CNN-Korrespondentin Poppy Harlow exklusiv vom WEF (V): USA ist Europa bei Top-Managerinnen weit voraus

Im Kampf für Gleichberechtigung braucht Davos mehr Frauen, meint Poppy Harlow, CNN-Korrespondentin. Gastbeitrag aus Davos exklusiv für den Management-Blog, letzter Teil dieser Serie.

 

CNN-Moddderatorin Poppy Harlow (Bild:

CNN-Moderatorin Poppy Harlow (Bild: CNN International)

Als ich letzte Woche auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos mit Ann Cairns, President of International Markets bei Mastercard, zusammensaß, wurde mir wieder einmal bewusst, wie viel Glück ich habe, jedes Jahr erneut von dieser Veranstaltung berichten zu dürfen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits zwei dieser „Davos-Momente“ in dem Schweizer Kurort hinter mir: Als ich das Kongresszentrum betrat, lief ich erst an Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg vorbei und kurz darauf an Christine Lagarde, der geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

„Du kannst alles erreichen, auch wenn in vielen Magazinen steht, dass dem nicht so ist“, meinte Cairns, als ich sie für die CNN-Serie „Leading Women“ interviewte. Die Top-Managerin bei Mastercard ist eine der vielen Frauen mit hohem Bekanntheitsgrad, die dieses Jahr das WEF besuchten. Die Behauptung, dass arbeitende Mütter keine erfolgreiche Karriere haben könnten, wies sie weit von sich.

 

Nur 17 Prozent Frauen in Davos

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos, dessen Motto 2015 „der neue globale Kontext“ war, treffen sich jedes Jahr im Januar kluge Köpfe und Entscheidungsträger aus aller Welt. Die Themen reichen von Terrorismusbekämpfung bis hin zu Maßnahmen gegen die wachsende Einkommenskluft. Dieses Jahr waren nur 17 Prozent der Teilnehmer des Gipfels, den man ausschließlich auf Einladung besuchen kann, weiblich. Das ist zwar ein Anstieg gegenüber den 15 Prozent im Jahr 2014, doch immer noch eine vergleichsweise niedrige Zahl. Von den 500 Unternehmen der bekannten „Fortune“-Liste haben gerade einmal 3,4 Prozent eine Firmenchefin. Es gibt also noch jede Menge zu tun.

 

Auch die neue Spielregel des WEF zog nicht

Im Jahr 2010 führte das WEF eine neue Regel ein, die besagt, dass Unternehmen einen fünften Unternehmensvertreter mit auf den Gipfel entsenden dürfen (im Gegensatz zu der bis dahin geltenden Obergrenze von vier Personen), solange in der Delegation sowohl Männer als auch Frauen vertreten sind. Mit Initiativen wie dieser wurde zwar ein gewisser Fortschritt erzielt, doch nach wie vor ist das WEF eine von Männern dominierte Veranstaltung.

Carolyn Everson, Facebooks Vizepräsidentin für internationales Marketing, ist der Ansicht, dass der Wandel kommt. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Fortune“ sagte sie: „In den nächsten Jahren wird die Zahl der Teilnehmerinnen kontinuierlich steigen. Die Gespräche, die heute geführt werden, haben große Auswirkungen auf die künftigen Karrieren von Frauen und werden ihnen helfen.“

 

Die USA sind Europa um Jahre voraus bei Frauen in Spitzenjobs

Ann Cairns, die in London lebt, ist der Meinung, dass „die USA Europa ein paar Jahre voraus sind“, wenn es darum gehe, Frauen in Spitzenpositionen zu bringen. Beim Thema Frauenquote ist sie gespaltener Meinung. „Für mich ist es ein recht schwieriges Thema, da ich einerseits gern mehr Frauen in den Vorständen der Unternehmen sehen würde. Aber mir würde es überhaupt nicht gefallen, wenn ich denken müsste, dass ich eine Position vielleicht nur wegen einer Quote bekommen habe – und ich glaube, viele Frauen sehen das genauso. Ob die Entwicklung schnell genug voranschreitet? Es könnte durchaus etwas zügiger vonstattengehen.“

Ertharin Cousin, die Exekutivdirektorin des UN World Food Programme (WFP), erklärte, wieso sich das WFP so sehr auf Frauen konzentriert: „Weil die Frauen in den Gegenden, die wir versorgen, oft den entscheidenden Unterschied ausmachen – und selbst in unseren Haushalten hat die Stimme der Frauen großes Gewicht.“

 

Am besten als geschlechtsloses Wesen daherkommen?

Inzwischen leitet Cousin das 5,4 Milliarden Dollar umfassende Hilfsprogramm, doch ihr Weg bis an die Spitze war voller Hürden. Sie erzählte mir eine Geschichte aus ihrem Studium, als man ihr als Jurastudentin einen Ratschlag gab, wie sie in einem Bewerbungsgespräch punkten könne. „Sorgen Sie dafür, dass der Mandant sie nicht als Frau wahrnimmt“, empfahl man ihr, „denn das sah man als Nachteil. Damals war man noch der Meinung, dass eine Frau nicht das nötige Zeug dazu habe, in einen Gerichtssaal zu gehen und einen Mandanten zu vertreten; am besten fahre man als geschlechtsloses Wesen.“

Diesen Ratschlag hat sie ganz offensichtlich nicht befolgt. „Ich ging zu dem Bewerbungsgespräch – und trug ein rotes Mantelkleid. Denn ich habe mir gesagt, wenn sie mich einstellen, wird das nicht wegen dem sein, was ich trage. Vom ersten Moment an, in dem ich zur Tür hereinkomme, bis zu dem Moment, in dem ich mich auf den Stuhl setze, sollen sie sehen, dass sie eine Frau einstellen. Eine Frau, die in der Lage ist, ihre Arbeit zu erledigen.“

Viel Arbeit – wegweisende Arbeit – liegt noch vor uns, und sie wird auch von jenen Frauen verrichtet, die das WEF besuchen. Davos lässt wohl fast jeden ein wenig demütig werden. Nur schwer ist zu fassen, welch großen Einfluss viele der Teilnehmer in Wirtschaft und Politik haben und welche Mammutprojekte sie verfolgen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

 

Oder ist es nur ein Alte-Männer-Problem mit Frauen im Job?

In Davos sind natürlich auch bemerkenswerte Männer vertreten, die sich mit dem Thema Frauen beschäftigen. Der jüngste der 1.500 Unternehmer aus über 100 Ländern war dieses Jahr der 22-jährige Alain Nteff aus Kamerun. Er hat eine Gesundheits-App namens Gifted Mom entwickelt, die Wissen zu Gesundheitsthemen an schwangere Frauen vermitteln und somit dazu beitragen soll, die Sterblichkeitsrate von werdenden Müttern und Neugeborenen in Nteffs Heimatland zu senken.

Das Ziel des Forums war, „den Zustand der Welt durch die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privatwirtschaftlichen Sektor zu verbessern“. Und wie Ann Cairns twitterte: „Männer und Frauen ergeben wahrhaft produktive Teams“. Hoffen wir, dass es in den kommenden Jahren – in Davos und den Spitzenpositionen – irgendwann die gleiche Anzahl von Frauen und Männern geben wird.

 

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