„Wer kommt, wer geht“ – Was sich in den DAX-Vorständen 2016 ändert (2). Die Analyse von Jochen Kienbaum und Fabian Kienbaum (Interview)

Jochen Kienbaum

Jochen Kienbaum

Was sagen Ihnen die Zu- und Abgänge sowie die vielen Verlängerungen in den DAX-Unternehmen? 

Jochen Kienbaum: Nur 16 neue Vorstände in immerhin 160 Dax-Unternehmen, das ist echt wenig. Sie setzen personell offenbar sehr stark auf Kontinuität im Top-Management. Zum Vergleich: Vor einem Jahr hatten die Unternehmen immerhin noch 28 neue Vorstände berufen, mit 16 neuen Top-Managern hat sich diese Zahl fast halbiert. Und die Vorjahreszahl war auch schon auffallend niedrig.

 

Die Zahl der Neuzugänge sollte höher sein?

Jochen Kienbaum: Richtig, ich finde diese Entwicklung gefährlich für die DAX-Unternehmen. Die Megatrends Globalisierung, Digitalisierung und Demografie stellen sie vor immer größere Herausforderungen. Dafür brauchen sie ein Top-Management mit dem richtigen Kompetenz-Mix: zum Beispiel Manager mit internationalem Background, weibliche Vorstände oder Strategen mit Expertise für die digitale Transformation. Neue Perspektiven und frische Ideen sind gefragt – und solche wichtigen Impulse fehlen denjenigen Unternehmen, die in ihrer Führungsmannschaft am liebsten alles beim Alten lassen.

 

…und nur weiter auf Kosteneinsparungen und Entlassungen setzen wie schon in den vergangenen 15 Jahren? 

Fabian Kienbaum: In erster Linie kommt es auf umfassende Change-Management-Kompetenzen an, um den digitalen Wandel erfolgreich gestalten zu können. Das bedeutet, das Vorstände insbesondere mehr Engagement beim Vernetzen und in der Kommunikation aufbringen müssen. Die Fähigkeit, Mitarbeiter mitzunehmen, sie wert zu schätzen und ihnen regelmäßig konstruktives Feedback zu geben, also ein hohes Maß an soziale Kompetenzen aufzubringen, gewinnt zweifelsohne immer stärker an Bedeutung.

 

Vielleicht bemerken die Top-Etagen ja noch die Zeichen der Zeit, aber alle Umfragen in den Belegschaften zeigen das bislang jedenfalls nicht. Was muss ein Top-Manager noch mitbringen, um sein Unternehmen fit für die digitale Zukunft zu machen?

Fabian Kienbaum

Fabian Kienbaum

Fabian Kienbaum: Die digitale Revolution treibt die deutsche Wirtschaft derzeit besonders stark um. Strategisches IT-Wissen gehört zum künftigen Kompetenzprofil eines Vorstandes, wie ein Blick in die USA zeigt. Dort spielt diese Kompetenz schon eine wesentlich größere Rolle als hier in Deutschland. Solches funktionsübergreifendes Know-how wird angesichts der Dynamik des digitalen Wandels zu einer elementaren Schlüsselqualifikation. Last but not least müssen Vorstände in der Lage sein, einen permanenten Innovationsprozess in Gang zu bringen und die entsprechenden Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche digitale Transformation zu schaffen, wie zum Beispiel durch den Aufbau einer Digital-Unit.

 

 

Aber es gibt noch einen anderen Mangel, die Frauen in der Top-Etage, oder besser die fehlenden. Ihre Analyse zeigt, dass alle Frauen, die in die DAX-Vorstände einziehen, bequem in einen VW Polo passen – es sind nur vier. Ist das nach über vier Jahren intensiver Diskussionen über die Frauenquote und 14 Jahre Selbstverpflichtung der Industrie kein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft?

Jochen Kienbaum: So weit würde ich nicht gehen. Es stimmt: Die Frauenquote hat noch nicht die erhoffte Dynamik entfaltet. Allerdings hat unsere Analyse gezeigt, dass es bei den weiblichen Vorständen im Vergleich zum Vorjahr doch etwas mehr Bewegung gibt. Die Anzahl der weiblichen Vorstände steigt – der Trend ist also positiv, wenn auch auf noch niedrigem Niveau.

Aber es geht nicht nur um das Thema Frauen in Führungspositionen, sondern insgesamt um mehr Diversity in allen Dimensionen des Top-Managements – und das zu Recht, denn idealerweise spiegelt sich angesichts der genannten Trends auch die entsprechende, personelle Vielfalt in den Führungsgremien wider. Dabei geht es um  Manager beider Geschlechter, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, mit verschiedenen fachlichen und akademischen Hintergründen wie Personalkompetenz, strategische IT-Kompetenz, aber auch mit unterschiedlicher Berufs- und Lebenserfahrung undsoweiter.

 

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