Großraumbüros sind entwürdigend – und wie Legehennenbatterien (Gastbeitrag)

Thomas Braun, Anwalt in Bad Soden, hat in seiner Studienzeit im Großraumbüro einer Bank gearbeitet und die Atmosphäre der Präsenzbibliotheken in den Universitäten erlebt und beschlossen: Nie wieder so arbeiten müssen. „Zwar laute Ruhe einerseits aber Raum und Zeit für Gedankenfindung in freier Entfaltung? Weit gefehlt.“ Sein persönliches Fazit: „Ein Kasernenhof bietet mehr an Intimsphäre.“  Ein Gastbeitrag. 

 

Großraumbüros sind wie Legehennenbatterien

Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und auch in Zeiten der Teilzeit oder des Home-Office müssen viele Lohn- und Gehaltempfänger den wertvollsten Teil des Tages in Großraumbüros verbringen; in Zeiten der Ächtung von Legehennenbatterien ein eigentlich undenkbarer Zustand.

Mediator und Anwalt Thomas Braun

Mediator und Anwalt Thomas Braun

Großraumbüros, eine flächen- und damit kostengünstige Lösung zur Erbringung geistiger Dienstleistung ähnlich einer Melkgasse in der industriellen Milchproduktion. Privatsphäre? Ein Rückzugsraum für persönliche und intime Befindlichkeiten? Schuhe  ausziehen, Beine hochlegen beim Denken? Fehlanzeige!

Auch dünne und leichte Trennwände bieten keinen Schutz vor Neugierde, vor dem Geschwätz und Geschnaufe der lieben KollegInnen. Das neue Parfüm, das tagelang unrasierte Gesicht, das womöglich nicht gewechselte Hemd genauso wie die neue und überaus attraktive Kollegin mit der allzu leichten Bluse an einem heißen Augusttag.

Schönes und Unschönes, Lautes und Leises, nichts kann für sich bleiben, alles wird öffentlich laut im ganzen Büro, im Großraumbüro eben. Extrovertierte nutzen schamlos aus, wie Introvertierte ein Arbeitsleben lang darunter leiden.

 

Wo bleibt der  Mensch?

Ich frage mich nur: Wo bleibt der Mensch? Für jede andere Kreatur fordern wir einen sensiblen Umgang. Menschen behandeln wir als Arbeitsmaterial – und nennen sie sogar so: Humankapital. Teuren Maschinen lässt man mehr Pflege angedeihen. Mein Fazit: Großraumbüros sind entwürdigend.

 

Dasselbe gilt für die neumodischen und bodentief verglasten Büros zum Innenhof oder sogar zur Straße oder Fußgängerzone hin. Eine reale ganztägige Dokusoap, im Erdgeschoß und zumindest noch im ersten Stock. Können Frauen noch ungestört einen Rock tragen? Oder müssen sie sich untern den Rock sehen lassen von Passanten? Denken Architekten auch noch an die Mitarbeiter und deren Bedürfnisse?

 

Chefs sollten ihre Mitarbeiter nicht schlechter behandeln als sie selbst arbeiten wollen

Fische im Aquarium beim Chinesen um die Ecke werden geschützt durch die Aufforderung auf einem Schild: „Bitte nicht stören.“ Und wir Menschen? Chefs sollten ihre Mitarbeiter nicht schlechter behandeln als sie selbst arbeiten wollen. Insbesondere wenn flache Hierarchien die Zukunft sein sollen.

 

Arbeitszeit ist Lebenszeit. Die Mitarbeiter müssen in die Fragen rund um den Tagesablauf aktiv eingebunden werden. Auch zielführende und moderne Teamarbeit erfordert individuelle Rückzugsräume. Darüber nachdenken und gemeinsam gestalten. Es lohnt sich.

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Alle Kommentare [2]

  1. Ich glaube Großraumbüros mit industriellen Melkgassen zu vergleichen ist ein wenig übertrieben. Scheinbar hat der Autor hier sehr schlechte Erfahrungen gemacht, allerdings kann und will ich dem nicht so zustimmen. Wer Privatsphäre am Arbeitsplatz sucht, hat vermutlich die falsche Arbeitseinstellung oder surft scheinbar mehr privat als beruflich während seiner Arbeitszeit.