Wenn Working Mom sich täglich vierteilt. Ein Gastbeitrag von Management-Coach Johannes Schmeer

Frauen in Führungspositionen wollen es allen recht machen – nur sich selbst nicht

 

Mehr Frauen sollen in Führungspositionen kommen, konzediert – aber wie geht’s denn denen, die schon drin sind? Den Frauen, denen jeden Tag droht, gevierteilt zu werden. Zwischen den Anforderungen und Wünschen des Unternehmens, des Partners, der Kids und vielleicht auch noch – wie verwegen – den eigenen?

 

Im Alltag kämpfen diese Frauen jeden Tag aufs neue: Heldenhaft, mit meist großem Gewinn – aber sie merken eben auch, wie hoch der Preis ist, den sie dabei zahlen. Und weil sie diesen Preis auf Dauer nicht zahlen wollen, kommen sie zu mir ins Coaching mit der Standardfrage: „Wie schaffe ich es, meine verschiedenen Lebensbereiche besser unter einen Hut zu bekommen? Ohne dass es mir an die Substanz geht und ich mich auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene so erschöpfe?“

 

Management-Coach Johannes Schmeer aus München

Vier Hebel haben sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, die für diese Frauen die effektivsten und nachhaltigsten Verbesserungen gebracht haben.

Auf den ersten Blick mag verblüffend sein, dass alle vier Hebel an derselben Stelle ansetzen: nämlich ganz innen, an der eigenen Einstellung, den Haltungen und Glaubenssätzen. Auf den zweiten Blick aber ist das wenig überraschend – sind doch gerade diese Multitasking-Frauen ohnehin schon Weltmeister in Sachen Organisation und halten locker zehn Bälle gleichzeitig in der Luft. Im „Außen“ gibt es da selten noch etwas zu optimieren. Der Nutzen im „Innen“ ist ungleich höher.

 

Hebel Nummer 1: Setzen Sie sich selbst an die erste Stelle, nicht die anderen

Hinter jeder Vorstandsfrau, Geschäftsführerin oder Bereichsleiterin steht eben zuallererst eine Frau, mit aller sozialer Prägung und Erziehung, die sie so mitbekommen hat.

Meine Erfahrung: auch im 21. Jahrhundert heißt das noch bei vielen Frauen, es zuerst immer den anderen recht machen zu müssen, für sie da sein zu müssen und nicht das Recht zu haben, an die eigenen Bedürfnisse und Belange zu denken. Die Firma, die Kinder, der Partner – sie alle kommen als erste dran. Und weil dann halt keine Zeit mehr übrig bleibt vom langen Arbeitstag, bleibt für die ausgepowerte Powerfrau selbst eben nur noch übrig: nichts.

 

Das Dauer-Schlechte-Gewissen

Der Kopf meiner Klientinnen weiß genau, wie unzeitgemäß diese Einstellung ist, aber das Programm will einfach nicht aus dem Kopf. Die Folge: sie werden zwar allen anderen mehr oder weniger gerecht, haben aber trotzdem immer ein schlechtes Gewissen, weil es bei jedem ja auch noch mehr an Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit hätte sein können.

Hilfreich ist für viele, sich hier eine Logik bewusst zu machen und zu verinnerlichen, die die meisten von ihrer regelmäßigen Fliegerei im Grunde in- und auswendig kennen: Wie sagt die Stewardess so schön bei den obligatorischen Sicherheitseinweisungen vor dem Flug? „Im unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlustes fallen Sauerstoffmasken aus der Decke. Ziehen Sie diese zu Mund und Nase und…“ – jetzt kommt’s! – „helfen dann mitreisenden Kindern!“ Zuerst ich! Danach Du! Es muss so sein, alles andere wäre schlichtweg töricht

Meinen Coachees wird klar: sie haben nicht nur das Recht für sich an erster Stelle zu sorgen, sondern sogar die Pflicht.  Für viele eine echte Erleichterung, das zu erkennen.

 

Hebel Nummer 2: Was auch immer du tust, tue es so, dass es Dir gut tut

Dieser Satz ist für die einen unerhört, für die anderen unverständlich. „Mir gut tun, bei dem was ich tue? Wie soll das gehen?“ Erstmal ist diese Leitlinie die zwangsläufige und schlichte Konsequenz aus der Tatsache, dass im normalen Alltag einer Unternehmens- und Familienmanagerin meist kaum Zeit bleibt für viel Sport, Wellness oder Bücher lesen. Kurz: die Zeit für Regeneration fehlt oder ist äußerst knapp bemessen.

Gerade deswegen heißt es für diese Frauen, 18 Stunden am Tag, bei allem was sie leisten, zu prüfen, ob sie das, was sie gerade tun, auch so machen, wie es sich für sie gut, stimmig und hilfreich anfühlt. Etwas blumig ausgedrückt, lohnt sich die fortlaufende Frage: „Nährt es mich, wie ich handle, oder zehrt es mich aus?“

 

Beispiel: Working Mom spielt mit ihren Kids ein halbes Stündchen am Abend – ist in Gedanken aber noch beim Meeting des Nachmittags oder schon bei der Präsentation des Folgetages. Das zehrt aus. Je besser Frau lernt, mit ihrer Aufmerksamkeit bei dem zu sein, was sie tut, wird sie feststellen, dass es ihr gut tut und sie nährt.

Beispiel: Sie büffelt alleine über einer Ausarbeitung für den Aufsichtsrat, die Ideen gehen aus, immer mehr rühren sich Druck und innerer Zwang, es aber jetzt unbedingt noch fertig bringen zu müssen. Das zehrt aus. Besser wäre es vermutlich, sich auf 20 Minuten mit einem Kollegen oder einer Kollegin zum Brainstorming zu treffen und mit frischem Wind die neuen Impulse dann einzuarbeiten.

Beispiel – scheinbar zu banal, wahrscheinlich aber das beste überhaupt: Frau sitzt an Vorgang X, ist gestresst, zwingt sich einmal mehr zur Weiterarbeit und bemerkt nicht, wie sie seit einer halben Stunde die Luft anhält (typisch für solche Situationen) und ihre Haltung sie peu a peu am ganzen Körper verspannen lässt. Das zehrt aus. Nahrhaft ist hier während des Arbeitens: Bewusst atmen und eine wohltuende Körperhaltung einzunehmen, zum Beispiel öfter auch mal am Stehpult.

Weshalb ist dieser Hebel auch eher dem „Innen“ zuzurechnen, als dem „Außen“, wo es hier doch scheinbar um konkrete Verhaltenstipps geht? Tatsächlich steht das Verhalten erst an zweiter Stelle; es ist die Folge von Schritt Eins. Der Bewusstheit für sich selbst. Dafür braucht es Aufmerksamkeit und Zugang zu den eigenen Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen. Ist diese Verbindung nach innen nicht gegeben, sind alle Verhaltenstipps obsolet.


Hebel 3: Lernen Sie als erstes, was Sie in allen Lebensbereichen für sich nutzen können

Soll sich Working Mom eine noch effektivere Priorisierung der to do’s aneignen? Sicher nicht schlecht, kommt aber fast ausschließlich dem Unternehmen zugute.

Soll sie sich von Freundinnen weitere 30 Rezepte für die schnelle Küche besorgen? Auch gut – nutzt aber ausschließlich der Familie. Vielleicht einen Ratgeber für Paarbeziehungen von Doppelverdienern lesen? Wer’s mag. Hilft aber höchstens der Paarbeziehung – wenn überhaupt.

In all den Jahren ist mir beim Coaching dieser Mangerinnen aber eins immer wieder begegnet, was viele von ihnen lernen wollten – und was sie in allen Lebensbereichen bestens gebrauchen konnten. Die Fähigkeit nämlich, mit gutem Gefühl „Nein!“ sagen zu können.

 

„80 Prozent genügen“

Auch hier ist zuerst die innere Arbeit angesagt. Denn der berühmte Antreiber „Mach’s mir recht!“ blockiert die meisten beim klaren Nein und lässt eher ein „Geht’s vielleicht auch ein wenig später?“ daraus werden – und damit eben doch ein Ja. Auch der Antreiber „Sei perfekt!“ (und das allem und allen gegenüber) steht klaren Neins regelmäßig im Weg. Wie meine Coachees diese hinderlichen Sätze in neue und wohltuende umformulieren, muss immer jede selbst herausfinden. Beispielweise heißen die Erlaubnisse, die dann anstelle der alten Programme treten: „Ich darf es mir selbst recht machen!“ „Ich darf an mich denken!“ oder „Ich erlaube mir, Fehler zu machen!“ und „80 Prozent genügen!“

 

Hebel Nummer 4: Lernen Sie, sich selbst zu lieben..

Nein, wir sind hier nicht im Esoterikseminar oder im Sonntagsgottesdienst. Ich rede hier von dem Kerndefizit meiner Coachees – und in diesem Fall ganz sicher nicht nur der weiblichen. Aber wer in der Coachingpraxis gelernt hat, hinter die Kulissen seiner Klientinnen zu sehen und Zwischentöne heraus zuhören, der weiß, dass mit diesem Thema der Kern von allem getroffen wird, womit Frau sich im Wege steht. Die allermeisten zumindest.

Der Psychologe Alfred Adler hat schon vor Jahrzehnten uns Menschen mit Druckfedern verglichen: In jungen Jahren als Kids, werden wir gedrückt, bekommen tausende abwertender, negativer Botschaften zu hören, die allesamt bestens geeignet sind, unser Selbstwertgefühl klein und kleiner werden zu lassen. Die einen laufen ihr Leben lang mit einem gebrochenen Gefühl von Minderwert durch’s Leben, bringen es beruflich nur selten weit. Die Power-Managerinnen, die mir aber in den Coachings regelmäßig gegenüber sitzen, haben unbewusst die Alternative gewählt, wie sie auf diese Abwertungen reagieren: durch Geltungsdrang. Je mehr sie gedrückt wurden, umso größer ist der Antrieb, es jetzt allen zeigen und beweisen zu wollen.

 

Wie sich Frauen selbst im Weg stehen

 

Da mögen Papa und Mama, die vor -zig Jahren dem kleinen Mädchen solche Sätze gesagt haben, längst tot sein, die Wirkung ihrer Botschaften ist ungebrochen. Frauen sind schließlich im Kern nichts anderes als alt gewordene Mädchen. Und wenn es das erwachsene Hirn auch 100 mal nicht einsehen mag: Das Bedürfnis nach Liebe und Bestätigung des Selbstwertes ist ungebrochen.

Woher aber nehmen und nicht stehlen? Egal, wie viel Frau leistet, es ist ihr immer zu wenig. „Mehr vom selben“ kann deshalb nicht die Lösung sein. Und damit ist der Kern erreicht, der Punkt, wo alle (wie gesagt: Männer nicht weniger als Frauen) am besten dazu lernen sollten: Eine uneingeschränkt positiven Haltung sich selbst gegenüber. Ein klares und unzweideutiges „Ja!“ zu sich. Ohne Wenn und Aber. Vor allem aber: ohne Leistung. Einfach so.

Welche Working Mom wieder neu lernt – und erfahrungsgemäß dauert dieser Lernprozess Jahre – sich selbst gegenüber das gleiche Gefühl zu entwickeln, wie sie es etwa ihren eigenen Kindern entgegen bringt, die hat gewonnen. Sie wird nämlich frei von vielen, vielen Antreibern und Blockaden. Frei im Denken, im Entscheiden und im Handeln.

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