Naujoks in New York (IX): Schnitzel im Heidelberg in Manhattan

Für drei Monate ist Stephan Naujoks, 49, CEO und Co-Gründer des Kieler Start-ups Snapmobl, in New York über das German Accelerator Programm. Snap­mobl transformiert Webseiten von Kleinunternehmen vollautomatisch in Smartphone-optimierte Varianten. Das Ergebnis ist eine mobile Webseite, die sich durch bestmögliche Kontakt-Raten auszeichnet.  Snapmobl vermarktet diese Lösung seit einem knappen Jahr und hat seitdem rund 4.500 Webseiten transformiert .

 

Naujoks Ziel bis zum 31. März 2015: Die Vermarktung von Snapmobl in den Vereinigten Staaten.

 

Stephan Naujoks von Snapmobl

Stephan Naujoks von Snapmobl in New York im März 2015

Folge IX:
Am Samstag hat es mich mächtig zum Meer gezogen, zum Rockaway Beach. Ein toller Strand, endlos lang und ca. 300 Meter breit. Allerdings bis auf einen 10 Meter breiten Streifen am Wasser unter einer 40 cm dicken Schneeschicht versteckt. Und es war mal wieder schweinekalt: -7 Grad und gute 6 Windstärken von vorn. Da gefror die Hand in der Jackentasche…
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Für mich ist ein Spaziergang am Wasser – oder noch besser segeln auf dem Wasser – der perfekte Ausgleich, um die Batterien voll zu laden. Ich hatte die vergangenen Wochen ordentlich Stress um die Ohren, deshalb wurde es auch ein Marsch von fast 20 Kilometer.
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Ein Unterschied fiel mir zu meiner heimischen Ostsee auf: Bei uns geben die Möwen – egal was sie haben – nichts mehr her. Hier nahmen die Möwen riesengroße, handteller große Muscheln auf, flogen damit hoch und ließen sie runterfallen. Ich konnte mir ja nicht vorstellen, dass die so geöffnet werden, aber so war es.
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Auf dem Rückweg bin ich dann in einen lustigen St. Patrick-Day-Umzug gekommen. Der war sogar richtig groß. Es gab eine Parade mit bestimmt 30 Gruppen, die ordentlich Krawall gemacht haben. Mit Dudelsäcken, Schottenröcken – alles was dazu gehört.
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Die Straßen waren gesäumt mir äußerst feierwillig aussehenden Irland-Fans. Besonders gefallen hat mir dieser Hund, der wohl sehr starke irische Wurzeln hat:
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Ich hätte es ja kaum geglaubt – aber es gibt sie tatsächlich: Die berittenen Sheriffs in New York. Hier eine Damen-Patrouille auf dem Weg durch den Central Park. Sicher bei Schnee die beste Art, voran zu kommen.
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Und am Sonntag war er da: Der Frühling. Seitdem sind fast durchgängig elf Grad plus, in der Sonne sogar mehr. Das habe ich natürlich gleich für eine Joggingrunde durch den Central-Park nutzen wollen. Doch bei diesen Temperaturen schwitzt der Schnee noch mehr als ich, so dass es eine richtige Wasserschlacht wurde.
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Und es gab noch eine Überraschung: Am Sonntag wurden bereits die Uhren vorgestellt. Offensichtlich sind vor sieben Uhr morgens so wenig Leute aufgestanden, dass diese Zeit ruhig weiter im Dunkeln bleiben kann.
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Drei Phasen: Get, Keep and Grow
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Mein German Accelerator Programm drehte sich in dieser Woche um die Kundengewinnung: Dabei haben wir zwischen den Phasen Get, Keep und Grow unterschieden.
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Am Beispiel snapmobl sind die Phasen sehr gut erkennen, da wir ein Abo basiertes Geschäftsmodell haben. Zur Erinnerung: Snapmobl transformiert Webseiten vollautomatisch in mobil optimierte Webseiten.
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Vor Snapmobl:
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Nach Snapmobl:
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Um Neukunde zu gewinnen, machen wir den Einstieg so einfach wie möglich: Die eigene Webseite kann man kostenlos transformieren. Wer möchte, kann die Webseite mit einem einfach zu bedienenden Editor customizen. Und bis zu 500 Seitenaufrufen bleibt auch alles kostenlos.
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So können unsere Kunden snapmobl in Ruhe ausprobieren und sehen, wie erfolgreich die mobile Webseite ist. Erst danach fällt die Kaufentscheidung. Wenn die mobile Webseite schon so oft aufgerufen wurde, weiß der Kunde bereits, wie viele zusätzliche Kontakte er darüber bekommen hat: Er sieht, wie oft der Anrufbutton für eine Terminvereinbarung geklickt wurde oder wie oft sich ein Kunde über den Navigationsbutton zum Geschäft lotsen ließ.
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Insofern ist der Akquiseprozess eines digitalen Gutes deutlich einfacher als der eines  physischen Produktes: Beim digitalen Gut gibt es nur zwei Phasen: Acquire und Activate. Sonst sind es doppelt so viele: Awareness, Interest, Consideration und Purchase.
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Messbare Erfolgsraten helfen Optimieren
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Beiden gemeinsam ist jedoch, dass die Erfolgsraten in den einzelnen Schritten genau gemessen werden, um nach und nach optimieren zu können. Bei snapmobl messen wir für jeden Vertriebskanal:
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Wie oft wird geklickt, um auf unsere Webseite/Landingpage zu kommen?
Wieviele dieser Besucher transformieren eine Webseite?
Wieviele registrieren sich?
Wieviele veröffentlichen ihre Webseite?
Und erst danach geht es um zahlende Kunden. Jeder dieser Schritte wird anhand einer Vielzahl von Kundenaktivitäten gemessen  – zum Beispiel wieviele E-Mails geöffnet wurden – und dann mit anderen Aktionen verglichen.
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Auf diese Weise können wir jede Marketingaktion Schritt für Schritt verbessern, da auf einen Blick das Optimierungspotential zu erkennen ist. In der kommenden Woche geht es darum, wie wir unsere Kunden behalten (Keep).
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Worklife-Balance
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Über eine Frage habe ich tatsächlich erst nachgedacht, als sie mir gestellt wurde: Wie sieht es bei meinem Programm mit der Worklife-Ballance aus?
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Es ist sicher richtig: Zu meinem vollen Arbeitstag in Deutschland kommt nun das Mentoren-Programm und natürlich reichlich Kundenkontakte in USA dazu. Und trotz der Zeitverschiebung hat der Tag nur 24 Stunden 😉
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Aber es lässt sich doch vieles so organisieren, dass ich überall noch ein wenig zusätzliche Zeit „rausschlage“. Zum Beispiel kann ich in Deutschland die Fahrt ins Büro nicht zum Arbeiten nutzen: Zum Telefonieren ist es zu früh. Zum emailen habe ich auf dem Fahrrad oder im Auto keine Hand frei. Hier telefoniere ich auf dem Weg zur U-Bahn und bearbeite fleissig emails während der Fahrt. Das sind schon mal anderthalb Stunden. Und ich stehe eine Stunde früher auf als in Deutschland – um fünf Uhr früh. Und das bremst natürlicherweise meine abendlichen Aktivitäten gewaltig 😉
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Ich probiere dann gleich erst einmal, wer von meiner deutschen Telefonliste erreichbar ist und richte danach Morgenwäsche und Frühstück. Um 6.00 Uhr gibt’s dann den täglichen Call mit meinem Geschäftsführungskollegen in Deutschland.
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Die Mittagspause fällt dem Zeitplan zum Opfer – mir reichen eh zwei Mahlzeiten am Tag. Erst recht bei den amerikanischen Portionen. Statt Mittagspause gibt es aber das tägliche Telefonat mit der Familie. Bis auf ganz wenige Ausnahmen habe ich das jeden Tag durchgehalten – egal wie hoch die geschäftlichen Wogen gingen. Und da wir dabei immer ordentlich Blödsinn machen (ich verstecke mich immer hier zum Telefonieren), bin ich danach wieder topfit für den zweiten Teil des Tages.
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Blödsinn am Laptop:
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…vor allem beachte man den Piraten unten rechts
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In der Regel verlasse ich das Büro gegen 18.00 Uhr und mit Nachhauseweg und Abendessen bin ich dann perfekt für die Abendschicht gewappnet. Wenn die dann rum ist, versuche ich noch, ein paar Seiten zu lesen, damit ich nicht berufliche Themen mit ins Bett nehme. Der Samstag ist dann wesentlich entspannter, da habe ich meist am Nachmittag alles, was von der Woche übrig geblieben ist, aufgearbeitet. Und Sonntag versuche ich, gar nicht zu arbeiten. Halte ich natürlich nur selten durch 😉
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Alles in allem weiß ich nach 25 Berufsjahren und davon 17 in der Geschäftsführung, was ich mir zumuten kann. Und wenn es brenzlig wird, gehe ich auch mal zu Fuss nach Hause, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber das ist sehr selten.
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Eine andere Frage ist, warum wir in solch einer frühen Phase unbedingt nach USA wollen, wo wir den deutschen Markt doch noch gar nicht zu Ende bearbeitet haben. Das stimmt natürlich: Nach der reinen Lehre geht es erst in den Heimatmarkt und wenn der fertig beackert ist, nach Österreich und die Schweiz 😉
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Der deutsche Markt ist wenig innovationsfreundlich
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Ich sehe als riesigen Vorteil eines digitalen Produkts, dass ich das ohne große zusätzliche Kosten anders machen kann. Denn eines lässt sich nicht verleugnen: Der deutsche Markt ist alles andere als innovationsfreundlich.
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Zwei Beispiele: Zahlungsmittel und Smartphonedurchdringung. Ich habe bereits in meiner alten Firma mit der elektronischen Softwaredistribution erfahren müssen, dass diese in Deutschland erst 1,5 Jahre nach der Markteinführung verkaufbar war. Ich sehe es als Vorteil, während dieser Zeit Marktanteile in den Regionen zu gewinnen, die bereits besser entwickelt sind.
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In den USA ist jeder Frisuer, Zahnarzt und Restaurantbeseitzer marketingorientiert
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Und Amerikaner sind per se sehr offen, Neues auszuprobieren. Dazu kommt, dass unsere Zielgruppe der Kleinunternehmen – ob Restaurant, Friseur oder Zahnarzt – viel marketingorientierter sind als bei uns. Und beides zusammen führt dazu, dass ich einen Neukunden in USA oder auch in Großbritannien zu einem Drittel der Werbekosten gewinnen kann wie in Deutschland. Deshalb haben wir bereits im März letzten Jahres – also zur Markteinführung von snapmobl – eine US Inc gegründet und uns dann auch für das German Accelerator Programm beworben. Und heute machen wir fast 70 Prozent unseres Neugeschäftes in USA, knapp 20 Prozent in Großbritannien, knapp zehn Prozent in Deutschland  und der Rest verteilt sich ziemlich gleich auf den Rest der Welt.
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Das New Yorker Restaurant mit dem Namen Heidelberg
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Heute gibt’s noch einen Nachtrag, denn ich hatte gestern einen ganz besonderen Abend: Vertieft in einen Vertragsentwurf habe ich doch glatt meine Zielhaltestelle verpasst und bin zu weit gefahren. Da es ein lauer Frühlingsabend war, bin ich zu Fuß nach Hause gegangen und stand plötzlich vor einem Restaurant namens Heidelberg. Sofort waren alle Lockungen von Burger&Co vergessen, denn es stand ein Schnitzel mit Bratkartoffeln auf der Speisekarte. Als ich dann auch noch mein friesisch herbes Lieblingsbier entdeckte, gab es kein Halten mehr. Das gab es übrigens in allen in Deutschland üblichen Gebindegrößen – befremdet hat mich nur der Hinweis, dass man den Zwei-Liter-Stiefel nicht alleine trinken darf. Wird wohl seinen Grund haben. http://www.heidelberg-nyc.com/
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Speisekarte im Heidelberg:
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Kellner in Lederhosen – mit Straßenschuhen und schwarzen Socken
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Das Innere des Restaurant war ein Mix aus allen Teilen Deutschlands: Wie gesagt – der Name Heidelberg, die Bedienungen in Lederhosen  – ein Kellner trug dazu schwarze Straßenschuhe mit schwarzen kurzen Socken, das habe ich so auch noch nicht gesehen. Das Innere dunkel, dicke dunkle Holztische, die typischen Schmiedeeisernen Abtrennungen zwischen den Tischen und über der Bar ein Dach aus Schwarzwälder Holzschindeln. Und die Wände voller düsterer Gemälde, vorzugsweise Jagdszenen, in goldenen, mächtigen Rahmen. So etwas in Deutschland wirklich selten geworden.
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Schnitzel im New Yorker Heidelberg:
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Und die Musik: Natürlich Schlager. Keiner nach 1972 entstanden. Ich weiss das, denn ich durfte zu dieser Zeit schon „Hitparade“ im Fernsehen schauen und kannte natürlich jedes Lied. Selbst Heinos „Schwarze Barbara“. Und dank Smartphone und wikipedia weiß ich nun endlich, was genau ein Kürassier ist 😉

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