WEF 2016 (6): CNN-Moderatorin Christiane Amanpour über Geschlechtergleichstellung – was Kanadas Premierminister Trudeau gelingt, sollte auch Klaus Schwab in Davos schaffen

 

Davos braucht eine Fünfte Industrielle Revolution – und zwar die wirtschaftliche Gleichstellung von Männern und Frauen, sagt Christiane Amanpour, Internationale Chefkorrespondentin, CNN International in ihrem Gastbeitrag exklusiv für den Management-Blog auf wiwo.de

CNN-Moderatorin Christiane Amanpour in beim World Economic Forum 2016 in Davos (Foto: CNN International)

CNN-Moderatorin Christiane Amanpour in beim World Economic Forum 2016 in Davos (Foto: CNN International)

 

Jeden Abend endet meine Sendung mit einem Beitrag, der „Imagine a World“ (Stellen Sie sich eine Welt vor) heißt. Er gibt einem die Möglichkeit, sich etwas Bemerkenswertes, etwas Neues anzuschauen. Das kann inspirierend, aufregend, beunruhigend oder sogar erschreckend sein.

 

Man stelle sich vor, die Männer und Frauen verdienten gleich viel…

Stellen wir uns doch einmal eine Welt vor, in der wir der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern ein Ende setzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir damit beginnen würden, für die gleiche Arbeit das gleiche Gehalt zu bezahlen? Das würde die Karten weltweit völlig neu mischen, wie die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums (WEF) im schweizerischen Davos nur zu gut wissen.

 

Frauen sind im Gehalt da, wo Männer vor zehn Jahren waren

Heute verdienen Frauen das, was Männer vor einem Jahrzehnt verdient haben. Den Davos-Teilnehmern ist bekannt, dass Frauen, die in der Arbeitswelt paritätisch vertreten sind und den gleichen Lohn erhalten, zu einem gesunden Anstieg des Bruttoinlandsprodukts führen. Dennoch hat sich die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen in verschiedenen Bereichen, angefangen beim Gesindheitswesen  bis hin zur Bildung sowie der Politik oder der freien Wirtschaft in den letzten zehn Jahren um gerade einmal vier Prozent geschlossen.

 

…was erst in 118 Jahren passieren wird

Die Organisatoren des WEF präsentierten diese Fakten letzte Woche in Davos  in einem eigenen Bericht. Und was noch schlimmer ist: Dem Bericht zufolge wird die klaffende Lücke bei geschlechtsspezifischen Unterschieden erst in 118 Jahren völlig geschlossen sein.

Also stellen sie sich meine große Überraschung vor, als ich nach sieben Jahren die Konferenz wieder einmal besuche und herausfinden muss, dass dieses Jahr gerade einmal 17,8 Prozent der Teilnehmer weiblich sind.

 

Ab und an eine Alibi-Frau

Jedes Mal, wenn ich zu einem Podium hochblickte, sah ich dort ein Diskussionsforum, bei dem ausschließlich (sehr kluge) Männer saßen – und ab und an eine Alibi-Frau.

Es war das Gesprächsthema aller Frauen, mit denen ich mich unterhielt, sowie  das vieler Männer. Wir alle stimmten darin überein, dass das WEF die Macht hätte, eine Trendwende beim Thema Gleichstellung der Geschlechter einzuläuten, indem die Veranstalter darauf bestünden, dass Männer undFrauen in etwa gleicher Anzahl die Konferenz besuchen.

 

Was Justin Trudeau schafft, sollte auch Klaus Schwab gelingen

Wenn der kanadische Premierminister Justin Trudeau ein Kabinett zusammenstellen kann, in dem die Verteilung 50:50 ist, „weil es das Jahr 2015 ist“, so könnte sicher auch Klaus Schwab etwas Ähnliches in Davos vollbringen, da wir inzwischen 2016 haben, ganz zu schweigen von den Jahren2017 und den folgenden. Und würde man dies zu einer Zugangsvoraussetzung machen, könnte das vielleicht Firmen und Regierungen anspornen, mehr Frauen einzustellen und zu befördern.

Es gibt so viele bestens ausgebildete, außergewöhnliche Frauen auf dieser Welt, doch die Gleichberechtigung der Geschlechter bleibt für etliche aus einer Vielzahl von Gründenvöllig außer Reichweite. Die jüngste Studie der UNESCO kommt zu dem Ergebnis, dass in den Entwicklungsländern zwei Drittel der erwachsenen Analphabeten Frauen sind. Ihnen fehlt damit die grundvoraussetzung für unzählige Jobs und verschließt ihnen die Tür zu vielen Möglichkeiten. In weiten Teilen der Welt werden Frauen zudem aus religiösenGründe von einflussreichen Positionen ferngehalten.

 

Davos ist kein Treffen der Armen oder religiöser Hardliner

Solch tief verankerte Gesellschaftsnormen zu verändern, braucht Zeit. Doch das Weltwirtschaftsforum in Davos ist keine Zusammenkunft der Armen oder der religiösen Hardliner.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Welt sind Frauen. Die Statistiken und die zuverlässigsten Daten sagen es eindeutig: Wenn es ein gesundes Gleichgewicht von Frauen und Männern gibt, und zwar ganz egal in welchem Bereich – von der gesellschaftlichen Basis bis hin zu den Top-Etagen der Wirtschaft – geht es der Gesellschaft insgesamt besser.

Das gilt für alle Bereiche, egal ob man das Gewaltniveau oder Bereiche wie  Gesundheit, Erziehung, Wirtschaft oder Umwelt betrachtet. Fragen Sie einmal die IWF-Chefin Christine Lagarde, eine der Frauen in Davos! Wussten Sie übrigens, dass China die meisten Milliardärinnen der Welt hat? Ich war erfreut, eine von ihnen in Davos interviewen zu dürfen: die Unternehmerin und Gründerin des ImmobilienkonzernsSOHO China, Zhang Xin.

 

Die Fünfte Industrielle Revolution wäre die Gleichstellung der Frauen

Letztes Jahr im September habe ich mich für die Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung eingesetzt, die unter anderem die Gleichstellung der Geschlechter bis 2030 fordern. Hier in Davos bekräftigte der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon dieses Vorhaben: „Wenn die Welt die Ziele nachhaltiger Entwicklung erreichen soll, brauchen wir einen Quantensprung bei der wirtschaftlichen Emanzipation von Frauen.“ Damit hat er natürlich recht. Ich hoffe, dass die Delegierten beim WEF, die größtenteils Männer sind, diese Botschaft verstehen: Wir Frauen wollen vollumfänglich und gleichberechtigt mit den Männern partizipieren. Vielleicht könnte Davos dann diese Fünfte Industrielle Revolution bewirken.

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