Davos: Bei ein paar Cocktails die Welt verändern – Von CNN-Anchorman Richard Quest (Gastbeitrag) II.

Richard Quest über das Weltwirtschaftsforum in Davos 2014 – 2.Teil

In den letzten Wochen hat sich meine Mailbox langsam, aber unaufhaltsam mit Davos-Einladungen gefüllt. Ein Seminar hier, ein Empfang da und abends noch ein kleiner Absacker. Jeder, so scheint es, hält eine Veranstaltung ab – und jeder will, dass man daran teilnimmt.

Es gibt da die Regierungen, die die hohen Tiere ihrer Ministerien nach Davos schicken, mit denen man bei Kanapees ein wenig plaudern kann. Unternehmensberatungen laden zu Partys, auf denen sie ihre jüngsten Umfragen präsentieren. Nichtregierungs-Organisationen, die gerne mehr Aufmerksamkeit hätten und hoffen, dass man über ihre Anliegen in den Nachrichten berichtet. Und natürlich die Unternehmen, die alle schreien: „Wir sind auch hier – kommen Sie vorbei und lernen Sie unseren CEO kennen!“

Richard Quest

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Jeder hat etwas zu verkaufen

Wie allesfressende Vögel, die saftige Fliegen vom Kopf eines sich suhlenden Nilpferds picken, profitieren sie alle von der Fähigkeit des Weltwirtschaftsforums, Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft anzuziehen und im Schweizer Skiort zu versammeln. Regierungen treffen auf Unternehmen, Unternehmen treffen auf Kunden – und die Presse trifft jeden. Alle haben eine Geschichte zu erzählen und jeder hat etwas zu verkaufen.

Frühstücks-Diskussion über Humankapital

Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf die Veranstaltungen dieses Jahres zu geben: Eine Firma hat mich eingeladen, bei einer „zum Nachdenken anregenden Frühstücks-Diskussion über die Zukunft des Humankapitals“ teilzunehmen (Dresscode: ‚Business Casual‘. Komisch – ich wollte eigentlich einen Skianzug tragen).

Ein anderes Unternehmen bietet eine Veranstaltung zum Thema „Neubestimmung des Erfolgs im digitalen Zeitalter“ an. Zählt denn das Gehalt heute nicht mehr?
Natürlich bedarf es auch eines Alleinstellungsmerkmals. Eine Unternehmensberatung hat ihre Davos-Einladung mit einer Fotoausstellung verknüpft, die den Titel „Game Changing – Now is the Time!“ trägt. Selbstverständlich will jeder als „game changing“ wahrgenommen werden.

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Absacker von Coca-Cola

Es gibt auch ein paar klare Gewinner: Bei einem von Coca-Cola und den Russen gesponserten Absacker soll der Countdown bis zu den olympischen Winterspielen von Sotschi in zwei Wochen gefeiert werden. Da die Veranstaltung recht spät stattfindet – von 22 Uhr bis Mitternacht – und auch von der russischen Wirtschaft finanziert wird, bin ich zuversichtlich, dass sie gut besucht und lebhaft wird.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch zählebige Veranstaltungen wie die Cocktailparty von PwC, bei der die jährliche globale CEO-Studie vorgestellt wird.

Und dann gibt es noch jene Veranstaltungen, die man einfach nicht verpassen darf (wenn man zu den Glücklichen zählt, die eine Einladung erhalten haben). Die formlose Frühstücksveranstaltung mit Schimon Peres ist stets eine faszinierende Gelegenheit, dem 91-jährigen Staatspräsidenten Israels zu lauschen, wenn er über globale Fragen spricht. Das allein ist die Reise nach Davos wert.

Jeder – angefangen bei Martin Sorrell von WPP bis hin zur Regierung Südafrikas – will in dieser Woche ein wenig deiner Zeit. Und das alles zusätzlich zum offiziellen Programm, das mit seinen Sitzungen, Seminaren und Diskussionen 88 Seiten umfasst.

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„Nicht übertragbar“

Auffallend ist, dass die Einladungen immer mit dem Vermerk versehen sind, „einzig für die betreffende Person zu gelten und nicht übertragbar zu sein“, ganz so, als ob es Horden von Eindringlingen gäbe, die nur darauf warten, sich in Davos auf Kosten anderer durchzufressen. Es reicht nicht aus, ein Teilnehmer des WEF zu sein – zu jeder Veranstaltung muss man nochmals separat eingeladen werden.

Schildchen in verschiedenen Farben

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist vielleicht das elitärste Treffen weltweit – dabei tut man die ganze Zeit so, als sei alles ganz formlos. Davon sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen. Die Teilnehmer tragen Schildchen in verschiedenen Farben, die den anderen Konferenzteilnehmern den Status des Gegenübers geradezu entgegen schreien. Es gibt Veranstaltungen, bei denen einem eventuell der Einlass gewährt – oder der Zutritt verweigert wird. Selbst das Hotel, in das man gesteckt wird, spricht Bände. („Bitte, liebes WEF“, werden einige flehen, „steckt mich dieses Jahr nicht wieder nach Klosters, bitte, bitte!“)

Doch es gibt einen Ort in Davos, an dem der Status unwichtig wird, und an dem weniger zählt, wer man ist, sondern mehr, ob man die sündhaft teuren Getränke bezahlen kann: die Piano Bar. Spät, ganz spät am Abend zwängen sich alle mit völliger Gleichgültigkeit gegenüber jedwedem Komfort in diesen Raum, und zwar vom Praktikanten oder Freiwilligen bis hin zum Firmenboss oder Staatschef – einfach jeder. Betrunkenes Singen und heiterer Übermut sind die Folge.

Die Piano-Bar als neutrales Terrain

Das ist eine wahrhaft Schweizer Erfahrung, denn bei der Piano Bar handelt es sich um neutrales Terrain. Es wird unbedeutend, wie man nach Davos gekommen ist oder warum man dort ist. Wenn man erst einmal in der Piano Bar ist, zählt einzig, dass man trinkt, singt und feiert. Wenn der Morgen graut, versucht man, noch ein paar Stunden zu schlafen, bevor es wieder an der Zeit ist, einer Frühstücks-Diskussion beizuwohnen und das ein oder andere neu zu gestalten. Man wünschte nur, man könnte sich daran erinnern, was das nochmal war.

 

Hier einige Videos von CNN-Wirtschaftskorrespondent Richard Quest zur
Vorschau auf das WEF in Davos:

Die Berichterstattung zum Weltwirtschaftsforum 2014 in Davos sehen Sie ab Montag auf CNN International und unter www.cnn.com.

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