Entlassungen: „Sie haben doch einen Mann“ – Warum Frauen als erste draussen sind. Gastbeitrag von Arbeitsrechtlerin Heike Kroll

 

 

Frauen sind bei Entlassungen immer als erste draußen. Und: es trifft stets mehr Frauen als Männer – relativ gesehen jedenfalls. Gastbeitrag von Arbeitsrechtlerin Heike Kroll, Leiterin des Frauennetzwerkes des Verbands Die Führungskräfte (DFK)*


 
 
 
Heike Kroll, Verband der Führungskräfte

Heike Kroll, Arbeitsrechtlerin beim Verband Die Führungskräfte

 
Baut ein Unternehmen Personal ab, verlieren immer – relativ gesehen – mehr Frauen als Männer ihren Job. Und das aus verschiedenen Gründen: Zum einen, weil die Manager – besonders in kleineren Betrieben – oft auf die Idee kommen, gezielt den verheirateten Frauen Aufhebungsverträge anzubieten und ihnen zuzusetzen. Frei nach dem Motto: „Für Sie ist es doch nicht so schlimm, wenn Sie Ihren Job verlieren. Sie haben doch einen Mann, der gut verdient. Wenn Sie den Aufhebungsvertrag nicht unterschreiben, trifft es den Kollegen Huber/Müller/Schulz. Und der ist doch der Alleinverdiener seiner Familie.“ Sie appellieren an das gute Gewissen – und das ist bei Frauen regelmäßig stärker ausgeprägt als bei Männern.
 
Wenn schon das Gesetz ungerecht ist
 
In großen Unternehmen, bei denen auch der Betriebsrat am Personalabbau beteiligt ist, geht es eher streng nach Gesetz. Aber das ist erstaunlicherweise oft genauso ungerecht. Dann führen die Arbeitgeber die Sozialauswahl durch, die nach dem Kündigungsschutzgesetz beim Personalabbau vorgesehen ist. Alter, Betriebszugehörigkeit und Unterhaltspflichten der Betroffenen werden mit einander verglichen. Und dabei haben die Frauen oft wieder die schlechteren Karten – das zeigen zwei Beispielsfälle:
 
Ein Unternehmen legt im Rahmen von verschiedenen Organisationsänderungen zwei Abteilungen zusammen. Eine Abteilungsleiterstelle soll entfallen.
 
Die eine der beiden Abteilungsleiterstellen hat eine Frau: Sie ist verheiratet, hat aber – vielleicht sogar bewusst aus Karrieregründen – keine Kinder. Diese Frau Nummer eins wird mit einem männlichen Kollegen verglichen. Beide sind gleich alt und sind gleich lange im Unternehmen beschäftigt. Der männliche Kollege hat aber Familie, eine Frau und zwei Kinder. 
Damit hat er wegen seiner Kinder (die in aller Regel mit je vier Punkten gewichtet werden) die besseren Sozialdaten und gewinnt den direkten Vergleich. Frau Nummer eins verliert ihren Job. Der Mann nicht. Ob die Frau dieses Mannes selber einen Vollzeitjob hat, spielt unter Kündigungsschutzgesichtspunkten keine Rolle.
Berufstätige Mütter ziehen den Kürzeren
 
Einer berufstätigen Frau (Frau Nummer zwei), die genauso viele Kinder hat, wie der männliche Vergleichskollege mit Kinder ergeht es im Ergebnis nicht anders. Auch sie hat die niedrigere Punktzahl im direkten Vergleich. Denn diese Frau hat in den allermeisten Fällen wegen ihrer Kinderbetreuungspausen regelmäßig eine kürzere Betriebszugehörigkeit. Entweder hat sie erst dann wieder angefangen zu arbeiten, als die Kinder schon etwas älter waren oder sie hat die Kinder während des Studiums bekommen und ist erst später ins Berufsleben gestartet. Das Ergebnis: Damit fehlen ihr wichtige Punkte bei der Dauer der Betriebszugehörigkeit.
 
Wenn Frauen als erste das Feld räumen müssen
Bleibt die große Frage: Wie soll also gerade auf den mittleren Führungsebenen der Frauenanteil kontinuierlich steigen, wenn Frauen in Zeiten, in denen es den Unternehmen schlecht geht, als erste das Feld räumen müssen? 
 

Ich meine, der Gesetzgeber sollte reagieren. Das Kündigungsschutzgesetz müsste um einen wichtigen Aspekt im Rahmen der Sozialauswahl ergänzt werden: Der prozentuale Anteil des geringer vertretenen Geschlechts muss nach dem sozialen Auswahlverfahren mindestens genauso hoch sein wie vorher.

 
 
*Der Verband Die Führungskräfte vertritt in seinem Netzwerk rund 25.000 Fach- und Führungskräfte aller Branchen: www.die-fuehrungskraefte.de

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