„Ich warte auf die erste Steuer-CD aus Samoa“ – Strafrechtsprofessor Wessing im Interview, warum der Rückzieher von Hoeneß klug ist

Wirtschaftsstrafverteidiger und Professor Jürgen Wessing wartet „auf die erste Steuer-CD aus Samoa“. Warum er Selbstanzeigen immer noch für das einzig Richtige für Steuersünder hält und wie Betroffene kompetente Anwälte für astreine Selbstanzeigen finden können.

 

Jürgen Wessing, Wirtschaftsstrafverteidiger und Professor in Düsseldorf

Jürgen Wessing, Wirtschaftsstrafverteidiger und Professor in Düsseldorf

 

Uli Hoeneß hat nun – entgegen allen Erwartungen und Spekulation von Beobachtern direkt nach der Urteilsverkündung – alle seine Ämter niedergelegt, er will seine Strafe im Gefängnis unverzüglich absitzen und auch keine Revision einlegen. http://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/fc-bayern-muenchen/article125793559/Hoeness-akzeptiert-Haftstrafe-und-legt-Aemter-nieder.html

Warum macht er das?

 

Wessing: Damit die Staatsanwaltschaft ihrerseits auf eine Revision verzichtet. Das ist ein kluger Schachzug von Hoeneß. Der Bundesgerichtshof (BGH) könnte nämlich das Strafmaß von drei Jahren und sechs Monaten zu niedrig finden und nachlegen. Er hätte also mit der Revision riskiert, statt dreieinhalb Jahren vielleicht doppelt so lange ins Gefängnis zu müssen.

 

Oder hat er einfach die Nase voll?

 

Hoeneß hat offensichtlich auch den moralisch richtigen Schritt gemacht und die Konsequenzen seines Verhaltens nach außen vollzogen. Was dafür spricht, dass er auch innerlich hinter seiner Erklärung auf  der Webseite des FC Bayern steht.

Ich vermute, er will nicht mehr mit der der Unsicherheit leben, die ein langwieriges Strafverfahren mit sich bringt: die Sorge, dass die Gefängnisstrafe noch höher wird und die Tatsache, dass er dauernd wieder mit seinem größten Fehler seines Lebens – wie er es selbst sagt – konfrontiert wird, das hält kein Mensch längere Zeit aus. Ich habe zu oft erlebt, wie Mandanten darüber plötzlich krank werden – physisch und psychisch. Von Herzinfarkten bis zu Depressionen kommt in solchen Situationen alles vor.

 

Schwebende Verfahren können also den Menschen schlimmer zusetzen als eine Freiheitsstrafe?

 

Ja, es fällt wie eine Last von den Menschen ab, wenn sie wieder wissen, wie ihre Zukunft aussieht.

 

Eine Zukunft auch ohne die honorigen Positionen wie Hoeneß sie innehatte?

 

Bei Hoeneß war es bislang schon mehr als ungewöhnlich, dass er in seinen Ämtern geblieben war und auch gehalten wurde. Seinen Freunden und Geschäftspartnern hat er es jetzt erspart, dass sie ihn jetzt vor die Tür setzen mussten, nachdem sie so lange zu ihm gehalten haben.

 

Aber der Fall Hoeneß hat auch gezeigt, dass Selbstanzeigen hochriskant sind. So riskant, dass viele den Weg vielleicht nun nicht mehr selbst gehen wollen?

 

Ich rate immer noch unbedingt zu Selbstanzeigen – mit kompetenten Beratern. Aber man muss die Selbstanzeige sorgfältiger machen: Man muss  sammeln, sammeln sammeln und sämtliche Papiere von sämtlichen Banken in sämtlichen Ländern zusammentragen.

 

Und woher weiß man, wer kompetente Berater sind?

 

Betroffene sollten nicht den Anwalt um die Ecke aufsuchen, sondern einen Steuerstrafanwalt. Und keinesfalls irgendeinen Steuerberater. Oder gar ein befreundeter Finanzbeamter, denn der macht sich dann gleich mit strafbar. Es muss ein ganz spezialisierter Anwalt sein, der auf seiner Homepage „Beratung in Selbstanzeigen“ anbietet.

 

Das kann jeder schreiben. Kennen Sie eine Liste, auf der ein Betroffener zuverlässig kompetente Adressen findet?

 

Nein, nirgendwo gibt es so eine Liste. Wer einen Anwalt mit dem Titel `Fachanwalt für Steuerrecht` oder `Fachanwalt für Strafrecht` aussucht, hat schon mal bessere Karten. Man kann auch mehrere Anwälte anfragen.

 

…was sollte die Fragestellung sein, die weiterhilft bei der Auswahl? Kein Anwalt gibt Referenzen mit Namen – und besonders nicht bei so heiklen, persönlichen Steuerthemen.

 

 

Man könnte durchaus fragen, wie viele Selbstanzeigen der Anwalt mit welchem Erfolg schon durchgeführt hat für andere Klienten. Manche Mandanten fragen in Kanzleien genau das an – im ersten telefonischen Vorgespräch.

 

Von Mailanfragen rate ich ab, erst recht wenn sie erkennbar an mehrere gleichzeitig gehen – dann vermuten Juristen ohnehin gleich Trittbrettfahrer, die kostenlosen Rechtsrat abgreifen wollen. Auf Massenmails reagieren gute Anwälte nicht. Wer Steuerprobleme hat mailt auch normalerweise nicht, der will gerade keine Spuren hinterlassen.

 

Wie kann man sonst fündig werden?

 

Es gibt eine bestimmte Riege von Leuten, die dieses Thema mit Schwarzgeld im Ausland haben – und die kennen sich oft untereinander. Da gibt´s dann auch die Empfehlungen über Mundpropaganda.

 

Und die taugen etwas?

 

Durchaus. Über so etwas wird gesprochen im Tennisclub, beim Kaminabend, wenn´s vertraulich wird und man auch über Sorgen spricht.

 

Und wer sich nicht in den gesellschaftlichen Kreisen verkehrt, sondern etwa zur eigenen Überraschung ein Auslandskonto erbt?

 

Der hat heute immerhin das Internet. Dann kann man sich durchklicken, bis man merkt, dass bestimmte Anwälte-Namen immer wieder auftauchen.

 

Man muss also die hochspezialisierten Köpfe auf Teufel komm raus finden?

 

Ein wichtiges Kriterium ist, dass ein Anwalt sich konzentriert auf ein einziges Feld und nicht gleichzeitig mehrere völlig andere Gebiete angibt – der kann meistens alles ein wenig und nichts richtig.

 

Wer Gesellschaftsrecht und Arbeitsrecht auch noch auf seiner Homepage stehen hat, ist eben ein wirklich ein Risiko bei Selbstanzeige-Fällen.

Wer dagegen Zollrecht und Erbrecht samt Selbstanzeigen anbietet, ist nicht so verkehrt.

 

Es gibt ja so wahnsinnige Fälle, bei denen ein Anwalt in vier Ländern wie USA, Israel, Schweiz und Deutschland jeweils gleichzeitig eine Selbstanzeige machen muss – das ist unglaublich kompliziert. Da braucht man dann in den anderen Ländern zusätzlich einen Anwalt. Und ein guter Anwalt kennt solche Kollegen.

 

 

Ist die Selbstanzeige nicht ohnehin ein viel zu hohes Risiko, wie man bei Hoeneß gesehen hat?

 

Noch riskanter ist es, ´aufzufliegen´, das kostet nicht nur Steuern,sondern auch noch Strafe bis hin zur Haft. So wie sich die internationalen Beziehungen im Steuerrecht entwickeln – Stichwort Rechtshilfe und Informationsaustausch – wird es mittel- bis langfristig jeden erwischen. Wie man am Fall Hoeneß sieht: selbst eine ´kaputte´ Selbstanzeige ist besser als kalt erwischt zu werden.

Ohne Hoeneß Selbstanzeige wären die Münchner Tarife mindestens doppelt so hoch. Unter sechs bis acht Jahren Gefängnis würde man dann nicht wegkommen. Immerhin hat Hoeneß die Selbstanzeige also mehrere Jahre Rabatt gebracht.

Es gibt Menschen, die hartleibig sind ohne Ende – die setzen voll aufs Risiko. Die hoffen, nicht erwischt zu werden. Das wird künftig aber nicht mehr gut gehen, die internationalen Rechtshilfeabkommen über die Ländergrenzen hinweg werden immer dichter, die greifen über alle Ozeane. Ich bin gespannt auf die erste Steuer-CD aus Samoa in der Südsee, da gibt es durchaus Offshore-Banken mit viel Schwarzgeld – wie auch in vielen anderen Südsee-Paradiesen oder den Seychellen.

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Der Herr Wessing … vollmundig wie immer.

    „Und keinesfalls irgendeinen Steuerberater“.

    Jeder, der sich für die Problematik der Selbstanzeige interessiert, sollte einfach mal die Liste mit Empfehlungen des Credit suisse bzw. der UBS durchsehen. Da sind jede Menge Steuerberater dabei.

    Hier geht es wohl eher um Werbung für Wessing selbst.