Ein Strafverteidiger plaudert aus dem Nähkästchen über Top-Manager: Maximale Verdränger und Paniker

„Der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank hat sich über den unverhältnismäßigen Polizeieinsatz während einer Großrazzia beschwert. Die Staatsanwälte weisen das entschieden zurück,“ schrieb Joachim Jahn diese Tage in der „FAZ“. Was sind relativ unauffällig liest, ist dann aber doch sehr interessant. Der Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, hatte offenbar verbreitet, dass die Staatsanwaltschaft seiner Bank wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung mit Hubschraubern und ganz großem Kino zuleibe gerückt sei. Teils sogar vermummt, mit Maschinenpistolen und allein 500 Polizisten im Foyer der Deutschen Bank. Völlig überzogen jedenfalls.

Doch in dem „FAZ“-Stück wies die Staatsanwaltschaft – und die sollte es wissen – überraschenderweise genau das als unwahr zurück:  „Kein Polizist hat eine Maschinenpistole getragen“. Sämtliche Aussagen Fitschens stimmten nicht. Auch nicht die mit dem Hubschrauber.  http://http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-bank-staatsanwaelte-werfen-fitschen-falsche-angaben-ueber-razzia-vor-12033110-l1.html

 

Top-Manager im Elfenbeinturm?

Ähnliche Eindrücke entstanden, als Fitschen in heller Aufregung anschließend sich über den Einsatz bei Ministerpräsident Volker Bouffier beschweren wollte. Was sollte nun das Ausland über die Deutsche Bank denken und was die jungen heiß umkämpften Nachwuchs-Talente, die nun von der Bank als Arbeitgeber abgeschreckt würden. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/nach-der-razzia-in-der-deutschen-bank-fitschen-bedauert-anruf-bei-bouffier-11998137.html

 

Wie bitte, staunt da der geneigte Leser? Zum einen sind genau solche Imageschäden immer der Fall, wenn die Staatsanwaltschaft aufmarschieren lässt. Zum anderen konnte die Deutsche Bank ihre Imageprobleme respektive ihre wenig noblen Aktionen seit Jahren in der Tagespresse im einzelnen nachlesen – auch in der US-Presse und selbst in TV-Dokumentationen in öffentlich-rechtlichen Sendern.  Manche Vorwürfe treffen nur sie, andere die ganze Branche – jedenfalls sind es so viele, dass Banker sich auf Parties schon vorstellen mit den Worten „Ich weiß, ich bin so ein blöder Banker…“ Wie Fitschen darauf kam, dass dieser Polizeieinsatz gerade den Kohl noch fett machte? Vermutlich war nur er es, der dies so empfand und irgendwie plötzlich aufwachte.

 

Die Spezies der maximalen Verdränger

Dazu passt diese Erkenntnis eines erfahrenen Anwalts: Wenn Manager von Staatsanwälten vor den Kadi gebracht werden, entpuppen sich zwei verschiedene Typen: Die einen werden panisch, bekommen einen Schluckauf und können nicht mehr denken. Das sind ungefähr 20 Prozent, schätzt ein sehr renommierter Strafverteidiger, der aber ob seiner ungewohnt offenen Worte ungenannt bleiben will.

Die anderen gehören zur Spezies der maximalen Verdränger, die halten sich für grundsätzlich unverwundbar. Das ist die weit größere Anzahl und der oben erwähnte Strafrechtler schätzt sie auf 60 Prozent. Der Rest geht objektiv und angemessen mit der Situation um.

Viele sind regelmäßig völlig erstaunt, dass so ein Prozess sogar negative Folgen für ihre Firma hat. Ihre Grundhaltung ist diese, schildert der Jurist, der auch an einer Uni lehrt: „Kriminell sind immer nur die anderen – denn ihnen selbst ist in ihrem Leben ja bislang augenscheinlich alles geglückt.“

 

Augenmaß und Bescheidenheit

Und genau die Eigenschaften, die solche Top-Manager an die Spitze gebracht haben, bringen sie später auch zu Fall. „Den meisten von ihnen fehlen schlicht zwei Eigenschaften, die die meisten auch versäumen, sich im Laufe ihrer Karriere anzueignen: Augenmaß und Bescheidenheit“, berichtet er und bilanziert: „Der Erfolg ist so gesehen ein charakterlicher Defekt.“

Was Top-Manager nämlich haben, ist die Fähigkeit, zu simplifizieren. Und in ihrer Welt brauchen sie nur mit Vorstandsvorlagen umgehen – die passen stets auf eine Seite  in großer Schrift. Sie sind lediglich darauf angewiesen, dass die Informationskette von unten nach ganz oben zu ihnen selbst in der Hierarchie funktioniert.

 

Wie die Top-Manager es bloß schaffen, tagaus tagein fast in einer Parallelwelt zu leben? Und vor allem den Glauben zu besitzen: Wo ich bin, ist das Recht. Selbst Anwälte für Gesellschaftsrecht staunen über diese vorherrschende Haltung im Management: Sich dem Recht beugen, das muss ich nie – das müssen höchstens die anderen. Ich stehe quasi darüber.

„Sie passen die äußere Welt ihrer eigenen inneren an“, philosophiert mein Informant. „Sind es doch stets die Charismatiker – jene Sorte Menschen, die einen Raum betreten, ihn sofort ausfüllen und ihn besetzt halten, auch ohne etwas zu sagen.“

Nur: Dieselben Entscheider sitzen dann – im Falle der Fälle, wenn ihnen Straftaten vorgeworfen werden – vor ihrem Verteidiger und begreifen nicht, dass ihnen ihr Charisma im Gericht nicht hilft.

 

Gesundheitliche Folgen von Strafprozessen

Dabei erwähnt der anonyme Strafverteidiger noch ein ganz wichtiges Faktum: Niemanden lässt solch ein Strafprozess unberührt, auch wenn er ihn scheinbar ignoriert, alles wegdelegiert, was geht, ihn ausblendet oder in hektischen Aktionismus verfällt. 60 Prozent der verfolgten Manager bekommen einen Tinnitus, Depressionen oder ihr Immunsystem bricht zusammen.

 

 

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