“Wir sehen uns in Davos“ – Gastbeitrag von BBC-World-News-Anchorman Nik Gowing:

“Wir sehen uns in Davos“

Nik Gowing ist seit 1996 einer der Top-Anchor von BBC World News, dem internationalen Nachrichtensender der BBC

 

BBC-International-Anchorman Nik Gowing

BBC-World-News-Anchorman Nik Gowing

 

Ob als Statement oder Frage, zu dieser Jahreszeit werden die Überflieger aus Wirtschaft und Politik bei diesem Satz stets hellhörig.

 

Ein „Ja” bestätigt den beruflichen Status oder gilt als Qualifikation für eine Initiation, vermutlich sogar beides. Man muss schon ein sehr hohes Tier sein, um eins der begehrten weißen Namensschildchen zu ergattern, das einen zur Teilnahme am Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums befähigt.

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Ein Hotelkomplex namens Golden Egg

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„Wir sehen uns in Davos” vereint auch das Interesse von Wirtschaft, Politik und Medien an einem schnell wachsenden Ort in den Bergen, der einst nur eine kleine, abgelegene Bauerngemeinde in der Schweiz war. Mittlerweile wächst Davos rasant, wie ich bei Dreharbeiten vor dem Eintreffen der elitären Massen feststellen konnte. Im Winter logiert hier die High Society, und einmal im Jahr findet eine weltbekannte große Konferenz statt.  Durch die Präsenz globaler Marken, Beton, Glasplatten, Kräne, Planierraupen und Baugruben mutet Davos heute eher wie eine kleine Großstadt in den Bergen an. Der Sprung, den der Ort innerhalb eines Jahres gemacht hat, ist gewaltig. Verkörpert wird er durch die geschwungene, goldene Form eines riesigen internationalen Hotelkomplexes, den man offenbar mitten in die Kiefernwälder hinein gepflanzt hat. Schon jetzt trägt das Hotel den Spitznamen Golden Egg, zum einen wegen des ovalen Baus, zum anderen weil es vermutlich goldene Gewinne bescheren wird.

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Im Schnitt zwei Tage da

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Die 50 Staats- und Regierungshäupter, die 2.500 hochrangigen Delegierten aus Politik und Wirtschaft und die 7.500 Helfer und Medienvertreter werden sich maximal fünf Tage hier aufhalten, die meisten jedoch höchstens zwei.

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Speed-Dating in Davos

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In dieser kurzen Zeit wird unter genauester Beobachtung der Medien debattiert, hinter geschlossenen Türen verhandelt und getagt, zu Empfängen geladen. Doch die Termindichte und Konzentration sind extrem – Speed-Dating im Turbotempo. Die auf höchster Ebene und deren Mitarbeiter behaupten, sie schaffen in zwei bis drei Tagen mehr Meetings als auf wochenlangen Geschäftsreisen. Für sie ist Davos 2014 zeit- und kosteneffizient.

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Limousinen Stoßstange an Stoßstange

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Doch ein Treffen wie dieses – wo die Limousinen Stoßstange an Stoßstange stehen und wo im Kongresszentrum am Donnerstag und Freitag kein Durchkommen mehr ist – bestätigt noch einmal, warum Davos eine absolute Pflichtveranstaltung ist, um den derzeitigen Zustand der Welt auszuloten, sei es gefährlich wie in den vergangenen fünf Jahren oder, wie jetzt, etwas optimistischer.

 

Wird der Zustand der Welt wirklich verbessert, wie das Motto des Weltwirtschaftsforums lautet? Wie viel kann das 44. Jahrestreffen in Davos dazu beitragen, die Fragen des diesjährigen Schwerpunktthemas zu lösen: „The Reshaping of the World: Consequences for Politics, Business and Society (Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft)“ ?

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Keine definitiven Antworten, aber immer neue Denkweisen

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Immer sind die Vorstellungen groß. Keine Metriken oder Daten liefern je definitive Antworten. Doch der Geist und die Intensität der Debatten deuten an, dass zumindest immer neue Denkweisen geschaffen werden, selbst wenn sie sich dadurch nicht klar definieren lassen.

 

Die vielen Jahre, die ich nun an dieser Konferenz teilnehme, fahre ich stets gestärkt und bereichert nach Hause. Meine Augen werden immer wieder geöffnet für oftmals dramatische neue Sichtweisen auf unterschiedlichste Probleme, für die ich mich, was den Großteil angeht, zuvor kaum interessiert hatte. Vor allem jedoch bleibe ich in meiner Arbeit als Journalist und On-Air-Presenter bei der BBC über Monate hinaus informiert.

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Eine schier unmögliche Herausforderung

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Was passiert in Davos? Für uns von BBC News besteht die größte Herausforderung darin, unsere Augen und Ohren überall gleichzeitig zu haben und am besten alle Geschehnisse mitzubekommen, um dann weltweit auf BBC.com, BBC World News TV und BBC World Service Radio darüber zu berichten. Doch angesichts der Vielzahl an Delegierten, Rednern, Sessions und Treffen ist dies schier unmöglich.

 

Zu unseren Nachrichten gehören auch Interviews und vor allem die „BBC World Debate“ am Freitagmorgen, die auf allen weltweiten BBC-Plattformen übertragen wird. Das diesjährige Diskussionsthema lautet: „Syria, Shutdown, Snowden and Surveillance: Has America lost touch with the world (Syrien, Shutdown, Snowden und Surveillance: Verliert Amerika den Kontakt zur Welt) ?“ Ausstrahlung auf BBC World News am 25. Januar um 10.10 Uhr und 21.10 Uhr und am 26. Januar um 16.10 Uhr (MEZ).

Unsere Vorbereitungen beginnen schon Wochen vorher, wenn wir Spitzenpolitiker und Top-Manager davon zu überzeugen versuchen, 90 Minuten ihres prall gefüllten und wichtigen Terminkalenders in Davos uns zu widmen. Unsere Produktionen stehen manchmal auf Messers Schneide, wenn Termindruck und –fülle besonders gefragter Kandidaten zu groß wird.

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Warteschlangen am Eingang

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Sechs Jahre dauerte es, bis ich das Weltwirtschaftsforum dazu überreden konnte, über eine im Fernsehen übertragene Debatte in Davos nachzudenken. Heute bestätigen die langen Warteschlangen am Eingang – und die Enttäuschung bei denen, die nicht reinkommen – dass sie ein festes Highlight bei Delegierten darstellt, sowohl in Davos als auch bei anderen regionalen Treffen.

 

Für mich war die BBC World Debate, die letzten Juni in Naypyidaw, der Hauptstadt von Myanmar, aufgezeichnet wurde, ein wahrhaft historisches TV-Ereignis. Sie war für mich mindestens genauso wichtig wie meine Nacht im Todesstreifen, als ich vom Fall der Berliner Mauer berichtete oder von den Terroranschlägen in New York am 11. September.

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Ungewohnte Öffentlichkeit

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Wieder kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen der BBC und dem Weltwirtschaftsforum. Es war ein absolut außergewöhnliches Ereignis: Eine öffentliche Fernsehdebatte mit der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, einem ehemaligen militärischen Regierungsvertreter und einem ehemaligen politischen Gefangenen, der neun seiner elf Jahre im Gefängnis in Isolationshaft verbracht hatte. Die Minister, Staatsdiener, Wirtschaftsgrößen und kürzlich entlassene politische Gefangene hatten eine solche öffentliche Debatte nie zuvor erlebt. Sie lernten, was es heißt, in aller Öffentlichkeit frei und mitunter heiß zu diskutieren. Die Debatte wurde sogar auf Myanmar TV übertragen, um die Nerven im Zuge der ganz neuen Reformprozesse im Land zu beruhigen.

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Der Wert der Eindrücke

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Was werden wir dieses Jahr aus Davos mitnehmen? Die Erwartungen sind hoch. Ich weiß es nicht, und jede Vorhersage wäre riskant. Der große Nutzen, den Davos bringt, ist, dass jeder Delegierte seine oder ihre eigenen Eindrücke mitnehmen wird, die die Arbeitspläne und Vorstellungen nach Davos verändern werden.

 

Nik Gowing ist seit 1996 einer der Top-Anchor von BBC World News, dem internationalen Nachrichtensender der BBC. Er moderiert die „World Debates“ aus Davos und weiteren Brennpunkten in aller Welt, zudem Magazinformate und Studio- und Vor-Ort-Reportagen von weltweiten Ereignissen.

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