Daimler und Benz Stiftung: Internet und seelische Gesundheit – Wissenschaftler Jan Kalbitzer über Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit (Gastbeitrag)

Was macht das Internet: gesund, krank – oder einfach nur die Psychiater verrückt? Gast-Beitrag von Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung über einer Vortrag des Wissenschaftlers Jan Kalbitzer.

 

Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und einer der wissenschaftlichen Leiter des Ladenburger Kollegs „Internet und seelische Gesundheit“ der Daimler und Benz Stiftung. (Foto: Daimler und Benz Stiftung/Oestergaard)

 

Internetsucht als Krankheitsbild

Nun ist es amtlich: Das Spielen im Internet kann süchtig machen. So steht es zumindest in der allerneusten Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten. Doch die Einführung des weltweit definierten Krankheitsbilds Internet-Spielsucht ist nicht nur ein Erfolg derer, denen die Gesundheit besonders von Kindern im Umgang mit neuen Technologien ein ernsthaftes Anliegen ist – sondern ebenso ein Erfolg jener, die voreilig und irrational sind.

Psychiater haben immer wieder Diagnosen erfunden, die rückblickend falsch waren – allerdings zum Zeitpunkt ihres Entstehens gut für die eigene wissenschaftliche oder klinische Karriere. Im Zuge der Digitalisierung, die für viele Menschen mit großer Verunsicherung einhergeht, besteht die Gefahr, dass das Entstehen neuer Krankheitsbilder exponentiell zunimmt.

Diesen Auswüchsen stellt sich der Psychiater Jan Kalbitzer entgegen: Er plädiert dafür, wesentliche menschliche Grundfertigkeiten zu fördern, statt bei jedem neuen Fortschritt kollektiv in Panik zu verfallen. Hier sein Vortrag bei der Daimler und Benz Stiftung:

 

 

Macht uns das Internet gesund, krank – oder einfach nur die Psychiater verrückt?

„Jede neue technische Innovation macht uns Angst“, so Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und einer der wissenschaftlichen Leiter des Förderprojekts „Internet und seelische Gesundheit“ der Daimler und Benz Stiftung.

 

„Dieses Phänomen zeigte sich in der Vergangenheit immer wieder – und das Internet bildet dabei keine Ausnahme.“ So habe etwa die Erfindung der Taschenuhr oder der ersten Automobile auch unter Experten teilweise heftige Ablehnungsreaktionen und schwere Befürchtungen für die Gesundheit der Nutzer hervorgerufen. Der Verlauf sei dabei über die Jahrzehnte immer derselbe geblieben: Erst verbreite sich eine immense Angst, dann komme es zu Gewöhnungseffekten und schließlich werde die vormals mit so viel Nachdruck geäußerte Besorgnis schlicht wieder verdrängt. Gerade vor dem Hintergrund nicht selten effekthascherischer angeblicher Sachartikel über eine spielsüchtige, in den Weiten des Internets bereits verloren gegangene ganze Generation an Jugendlichen sei es hilfreich, sich dieses wiederkehrende Muster vor Augen zu halten.

 

„Problematisch wird es vor allem auch dann, wenn sich Psychiater als professionelle Bedenkenträger in die Reihen der Mahner einreihen“, stellte Kalbitzer fest, „denn von ihnen diagnostizierte Krankheitsbilder können mit einer schweren Stigmatisierung einhergehen.“

„Gerade da wir heute wissen, wie wahnsinnig unzuverlässig psychiatrische Diagnosen eigentlich sind, müssen wir – wenn wir uns aus ärztlicher Sicht der Frage stellen, welche gesundheitlichen Auswirkungen das Internet auf uns hat, vorsichtig und vor allem kritisch gegenüber sogenannten Experten sein“, stellte Kalbitzer fest.

 

Fehldiagnosen für Schauspieler

Dies lasse sich gut am sogenannten Rosenhan-Experiment erläutern, das zwischen 1968 und 1972 durchgeführte wurde. Dabei hatten sich völlig gesunde Patienten in Kliniken einweisen lassen und behauptet, sie würden Stimmen hören, obwohl sie völlig symptomfrei waren. Bei allen wurde eine falsche Diagnose gestellt und nicht bemerkt, dass es sich um Schauspieler gehandelt habe. In einem zweiten Teil des Experiments behauptete David Rosenhan gegenüber den psychiatrischen Anstalten, er habe Pseudopatienten eingeschleust, was jedoch nicht der Fall war. Trotzdem gaben die Ärzte an, mehrere von ihnen erkannt zu haben.

 

Auffälliges Verhalten oder nur Arbeitserleichterung für Akademiker

Dieses Problem mangelnder Gültigkeit bei psychiatrischen Diagnosen betreffe auch die Frage, ob eine Internetsucht vorliege. Wenn er selbst etwa einen angeblich aussagekräftigen Fragebogen bezüglich seiner Internetnutzung ausfülle, so stehe am Ende eigentlich immer, dass sein Verhalten auffällig sei und man ihm rate, sich Hilfe zu holen. „Dabei bin ich als Akademiker doch eigentlich glücklich, dass ich meine Artikel zuhause und online am Computer schreiben, sie über das Internet verschicken, dort ebenso Zeitung lesen, bloggen oder auch Fachartikel recherchieren kann“, resümierte Kalbitzer.

 

Gamer können einfach aufhören, Alkoholsüchtige nicht

Die Grenzen zwischen normalem und krankhaftem Nutzungsverhalten seien derart fließend, dass nur ein genaues Betrachten des Einzelfalles weiterhelfe. Dies hätten auch die Forschungsergebnisse des von Daimler und Benz Stiftung geförderten Ladenburger Kollegs „Internet und seelische Gesundheit“ verdeutlicht. „Wenn wir den Langzeitverlauf betrachten, hören viele Gamer auch einfach wieder mit ihrem extremen Spielverhalten auf und zwar ohne Therapie oder anderweitig äußere Intervention.“ Vergleiche man das mit anderen Süchten, etwa nach Heroin oder Alkohol, ergebe sich ein radikal unterschiedliches Verhaltensmuster.

 

Vorgebliche medizinische Gründe zur Umerziehung von Abweichlern

Des Weiteren gelte es auch ein politisches Problem zu bedenken, das sich aus vorschnellen Diagnosen ergebe – nämlich das Moment der „moralischen Panik“. Hierbei würden in manchen Ländern medizinische Argumente gezielt dazu genutzt, abweichende Verhaltensweisen als krank und unerwünscht zu klassifizieren – und etwa unangepasste Jugendliche oder Blogger in Bootcamps zur Umerziehung zu zwingen.

 

Im Gegensatz und als Gegenentwurf zu psychiatrischen und psychologischen Modellen, die die Gefahren des Internets in den Vordergrund rücken, gehe es im Förderprojekt der Daimler und Benz Stiftung darum, auch die gesunderhaltenden Elemente der Internetnutzung zu erforschen. „In der Krisenstation der Tagesklinik der Charité führe ich Interviews und frage die Betroffenen, welche Rolle das Internet in der Entwicklung ihrer psychischen Erkrankung spielte“, so Kalbitzer. Ergänzend werden an den Standorten Münster und Paderborn große Populationsstudien mit Internet-Hochintensivnutzern durchgeführt, um auf diese Weise statistische Aussagen treffen zu können. Zusätzlich werden Philosophen mit einbezogen, die den Untersuchungen zugrunde liegende Krankheitsbilder kritisch hinterfragen.

 

Entscheidend: Nicht die Dauer, sondern der Kontrollverlust

Als wichtiges Kriterium dafür, ob eine mögliche Störung vorliege, kristallisiere sich dabei derzeit heraus, dass eben nicht die Zeitdauer der Internetnutzung entscheidend sei, sondern vielmehr, ob die Befragten das Gefühl der eigenverantwortlichen Steuerung oder eines Kontrollverlusts hätten. Auch die Fähigkeit auf innere und äußere Reize nicht impulshaft zu reagieren, scheine ein vielversprechender Ansatz zu sein. Menschen, die am Anfang einer psychischen Krise stehen, suchen mitunter im Internet reflexhaft ständig nach neuen Nachrichten. „Sie scheinen dabei dem Gefühl zu unterliegen, dass sie so Einfluss auf eine Veränderung ihres Zustandes erreichen können.“

 

Effekthascherische und alarmistische Meldungen erkennen

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei sein Fazit, so Kalbitzer, dass es im Zeitalter eines allgegenwärtigen und alle Lebensbereiche durchdringenden Internets darauf ankomme, sich der permanenten medialen Verzerrung bewusst zu sein, die wir durch Online-Medien erfahren. Die oft alarmistischen und effekthascherischen Meldungen müssten als solche erkannt und mit persönlichem Abstand betrachtet werden. Vielmehr rate er dazu, die neuen Medien gezielt für die eigenen Interessen zu nutzen; darüber hinaus sei es wichtig – wie in der analogen Welt auch, falls diese Unterscheidung denn überhaupt noch sinnvoll sei – klare inhaltliche und zeitliche Prioritäten zu setzen und sich der eigenen Ziele und Verantwortlichkeiten bewusst zu sein und diese zu verfolgen. Ob online oder offline spiele dabei nicht die entscheidende Rolle.

 

Audio-Video-Podcast des Vortrags: www.youtube.com/watch?v=mZ-SfRgzCMo

 

Zur Person: Jan Kalbitzer studierte Medizin und Philosophie in Freiburg, Hannover und Haifa und promovierte in Kopenhagen sowie Oxford. Es folgte die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, anschließend eine wissenschaftliche Tätigkeit an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. 2015 erhielt er für seine Forschung zu den Auswirkungen des Internets auf die Psyche den Max Rubner-Preis, seit 2016 ist er einer der wissenschaftlichen Leiter des Ladenburger Kollegs „Internet und seelische Gesundheit“ der Daimler und Benz Stiftung.

 

 

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