Buchauszug: „Übermorgen – 25 Interviews zur Zukunft des Journalimus“. Interview mit „Washington-Post“-Chefredakteur Martin Baron

Buchauszug aus „Übermorgen – 25 Interviews zur Zukunft des Journalismus, Herausgeber Oliver Schrott

25 internationale und nationale Top-Journalisten äußern ihre Gedanken zur Zukunft des Journalismus. Jeweils acht Fragen. Das Buch gewährt Einblicke in die neuen Anforderungen, denen der Journalismus heute ausgesetzt ist. Hier im Management-Blog als Buchauszug das Interview mit Martin Baron, Chefredakteur der „Washington Post“ über die entscheidenden Dinge für die Zukunft.

 

UNSERE ZUKUNFT LIEGT IM MOBILEN

Martin Baron (USA), Chefredakteur der „Washington Post“

Mobil oder gar nicht, lautet die Devise. „Wir produzieren nichts mehr für unsere Plattform, wenn es nicht auch im mobilen Netz funktioniert“, erklärt Martin „Marty“ Baron, Chefredakteur der „Washington Post“. Baron steuert die „Post“ seit 2013. Seitdem hat die Tageszeitung vier Pulitzer-Preise gewonnen – und angefangen, sich radikal zu wandeln: zunächst von Print zu Online, aktuell von Online zu Mobil. Im Interview spricht Baron über schnelle Ladezeiten, den passiven Konsum von Medien und erklärt, warum wegfallende Finanzierungsmodelle nicht die einzige Herausforderung sind, vor der Qualitätsjournalismus heute steht.

 

Die Washington Post zählt zu den renommiertesten Tageszeitungen der Vereinigten Staaten. Sie ist bekannt für ihre investigativen Recherchen, unter anderem zum Watergate-Skandal 1973 oder dem NSA-Überwachungsskandal 2014. Um die Jahrtausendwende brach die Auflage des Traditionsblattes massiv ein, auswärtige Büros mussten geschlossen und Mitarbeiter entlassen werden.

 

Seit Amazon-Gründer Jeff Bezos die „Washington Post“ gekauft hat, erlebt die Zeitung ihre erfolgreichsten Zeiten

2013 kaufte Amazon-Gründer Jeff Bezos die angeschlagene Zeitung für 250 Millionen US-Dollar. Bezos gab an, sich aus redaktionellen Entscheidungen herauszuhalten, stellt aber das nötige Geld für technische Neuerungen bereit. Die Redaktion soll sich ausprobieren – Scheitern ist erlaubt.

 

„Übermorgen – 25 Interviews zur Zukunft des Journalismus“, Oliver Schrott (Hrsg.); Verlag Oliver Schrott Kommunikation, 212 Seiten, 19,99 Euro  https://www.amazon.de/%C3%9CBER-MORGEN-Interviews-Zukunft-Journalismus/dp/3000552200

 

Seit Bezos das Blatt übernommen hat, erlebt es eine seiner erfolgreichsten Phasen. In einem für eine Tageszeitung wohl einzigartigen Datenzentrum analysieren Algorithmen den Newsstream von washingtonpost.com und die der bedeutenden Konkurrenten. Eine Software liefert Informationen darüber, was das Netz gerade bewegt. Die mobil ausgerichtete Website richtet sich an Nutzer aus der ganzen Welt. So soll die bislang stark regional ausgerichtete Post zum international anerkannten Nachrichtenportal werden. Die gedruckte Auflage ist zwar längst nicht so hoch wie in Spitzenzeiten – dafür erzielt washingtonpost.com Reichweiten, die sich mit denen von nytimes.com messen können.

 

WASHINGTON, DC – FEBRUARY 11: Marty Baron, Washington Post Executive Editor, poses for a photo on February 11, 2016 in Washington, D.C. (Photo by Ricky Carioti/ The Washington Post)

 

Hier das Interview mit Chefredakteur Martin Baron: 

1 Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Ich denke, dass die wesentlichen Merkmale des Qualitätsjournalismus in Zukunft die gleichen sein werden wie heute: Informationen müssen genau und gut geprüft, klug aufgeschrieben und gezielt versendet werden.

Schaden kann dem Qualitätsjournalismus vieles. Sofort in den Sinn kommt mir aber vor allem der finanzielle Faktor, der heutzutage die ganze Branche betrifft. Ganz offensichtlich haben wir weniger Ressourcen; und weniger Ressourcen im Sinne von Geld bedeuten weniger Ressourcen in Bezug auf Fachleute und Zeit. Beides brauchen wir aber dringend, um wirklich Qualitätsjournalismus zu betreiben.

Eine Herausforderung über das Finanzielle hinaus sind meiner Meinung nach starke ideologische Tendenzen im heutigen Journalismus. Durch das Internet haben die Leser eine große Auswahl. Sie tendieren dazu, Websites auszuwählen, die einseitig sind und ihre vorgefertigte Meinung bestätigen. Das macht mir Sorgen, denn dadurch sind die Menschen nicht länger unterschiedlichen Standpunkten und Perspektiven ausgesetzt, sondern lassen sich nur noch die Meinung untermauern, die sie ohnehin schon hatten.

 

2 Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Das Internet ist ein Medium, das eine neue Form der Kommunikation erfordert. Leider hat unsere Branche, vor allem die Zeitungsbranche, im Netz bisher größtenteils das Gleiche gemacht wie zuvor. So funktioniert Online aber nicht. Auch das Credo immer mehr oder immer schneller ist fürs Digitale keine Lösung.

Trend der Zukunft sollte es meiner Meinung nach sein, im Sinne des Mediums Internet zu denken. Und das bedeutet, dialogorientierter zu arbeiten, schneller erreichbar und weniger förmlich zu sein. Was online funktioniert, ist Nähe. Die Persönlichkeit eines Autors zählt mehr als die formale Struktur. Online fühlt sich oft authentischer an. Content kommt vor allem gut an, wenn er wirklich authentisch ist.

Um den Storytelling-Prozess zu perfektionieren, können und sollten im Netz definitiv alle Werkzeuge angewendet werden, die wir zur Verfügung haben. Das schließt Video und Audio mit ein – und natürlich auch die Social-Media-Kanäle.

Ganz wichtig: Neben dem Internet haben wir es mit einem weiteren neuen Medium zu tun: Mobile. Ich denke, wir können nicht über unsere Zukunft nachdenken, ohne zu verstehen, dass diese im Wesentlichen im Mobilen liegt. Schon jetzt ist klar, dass in vier Jahren rund achtzig Prozent der Weltbevölkerung ein Smartphone besitzen werden. Wir müssen nur auf die Straße gehen, um zu sehen, dass die Leute alle Arten von Information zu jeder Zeit von ihren Smartphones beziehen. Wann immer sie eine freie Minute haben – nein, auch wenn sie keine freie Minute haben –, schauen sie auf ihr Smartphone. Das ist die Art und Weise, wie die Leute Informationen und soziale Medien konsumieren. Immer, schnell, überall. Das ist ein tief greifender Wandel für uns. Und ein weiterer, vielleicht sogar der größte neue Trend.

 

3 Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Bei der Washington Post verbringen wir viel Zeit damit, echte Dokumente zu lesen und gründlichen Journalismus zu betreiben. Wir kultivieren unsere Quellen mit Reportern, die in ihrem Gebiet Experten sind. Ich glaube nicht eine Minute lang, dass der herkömmliche Journalismus aus der Mode geraten ist. Er ist höchst wertvoll. Zusätzlich können wir mittlerweile aber die sozialen Medien zur Recherche verwenden.

Glücklicherweise! Denn was man in den sozialen Netzwerken finden kann, ist im Wesentlichen eine Unterhaltung mit der ganzen Welt. Diese Unterhaltung informiert uns über die Belange der Leute da draußen: Worüber sprechen sie? Was sind ihre Themen? Soziale Netzwerke erlauben uns, Expertenwissen anzuzapfen. Wenn wir zum Beispiel über ein Zugunglück berichten, können wir über Social Media direkt Menschen finden, die vor Ort waren, und mit ihnen für weitere, direkte Informationen in Kontakt treten.

 

4 Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Weiter tun, was Journalisten bestenfalls schon heute tun. Das bedeutet in erster Linie: Informationen überprüfen. Und wenn da draußen zu viele nicht verifizierte oder falsche Informationen herumschwirren, ist es unsere Pflicht als gute Journalisten, diese zu sortieren und rigoros weiter über das betreffende Thema zu berichten – und Fehlinformationen aufzuklären. So zu arbeiten, ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung dafür, in der Branche ernst genommen zu werden.

 

5 Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Die Art und Weise, wie Leute Informationen aufnehmen und verarbeiten, verändert sich. Das müssen wir berücksichtigen. Wie bereits angesprochen, verändert sich durch Smartphones die Art des Nachrichtenkonsums. Wir produzieren nichts mehr für eine Plattform, wenn es nicht auch im mobilen Netz funktioniert. Egal ob Newsletter, Grafik oder Bewegtbild – jede Geschichte und jeder Content muss vor allem auf einem mobilen Bildschirm gut aussehen. Was die meisten Medienmacher und auch wir bei der Washington Post hingegen noch nicht angegangen sind, ist die Frage: Wie schreibt man für das mobile Netz? Darüber müssen wir nachdenken.

Die Leser bevorzugen es, ihre Nachrichten passiver zu konsumieren. Viele möchten sich nicht mehr die Mühe machen, zu recherchieren. Einige wollen nicht mal mehr lesen. Stattdessen werden Konsumenten zunehmend von Videoinhalten angezogen. Wir müssen also darüber nachdenken, wie wir ernsthafte Themen auf eine spannende Weise durch Videos kommunizieren können. Bei der Washington Post haben wir verstanden, dass Videos ein immer wichtigerer Faktor im Bereich News werden. Daher ist es unser Ziel, im Bereich Video ein Big Player zu sein.

Dazu gehören sicher auch Neuerungen wie beispielsweise 360-Grad-Filme und Virtual Reality. Wir haben bei washingtonpost.com auch schon solche Videos gemacht, zum Beispiel 360-Grad-Videos der Galapagosinseln oder von VR-Umgebungen des Mondes. Aber unser Ansatz ist vorsichtig in der Hinsicht. Es wird eine Weile dauern, bis die Mehrheit der Leute ihre Informationen über 360-Grad-Filme oder VR beziehen wird. Die kommerziellen Möglichkeiten sind im Moment begrenzter, als es sich viele vorstellen. Um virtuelle Realität wirklich zu erleben, müssen die Menschen schon in ein großes Kino gehen. Daher werden wir abwarten. Man kann nicht jedem glitzernden neuen Ding hinterherrennen.

Worauf wir aktuell hingegen sehr achten, sind unsere Seitenladezeiten. Unsere Seiten laden viel schneller als andere im mobilen Netz. Ich halte das für extrem wichtig! Wenn User zu lange warten müssen, besteht die dramatisch große Gefahr, dass sie sofort wegklicken.

 

6 Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Schwierige Frage, die wohl niemand von uns wirklich beantworten kann. Meine Vermutung ist, dass es unterschiedliche Modelle für verschiedene Arten von Nachrichtenorganisationen geben wird. Ich wäre nicht überrascht, wenn das Modell für Zeitungen so ähnlich bliebe, wie es auch schon in der Vergangenheit war. Sprich, ein großer Teil des Geldes wird durch Werbung verdient, ein weiterer durch Abonnements.

Sicher ist das Modell der „New York Times“ nicht notwendigerweise das gängige Modell für jede große großstädtische Zeitung in den Vereinigten Staaten. Denn andere haben nicht die gleichen Möglichkeiten. Und dann gibt es noch Modelle wie das „Wall Street Journal“, deren Leserschaft zu nicht unerheblichen Teilen für Firmen arbeitet, die immer wieder Print- und Online-Kosten tragen.

Kleinere Zeitungsverlage, die nur lokal auftreten, werden es hingegen in Zukunft schwer haben. Nachrichtenorganisationen, die national und international aufgestellt sind, haben mehr Möglichkeiten. Eine besorgniserregende Entwicklung, denn wir brauchen auch Medien, die unsere lokalen Gemeinden abbilden – und wie sollen die sich auf lange Sicht finanzieren?

Diese Frage müssen wir uns stellen. Und sicher werden sich auch viele Menschen dieser Frage stellen und neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickeln. Wahrscheinlich wird das beste Finanzierungsmodell immer wieder das sein, das aktuell zu Zeit und Situation passt und deshalb funktioniert. Da gibt es sicher viele Wege. Ich glaube nicht nur an das eine Modell.

 

7 Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Ich weiß es nicht. Was wir wissen ist, dass viele Menschen unsere Geschichten schnell und einfach auf ihren Smartphones lesen wollen. In der Berichterstattung müssen wir uns daran anpassen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.

Ich bin sehr skeptisch, wenn Leute meinen, dass sie diesbezüglich noch konkreter in die Zukunft schauen können. Ich kann nicht vorhersagen, wie die Präsentation einer Story auf einem Smartphone zukünftig aussehen wird. Fakt ist: Die Möglichkeiten und die Nachfrage werden sich entwickeln – und erweitern.

 

8 Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Ich weiß nicht, ich habe wirklich keine Ahnung. Schade. Wenn ich es wüsste, wäre ich furchtbar reich!

 

Herausgeber Oliver Schrott (Foto: OSK)

 

 

Über Martin Baron (USA), Chefredakteur der „Washington Post“:

Martin „Marty“ Baron hat Journalismus an der Lehigh University in Pennsylvania studiert. Nach Abschluss seines Studiums 1976 arbeitete er für den Miami Herald, die Los Angeles Times und die New York Times. 2000 kehrte er als Chefredakteur zum Miami Herald zurück. 2001 verließ er die Zeitung, um als Redakteur für den „Boston Globe“ zu arbeiten. Dort kümmerte er sich verstärkt um investigative Recherchen. Mit seinem Team deckte er unter anderem die sexuellen Missbräuche von Mitarbeitern der römisch-katholischen Kirche in Boston auf. Die Recherche brachte dem Team einen Pulitzer-Preis ein und wurde in dem Oscar-prämierten Spielfilm „Spotlight“ verfilmt. Im Januar 2013 übernahm er den Posten des Chefredakteurs der „Washington Post“, ein halbes Jahr später kündigte Jeff Bezos an, die Zeitung zu kaufen.

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Alle Kommentare [3]

  1. Das scheint sehr interessant zu sein. Sieht aus als hätte ich schon mein nächstes Buch zum Lesen gefunden. Man sieht eben auch, dass nicht nur die Qualität der Zeitungen ausschlaggebend sind, sondern auch die finanziellen Mittel, die dem Verlag zur Verfügung stehen.

    lg Lisa

  2. Ich finde, so komisch es klingt, vor allem bemerkenswert, dass Baron oft „ich weiß es nicht“ sagt. Leute, die mir erzählen wollen, sie wüßten genau, wie der Journalismus (oder irgendwas anderes) in vier Jahren funktioniert, machen mich extrem misstrauisch. Wir können uns alle nur vortasten.