Wenn eine Sparmethode die nächste untergräbt. „Reise-nach-Jerusalem“-Spiele bei SAP?

Bislang konnten Manager relativ einfach Karriere machen und sich zumindest eine Zeitlang auf ihren Posten halten: Kostensparen war das Zauberwort, das jahrelang gereicht hat. Das, was jede Putzfrau kann – genaugenommen. Zum Streichen gehört nämlich nicht so viel. Und wer als Manager dann doch noch Angst hatte, seinen Job für die Entlassungsmaßnahmen zu verlieren, holt rasch Unternehmensberater. Möglichst namhafte – die man diesselbe Entlassungsrunde dann vorschlagen lässt und denen man später die Schuld in die Schuhe schieben kann. Für die unpopuläre Maßnahme, die bald so viel kostet, dass man auch die Leute an Bord lassen könnte.

Mit den Entlassungen einher gingen oft die Einrichtungen von Großraumbüros – um Miete zu sparen. Eins der griffigen Argumente, was üblicherweise kommt, geht so: Man brauche schon gar nicht mehr so viele Arbeitsplätze wie man Mitarbeiter hat. Erzählte mir doch jüngst Vodafone-Personalchef Dirk Barnard, er sei 60 (oder gar 80?) Prozent seiner Arbeitszeit unterwegs und brauche in der Zeit auch keinen Schreibtisch in der neuen Zentrale.

 

Der neue alte Streichposten: Dienstreisen

Wenn´s mal bei der Rechnung bleibt. Denn der Finanzchef von SAP Werner Brandt hat für sich – vor dem Hintergrund von mehr als 5 Milliarden Euro Betriebsergebnis in 2012 (2011: 4,7 Milliarden Euro) – einen neuen Streichposten entdeckt, um die internen Ziele zu erreichen. Und für den sollen die Mitarbeiter ihren Beitrag leisten forderte er im Intranet von SAP, aus dem mein WiWo-Kollege Michael Kroker gestern zitierten: „Anstatt zu reisen, sollte jeder nach Möglichkeit unsere Videokonferenz-Technik und Telepresence nutzen.“ http://www.wiwo.de/unternehmen/it/sap-finanzchef-brandt-will-dienstreisen-vermeiden/6956822.html

Alles klar, für Mitarbeiter ist das jedenfalls die famlienfreundlichere Variante. Man muss sie nur noch offensiv auch als solche verkaufen. Ist die Pressestelle darüber schon informiert? Und der Betriebsrat?

 

„Reise nach Jerusalem“ in Walldorf?

Ich frage mich jetzt nur eins: Spielen Sie nun bald „Reise nach Jerusalem“ bei SAP? Wenn bei Neubauten und Umstrkturierungen die Sitzplätze für Mitarbeiter so knapp kalkuliert werden, dass mit Kranken, Urlaubern und Dienstreisenden fest gerechnet wird, wird´s immer enger. Kranke kommen heute bekanntermassen krank zur Arbeit – das Phänomen ist erkannt und heißt Präsentismus. Oder wollen auch die in Wirklichkeit vielleicht nur verhindern, dass Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Stuhl unterm Po weggezogen wird? Dienstreisende, die jetzt im Kostenspar-Wahn zuhause bleiben, benötigen jedenfalls jetzt auch ihren Stuhl. Und für länger dauernde Concerence-Calls und ähnliches ist das Großraumbüro nicht immer der geeigneteste Raum.

 

Die Not-Sitze in den Unternehmen 

Kreative Ideen haben Spötter längst genug auf Lager: Man könne die zweite Schicht doch um 18 Uhr antreten lassen. Andere fragten sich schon immer, ob bei der Ausrechnung der Quadratmeter pro Büro-Mensch, die Toiletten heraus- oder miteingerechnet waren? Sitzan kann man da ja auch. Dass Kantinen im Küchenduft und bei fröhlichen Begrüßungen und Späßen der Kantinenkollegen zu Not-Konferenzräumen mutieren, ist auch nichts Neues mehr. Hauptsache man findet eine Sitzgelegenheit und Platz für Block und Stift oder moderneres Gerät. Besonders lustig und diskret sind auch die Gästesofas, die üblicherweise auf Gängen dekorationshalber verblieben sind: Wer hier mit Externen Platz nimmt, ist verblüfft, wen die so alles aus dem Kollegenkreis kennen, wer zum Schwätzchen stehen bleibt.

Wenn nichts mehr hilft, gibt´s auch noch kleine Klappstühle aus Holz. Gabs immer günstig bei dem schwedischen Möbelhaus – und das lässt sich bestimmt auch bei den Werbungskosten absetzen. Bei Glaubhaftmachung.

 

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