Buchauszug aus „Jan Wellem im Salon – Düsseldorfer Eskapaden“ von Martin Roos

Der Ex-Handelsblatt-Redakteur Martin Roos – ist Düsseldorfer und hat seinen ersten Roman vorgelegt: „Jan Wellem im Salon – Düsseldorfer Eskapaden“. Hier ein Buchauszug – das erste Kapitel:  

 

 

 

Kapitel 1

Besuch der alten Dame
Jeden Morgen, wenn er seinen Schönheitssalon betreten hat, zieht sich Jean-Baptist Dänzer-Valotti als Erstes Schuhe und Socken aus, um sich die Füße zu waschen. Er ist berühmt für seine Pediküre, und deshalb will er nicht in den Verdacht geraten, seinerseits keine gepflegten oder sauberen Füße zu haben. Stets ist er darauf gefasst, dass seine Kunden seine Füße sehen wollen, so wie ja auch ein Fitnesstrainer seine Muskeln oder der Friseur seine Haare präsentiert. „Stell dir doch bitte nur einmal einen Zahnarzt mit faulen Zähnen vor“, sagt er immer zu Luisa, seiner Frau, wenn sie ihm wieder einmal unterstellt, er habe einen Waschzwang.

Er bietet jede Art der Körperpflege an und ist auch ein Meister der Düfte. Doch die Mehrheit seiner Kunden liebt vor allem seine Pediküre. Sie kommen nicht nur aus seinem Viertel, das stets so gepflegt ist, dass hier ohnehin jeder barfuß laufen könnte, sondern aus der ganzen Stadt. Wenn Dänzer-Valotti dann um halb zehn Uhr sein Geschäft, den Beauty-Salon Schambatíst, schließlich öffnet, kocht er Kaffee – natürlich mit dem Handfilter. Alle Zubereitungstechniken hat er ausprobiert, von der achteckigen Mokkakanne über die French Press, die Siebträgermaschine bis zum Vollautomaten und der Kapselmaschine mit Milchschäumer und mehrstufiger Kaffeemühle. Doch der von Hand aufgebrühte Kaffee ist der magenfreundlichste, und er schmeckt ihm einfach am besten.

„Schambes“, ruft Eveline Ginsterfing zu Mayer-Träsch begeistert, als sie hereinspaziert, „Schambes, Schätzelein, stellen Sie sich vor, gestern wollte ich meinen Mann erschießen. In den Rücken!“ Die betagte Dame ist eine seiner treuesten Kundinnen. Und nur die treuesten dürfen ihn „Schambes“ nennen. Das ist die Abkürzung von „Schambatist“, und das wiederum ist die rheinische Aussprache seines Vornamens – er heißt Jean-Baptist, auf Deutsch: Johannes der Täufer. Dänzer-Valotti legt großen Wert darauf, dass der Name auf der letzten Silbe betont wird, also: „Schambatíst“.

Eveline Ginsterfing zu Mayer-Träsch, deren langer Name noch einen letzten Hauch ihrer ruhmreichen adligen Ahnenlinie verspüren lässt, besucht Schambatíst regelmäßig am Vormittag – eine temperamentvolle und manchmal aufbrausende, aber im Grunde liebenswürdige Dame, die nie ohne Hut aus dem Haus geht und sich trotz ihres Alters wie ein junges Mädchen leichtfüßig und fast anmutig durch Raum und Zeit bewegt.

 

 Martin Roos „Jan Wellem im Salon – Düsseldorfer Eskapaden“: Droste Verlag, 399 Seiten, 22 Euro http://www.droste-verlag.de/buecher/jan-wellem-im-salon-duesseldorfer-eskapaden/

 

 

„Setzen Sie sich doch erst einmal“, sagt Schambatíst. Er stellt ihr den Kaffee auf den kleinen Tisch neben den Kosmetikstuhl gleich neben dem großen Prunkkamin aus weißem Marmor, der mit seinen eleganten Gewänden, konsolenartigen Voluten, dem leicht geschwungenen, vorspringenden Sturz, dessen Mitte eine Blüte ziert, eine Präsenz besitzt, die fast den ganzen Salon füllt. „Erschossen also. Und? Hat es wieder nicht geklappt?“ „Schambes, mein lieber junger Mann, seien Sie doch nicht so streng mit mir!“ Schambatíst schüttelt den Kopf. „Ich hatte Ihnen doch schon das letzte Mal gesagt, dass Sie aus dem Alter für solche Sachen längst heraus sind.“ Eveline schaut etwas gequält. Trotz ihrer 82 Jahre sieht sie deutlich jünger aus, manche schätzen sie auf Anfang sechzig. Dezente und kontinuierliche Eingriffe von Schönheitschirurgen haben diese trügerische Frische möglich gemacht. „Was glauben Sie eigentlich, mein Guter, aus was ich in meinem Alter alles schon heraus sein müsste.“ Sie nippt am Kaffee.

„Aber ich bitte Sie, Eveline, manche Dinge braucht man sich ab einer gewissen Reife einfach nicht mehr zu leisten. Das wissen Sie doch.“ Sie spitzt ihren Mund und flattert mit ihren Wimpern.

„Schambes, es geht um Gefühle. Wie eine Frau fühlt, wenn sie sich nicht mehr fühlt, davon verstehen doch selbst Sie nichts.“ Schambatíst setzt das verständnisvolle Lächeln eines Galans auf, der weiß, dass Schweigen die angemessenste Form der Nachsicht sein kann. Er spült das gewärmte Wasser um ihre Füße, fügt zwei Löffel Rosmarinöl hinzu, holt aus dem Kühlschrank in der Küche ein Trittenheimer Altärchen, schenkt ihr ein und stellt das gefüllte Weißweinglas neben den Kaffee.

„Ich wollte es schon länger tun. Ich wusste nur nicht wie. Vor zwei Jahren hatte mich mein Nachbar zur Jagd eingeladen. Sie erinnern sich doch sicher, wie ich Ihnen erzählte, dass ich neben ihm auf dem Hochstand saß und welches Kribbeln mir dort durch den Körper ging, als ich anlegte, um auf das Schwein zu zielen, also das Schwein vor mir auf der Lichtung, ein prächtiges Wildschwein!“ Schambatíst nickt.

„Nun, ich habe es damals zwar verfehlt, doch das Gefühl der vollkommenen Erschütterung, der nachhaltigen Befriedigung und der absoluten Macht blieb. Ich genoss es. Bis vor einer Woche. Ich fragte meinen Nachbarn, ob ich eine der alten Pistolen aus seiner historischen Waffensammlung ausleihen könnte. Eine dieser wunderbaren alten Radschlosspistolen mit Nussholz-Vollschaft, graviert mit diesen fantastischen Ornamenten und der eisernen Knauf-Kappe. Kennen Sie die?

Aus dem 17. Jahrhundert. Was für eine Eleganz!“ „So eine habe ich auch“, ruft Schambatíst erstaunt und beginnt, ihre Beine zu massieren, bis zum Knie hinauf und sanft wieder hinunter.

„Ich weiß“, sagt Eveline, beugt sich vor und streichelt ihm leicht über den Kopf. „Wir sind uns ja so viel näher, als Sie es ahnen, mein lieber Schambes.“ Schambatíst zieht verlegen den Kopf nach hinten.

Sie versteht, lehnt sich zurück, schließt die Augen und sagt: „Ich legte also an. Ohne zu zittern. Dann zielte ich.“ Sie streckt langsam den Arm aus und zielt mit dem Zeigefinger auf den Kamin. „Dann schoss ich. Wumms!“, schreit sie so laut, dass sich das „Wumms“ klirrend als Echo im Kamin verfängt.

Schambatíst schreckt hoch, entschuldigt sich kurz und beugt sich wieder über ihre Füße. Er umschließt mit den Fingern jede einzelne ihrer Zehen, vorsichtig wie kleine Champignons, deren Hüte man streichelt, und massiert sie behutsam. Er stellt sich vor, wie ihr Ehemann, Carl Ginsterfing zu Mayer-Träsch, zehn Jahre älter als seine Frau, im Wohnzimmer seiner Villa ahnungslos mit dem Rücken zu ihr steht – ein Mann, der zu denen gehört, die nie etwas Böses vermuten, und wenn es doch eintritt, es eher als notwendiges Übel betrachten.

„Haben Sie ihn wirklich nicht getroffen?“ „Das Projektil verfehlte seine Schulter nur um einige Zentimeter. Es sauste zu unserem Kummer in den goldenen Rahmen des Porträts der wunderschönen Marquise d’Espinasse. Wissen Sie, das unglaubliche Bild, das die Marquise auf einem Düsseldorfer Kostümball von 1695 zeigt.“ Schambatíst runzelt die Stirn. „Wie hat Ihr Mann reagiert?“ „Wie gesagt, er war sehr betrübt. Immerhin hatte er damals für das Bild, ein echter Jan Frans Douven, 67.000 Euro bezahlt. Ein vollkommen überteuerter Preis. Fast absurd – das muss ich zugeben. Es war auf einer Auktion. Die Leute waren wie besessen. Wie im Rausch. Sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Aber ich bestand darauf. Der Gute hat es mir dann gekauft.“ „Ich meinte eigentlich, wie er auf den Schuss reagiert hat.“ „Ach, Schambes. Was für ein Reinfall! Der Knall war so laut, dass mein Mann vor Schreck fast umfiel. Zuerst dachte er wohl, eine der üblichen Sicherungen in unserem Haus sei durchgeknallt. Dann schaute er auf den durchschossenen Rahmen. Er wirkte sehr besorgt.“ „Hat er nicht die Polizei angerufen, als er Sie mit der Waffe sah?“ „Nein. Gar nicht. Warum? Er war nur ziemlich erstaunt, als er endlich verstand, was passiert war. Er fragte mich, wie ich es bloß geschafft hätte, diese uralte Pistole erfolgreich mit Schwefelkies und Zündkraut zu laden und zum Abschuss zu bringen. Das sei ja unglaublich, rief er fast bewundernd aus.“ „Und dann?“ „Ich ging zur Kommode, öffnete die oberste Schublade, legte die Radschlosspistole neben meine Lippenstifte und sagte ihm, wir sollten das Ganze jetzt schnell vergessen. Er nickte und holte eine Flasche unseres Lieblingschampagners heraus, einen Dom Ruinart aus dem Jahr 2002, goss ein und sagte, dass solche Momente doch auch nach 47 Jahren Ehe immer noch etwas Besonderes seien.“ Ganz leicht lässt Schambatíst nun die Feile über die Kuppen ihrer Zehen gleiten.

Sie greift zum Trittenheimer Altärchen.

„Warum haben Sie denn auf ihn geschossen?“ Eveline spitzt den Mund und nippt. „Mein Lieber“, sagt sie, nachdem sie das Glas wieder abgesetzt hat, „warum nicht? Manche Dinge, die wir tun, sind Hirngespinste, verrückte Ideen, die wir uns für einen besonderen Tag aufheben. Und ich kann Ihnen sagen, manche Dinge nehmen wir uns schon lange, sehr lange vor. Doch uns fehlt der Mut. Sie treten erst ein, wenn wir nicht mehr mit ihnen rechnen.“ Schambatíst sitzt weiter gebeugt und feilt sorgfältig an ihren Zehen.

Eveline will ihn mit dem Zeigefinger an die Schulter ticken, um seine ganze Aufmerksamkeit zu fordern. Doch noch in der Bewegung hält sie inne. „Manchmal bedarf es nur eines kleines Auslösers“, sagt sie, „einer Begegnung, eines Wortes. Und dann kommt die Gelegenheit.“ Sie lächelt erlöst.

„Ja, sicher, aber …“ Schambatíst zögert. „Aber warum haben Sie es getan?“ „Mein lieber, guter Junge, ist das so schwer zu begreifen? Ich wollte eine Veränderung.“ Wieder flattert sie mit ihren Wimpern, beugt sich leicht nach vorn und fächelt sich mit beiden Händen Luft zu. Mit halb geöffnetem Mund, aus dem lautlos ihr Atem strömt, lässt sie sich zurückfallen. „Wissen Sie, Schambes, glauben Sie nicht, ich sei verbittert! Nein, das bin ich nicht. Absolut nicht. Ich habe mich im Denken nie einschränken lassen. Ich habe lange gesucht. Immer. In vielen Variationen. Ich habe Reisen nach Ozeanien, Malkurse auf den Balearen und Gesangworkshops auf den Känguru- und den Lord-Howe-Inseln gemacht.

Ich habe mich in Yoga, Bauchtanz und Pilates ergangen und viele Tage und Monate meditiert. Ich bin ins Kloster gezogen, habe Pilgerwege beschritten, einiges inhaliert und chinesische Heilkräuter konsumiert.

Es war alles durchaus delikat. Ja. Heute nun denke ich, es ist schade, dass ich einfach nicht mehr jung genug bin, um zu glauben, dass da noch etwas kommt, etwas Verborgenes, das wir in uns tragen, irgendetwas, das uns treibt und auf das wir hinzueilen wie ein Meteorit auf einen Planeten. Diese Vorstellung ist eine wunderbare Verlockung. Ja, das ist sie. Aber ich verliere sie zunehmend – mit jedem Tag, den ich länger lebe. Es ist ein Jammer.“ Schambatíst nimmt einen warmen Lappen und benetzt ihre Füße. „Geht es so mit der Temperatur?“, fragt er. Eveline reagiert nicht. Ihre Augen sind geschlossen. Von draußen dringt Lärm in den Salon, das Klingeln eines Fahrrads und ein Quietschen der Reifen, aufgeregte empörte Stimmen, Menschen, die sich ankeifen.

Eveline öffnet die Augen. „Schambes, Sie kennen doch die Rede vom gefühlten Alter, nicht wahr? Lord Dahrendorf zum Beispiel, dieser furchtbar schlaue und wissende, aber auch unappetitlich hässliche alte Mann, hatte immer behauptet, sein gefühltes Alter sei achtundzwanzig.

Was für ein eitler Kerl, nicht wahr?! Na ja, nein, so kokett will ich nicht sein. Aber sagen wir, ich fühle mich wie achtunddreißig. Oder dreiundvierzig. Ja, und dann habe ich eben manchmal das Gefühl, mit meinem Mann ist gar nichts mehr möglich. Der ist uralt!“ „Und deswegen müssen Sie ihn erschießen?“ „Ja, was denn sonst? Alles andere wäre doch widerlich. Sich trennen?

Ins Altersheim abschieben? Nein. Ein sauberer Schuss – das reicht.“ „Machen Sie sich denn keine Sorgen, dass Sie dafür verurteilt werden?“ „Aber, mein Lieber, Sorgen? Sorgen? Nein, um Gottes willen! Nein! Wofür sollte ich verurteilt werden? Das wäre doch nur ein Unfall gewesen, ein tragischer Unfall. Mehr nicht. Und wenn doch – ja, so etwas müsste man doch erst einmal beweisen. Und, ich sage Ihnen, ich kenne die Richter.

Ich kenne sie sogar sehr gut.“

Es klingelt, und die Eingangstür wird geöffnet. Carl Ginsterfing zu Mayer-Träsch betritt den Schönheitssalon.

Eveline schaut leicht empört. „Ich hatte dir doch gesagt, du sollst mich erst um elf abholen.“ Carl zuckt mit den Schultern. „Draußen gab es einen Fahrradunfall, ich konnte mir das Geschrei einfach nicht mehr anhören.“ Eveline blickt ihn streng an. „Nun, jetzt bist du zu früh. Dann musst du halt warten.“ Sie atmet laut, blickt zur Decke, rollt die Augen und schließt sie.

Schambatíst begrüßt den Mann und bittet ihn mit einer Handbewegung, auf einem der Freischwinger aus rötlichem Büffelleder Platz zu nehmen.

„Möchten Sie Kaffee? Einen Wein?“

„Nein, vielen Dank.“ Carl setzt sich.

Schambatíst hat die Familie des alten Herrn schon immer bewundert. Sie stammt aus Mettingen im Kreis Tecklenburg im nördlichen Münsterland.

Seit Generationen besteht sie aus westfälischen Kaufleuten. Ginsterfing ist Nachfahre der Tiöttenpioniere, die vor einigen Hundert Jahren als Handelsreisende in ganz Europa Niederlassungen gründeten und durch den Handel mit Leinen sehr reich wurden. Sein größtes Talent heute ist es, das Geld der Familie zu verwalten. Und das gelingt ihm gut. Sehr geschickt hat er es in verschiedenen Stiftungen und Fonds angelegt, aber auch in Kunst – und natürlich in körperlicher Ästhetik. Gegen den Selbstoptimierungsdrang seiner Frau hatte er zwar anfangs Zweifel gehegt, doch irgendwann gewöhnte er sich daran. Und bald hatte er nichts mehr dagegen einzuwenden. Im Gegenteil. Er war zu klug, um sich gegen ihre befehlsartigen Ratschläge und Vorstellungen zur Wehr zu setzen, und mittlerweile ist er sogar genauso interessiert daran wie sie, den welkenden Körper punktuell zu straffen. Seine perfekt sitzenden Anzüge und seine Ganzjahres-Urlaubsbräune sind schon seit jeher sein Markenzeichen. Und bei den Schönheitschirurgen auf der Königsallee haben sie sich mittlerweile beide einen Ruf als kongenial gealtertes Ehepaar erworben, das eine gemeinsame Botox-Spritze nie verschmäht.

„Ach, es wäre doch besser, wenn du noch mal draußen warten könntest.“ Eveline lässt ihre Hände nervös in der Luft flattern. „Ich kann mich jetzt gar nicht mehr konzentrieren.“ Ihr Mann erhebt sich ohne Zögern.

Sein Verständnis für die Suche seiner Ehefrau nach ihrem eigenen Weg und für ihre Versuche, emotional und spirituell eine bessere Version ihrer selbst zu werden, hat sich in den vergangenen Jahren bis ins Unendliche ausgedehnt. Auch wenn diese Suche immer öfter im Champagner endet. Eine kostspielige Angelegenheit. Für den Durst seiner Frau hat Carl bereits einen seiner Fonds auflösen müssen – den er folglich Fonds Cuvée getauft hat. „Natürlich, mein Funksenporschi, ich warte draußen auf dich“, sagt er und verlässt den Salon. Aber die kleine Spitze sitzt, denn „Funksenporschi“ ist dem Humpisch entlehnt, der Geheimsprache seiner Väter, und heißt so viel wie „Schnapsschweinchen“. Es ist der einzige zarte Anflug von Rebellion, den Carl seiner Frau gegenüber zu zeigen gewillt ist.

Schambatíst füllt den Wein nach. Moselweine gehören zu seinen Favoriten.

„Schambes, wir lieben dieses Gemälde sehr“, sagt sie. Wieder streichelt sie ihm leicht über den Kopf.

Er versucht sich unauffällig zu schütteln. „Wenn Sie es lieben, warum sind Sie dann das Risiko eingegangen, es mit ihrem Schuss zu zerstören?“, fragt er.

„Ich meinte eigentlich Ihr Bild.“ Sie zeigt auf das große Ölgemälde, das vor ihnen über dem Marmorkamin hängt. Es ist ein Abbild von Jan Wellem, dem Kurfürsten, in Purpurrot, Hermelin und Schmuckharnisch, entschlossen und mächtig. Lang fallen die Locken seiner Allongeperücke über seine linke Schulter. Sein Gesicht ist in Licht getaucht, und doch fällt gleichzeitig ein kleiner Schatten auf seine rechte Wange, sodass das Antlitz eine verblüffende Lebendigkeit erhält. Im linken Arm hält er auf einem roten Samtkissen eine Krone, der rechte Arm stützt sich auf das Zepter. Neben ihm sitzt seine italienische Gattin, Anna Maria Luisa de’ Medici, in einem weit fallenden blauen Samtkleid mit goldenen Mustern, eine schöne junge Frau, anmutig und sanft im Blick, ihre schwarzen Haare kunstvoll zu einem Turm hochgesteckt, der bis zu den Wolken der mediterranen Landschaft im Hintergrund reicht. Grazil hält sie in der rechten Hand einen Ölzweig, während ihr die linke entspannt in den Schoß fällt. Das ganze Gemälde thront in einem riesigen Goldrahmen über dem Prunkkamin und wacht über jeden, der sich im Schönheitssalon aufhält.

„Sie wissen doch, ich habe es von meiner Mutter, und die hat es von ihrer Mutter geerbt. Es ist schon ewig in Familienbesitz.“ „Ich weiß“, sagt Eveline, „ein wunderbares Bild. Auch ein echter Douven, nicht wahr?“ „Nein, nur eine Kopie.“ „Ich glaube nicht.“ „Aber, liebe Eveline, das muss ein Missverständnis sein. Es ist sogar die Kopie einer Kopie, nämlich der von Alfons Hollaender von 1889, die im Stadtmuseum lagert.“ Wieder läutet die Schelle an der Eingangstür. Ein jüngerer Mann tritt ein. Über der Jeans trägt er ein weißes T-Shirt, auf dem das Abbild des europäischen Zürgelbaums zu sehen ist, der zur Familie der Hanfgewächse gehört. In seinen braun gebrannten und muskulösen Armen trägt er ein größeres Paket.

„Ah, Herr Vogelsang, ich hatte Sie für morgen erwartet.“ „Es tut mir leid, Herr Dänzer-Valotti, aber ich dachte, ich könnte Ihnen Ihre Bestellung Yarsagumba heute schon bringen. Unser Lager ist nämlich voll, und wir müssen die Ware jetzt dringend verteilen.“ „Yarsagumba?“, fragt Eveline dazwischen.

 

„Darf ich vorstellen, das ist Fletcher Vogelsang, der beste Yarsagumba-Züchter in ganz Europa. Herr Vogelsang, das ist Frau Ginsterfing zu Mayer-Träsch, die große Mäzenatin und die treueste meiner Treuen.“ „Guten Tag.“ „Sehr erfreut“, sagt sie. „Yarsagumba – das klingt ja wie afrikanische Dichtung.“ „Nein“, erklärt Vogelsang, „nicht afrikanisch. Tibetanisch!

Raupenpilz aus dem Himalaya – als Paste ein großartiges Regenerationsmittel für die Haut.“ „Fabelhaft“, kreischt Eveline, „das muss ich ausprobieren.“ „Aber das kostet. Sie zahlen für 30 Gramm bis zu 800 Euro“, meint Schambatíst. „Stellen Sie die Kiste doch bitte vor den Kamin, Herr Vogelsang.“ Fletcher schiebt die beiden Kisten fast in den Kamin hinein. Da er schon lange nicht mehr der Feuerung dient, ist er heute sauberer als ein Pizzaofen. „Die Nachfrage steigt gerade enorm“, meint Vogelsang.

Die beiden schauen ihn fragend an.

„Wegen der Tour de France natürlich!“, lacht Vogelsang und klatscht vor Eifer in die Hände. In wenigen Wochen wird das größte Radsportereignis der Welt ausgerechnet in Düsseldorf starten, der erste Tag, le Grand Départ am Rhein. Schon jetzt steht die Stadt kopf. „Wer heute als Radsportler verbotene Substanzen nimmt, ist für immer raus.

Das ist doch klar“, erklärt Vogelsang und führt die Kante seiner Hand an seinem Hals vorbei, „aber mein Yarsagumba, das ist eines der wenigen Mittel, die erlaubt sind – auch in großen Mengen. Und viele Radsportler schätzen meine Dienste sehr.“ Vogelsang schaut triumphierend in die Runde.

„Ach ja, natürlich. Wie recht Sie haben. Die Tour de France beginnt ja dieses Mal in Düsseldorf.“ Evelines Stimme wandert vor Begeisterung in eine höhere Tonlage. „Der Grand Départ! Eine wunderbare Idee, die Tour hier starten zu lassen. Das wurde ja wirklich auch einmal Zeit.

Düsseldorf und Frankreich gehörten immer schon zusammen.“ Die alte Dame klingt etwas aufgekratzt.

„Nun, der Absatz steigt auch deswegen“, meint Vogelsang zufrieden, „weil es ein außerordentlich wirksames Potenzmittel ist.“ „Davon habe ich gehört“, grummelt Schambatíst, „aber es funktioniert nicht. Kinder bekommt man trotzdem nicht.“ „Das stimmt nicht“, unterbricht ihn Vogelsang, während er die Kisten mit dem Fuß mittig im Kamin zurechtrückt. „Das Mittel ist ja uralt. In Europa gibt es das ja schon mindestens seit Jan Wellems Zeiten. Und auch er soll es ausprobiert haben. Habe ich zumindest gelesen. Und der hatte ja Kinder, nicht wahr, Herr Dänzer-Valotti?“ „Natürlich“, ruft Eveline dazwischen, „und nicht zu knapp.“ Schambatíst stutzt. In Jan Wellems erster Ehe starben zwei Kinder kurz nach der Geburt, und mit seiner zweiten Frau hatte er keine Kinder.

„Stimmt nicht“, antwortet Schambatíst kurzerhand.

„Das bezweifele ich“, erwidert Eveline.

„Also, äh, wie auch immer, ich muss weiter.“ Vogelsang geht zur Tür.

„Die Rechnung finden Sie in den Kartons, Herr Dänzer-Valotti. Auf Wiedersehen.“ Bevor die Tür zufällt, sehen sie noch, wie er sich in den Sattel eines Lastenfahrrads mit einer großen Transportbox vor dem Lenkrad schwingt.

„Sind Sie sicher, Schambes?“

„Was meinen Sie?“

„Sind Sie sicher, dass Sie da mit diesem Gemälde eine Kopie der Kopie haben?“ „Natürlich! Eine Kopie. Ein sehr gute Kopie natürlich. Aber die beiden kleinen weißen Drachen mit den blauen Mustern dadrunter auf dem Kaminsims – die sind echt.“ „Inwiefern?“ „Echt Meissener Porzellan.“ „Das glaube ich nicht.“ Sie nippt am Wein und lässt ihn anschließend ein wenig im Glas schaukeln. „Na ja“, sagt sie, „wer weiß schon, was echt und wahr ist und was nicht.“ „Das Vergangene ist wahr!“, fährt Schambatíst sie energisch an.

„Das glauben Sie! Ha! Was für ein Irrtum!“ Eveline schnappt nach Luft. „Wer weiß denn schon, was an der Vergangenheit wahr ist? Da kann man doch viel erzählen.“ Sie richtet sich auf, nimmt die Füße hoch und will aufstehen. Doch Schambatíst hält sie fest und deutet ihr an, dass er ihre Beine noch abtrocknen will. „In Wahrheit“, setzt sie wieder an, „in Wahrheit ist doch die Vergangenheit nur eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Insofern würde ich niemals wirklich dem glauben, was vergangen ist.“ Schambatíst nickt ihr zu, auch wenn er ihre Meinung nicht teilt, nimmt ein wenig von ihrem Lieblingsbalsam, Allgäuer Latschenkiefer, streicht es auf ihre Haut und massiert noch einmal nach.

„Schambes, wenn Ihre Frau versucht hätte, Sie bereits das dritte Mal zu erschießen – wie würden Sie reagieren?“ Schambatíst und seine Luisa haben keine Kinder. Es sollte nicht sein.

Aber sie erschießen? Nein, das würde er nicht. 22 Jahre sind sie jetzt verheiratet, und es ist auch nicht abzusehen, dass sich das ändern wird.

„Irgendwann“, sagt er langsam, „irgendwann würde ich vielleicht doch mal wenigstens zurückschießen.“ „Schambes, seien Sie vorsichtig“, zwitschert Eveline und nimmt noch einmal vom Trittenheimer Altärchen. „Ihre Frau ist ja so schlank, die trifft man ja gar nicht.“ Schambatíst holt den Fön und lässt warme Luft über die balsamierten Füße strömen.

„Ich hasse Fett“, sagt sie. „Ein Mensch mit Fett kann sich doch nicht gut fühlen. Er kann sich doch nur schlecht fühlen. Und ein Mensch, der sich schlecht fühlt, ist ein schlechter Mensch.“ Schambatíst schweigt. Schlank ist er nicht. Eher korpulent und etwas untersetzt – für einen Mann von rund 50 Jahren nicht ungewöhnlich.

Ändern will er es nicht, vor allem weil er dann seine wöchentliche Leidenschaft aufgeben müsste: Polenta mit zerlassener Butter und Parmesan, nicht unbedingt ein Fettlöser-Essen.

„Fett ist ein Zeichen der Schwäche“, ruft Eveline scharf in seine Richtung. Dann schaut sie ihn an.

Er fühlt sich ertappt und bemüht sich, den Bauch einzuziehen.

Gleichzeitig freut er sich schon jetzt auf das Cranberry-Vollkornbrötchen, das er sich immer am späten Vormittag als Pausensnack bei seinem Nachbarn Matteo Alberti in dessen italienischem Restaurant holt. „Essen ist Glück“, entfährt es ihm.

„Schambes, nein, ich weiß nicht, ob ich auf diese Art glücklich sein will“, gibt Eveline zurück.

„Wie denn sonst?“

„Ach, diese Sache mit dem Glück, das ist alles so wechselhaft. Sobald wir das Glück fühlen, ist es schon wieder fort. Und wenn es bleibt – Schambes, stellen Sie sich doch mal vor, Sie hätten den Zustand des Glücks erreicht. Was dann? Was wollen Sie dann tun? Was wollen Sie denn dann noch machen?“ Er holt ihre Schuhe und Socken, zieht sie ihr an und denkt an sein Cranberry-Vollkornbrötchen. „Wenn Sie Ihren Mann umgebracht haben werden – sind Sie dann glücklich?“ „Ach, das weiß ich doch erst, wenn es so weit ist.“ Sie hält inne.

„Es ist aber sicher einen Versuch wert. Oder auch mehrere. Wissen Sie, es gibt Momente, die stehen über dem Glück, kurze Momente der Überraschung, der Leichtigkeit, unbeschwerter Trunkenheit. Solche Momente halte ich für vollkommen angemessen und erstrebenswert.“ Carl klopft von außen an die Eingangstür. Er gibt ihr zu verstehen, dass er nun draußen auf sie warten wird.

Betont langsam zieht sie sich den Mantel wieder an.

Schambatíst schenkt noch einmal vom Trittenheimer Altärchen ein. „Ein letzter Schluck?“ „Aber nur, wenn Sie mittrinken.“ Eveline strahlt.

Er füllt auch sein Glas, und sie stoßen an.

„Vertraue keinem, der nicht trinkt“, sagt sie und zwinkert ihm zu.

„Auf Sie, mein Lieber!“

 

 

 

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