Ein Teller Thunfischsteak mit Bundesliga-Schiedsrichter Tobias Stieler

 

Tobias Stieler, Bundesliga-Schiedsrichter und Arbeitsrechtler bei Hogan Lovells

 

Hätten Sie gedacht, dass es nur 17 Spielregeln beim Fußball gibt? Leute, die über die Einhaltung dieser Regeln achten, gibts dafür umso mehr: 80.000 Schiedsrichter sind in Deutschland registriert, haben eine entsprechende Prüfung bestanden. Wer es aber bis zum Bundesliga-Schiedrichter bringt, die Zahl ist dann wieder überschaubar: Ganze 21 sind es. Der jüngste von ihnen ist 30 Jahre alt und heißt Tobias Stieler. Er kommt vom Verein  SG Rosenhöhe Offenbach in Hessen -und ist im Hauptberuf Anwalt. Genauer gesagt Arbeitsrechtler am Münchner Standort der internationalen Großkanzlei Hogan Lovells. So wie seine Schiedsrichter-Kollegen – es sind Banker, Polizisten oder auch Juristen, querbeet durch die Branchen – wendet er viel Zeit für das Pfeifen auf dem Rasen plus den Fortbildungen und Trainingslagern auf. Ein Full-Time-Job ist daneben nicht machbar, aber ein Dreiviertel-Job schon.

Wir treffen uns im „Casa Luigi“ in der Hohe Straße in Düsseldorf, einem Italiener mit einem netten Hinterhof für die warmen Tage. Einem Lokal, wo zum Beispiel auch Hengeler-Anwälte zu treffen sind. Stieler entscheidet sich für ein Thunfisch-Steak, das er ausdrücklich lobt. Auch wenn er auf ein Kölsch verzichten muss – anders als ausgrechnet im „Alten Simon“ in Freiburg, die Kneipe, wo er immer hingeht, wenn er dort im Einsatz ist. Die hat es ihm angetan, da gerät er spontan ins Schwärmen.

Schiedsrichter-Vorabend-Dinner

Drei der vier Schiedsrichter müssen nämlich schon am Vorabend der Spiele in der Stadt angekommen sein. Meist gehen die Bundesliga-Schiedsrichter dann auch zusammen essen, das ist Tradition. In Düsseldorf war er erst vor kurzem an so einem Vor-Abend im Monkey`s West, erzählt er. Dort ging es ihm ein wenig zu steif zu.  Erst in derselben Woche erfährt Stieler, wo er am Wochenende eingesetzt ist. Zur Ruhe kommt er am Wochenende nie in der Saison, denn er ist jedes Wochenende eingeteilt und manchmal auch noch zu einem Einsatz in der zweiten Liga. Doch auf Spitzenspiele wie kürzlich Berlin gegen Düsseldorf oder Dortmund gegen Bayern, auf die muss er noch warten. Für die ist er noch zu neu in der Bundesliga.

 

 

Thunfisch-Steak im "Casa Luigi" in Düsseldorf

Schon mit 14 Jahren machte Stieler die Schiedsrichterprüfung und pfiff bei den Spielen der Jugendlichen. Manchmal vier Stück an einem Sonntag, jedes mit zehn Euro honoriert. Plus Kilometergeld für meinen Vater, der mich fuhr, erinnert er sich. 40 Euro für einen Tag, das war viel Geld für ihn als Teenager. Aber Zeitungen-Austragen oder so etwas hätte ihn auch nur gelangweilt. Und die Spiele mit den Jugendlichen hatten ihre eigene Herausforderung: Die ausrastenden Eltern. „Die bringen Schiedsrichter zum Aufhören“, sagt er. Die ganzen Vater-Trainer und manchmal auch allzu ehrgeizige Mütter. Eine hat ihn mal angegangen und nach einem Spiel angeherrscht, „wieviel Geld er denn dafür bekommen hat?“  Nach dem Motto, er sei doch sicher bestochen worden. Doch darauf lässt er sich gar nicht erst ein, sondern geht ungerührt seines Weges. Scheinbar ungerührt. Denn heute, mehr als ein Dutzend Jahre danach, ist ihm der Vorfall noch sehr präsent.

 

Spucken und schlagen

Ob er schon Prügel bezogen hat? „Gewaltbereitschaft ist heute stärker wahrnehmbar. Spucken, Schlagen, das kommt alles vor“, erzählt Stieler. Aber man müsse eben unterscheiden: Gemeint ist damit der Schiedsrichter, nicht er als Person. Bei der Bundesliga, wo er nun seit Januar pfeift, würden Schiedsrichter nur selten geschlagen. Und liesse sich ein Bundesliga-Fußballer zu so etwas hinreißen, muss er mit zwei Jahren Spielsperre rechnen. Und dann sei man schon bei den arbeitsrechtlichen Fragen zum Berufsverbot. Ob man als Gesperrter Spieler Lohn bekommt? Am täglichen Trainingsbetrieb nimmt der Betreffende ja weiter teil – sein Grundgehalt müsse er ja dann auch weiter bekommen, erläutert mir Stieler.

 

Die Zweifel des Schiedsrichters

  Kennt er auch Zweifel auf dem Spielfeld? „Erst mal traue ich mir selbst am meisten, ich laß´mich dann auch nicht ins Wanken bringen.“ Hat er aber dann doch mal Zweifel, muss es in Sekundenschnelle gehen und er befragt die anderen Schiedsrichter. Zum  Beispiel „ob´s  Hand“ war. Und wenn er schon dahin tendiert und einer der Kollegen – mit denen ist er über Headset verbunden, mit einer angepassten Spezialmuschel wegen des Lärms im Stadion – sagt, “ ja, es war so“, dann war´s so. Und technische Hilfsmittel? Chips im Ball, die registrieren, wenn er die Torlinie überrollt und der SchiRi bekommt ein Signal auf seine Uhr zum Beispiel. So was gibt´s schon, wurden auch schon getestet, aber die Fifa müsste es erst noch offiziell zulassen. Und Video-Aufnahmen? Die lehnen alle Fußball-Schiedsrichter ab, erzählt Stieler. Denn bei fünf verschiedenen Perspektiven kommt man möglicherweise zu fünf verschiedenen Meinungen. Und das würde es ja nur verkomplizieren.

 

                                                                                                                                    Zeitrafe für den Zwillingsbruder
 
Und Dinge komplizierter machen als sie sind, das ist ohnehin nicht sein Ding. Dazu ist er viel zu gradlinig. So gradlinig, dass er in einem seiner ersten Spiele als Schiedsrichter seinem eigenen Zwillingsbruder Benjamin ratzfatz erst mal für fünf Minuten vom Platz verbannte – Zeitstrafe nennt sich das und es gibt sie Jugendspielen.
 
Stieler ist so aufrecht, dass noch niemand auch nur versucht hat, ihn zu bestechen. Stielers Haltung ist klar: Das wäre eine Milchmädchenrechnung, wenn er sich auf so was einließe wie einst Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer, der sich vor sieben Jahren als eine der Hauptpersonen eines großen Fußball-Wettskandals entpuppte.Immerhin bekommt er wie jeder Bundesliga-Schiedsrichter 3.600 Euro je Spiel plus 200 Euro Verpflegungspauschale. Und ausserdem wollte der Hesse eigentlich Staatsanwalt werden, oder Richter und hatte sich schon eigens Strafrecht als Wahlfach ausgesucht. Dass sich Hoyzer für so was wie einem Plasma-Fernsehgerät bestechen ließ und dafür alles riskierte, dafür hat Stieler Null Verständnis.

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