TV- und Video-Tipp CNN „Quest´s World of Wonder“: Griechen genießen das Leben in vollen Zügen – um zu überleben

Quest´s World of Wonder“

„Spaß zu haben ist die einzige Möglichkeit, in Athen zu überleben“ von Richard Quest und Katie Pisa, CNN International (Gastbeitrag)

 

Richard Quest (Foto: CNN International)

 

Vor einem Jahrzehnt herrschte Chaos auf den Straßen Athens. Demonstrationen wüteten inmitten von Tränengaswolken. Die europäische Finanzkrise hatte Griechenland an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs getrieben.

Heute sind die Cafés der Stadt geprägt von heiteren und lebhaften Gesprächen, die Kunstszene floriert und die Menschen scheinen glücklich zu sein.Glücklich, weil das ganze Drama vorbei ist, oder? Nein, glücklich, weil es nie zu Ende ging.

„Die Griechen genießen in letzter Zeit das Leben in vollen Zügen, weil sie sehen, dass hier alles den Bach runtergeht. Spaß zu haben ist die einzige Möglichkeit, zu überleben“, sagt Pantelis Melissinos, ein hiesiger Handwerker.

 

Pantelis Melissinos (l.) in seiner Werkstatt mit CNN-Moderator Richard Quest (r.) (Foto: CNN International

 

Das Beste aus jeder Situation herausholen

Melissinos ist bekannt als der „dichtende Sandalenmacher“, was auf seine schuhmacherischen und dichterischen Fähigkeiten zurückzuführen ist. Seine Familie stellt seit 1920 Sandalen im Stil der alten Griechen her. Auch sein Großvater und Vater verfassten neben ihrem Beruf Theaterstücke und Gedichte.

Und sie haben die Umbrüche miterlebt, von denen Athen regelmäßig geplagt wird. Die letzten zwei Jahrhunderte waren geprägt von Putschversuchen, Invasionen, einem Monarchen im Exil und in jüngster Vergangenheit von der größten Finanzkrise Europas.

Das jüngste Drama – „i krisi“ (die Krise), wie sie von den Griechen genannt wird – ließ Griechenland aufgrund jahrelanger Ausgabenüberschreitungen in Richtung Konkurs taumeln. Rettungsdarlehen in Höhe von 300 Milliarden US-Dollar von der Europäischen Union und dem IWF wurden benötigt, um das Land in Schwung zu halten. „Die einzige Möglichkeit zu überleben, ist einfach Spaß zu haben“ sagt Pantelis Melissinos.

 

Die Krise war ein wegweisender Moment für das griechische Volk. Ein Jahrzehnt scharfer Sparpolitik und ziviler Unruhen hat vielen das Leben ungemein erschwert. Griechen sagen, dass sie schon immer Kummer erlebt haben, aber dass sie auch bekannt dafür sind, das Beste aus jeder Situation herauszuholen.

 

Problemlösung auf griechische Art

Das Leben geht weiter und die Cafés sind nach wie vor gut besucht. Etwa mit
Einheimischen, die starken Kaffee trinken während sie heftig und leidenschaftlich die griechische Politik diskutieren – für viele eine Lieblingsbeschäftigung.

„Ich denke, es hat sich nichts wirklich verändert“, sagt Melissinos über das vergangene, turbulente Jahrzehnt seiner Stadt. „Aber die Griechen haben entschieden, dass die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind. Sie haben beschlossen, Spaß zu haben.“ „Das ist eine sehr griechische Art der Problemlösung. Wenn du das Problem nicht unterkriegen kannst, schließt du dich einfach dem Problem an. Und vielleicht wirst du Teil des Problems. Und vielleicht gibst du dem Problem ein Problem.“

 

Hoffnung für alle

Wenn irgendjemand dieses sehr griechische Konzept der Problemlösung verkörpert, dann ist es Yanis Varoufakis. Der ehemalige Wirtschaftsdozent war sechs Monate lang Finanzminister Griechenlands während der hektischen Tage im Jahr 2015, als sein hart getroffenes Land mit seinen Gläubigern verhandelte. Er kämpfte erfolglos gegen einen neuen Rettungsplan, der den Verschuldungsgrad weiter erhöhte.

Für einige Griechen ist Varoufakis heute ein Held – ein Verfechter der griechischen Sache, der sich der Europäischen Union entgegenstellte. Für andere war er eine Bedrohung, ein Schurke und Unheilstifter, der die griechische Finanzkrise mit verursacht hat.

 

Yanis Varoufakis (l), ehemaliger griechischer Finanzminister, im Gespräch mit Richard Quest (r.) (Foto: CNN International)

 

Varoufakis weist die Schuld an anderer Stelle zu: „Die Kreditgeber und das griechische Oligarchenregime, die unsere Krise überhaupt erst ausgelöst haben und den Erholungsprozess seit 2010 steuern.“ Er ergänzt: „Sie versetzten den Patienten in ein Dauerkoma und nannten es Stabilität.“ Und dennoch, meint Varoufakis, biete der Umgang des griechischen Volkes mit dieser Notlage einiges an Inspiration.

„Dies ist ein großartiger Ort, um den menschlichen Geist zu beleben“, sagt er, „denn wenn die Menschen unter unglücklichen Umständen so viel Spaß haben können, dann gibt es Hoffnung für uns alle.“

 

„Wir sind wieder da“

Die Einwohner sagen, dass die Widerstandsfähigkeit der Stadt in den turbulenten Zeiten beweist, dass Athen ein großartiger Ort ist, um den menschlichen Esprit wiederzubeleben. Athen erweckt tatsächlich das Gefühl, als trete es aus der dunklen Wolke der Finanzkrise. Cafés können Pariser Preise für einen Cappuccino verlangen. Die Restaurants sind gut bestückt mit jungen, aufstrebenden Köchen, die der traditionellen griechischen Küche internationales Flair verliehen haben.

Es wird erwartet, dass die Zahl der Griechenland-Besucher in diesem Jahr erstmals auf 32 Millionen ansteigen wird – ein Rekordjahr, so der Premierminister des Landes, Alexis Tsipras. Viele kommen nicht nur auf die griechischen Inseln, sondern auch nach Athen. Es gibt auch immer mehr Investoren, die ihr Geld in die griechische Wirtschaft stecken.

Ein Vorort im Süden der Stadt, genannt die „Riviera Athens“, hat sich für neue Hotels der gehobenen Klasse geöffnet. Das Four Seasons Astir Palace Hotel befindet sich derzeit im Bau und soll im kommenden März eröffnet werden.

„Jedes Jahr sieht Athen etwas besser aus“, meint Dora Bakoyannis, eine ehemalige griechische Außenministerin, die den Posten der Bürgermeisterin der Stadt innehatte, als diese im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele 2004 ihre größte Renovierung der jüngeren Geschichte erhielt.

 

Dora Bakoyannis, ehemalige griechische Außenministerin und Bürgermeisterin Athens (2002-2006) (Foto: CNN International)

 

„Heute weist Athen einen Tourismus auf, den wir seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Das heißt, wir sind wieder da“, fügt sie hinzu. „Und wir können besser zurückkehren durch noch mehr Tourismus. Das ist es, was wir brauchen.“

„Aber wir müssen auch etwas dafür tun und brauchen eine Strategie. Nichts wird passieren, wenn wir einfach abwarten und sagen: ‚Wir sind das schönste Land der Welt, die Menschen werden schon zu uns kommen.‘“

 

Die Wiederbelebung von Kunst und Kultur: Mehr Shows als New York

Auch die Kunstszene floriert; viele Künstler, die sich das Leben in anderen europäischen Hauptstädten nicht mehr leisten können, nennen Athen heute ihr Zuhause. Die Kreativität ist in Schwung gekommen und begrüßt eine neue Generation aufstrebender Künstler wie den Dichter Thomas Tsalapatis. Mit 34 Jahren sah Tsalapatis, wie fast die Hälfte seiner Freunde angesichts der Krise das Land verließen. Aber die Dinge haben sich geändert und die Athener Kunstszene ist in vollem Gange, sagt er.

„Die Zahlen reflektieren die Entwicklung“, fügt er hinzu. „Wir haben zahlreiche Shows, Theateraufführungen, ich denke inzwischen mehr als New York, so etwa tausend im Jahr ungefähr. Hinzu kommen noch tausend weitere Bücher, Gedichtbände, die jedes Jahr veröffentlicht werden. Es ist eine riesige Zahl.”

In Athen sind während der Krise große Kunstinstitutionen entstanden, die hauptsächlich von der Regierung vor Beginn der Krise oder durch Spenden privater gemeinnütziger Organisationen finanziert wurden. Mit einem Ausblick auf das magische und berühmteste Wahrzeichen Athens wurde im Jahr 2009 das eingeglaste Akropolis-Museum eröffnet – das hauptsächlich von der Europäischen Union finanziert wurde.

Das jüngste Beispiel kultureller Expertise ist das massive Kulturzentrum der Stavros Niarchos Stiftung. Es wurde 2016 mit einer Grünfläche von fünf Hektar um einen Komplex herum eröffnet, der die Griechische Nationaloper sowie Einrichtungen für die Nationalbibliothek Griechenlands beherbergt. Von der Spitze des Gebäudes führt ein Blick über die Straße zu einem Hafen voller Superyachten und der Insel Ägina in weiter Ferne.

Trotz der optimistischen Entwicklungen ist die Einstellung des Dichters Tsalapatis bezüglich der Athener Kunstszene typisch griechisch. „Ich denke, es ist heute immer noch nicht besser, weil wir in einer Tragödie leben“, sagt er.

 

Die Heimkehr des Prinzen Nikolaos aus dem Exil

Eine ungewöhnliche Wende im griechischen Drama der jüngsten Zeit war die Rückkehr von Mitgliedern der königlichen Familie. Prinz Nikolaos wurde in Rom geboren, zwei Jahre nach dem Militärputsch von 1967, der seinen Vater ins Exil zwang und die Abschaffung der griechischen Monarchie zur Folge hatte.

Vor fünf Jahren zog er mit seiner Frau Tatiana nach Griechenland, nachdem er noch nie einen Fuß in das Land gesetzt hatte. Diese Entscheidung löste bei den Griechen unterschiedliche Reaktionen aus, aber Nikolaos konzentriert sich auf die positiven Aspekte. Der ehemalige Journalist von Fox News freut sich sehr, hier zu sein.

„Ich wache morgens oft auf, schaue aus dem Fenster und kneife mich vor Glück über die Tatsache, dass ich mit [Tatiana] hier bin“, sagt er. “Weil es mein lebenslanges Ziel war, hierher zu ziehen.”

 

 

Prinz Nikolaos (l.) mit seiner Frau Tatiana (r.) (Foto: CNN International)

 

Das Paar, das sich nun für die Förderung verschiedener Wohltätigkeitsorganisationen einsetzt, sieht ihre Rolle darin, Griechenland aus dem Elend seiner jüngsten Vergangenheit herauszuführen und die Flagge für das Heimatland seiner Familie – und insbesondere für Athen – zu schwenken.

 

„Athen lebt, und das ist aufregend.“

„Athen ist eine Stadt, die am Boomen ist. Ein Phönix, der aus der Asche aufsteigt“, sagt Tatiana. „Es gibt vieles zu entdecken. Ich glaube nicht, dass es die schöne Stadt ist, wie sie sich jeder vorstellt. Man muss sich mit der Stadt auseinandersetzen und sie wirklich erleben, schmecken, genießen.“

Nikolaos fügt an: „Wenn es eines über Athen sagen kann, dann, dass es Hoffnung gibt. Weil die Griechen, die Athener, widerstandsfähige Menschen sind.“

 

 

„Quest’s World of Wonder“ ist die neue Reisesendung von CNN International mit Richard Quest. Videomitschnitte zur aktuellen Episode in Athen können hier aufgerufen werden: https://edition.cnn.com/travel/article/athens-crisis-fun/index.html

 

 

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