozuschläge irgendwo in den einzelnen Preisen der Bauleistung versteckt sind.

Alle Beteiligten gehen mit offenem Visier schon gemeinsam in die Planungsphase. Die Folge: Die Bauunternehmen wissen von Anfang an, was geplant wird und können ihre Ideen und Optimierungsvorschläge einbringen. Dadurch sind auch die Risiken eines Projektes besser bekannt und müssen nicht als Zuschläge in den Preisen versteckt werden. Die Unternehmen haben zudem keine Lust mehr darauf, ihren unsicheren Ge-winn nur dadurch zu maximieren, dass bei einem anderen Projektteilnehmer – meistens dem Auftraggeber – sich das Gesamtergebnis verschlechtert.

Die Idee des neuen Vertrags basiert darauf: Jeder Beteiligte nennt, bevor es losgeht, einen konkreten Betrag, den er als Gewinn bei dem Projekt realisieren will. Ein Wettbewerb der Unternehmen um den Auftrag findet also nur auf dieser Basis statt. Weiterhin vereinbaren Auftraggeber und Baunternehmen ein konkretes Kostenziel. Wird das Kostenziel am Ende unterschritten, bekommen die Baubeteiligten von den Einsparungen einen Prozentsatz ab. Wird das Kostenziel hingeben überschritten, geht dieser Betrag zu Lasten des Gewinnanteils der Beteiligten. Anders als bisher haben die Beteiligten daher kein Interesse daran, durch Kostensteigerungen mehr Gewinn zu erwirtschaften, son-dern ganz im Gegenteil: Ihr Gewinn steigt bei Kostenreduzierungen.

Was ist daran revolutionär neu? Dass wirklich alle gemeinsam das Erreichen des Projektziels anstreben müssen, weil es nicht mehr darauf ankommt, warum das Projektziel nicht erreicht wurde. Funktioniert also eine Firma im Getriebe des Bauablaufs nicht, geht dies zu Lasten aller. Denn die Gewinnanteile eines jeden Projektbeteiligten sinken entsprechend. Der Effekt ist klar: Das auf der Baustelle übliche „Mit-dem-Finger-auf-Andere-zeigen“ hat schlagartig ein Ende. Bei kontinuierlichen Teammeetings suchen alle gemeinsam bei dem kleinsten Anzeichen eines Problems sofort nach einer Lösung.

Schon jetzt gibt es in Deutschland auf Basis dieses Mehrparteienvertrags einige Pilotprojekte. Deren Bilanz steht noch aus. Erfreulich ist, dass auch Pilotprojekte der öffentlichen Hand dabei sind, so dass künftig weniger Steuergelder verschwendet werden.

 

 

Lesetip: WirtschaftsWoche Top-Kanzleien Baurecht 2019/2020

 

 

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