Die dunkle Seite des Fußballs: Wie Führungskräfte den Ausnahmezustand WM im Büro überleben. Ein Gastbeitrag

Office Viewing 2018: Was Manager vor der WM 2018 beachten sollten. Ein Gastbeitrag von Personalberater, Marcel Ramin Derakhchan, Gründer dla Digital Leaders Advisory

 

Wie kein anderer Sport und wohl auch sonst keine Kulturtechnik schlägt der Fußball eine Brücke zu unserer apolitischen, ehrlichen, stammesgesellschaftlichen Vergangenheit, die wir, unter der Schutzschicht von Business Dress und Business Reporting gefangen, schmerzlich zu vermissen scheinen. Fußball, gerade in der spektakulären Form der Weltmeisterschaft, ist die große Erfrischung mitten im schwülen Büro-Sommer: Hinweg mit Bedenken und Hierarchien, Mikropolitik und Misstrauen. Fort mit der Zögerlichkeit und Angst, mit schwachem Commitment und digitaler Transformation! Es lebe der Sport! Es lebe der Fresh-up! Oder?

 

Die dunkle Seite des Fußballs

Will man die Weltmeisterschaft als positiven Impuls nutzen, muss man vor allem die Kunst der Dosierung beherrschen. Denn wer als Manager bedenkenlos zum Office Viewing bläst, bekommt es schnell nicht etwa mit der positiven Kraft des Fußballs zu tun, sondern mit seiner dunklen, chaotischen und destruktiven Seite. Fußball – gespielt oder geschaut – ist pure Energie. Wird der Hahn voll aufgedreht, fliegen einem schnell die Ventile schnell um die Ohren. Oder man blamiert sich bis auf die Knochen, weil man als distanzierte und respektierte Führungsperson plötzlich Bierflaschen schwingend und trikotbewährt gemeinsam mit den Mitarbeitern fröhliche Lieder absingt. Die Fußball-WM ist ein Ausnahmezustand – und der ist per Definition irgendwann zu Ende. Deshalb brauchen Sie als Führungskraft ein paar Ideen, um ab dem 16.Juli 2018 ohne Kater ins Büro zu kommen:

Marcel Derakhchan von dla Digital Leaders Advisory (Foto: dla)

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Zehn Tipps für Führungskräfte für den Ausnahmezustand Fußball-WM

  1. Geben Sie dem Team die Möglichkeit, entscheidende Spiele gemeinsam zu schauen – und sorgen Sie für ein gemeinschaftliches, entspanntes Klima.
  2. Seien Sie entspannt und lassen Sie starke Emotionen zu – gerade dann, wenn Ihre Mitarbeiter unterschiedlichen Teams die Daumen drücken.
  3. Seien Sie tolerant, wenn während einer WM nicht jede Regel buchstabengetreu befolgt wird.
  4. Legen Sie Erinnerungsspuren – halten Sie schöne Momente des gemeinsamen Fußballerlebnisses fest – sie sind wichtige Integrationstools.
  5. Nutzen Sie das gemeinsame Spieleschauen, um einen Vorrat an Metaphern anzulegen – diese werden Ihnen später helfen, rationale, komplexe, oder konfliktbeladene Sachverhalte konstruktiv aufzulösen.
  6. Achten Sie auf die richtige Dosis – Priorität hat immer noch das regelbasierte laufende Geschäft und ein Fußballturnier sollte Ihr Unternehmen nicht in einen Ausnahmezustand versetzen.
  7. Halten Sie Maß und Distanz. Als Führungskraft dürfen Sie nicht die Contenance verlieren und komplett aus Ihrer Rolle fallen. Auch die Toleranz gegenüber Fußball-Muffeln ist oberstes Gebot.
  8. Achten sie darauf, dass die Stimmung nicht kippt – leiten Sie negative Energie, die durch Spielverluste, oder Spannungen zwischen Fans unterschiedlicher Teams entsteht ab – etwa durch ein gemeinsames Abschlussessen.
  9. Finden Sie den richtigen Ausstieg – der Übergang zum Normalbetrieb muss plastisch, entspannt und dennoch entschlossen erfolgen.
  10. Überspannen Sie nicht die Metaphorik – der Kipppunkt ist schnell erreicht, ab dem die Spielbezüge albern und schal wirken.

 

Fußball ist eine gewaltige globale Geldmaschine. Der europäische Fußballmarkt ist 26 Milliarden Euro groß, allein Manchester United erwirtschaftet fast 700 Millionen Euro Umsatz. Die Statistiken sagen indes wenig aus. Denn nicht nur die Clubs, die Werbewirtschaft und die unzähligen Franchises lassen im globalen Fußballsystem Milliarden zirkulieren.

Auch eine ganze Heerschar von Psychologen und Soziologen, Gurus, Coaches, Buchautoren und Motivationstrainern lebt von dem Sport, der ursprünglich von der Straße kam. Denn Fußball ist die Übermetapher – der König aller Beispiele und Analogien. Ob Teambildung oder Opferbereitschaft, Heldentum oder Führungs- und Strategieparadigmen, Globalisierung, oder Aufstiegsgeschichten – Fußball bietet eine geradezu unendliche Zahl an Narrativen, die geradezu perfekt in unsere Arbeitswelt passen. Oder zumindest so tun, als ob.

 

Hierarchie regiert in deutschen Büros – allen Obstkörben zum Trotz

Denn unsere Arbeitswelt ist, selbst im digitalisierten und globalisierten Zeitalter, selbst unter den Bedingungen innerbetrieblicher Demokratie und reich verteilter Obstkörbe und Hängematten eine völlig andere. Die Welt der Wertschöpfung bleibt in weiten Teilen kompromissorientiert, hierarchisch und rational. Sie bleibt notwendigerweise ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Funktionen, Begabungen und Fähigkeiten. Vor allem aber bleibt sie – allen neuen Formaten zum Trotz – ein Marathon und kein Sprint.

 

Fußball ist wie Gladiatoren-Kämpfe und eben kein Rasen-Schach

Natürlich lässt sich auch das Geschehen in Organisationen als Spiel begreifen. Aber es ist ein sehr anderes Spiel als Fußball. „Man ist nicht Tormann oder Läufer wie man Lohnarbeiter ist“, wie Jean-Paul Sartre es sagte. Der Fußball hat mit Gladiatorenkämpfen Roms deutlich mehr gemeinsam, als mit dem Bürotürmen Londons, Frankfurts und New Yorks. Fußball ist am Ende eben doch kein Rasenschach.

 

Der kompromisslose Siegeswille über alle Standesunterschiede hinweg

Er ist im Kern eine gewaltige emotionale Zuspitzung auf den einen, alles entscheidenden Kampf in der Arena, bei dem die Physis den Ausschlag gibt. In den 90 Minuten des Matchs entsteht rund um das Spielfeld ein Schmelztiegel, in dem alle Konventionen, alle Standesunterschiede und Distanzen verdampfen und einem überwältigenden Wir-Gefühl und kompromisslosen Siegeswillen Platz machen. Es ist unser ausgehungertes archaisches Es, unser verschüttetes Stammesdenken, dass wir beim Fußballschauen füttern. Und es ist schaffend und zerstörerisch zugleich.

 

Impulse für eine gemeinsame Vision

Diese Energie ist zum einen nichts, was auf Dauer aufrechterhalten, oder gesteuert werden kann – sie ist deshalb kein Model für eine Kultur-, oder Teambildung in einer Organisation. Aber Fußball kann unvergleichlich intensive Impulse geben und Erlebnisse schaffen, die als Zündung für positive soziale Prozesse fungieren – Vertrauensbildung und Ko-Orientierung, Erzeugung des Commitments zu einer gemeinsamen Vision, Wahrhaftigkeit und Offenheit im Umgang miteinander, Sympathie und Verbundenheit über Bereichs-, Funktions-, oder auch und Nationalitäts- und Religionsgrenzen hinweg . Diese Impulse müssen jedoch dosiert und zielgerichtet erfolgen, damit sie produktiv wirken können. Gerade die Fußball-WM bietet hierfür hervorragende Chancen.

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