Eine Tasse Kaffee mit Wiebke Ankersen und Christian Berg von der Allbright-Stiftung: In Schweden bringt man sich selbst mit zur Arbeit

Der „laut nach Hause geht“

Wissen Sie, was es bedeutet, wenn ein schwedischer Chef um 17 Uhr „laut nach Hause geht“? Er verlässt für möglichst viele sichtbar das Haus, ruft nochmal laut „Schönen Feierabend“ und geht. Dann schleicht er sich gerade nicht verschämt aus der Tür, etwa um seine Kinder von der Schule oder dem Hort abzuholen. So, wie es hierzulande abliefe. Wenn überhaupt, aber eher nicht. Kaum ein Chef würde sich das hierzulande trauen.

Stattdessen soll in Schweden jeder Kollege dieses Signal sehen und dem guten Beispiel folgen. Schwedische Vorgesetzte sollen auf diesem Weg allen anderen deutlich machen, dass es o.k. ist, zu gehen. Dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Konkret soll es etwa im schwedischen Außenministerium so laufen.

 

Wenn das Leben der Mitarbeiter einen höheren Stellenwert hat als ihre Anwesenheit in der Company

Die Lebensphilosophie der Schweden soll sich stark unterscheiden von den Deutschen. Das persönliche Leben der Menschen hat einen größeren Stellenwert als in Deutschland, versichern mir Wiebke Ankersen und Cristian Berg bei einer Tasse Kaffee im Verlagscafé. Beide sind Geschäftsführer bei der deutsch-schwedischen Allbright Stiftung. Ihre Organisation setzt sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft ein und wurde vor acht Jahren von dem Unternehmer Sven Hagströmer in Stockholm gegründet. Ankersen und Berg besuchten mich im Verlag an der Toulouser Allee.

 

Wiebke Ankersen (Foto: C.Tödtmann)

 

„Man bringt sich selbst mit zur Arbeit“

Die beiden erzählen mir von den grundlegenden Unterschieden zwischen dem schwedischen und dem deutschen Unternehmensalltag. „Man bringt sich selbst mit zur Arbeit“, fasst es Ankersen zusammen.

Also Nicht nach der deutschen Devise: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Wo alle nur reibungslos funktionieren, ihr Privatleben zuhause lassen sollen. Von manchen Kollegen weiß man nicht mal, was sie getan haben, bevor sie Kollege wurden oder was sie außer dem Job tun, fährt mir bei der Gelegenheit durch den Kopf: Neue Führungskräfte stellen sich immer noch nicht mit ausführlicher E-Mail samt Foto allen  vor. In der sie sich erst mal ihre Vita erzählen, aber eben auch die Zahl ihrer Kinder und so weiter. Einladungen von Vorgesetzten zu sich nach Hause? Selten. Ganz anders als auch in den USA. Die Kollegen in Schweden wissen auch mehr von einander als Deutsche. Welche Sorgen jemand hat oder einfach, ob sein Hund krank ist, erzählt sie.

 

 

Es gibt ein Leben neben der Firma – jedenfalls in Schweden

Und Ankersen weiter: Schwedische Unternehmen lassen es zu, dass ihre Mitarbeiter auch ein Leben haben. Ein Leben neben der Firma. Ein Beleg: Meetings nach 16 Uhr gibt es gar nicht erst, falls Kollegen Kinder einsammeln müssen. Sie anzuberaumen wäre ein Tabu-Bruch.

 

Hierzulande ist es noch immer verbreitet, dass Mütter und Väter, die mit ihren Kiddies während der Arbeitszeit zum Arzt müssen, einen eigenen Arzttermin vorgeben. Und die Family lieber gar nicht erst erwähnen. Hinter vorgehaltener Hand erzählen junge Väter, die bei mittelständischen Dienstleistern arbeiten: Dass sie gefeuert wurden, kaum dass sie es gewagt hatten, ein paar Monate Elternurlaub zu nehmen. Gleich am ersten Tag nach der Rückkehr bekamen sie die Quittung und konnten ihre Siebensachen gleich einpacken. Die Erklärung hinter der Bürotür: Wir können das nicht dulden, sonst macht das hier bald jeder junge Vater. Sie sind leider das Exempel, das statuiert werden muss. Basta.

 

 

Menschen kommen bei der digitalen Zukunft und Work. 4.0 eigentlich nicht vor 

Und plötzlich kommen mir all das Gerede, die Philosophiererei um die ach-so-gelobte Arbeit Work 4.0 und die Digitalisierungsfantasien ganz klein vor. Vom Menschen ist genau genommen nie die Rede.

 

Ankersen und Berg liefern mir weitere Beispiele für mehr Menschlichkeit im schwedischen Unternehmensalltag: Chefs, die das Alpha-Männchen geben, sind zum Beispiel verpönt, sagen sie. Die würden sogar verachtet.

Das gibt´s hier ebenso wenig. Auch wer dieselbe Ausbildung hat oder eine schlechtere als seine Mitarbeiter – und wie die allermeisten Vorgesetzten nicht mal ein Führungstraining genossen haben – behandelt fortan mit der Beförderung seine Kollegen so, als sei er über Nacht allwissend geworden. Klugheit qua Hierarchie ist die Devise. Anzweifeln kommt gar nicht in die Tüte.

 

Christian Berg (Foto: C.Tödtmann)

 

Fika Kaffeepause mit den Top-Managern laufend – nicht als Instrument, sondern als ehernes Ritual

Und so erklärt sich auch der hohe Stellenwert der Fika-Kaffeepause, ein festes Ritual in ganz Schweden. Da versammeln sich alle bis hoch zum obersten Chef, trinken Kaffee und essen Kuchen, den jeder reihum mal mitbringen muss. Die Orga ist eine ernste Sache und kein Chef darf es wagen, fernzubleiben, beteuert Berg. Nichts mit Wegstehlen nach fünf Minuten. Und sei sein Tagesgeschäft noch so wichtig. Er muss – und tut es auch – dabei sein, redet mit all seinen Leuten auf Augenhöhe und mit Respekt. Nicht wie bei einer lästigen Pflichtaufgabe.

 

Weniger Arbeitspensum? Spätabends zuhause arbeiten als Ausweichlösung

Ob denn die Schweden weniger Arbeitspensum zu erledigen haben, frage ich? Hm, jedenfalls setzen sich dann doch viele zuhause nochmal an den Laptop spätabends, wenn die Family versorgt und im Bett ist, erfahre ich von Ankersen und Berg. Das finden die Unternehmen dann auch in Schweden in Ordnung.

 

 

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Zur Fika-Kaffeepause: https://www.handelskammer.se/de/nyheter/warum-machen-schweden-staendig-kaffeepause

 

 

 

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