Gastbeitrag von Ulrich Hemel über Ex-Audi-Chef Rupert Stadler in U-Haft und die Frage nach der Fairness: Das Risiko von Managerkarrieren steigt

Rupert Stadler oder: Ethik und Risikomanagement bei der eigenen Karriere von Ulrich Hemel, Direktor vom Weltethos-Institut Tübingen, Theologe, Unternehmer und Ex-Vorstand der Paul Hartmann AG.

 

Ulrich Hemel

 

Rupert Stadler ist ein umgänglicher Zeitgenosse. Über viele Jahre stand er als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von Audi. Er genoss das Vertrauen der Eigentümerfamilie und war hoch angesehen. Seit einigen Wochen ist alles anders. Das gewachsene Misstrauen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch das vertrauensschädliche Verhalten speziell des VW-Konzerns beim Dieselskandal hat zu einer der ersten Verhaftungen von Spitzenmanagern geführt. Hintergrund war ein Telefongespräch, das mitgehört wurde und das den Eindruck erweckte, Rupert Stadler wolle an der weiteren Vertuschung des Skandals mitwirken.

Für viele Journalistinnen und Journalisten und für viele Menschen aus der Bevölkerung hat es jetzt endlich mal einen der Bosse erwischt. Das tut gut, das ist wie ein Stück „kollektives Dampf-Ablassen“.

 

Staatsanwälte profilieren sich, Medien bewerten einzig den Nachrichtenwert

Aber ist das alles? Wie so oft, gibt es eben auch eine Kehrseite, die zu betrachten sehr sinnvoll sein kann. Denn nichts im Leben geschieht ohne spezifische Werturteile handelnder Personen. So sieht der Richter einen so dringenden Verdunkelungsverdacht, dass er eine in der Zwischenzeit mehrmonatige Untersuchungshaft – seit Mitte Juni – für angemessen hält. So profilieren sich Staatsanwälte mit besonders scharfen Schritten gegenüber Managern. Und in der publizistischen Landschaft wird nicht mehr unterschieden, wie schuldig oder unschuldig jemand sein mag, sondern bewertet wird der Nachrichtenwert. Das führt dann leicht zu einem impliziten Voyeurismus und zur ethisch wenig hochstehenden Förderung von Schadenfreude.

Ich kann und will nicht beurteilen, wie schuldig Rupert Stadler ist. Eine Reihe von Beobachtungen sind freilich auffällig: Warum nur er und kein anderer? Hat er sich besonders ungeschickt angestellt? Ist er stärkerer Drahtzieher als der politisch doch sehr gut vernetzte VW-Konzern in Wolfsburg? Und gilt für ihn die Unschuldsvermutung etwa nicht?
Gerade diese letzte Frage ist für Manager hoch brisant. Denn der Aufsichtsrat von Volkswagen hat ihn seiner Aufgabe entbunden und die Fortzahlung seiner Bezüge an einen für ihn günstigen Ausgang des Verfahrens geknüpft. Zu diesem Vorgehen gab es viele beifällige Kommentare.

 

Das Risiko einer Managerkarriere steigt – schon Beschuldigungen reichen

Es hätte aber auch anders sein können, etwa so: „Der Aufsichtsrat lässt das Arbeitsverhältnis von Herrn Stadler bis zur endgültigen Klärung ruhen, da er einem gerichtlichen Urteil nicht vorgreifen kann und will.“

Genau das ist nicht passiert. Zur Folge hat es eine kaum abschätzbare Verunsicherung von Managern. Das Risiko einer Managementkarriere steigt. Denn sanktioniert wird eben nicht ein gerichtliches Urteil, sondern schon die Beschuldigung. Dieser Unterschied ist elementar. Denn vor einer Beschuldigung ist niemand gefeit. Wenn die Beschuldigung zum Mittel der Förderung eigener Karriere und zur Hemmung anderer Karrieren dient, werden die Sitten weiter verrohen.

 

Wenn Juristen mit eher formal ausgebildetem Verstand urteilen – und gar nicht zu inhaltlichen Fragen kommen

Nun könnte man argumentieren: Gerade das Durchgreifen gegenüber Rupert Stadler zeigt den gestiegenen Stellenwert von Compliance. Nur wird dabei vergessen, dass Compliance eine ganz spezifische Aufgabe hat: nämlich die Beurteilung, ob geltende Spielregeln eingehalten werden. Ein solches Urteil ist manchmal leicht, manchmal gerade nicht. In unserer Gesellschaft wird es oft dem scharfen, aber eher formal ausgebildeten Verstand von Juristen überlassen. Inhaltliche Fragen, also etwa solche zum Sinn gewisser Regeln, werden gar nicht gestellt. Ethik kommt nur im Rückspiegel vor, also als Anwendung von in Gesetzes- oder Vorschriftsform geronnenen Wertvorstellungen.

Die reine Betrachtung des Rechts reicht aber nicht aus. Dies zeigt ja gerade der VW-Dieselskandal. Amerikanische Verbraucher stehen besser da, weil die amerikanischen Gesetze anders ausgestaltet sind.

Ist das gerecht? Sicher nicht, wenn ich es aus Sicht eines europäischen Verbrauchers betrachte. Und das bedeutet, dass die ethische Würdigung des Verhaltens von VW gegenüber Verbrauchern sehr kritisch ausfällt, auch wenn sie juristisch in Ordnung sein mag.

 

Die ethische Perspektive: Das Gebot der Folgenabschätzung

Aus der ethischen Perspektive gilt beispielsweise das Gebot der Folgenabschätzung. Und auch hier stümpert VW weiter. Denn der Konzern fördert ein funktionales und egoistisches Managementverhalten mehr, als ihm lieb sein kann. Wenn ein Manager erfährt: „Im Zweifelsfall lässt man mich fallen“, dann hat er innerlich ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Loyalität oder gar Begeisterung sehen anders aus. Fairness übrigens auch.

Nun könnte man ja argumentieren, dass es hier nicht den Falschen trifft und dass doch vermutlich alle Konzernmanager „Dreck am Stecken“ haben. Ob dies wirklich zutrifft, sei dahin gestellt. Aber selbst dann muss man sich fragen: Mit welchem Recht greift VW einem gerichtlichen Urteil vor?

Noch weiter: Mit welchem Recht wird Ungleichheit befördert? Denn eine Haftstrafe ist in vielen Fällen mit der Anforderung verbunden, gleichwohl den Arbeitsplatz frei zu halten. Natürlich nicht für Manager. Und was folgt daraus? Offenbar nur, dass Manager höhere Risikoprämien benötigen, dass Managementgehälter tendenziell steigen, die Versicherungsprämien für Manager aber auch….

 

Wo bleibt die Fairness?

Ist das fair? Mir scheint die gegenwärtige Entwicklung zumindest eine kritische Anfrage wert zu sein. Denn in einer demokratischen Gesellschaft ist es nicht angemessen, Personen mit zweierlei Maßstab zu behandeln.

Damit wird gerade kein Sonderstatus für Manager beansprucht. An der Zeit ist aber die Forderung, dass Unternehmen endlich lernen müssen, ein Gespür für ethische Fragen zu entwickeln. Dafür gibt es Konzepte wie etwa den Weltethos-Ambassador oder den Weltethos-Beirat (www.weltethos.institut.org). Konzerne sollten sich jedenfalls bei ethischen Fragen nicht einfach auf Juristen verlassen, sondern auf eigenständige Art und Weise an ihrer ethischen Sprach- und Handlungsfähigkeit arbeiten.
Und ich bin gespannt, wie es mit Rupert Stadler und mit unserer Gesellschaft weiter geht….

 

 

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