Buchauszug Martin Roos: „Mach´s Maul auf – eine Kurzanleitung zum Redenschreiben“

Buchauszug aus Martin Roos´ „Mach´s Maul auf – Eine Kurzanleitung zum Redenschreiben“ für Menschen, die eine Rede halten sollen, die aber „eine Gehirnlähmung überkommt“ und die sich quälen.  

Um es gleich zu sagen: Kaum etwas wird mehr überschätzt als gute Redner. Zwar wirken sie auf das Publikum fabelhaft, aber oft können sie leider nichts anderes als gut reden. Gleichzeitig wird nichts so unterschätzt wie die Kunst der Rede. Denn die Mehrheit aller Reden, die wir serviert bekommen, ist schrecklich langweilig.
Eine gute Rede zu schreiben geht nicht, ohne die Erfahrung zu haben, wie man eine Rede hält. Insofern gilt: Redenschreiben ist Redenhalten. Und dann geschieht das Typische: Wenn wir die Rede schreiben, überkommt uns eine Gehirnlähmung. Wir quälen uns. Verenden im keuschen Zustand der Ungeschriebenheit.
Dieses Buch will Sie ermutigen und inspirieren. Wer jemals vor Ideenlosigkeit schwitzend vor seinem nackten Rede-Manuskript saß, soll dieses Buch zur Hand nehmen. Und wer sich einfach nur locker machen will, ebenfalls. Es wird dem Leser nicht die Arbeit des Redenschreibens abnehmen. Aber es soll ihm den Einstieg in die Gedankenwelt der Rede erleichtern, so daß der Text wie von selbst aus seiner Hand fließt und das Martin Luther zugeschriebene Wort »Tritt fest auf – mach’s Maul auf – hör bald auf« zu seinem Motto wird.

 

 

 

Martin Roos, Autor

Martin Roos, Autor und Journalist

 

MACH’S MAUL AUF

Eine Kurzanleitung zum Redenschreiben von Martin Roos

 

Wer etwas sagen will, sollte sprechen. Wer et­was zu sagen hat, muss eine Rede halten.

1.     Redenschreiben ist Redenhalten

Um es gleich zu sagen: Kaum etwas wird mehr über­schätzt als gute Redner. Zwar wirken sie auf das Publi­kum fabelhaft. Aber oft können sie leider nichts ande­res als gut reden. Gleichzeitig wird nichts so unter­schätzt wie die Kunst der Rede. Denn die Mehrheit aller Reden, die wir serviert bekommen, ist schrecklich langweilig. Hätte der Redner doch vorher bloß ein biss­chen geübt oder zumindest in ein Lehrbuch geschaut!

Ratgeber über Rhetorik gibt es nun so viele, dass ei­nem schwindelig wird. Welche Experten soll man lesen? Die klassischen Autoren? Cicero, Demosthenes, Quinti­lian? Das dauert Monate! Oder lieber doch die immer gut gelaunten Entertainer unserer Erfolgsgesellschaft? Schon deren Buchtitel enthalten große Verspre­chen: „Die perfekte Rede – so überzeugen Sie jedes Publikum.“ Oder: „Der Weg zum Top-Redner“. Oder: „Souverän Reden halten – der große Redenberater“. Oder: „Wer für seine Rede-Erfolge nicht selbst sorgt, hat sie nicht verdient.“

Bei Leuten mit ohnehin großem Ego mag Hau-Ruck-Rhetorik gut ankommen. Doch was ist mit den anderen, die etwas feingliedriger sind?

Rhetorik als der Schlüssel zur Macht wird in vielen dieser Bücher als das wichtigste Verkaufsinstrument gepriesen. Charisma, Schlauheit, Überzeugungskraft und sprachliche Brillanz gelten als die wahren Killerinstrumente. Das ist sicher alles wichtig und richtig und gleichzeitig auch nicht. Denn nicht überall garan­tiert die gute Rede Erfolg. Sie ist ebenso von ganz ande­ren Erfolgsfaktoren abhängig. Zum Beispiel in der Wirtschaft. So könnte es sich ein Vorstandsvorsitzender, der seinen Aktionären hervorragende Zahlen präsen­tiert, erlauben, alles herunterzuleiern – Hauptsache die Rendite stimmt. Ein blendender Rhetoriker ohne Geschäftserfolg müsste hingegen seinen Hut nehmen.

Gerne wird die Kunst der Rede als eine Art Zauber­kraft für den persönlichen Erfolg verkauft, als ein Ge­heimwissen, das jeder erlernen kann, wenn er brav dieses oder jenes Buch liest oder Seminar besucht. Fachbücher sind sicher hilfreich, um wenigstens ein paar Grundwerkzeuge der Rhetorik zu erlernen. Die Bücher nehmen uns aber nicht die Arbeit des Reden­schreibens und Präsentierens ab.

Gut – wer einen Ghostwriter bezahlen will und kann, braucht nur noch die Rede zu halten. Wer das nicht kann und will, muss die Rede selbst schreiben. Und wer das schließlich tut, wird feststellen: Eine gute Rede zu schreiben geht nicht, ohne die Erfahrung zu haben, wie man eine Rede hält. Insofern gilt: Redenschreiben ist Redenhalten.

 

Das große Nichts gähnt einen an

Und dann geschieht das Typische: Wenn wir die Rede schreiben, überkommt uns in dem Moment, in dem wie loslegen, eine Gehirnlähmung: Was soll ich sagen? Wie soll ich’s sagen? Soll ich’s überhaupt sagen? Wir quälen uns. Das große Nichts gähnt uns an. Wir schieben auf und schieben auf. Es fehlt die Idee für einen guten Aufbau. Es mangelt an Inspiration für den geistreichen Gedanken, an sprachlicher Virtuosität – und schließlich verlässt uns der Mut. Wir verenden im keuschen Zustand der Ungeschriebenheit. Das einzig Virtuose ist dann nur noch das Elend große Ausmaß unserer Verhinderung.

Dieses Buch ist kein klassisches Fachbuch. Es will Sie ermutigen und inspirieren. Wer jemals schwitzend vor Ideenlosigkeit vor seinem nackten Rede-Manuskript saß, soll dieses Buch zur Hand nehmen. Und wer sich einfach nur locker machen will, auch. Wie die anderen Rhetorik-Werke wird auch dieses Buch dem Leser nicht die Ar­beit des Redenschreibens abnehmen. Aber es soll ihm den Einstieg in die Gedankenwelt der Rede erleichtern, so dass der Text wie von selbst aus seiner Hand fließt.

 

2.     Das Reden der Anderen

Über 40 Prozent der Menschen haben Angst, wenn sie öffentlich auftreten und reden sollen. Die Angst zu versagen, sich zu blamieren, zu stottern, einen Blackout zu haben oder gar ohnmächtig zu werden – ja, das alles kommt vor. Und auch Sie hassen das? Sie können es nicht ertragen, was andere über Sie reden, wenn Sie mal weniger gut sind? Und Sie ziehen es deswegen vor, nie (mehr) etwas zu sagen – und lie­ber in ständiger Angst vor der Möglichkeit, dass ir­gendwann doch ein Redeauftritt auf Sie wartet, weiter­zuleben? Na gut. Viel Erfolg damit.

Wenn ich Ihnen nun sage, dass es kaum ein schöne­res Publikumserlebnis gibt, als eine Rede zu schreiben, sie mit den ei­genen Gedanken und Emotionen zu füllen und sie vor Menschen vorzutragen, die einem wirklich am Herzen liegen – dann stimmen Sie mir zu, nicht wahr? Nein? Sie lassen den Gedanken erst gar nicht an sich ran? Einverstanden. Sie haben lieber Angst.

Sollten Sie aber doch interessiert sein, Sie aber im­mer noch zu der Gruppe mit der Angst gehören, wird Ihnen sicher auch der tausendfach erzählte Trick, sich Ihr Publikum nackt oder mit einem Schnuller im Mund vorzustellen, nicht viel bringen. Das irritiert Sie im Zweifel nur noch mehr.

 

Im Publikum sitzen Wohlwollende

Ihnen sollte aber klar sein: Wenn so viele Men­schen Angst vor dem Redenhalten haben, sitzen si­cherlich auch viele in Ihrem Publikum.  Ein Großteil wird Sie also verstehen, in welcher Lage Sie sich gerade befinden – und sehr wohlwollend mit Ihnen umgehen. Oder Sie vielleicht schon bewundern, bevor Sie auch nur ein einziges Wort gesagt haben. Und wenn Sie sich gut vorbereiten, sich klarmachen, wo Ihre Schwächen sind und an ihnen arbeiten, gibt es keinen Grund, sich einen Kopf zu machen – und dieses Vorbereiten fängt beim Redenschreiben an und hört beim richtigen At­men und Sprechen auf.

Freuen Sie sich auf Ihre Rede! Eine Rede zu halten, ist ein Privileg. Und wenn Sie sich nicht darauf freuen, überarbeiten Sie Ihre Rede so lange, bis Sie sich darauf freuen.

 

3.     Scheitere, scheitere erneut, scheitere besser!

Natürlich gibt es ein paar Menschen, die als Redner besonders begabt sind, dazu gebildet, charmant und auch noch gut aussehend. Wenn Sie das sind: Herzlichen Glückwunsch! Wenn nicht, sollte das überhaupt nicht Ihr Maßstab. Der Maßstab sind Sie! Sie sind es vor al­lem dann, wenn Sie sich für Ihr Thema und Ihr Publi­kum interessieren, an das glauben, was Sie sagen und mit guten Argumenten überzeugen. Und wenn Sie glauben, Sie könnten nicht sofort die beste Rede Ihres Lebens schreiben und halten, dann ist das zwar gut möglich. Aber es sollte immer genau Ihr Ziel sein. Und zwar aus zwei Gründen:

Erstens gibt es einfach viel zu viele durchschnittliche und auch schlechte Re­den. Wir haben alle solche schon gehört. Die Welt braucht endlich mehr gute Reden – auch von Ihnen.

 

Fehlschläge gehören zum Erfolg wie Kalorien zu Schokolade

Zweitens: Sie haben das Zeug dazu, die beste Rede Ihres Lebens zu halten. Allerdings sollten Sie vorher auch schon mal ein paar geschrieben haben. Und auch mal gescheitert sein.

Scheitern und Fehlschläge gehö­ren zum Erfolg wie Kalorien zur Schokolade. Wer sich nicht auch mal verläuft, findet nie den richtigen Weg. Von jedem neuen Versuch können Sie etwas lernen. Oder wie Samuel Beckett radikal empfiehlt: „Scheitere, scheitere erneut, scheitere besser!“

 

 

4.     Das Herz beredt – der Geist voll Kraft

„It is our choices that show what we truly are, far more than our abilities”, sagt Professor Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore zu Harry Potter in „Die Kammer des Schreckens“. Auch für das Redenschreiben und Redenhalten ist es hilfreich, gewisse Fähigkei­ten mitzubringen oder sie zu erlernen. Noch wichtiger ist es aber, überhaupt die Entscheidung zu treffen, eine Rede zu halten. Denn Wille und Mut, die hinter solchen Entscheidungen stecken, zeigen erst, wer Sie wirklich sind!

 

Versuchen Sie nicht, zu gefallen, sondern das Herz der Zuhörer zu berühren 

Sie entscheiden, dass Sie etwas zu sagen haben. Sie sind euphorisiert. Und deswegen wollen Sie eine Rede halten. In erster Linie geht es bei Ihrer Rede also nicht um Ihre Sprachvirtuosität oder den raffinierten Redenaufbau, sondern vielmehr um das Berühren, um das Beteiligt-Sein. „Das Herz ist es, was beredt macht und die Kraft des Geistes“, gab schon der alte Quintilian seinen Schülern mit – auf Latein: Pectus est, quod disertos facit, et vis mentis. Anders ausge­drückt: Versuchen Sie nicht, den Menschen zu gefallen. Versuchen Sie zu sagen, was Ihr Herz berührt – und Sie werden genug Leute treffen, denen das gefällt.

Das ist die hohe Kunst. Doch die Realität sieht oft an­ders aus. Wir alle erfreuen uns an wahren Emotion – oder an dem, was manche Wahrhaftigkeit nennen. Ja, ja, doch diese Wahrhaftigkeit gelingt bei ihren Auftritten nur ganz wenigen Menschen in nur ganz wenigen Momenten. Und weil das so ist, gibt es Technik, auf die man zurückgreift, wenn das wahre Gefühl fehlt. Schauspieler kennen diese Tricks. Viele Politiker auch. Mit sehr guter Tech­nik kann man den Eindruck eines echten Gefühls ver­mitteln. Oder besser gesagt vortäuschen.

Auch Sie können sich darin gerne in entsprechenden Rhetorik- oder Schauspielkursen weiterbilden. Nur freuen Sie sich nicht zu früh: Das aufmerksame Publi­kum wird immer spüren, wenn Wahrhaftigkeit fehlt. Oder wie Barack Obama einmal sagte: „Man kann einen Lippenstift auf ein Schwein malen, es ist immer noch ein Schwein.“

 

 

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Martin Roos: „Mach´s Maul auf – Eine Kurzanleitung zum Redenschreiben“, Grupello Verlag, 64 Seiten, 5 Euro  http://www.grupello.de/verlag/anzeigen/isbn/978-3-89978-266-0/session/ident/www.martinroos-autor.de

 

  1. Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!

Ziel jeder Rede ist es, …

… klar und verständlich zu sein.

… kurz und pointiert zu formulieren.

… durch Sprache, Argumente und Auftritt zu über­zeugen.

 

Das gilt, seitdem Menschen sprechen und mit Spra­che überzeugen wollen. Die römischen Rhetoren über­trugen diese Dreieinigkeit in die lateinischen Begriffe brevitas (Kürze), claritas (Klarheit) und persuasio (Überzeugungskraft). Aristoteles, der alte Grieche, un­terschied drei Arten der Überzeugung: ethos (Glaub­würdigkeit des Redners), pathos(emotionaler Zu­stand), und logos (Argumente). Das müssen Sie sich nicht merken. Es macht sich gelegentlich aber ganz gut, wenn man mit ein wenig rhetorischer Teilbildung herumfächern kann.

Klarheit, Deutlichkeit, Offenheit – das galt auch für Martin Luther ein paar Jahrhunderte später. Da es der Reformator gerne deftig liebte, formulierte er sein Redenrezept so:

„Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.“

Eine Quelle für das Zitat ist bis heute nicht belegt. Zumindest habe ich keine gefunden. Ist auch nicht schlimm. Im Gegenteil. Der fehlende Beweis lehrt uns: Wenn Sie mal kein griffiges Zitat finden sollten, aber eins brauchen, dann dichten Sie selbst eins und legen es einem berühmten Toten in den Mund. Jeder wird es dann für ein beachtli­ches Zitat halten.

 

Tritt fest auf!

Die Aufforderung appelliert natürlich nicht nur an Ihr Selbstwertgefühl und will Ihnen Mut machen, mög­lichst selbstbewusst aufzutreten, sondern sie bedeutet auch: Wer gehört werden will, muss auch etwas zu sa­gen haben.

 

Mach‘s Maul auf!

Wenn Sie etwas sagen, muss es für alle hörbar, klar im Ausdruck und verständlich in der Ge­dankenfolge sein. Wer in dieser Weise spricht, ist eindeutig im Vorteil. Und wer darüber hinaus auch noch unterhaltsam ist, erst recht!

 

Hör bald auf!

Nicht alles, was Sie zu sagen haben, ist auch interes­sant für Ihre Zuhörer. Diese Nuance ist nicht zu unterschätzen. Fassen Sie sich also kurz! Eine Rede sollte sieben Minuten lang sein. Zumindest ist das eine goldene Regel in den USA – aber auch nur dann, wenn sie mit einem Witz beginnt und einem Scherz en­det. Grundsätzlich gilt: Das Publikum sollte wenigstens einmal geschmunzelt haben. Und die Zuhörer sollten einen Gedanken hören, der so gut ist, dass sie ihn wei­tererzählen. Fünf Redeminuten sind kurz, zehn Minu­ten eine gute Zeit und ab 20 Minuten wird es anstren­gend für alle Beteiligten. Eine Dreiviertelstunde ist wirklich die Obergrenze – selbst für ein wohlwollendes Publikum.

Also, lieber die Rede straffen als die Zuhörer bestra­fen. Das Publikum ist dankbar für alles, was es nicht hö­ren muss.

 

Einfache Worte und man wird Sie bewundern

Und: Sprechen Sie nicht so kompliziert! Nur weil Sie sich ein sehr komplexes Thema ausgesucht haben, muss es noch lange nicht kompliziert ausgedrückt werden. Im Gegenteil: Gelingt es Ihnen, das Thema in wenigen und vielleicht sogar einfachen Worten darzustellen – was viel schwieriger ist –, wird man Sie bewundern, wie Sie das Thema auf den Punkt gebracht haben.

Kurzum: Je kürzer Sie sich fassen, desto schwieriger wird es zwar für Sie. Aber desto leichter für den Zuhö­rer.

 

 

  1. Warten auf Frau Muse – oder klau‘ so viel du kannst!

Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Ähnlich geht es mit der Rede. Sie gedeiht zwar in den meisten Fällen schneller als Gras, aber auf Knopfdruck wächst sie auch nicht. Sie entsteht in einem Prozess – aus Ideensuche, Gedankengliederung, Formulierung und Präsentation. Die Ideen kommen selten von allein. Die Geschichte von der Muse und ihren Küssen ist nicht wahr. Man muss die Ideen finden. Das kann Stunden dauern, auch Tage.

Sie werden aber die passenden Ideen finden, indem Sie sich mit dem Thema der Rede immer wieder be­schäftigen und Fragen stellen wie: „Was ist das Ziel der Rede?“ oder „Was sind die Argumente für oder gegen das Thema?“ oder „Was will ich eigentlich sagen?“ Wenn Sie sich auf diesen Prozess einlassen, wird Ihr Gehirn alle Informationen und Erlebnisse, die Ihnen in dieser Zeit begegnen, auf Verwertbarkeit für die Rede prüfen. Das kann richtig Spaß machen!

Sich hingegen erst kurz vor knapp mit den Inhalten der Rede zu beschäftigen, ist sehr riskant. Oft kommt dann nichts. Der beste Zeitpunkt, gute Ideen und Gedanken zu finden, ist immer der, den Sie augenblicklich erleben. Also genau jetzt!

 

Baastölpel, Trottellumme und Schwarzwurzeln

Natürlich gibt es auch einige handfeste Tipps, um auf neue Gedanken zu kommen. Zum Beispiel: Lassen Sie Ihren Blick über das Bücherregal schweifen – falls Sie (noch) eins haben. Überlegen Sie, wie Ihr Leben als Basstölpel oder Trottellumme ausgesehen hätte. Gehen Sie auf den Markt und lassen Sie sich er­klären, warum die Schwarzwurzel ein besonders gutes Beispiel für den alten Grundsatz ist, dass der erste An­schein trügt.

Sie werden sicherlich noch andere Ablenkungen finden. In jedem Fall gilt: Kreativ sein kann jeder.  Wenn Sie kreativ sein wollen – tun Sie kreative Dinge. Kreativität hat nichts mit Kunst oder Intellekt zu tun. Sondern mit Ihrer Fan­tasie und Ihrem Interesse an den Dingen. Seien Sie interes­siert!

 

Stehlen Sie!

Und wenn gar nichts geht: Stehlen Sie! (Diese Empfehlung habe ich von John Cleese gestohlen.) Be­dienen Sie sich überall. Bemühen Sie sich nicht, Ihren Diebstahl zu vertuschen (auch eine Idee von Cleese). Ein guter Gedanke bleibt ein guter Gedanke, auch wenn es ihn schon gab. Es wird nämlich immer Leute geben, die ihn noch nicht gehört haben.

Falls Sie mir nicht glauben, sondern eher fürchten, dann in den Verdacht des Plagiats zu geraten – denken Sie an die Worte von Jean-Luc Go­dard: „Es ist egal, woher Sie die Dinge nehmen, wichtig ist, wohin Sie sie tragen.“

 

Überraschen Sie!

Und wenn Sie das alles nicht überzeugt, dann hat Monsieur Ego, der gefürchtetste Restaurantkritiker von Paris, den besten Rat für Sie. In der Schlussszene des Anima­tionsfilms „Ratatouille“ ist der anfangs verbitterte Ego Teilhaber des Feinschmeckerrestaurants geworden, in dem Rémy, die sprechende Wanderratte vom Land, als Superkoch die Gäste erfreut. Als Rémy den inzwischen geläuterten Monsieur Ego fragt, was er denn heute Abend essen wolle, breitet Ego die Arme aus, strahlt und ruft begeistert: „Egal was Du machst – überrasche mich.“

Überraschen Sie Ihre Zuhörer!

 

  1. Wer nicht fragt, bleibt stumm

Niemand geht in eine Parfümerie und fragt nach fri­schem Dill. Wer etwas will, muss wissen, was ihn er­wartet. Bevor Sie also loslegen, Ihre Rede zu schreiben, sollten Sie wissen:

Wer ist das Publikum – wer ist die Zielgruppe?

Wer ist der Veranstalter?

Wann und wo findet die Rede statt? Wie sieht der Ort aus?

Welche Erwartungen des Publikums muss ich erfül­len?

Welche Erwartungen hat der Veranstalter?

Welchen Ton soll ich also anschlagen?

Wie lange soll ich reden?

Je länger Ihre Rede ist, desto mehr brauchen Sie eine sinnvolle und spannungsreiche Textstruktur mit Einlei­tung, Hauptteil und Schluss – einen roten Faden, der Ihnen hilft, nicht beliebig viel und lang daher zu schwätzen. Und der die Zuhörer daran hindert, einzu­schlafen.

 

 

http://www.martinroos-autor.de/

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Woodrow Wilson war der letzte (amerikanische) Präsident, der seine Reden selber schrieb. George Bush dürfte der letzte sein, der sie zumindest selber liest, wenn man das Tempo der heutigen Analphabetisierung dabei berücksichtigt.

    Gore Vidal