Der delegierte War for Talents: Wie die Unternehmen sich vor Bewerbern schützen

Sie stünden im „War for Talents“ tönen die Unternehmen gerne, wenn sie gleichzeitig über angeblich fehlenden geeigneten Nachwuchs jammern. Ihre schwierige Suche nach den klügsten Köpfen.

Nein, man wolle nicht die Nerds, die nur gut pauken und ansonsten weniger gut auf die Menschheit losgelassen werden könnten. Deshalb gucke man gar nicht – oder gar nicht so sehr – nach den Schulnoten. Sondern danach, was ein junger Mensch ansonsten so zu bieten habe. So erzählte es  mir kürzlich der Personalchef eines weltweit tätigen  US-Konzerns im Brustton der Überzeugung. Etwa wenn ein 20-Jähriger Mann eine Mannschaft – in was auch immer – unterhalb der Bundesliga trainiere, sei es doch klar, dass er keine Spitzennoten auf dem Zeugnis stehen habe. Denn der komme gar nicht dazu, soviel Schulstoff zu pauken, führt der Personaler weiter aus. Viel zu viel Zeit gehe schon für das Training drauf.

 

Was irgendein Lehrer mal meinte, kann nicht der Maßstab sein

Und weiter: Was irgendein Lehrer von dem Betreffenden gerade so denken würde und welche Note er dem mal verpasst habe, das könne für sie als Unternehmen nicht maßgbelich sein. Denn eins sei für ihn als Personalprofi bei so einem Kandidaten mal ganz klar: So einer kann Menschen führen.

So weit so einleuchtend. Dumm ist nur eins: Die Zeit, sich ihre Bewerber anzugucken, auf solche Fähigkeiten abzuklopfen, mögen Unternehmen dann doch nicht investieren – in ihren angeblichen War for Talents. Und schon gar keine Mühe.

 

Was macht man aber in der Realität? Beispielsweise die Bewerber in Online-Formulare auf der Unternehmenswebseite lotesen – um sie alle möglichst stromlininförmig und mundgerecht eingenordet zu bekommen. Um dem Bewerber klar zu machen, er ist nur einer von gaaaaanz vielen und dass für ihn Formulare wie beim Einwohnermeldeamt gut gerade genug seien. Und – was offenbar auch ganz praktisch ist – so manche Bewerbung derart auf den Weg gebracht, kommt nie beim Empfänger an.

Ein Grund dürfte sein, dass auch die Personalabteilungen so klein gespart wurden, dass sie für diese Kernaufgaben keine Manpower mehr haben.

 

Zu viele Bewerber

Denn: Bewerbungen bekommen die Unternehmen von jungen Leuten offenbar gerade in Hülle und Fülle. Zu viele – viel mehr als sie gebrauchen können, erzählt ein Vertreter einer namhaften Unternehmensberatung. Was macht man also? Man engagiert einen Dienstleister, der vorsortiert. Für ein paar Euro je Bewerbung sortiert der dann aus. Als erstes zum Beispiel, wer sich einen Schreibfehler hat zuschulden kommen lassen. Das macht es leicht – für den Dienstleister.

Als nächstes Auswahlkriterium kommt dann – raten Sie mal, was? Genau: – die Schulnoten dran. Siehe gegenteilige Überzeugung des Personalchefs oben. Den Dienstleister schert´s nicht, für den muss es schnell gehen, weil sich der Auftrag sonst nicht lohnt.

Wie das sein kann? Klarer Fall, der Denstleister fürs Bewerber-Vorsortieren wird pro Fall bezahlt und je schneller der Fall vom Tisch ist, umso höher sein Profit.

 

Die gute alte Schulnote als einzig wahres Brandzeichen

Und logisch ist noch etwas: Warum soll der Dienstleister unnötige Risiken eingehen und sich angreifbar machen? Wenn er mit Kriterien wie Schulnoten auf der sicheren Seite ist. Warum soll er mühsam Lebensläufe lesen, wenn ein gezielter Blick auf irgendeine Note ihn seine Arbeit zügig erledigen lässt. Leicht verdientes Geld. Und so schnell kommt auch kein Auftraggeber dahinter. Ganz abgesehen davon, dass es immer noch Schulen gibt, die besonders stolz auf ihre strengen Noten sind und andere, wo bessere Noten einfacher erreichbar sind. Wer weiss das schon, wenn er ein Bewerberzeugnis ansieht?

 

Noch einfacher: Gar nicht erst antworten

Noch einfach ist natürlich dies, was offenbar viele Unternehmen auch ganz ohne einen Dienstleister schaffen: Gar nicht erst antworten. Die Flut der Bewerbungen einfach liegen lassen.

Und wenn dann tatäschlich einer nachhakt oder die Bewerbung zum zweiten Mal an die Company schickt – dann hat man die Stelle zur Not eben gerade erst besetzt.

 

War against the Talents oder: Wenn schon die Personaler nicht genug wissen

Im Klartext: Der War of Talents ist eher ein Kampf gegen die Talente und die größte Mühe, sie abzuwehren. Alles Show. Denn es wirklich ein Problem wäre, würde man es auch selbst anpacken und nicht wegdelegieren und schon gar nicht an einen fremden Dienstleister. Zumal: Wenn die Abteilungen in den Unternehmen doch oft klagen, die Personalabteilung kenne ihre Bedürfnisse nicht – wie bitteschön soll es dann ein externer Dienstleister können?

Der kann im Grunde genommen gar nichts anderes machen, als nach irgendeinem Schema F gehen und braucht gar nicht erst versuchen, nach dem Trüffel zu suchen. Wenn er gar nicht weiss, welche Trüffel brauchbar wären.

Und noch einen Schritt weiter gedacht: Wenns nur nach solchen rasch ablesbaren Kriterien geht wie einer einzelnen Schulnote – dann braucht man gar keinen teuren Dienstleister. Dann tut´s auch ein Praktikant. Selbst wenn der eines Tages Mindestlohn bekommen sollte.

Und der hat sogar noch einen Vorteil: Der kann die Fachabteilung nach ihrer Meinung fragen.

Und noch eine Frage stelle ich mir am Ende: Wenn alle Bewerber nach Bewerbertrainings und dergleichen versuchen müssen, möglichst geklont und standardisiert daher zu kommen, weil die Unternehmen es genau so wollen – was hat das Ganze noch für einen Sinn, wenn am Ende alle gleich aussehen? Ist auch das vielleicht ein – hausgemachter – Grund, warum man verzweifelt nach ausgerechnet Schulnoten guckt?

 

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