Eine Studie liefert eine Bestandsaufnahme der deutschen Manager: Sie kleben weniger an ihrer Firma und schätzen ihre Familie immer mehr.
Der typische deutsche Manager ist 48 Jahre alt, männlich (90 Prozent) und der Job macht ihm viel Spaß (77 Prozent). Sein Job ist auf der obersten Leitungsebene angesiedelt (36 Prozent) oder in der Bereichsleitung (34 Prozent). Er ist verheiratet oder lebt in einer Partnerschaft (91 Prozent) und hat zwei Kinder (39 Prozent).
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Die meisten hatten keinen Vater, der selbst Chef war
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Umgekehrt gilt: nur zehn Prozent sind Frauen, zehn Prozent sind Single und 25 Prozent haben kein Kind. 70 Prozent haben eine berufstätige Partnerin, 30 Prozent bekommen den Rücken freigehalten von einer nicht berufstätigen Partnerin. Nur 19 Prozent hatten einen Vater, der ebenfalls Geschäftsführer oder Vorstand eines Unternehmens waren, mithin ein echtes Vorbild in der Familie. Die große Mehrzahl mit 81 Prozent hat ihren eigenen Weg gemacht.
Diese Ergebnisse hat die US-Personalberatung Odgers Berndtson bei einer Befragung von 1.800 Führungskräften in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus allen Branchen und auch dem öffentlichen Dienst im September 2015 erforscht. Rede und Antwort standen 1.757 Manager, von denen 60 Prozent zwischen 36 und 50 Jahren, 35 Prozent über 50 Jahre alt sind.
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Führungskraft ja, aber führen lieber nicht
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Unterm Strich sind die Manager sehr optimistisch für ihre eigene Karriere: Über 40 Prozent erhoffen sich in den nächsten zwölf Monaten den nächsten Karriereschritt und trauen sich noch mehr zu. Dass sie führen wollen, ist aber nur noch für 55 Prozent ein Motivator. Die Freude an der Menschenführung lässt nach. „Manager sind zunehmend führungsmüde“, urteilt Gabriele Stahl, Headhunterin und Partnerin bei Odgers Berndtson in Frankfurt. 54 Prozent motiviert der Inhalt ihrer Arbeit. Die Digitalisierung und Industrie 4.0 sehen unter anderem wegen der abnehmenden persönlichen Kommunikation und Verschlechterung des Führungsverhaltens immerhin 24 Prozent der Manager kritisch.
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Gabriele Stahl, Personalberaterin und Partnerin bei Odgers Berndtson
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Im Handel sind die meisten karrierewilligen Manager
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In welchen Branchen sind die meisten aufstiegswilligen Manager? Im Handel- und Konsumgüterbereich ist das jeder zweite (50 Prozent), gefolgt von Pharma (45 Prozent), Automobil (41 Prozent) Telekommunikation/Medien (41 Prozent), Industrie (40 Prozent), Finanzdienstleistungen (37 Prozent), Energie/Versorger (36 Prozent), Unternehmensberatung/Wirtschaftsprüfung (33 Prozent) und Öffentlicher Sektor (29 Prozent).
Was die Manager von ihren Karriereambitionen abhält? 14 Prozent fürchten um ihre Gesundheit, 26 Prozent wollen nicht auf der nächsten Hierarchieebene politisch mehr taktieren müssten und 45 Prozent möchten nicht Familie und Freizeit mehr vernachlässigen müssen.
Zu wenig Zeit fürs Leben außerhalb der Firma
Die Umfrage im Detail: Die Wochenarbeitszeit des typischen Managers beträgt 54 Stunden, die er lieber auf 46 Stunden reduzieren würde. „Der Mehrheit der Manager fehlt Zeit für sich, für die Familie und sich gesellschaftlich zu organisieren“, weiß Gabriele Stahl, Headhunterin und Partnerin bei Odgers Berndtson in Frankfurt.
Dazu passt, dass nur 17 Prozent der Manager sagen, dass es akzeptiert wird, wenn sie ein Meeting wegen familiärer Pflichten pünktlich verlassen. 17 Prozent können bedenkenlos kurzfristig Aufgaben an Kollegen oder Mitarbeiter übertragen, wenn ungeplante familiäre Erfordernisse auftreten und 15 Prozent aus familiären Gründen dienstliche Termine verschieben.
Bevorzugte Karriereadresse: Mittelstand
Besonders hingezogen fühlen sich die Manager zum Mittelstand: 67 Prozent der Befragten streben dort einen Vorstands- oder Geschäftsführerposten an. Headhunterin Stahl ist zuversichtlich, dass sich dadurch auch der steigende Bedarf in Familienunternehmen decken lässt, der durch Generationenwechsel entsteht.
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Mit Familie umziehen? Nein, danke
Immer seltener sind Manager bereit, beim Wechsel der Firma auch gleich umzuziehen an einen anderen Ort innerhalb Deutschlands: Konkret nur noch 55 Prozent, also gut die Hälfte. Das waren laut Headhunterin Stahl zuvor noch 63 Prozent. „Wenn beide Partner berufstätig sind und die Kinderbetreuung teils mit hohem Aufwand verbunden ist, bewegt sich keiner mehr – verständlicherweise“, beobachtet Stahl.
Waren früher noch 45 Prozent bereit, für eine Beförderung ein Pendlerleben auf sich zu nehmen, so sind es heute nur noch 38 Prozent.
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Ältere Manager nehmen das Pendeln eher in Kauf
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Nur noch 44 Prozent würden mehr Wochenendarbeit akzeptieren (Zum Vergleich 2013: 57 Prozent). 84 Prozent der Manager wären jedoch bereit, in eine andere Branche zu wechseln und 70 Prozent, fachlich in eine neue Richtung zu gehen. 40 Prozent wären bereit, global umzuziehen, aber nur 38 Prozent, eine räumliche Trennung von Partner und Familie über eine längere Zeit in Kauf zu nehmen. Dazu waren vor drei Jahren von 45 Prozent bereit. Je älter die Manager, umso eher sind sie bereit, ein Pendlerdasein auf sich zu nehmen. Vermutlich, weil – soweit vorhanden – die Kinder bereits erwachsen und aus dem Haus sind.
Gefährdete Jobs
Hinzu kommt, dass auch sie gelernt haben, dass ihre Jobs jeden Tag aufs Neue auf dem Prüfstand stehen und gefährdet sind: Kaum macht das Unternehmen schlechtere Zahlen, sind sofort schier unreflektierte Entlassungen die Folge. Bei Fusionen sind plötzlich Managementposition doppelt besetzt und einer von zweien muss gehen. Schlechte Noten für die Chefs bei Mitarbeiterumfragen könnten ebenfalls immer öfter für Entlassungen sorgen. Den Führungskräften sind diese Unwägbarkeiten nur allzu klar, so dass sie ihren Familien keinen Umzug für ihren Job zumuten. Wirklich unzufrieden sind die unternehmen damit meistens auch nicht, wenn die Manager dafür unter der Woche keinen Drang verspüren, das Büro der Familie zuliebe pünktlich zu verlassen.
Home-Office-Modelle sind, so Stahl, da auch keine Lösung: Wegen der zunehmenden Digitalisierung befürchten Manager schon jetzt zu wenig persönliche Beziehungen und zu wenig zwischenmenschliche Kommunikation, so dass persönliche Präsenz im Unternehmen nötig ist, so die Personalexpertin.
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Gleichstellung von Frauen in der Führung? Muss nicht sein
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In puncto Gleichstellung zeichnet die Befragung der Führungskräfte ein düsteres Bild: 33 Prozent der Top-Manager erkennen nicht mal ein sichtbares Commitment ihrer Company oder konkrete Maßnahmen, 34 Prozent meinen, dass ihr Unternehmen das Thema Gleichberechtigung bei Führungspositionen nicht aktiv vorantreibt.
Das ist umso erstaunlicher, als der Druck durch den Gesetzgeber ja bereits massiv zugenommen hat durch der Zwang zur Selbstverpflichtung zur Beförderung von Frauen auf Top-Positionen für börsennotierte Unternehmen.
Für die Karriereperspektiven für Frauen gilt entsprechendes: 60 Prozent der weiblichen Manager denken, dass Männer nach wie vor leichter Karriere machen können als Frauen. Von den Männern denken das hingegen grade mal 27 Prozent. Erstaunliche 65 Prozent der männlichen Manager glauben, dass Männer wie Frauen in ihrem Unternehmen ebenso gut Karriere machen könnten. Obwohl die Fakten eine ganz andere Sprache sprechen.
