Die Trillerpfeife dürfen Sie nicht nehmen, aber Unfug reden wird man dürfen – Notwehrmassnahmen gegen Call-Center-Anrufe

Wenn eine 61-jährige Frau aus Pirmasens sich so sehr über lästige, ungewollte Anrufe aus Call-Centern ärgert, dass sie sich eine Trillerpfeife besorgt, sie neben dem Telefon griffbereit hält und dann einsetzt, muss der Ärger vorher schon tief sitzen. So ist eine Frau vorgegangen, die diese Aktion nun insgesamt 800 Euro kostet. Getroffen hat sie mit ihrem Pfiff eine Call-Center-Mitarbeiterin, die ein Lärmtrauma erlitt und jetzt von Ohrgeräuschen gequält wird.

 

Die heimtückischen Mobilfunkanbieter-Anrufe

So weit so rabiat. Man kann nur vermuten, was die Frau aus Pirmasens hierzu motiviert hat. Möglicherweise hat sie mit diesen Anrufen der Call-Center miese Erfahrungen gemacht – was schnell geht und wofür man sich nicht anstrengen muss. Nehmen Sie mal die Mobilfunkanbieter, bei denen man schon einen Vertrag hat. Wo aber ein Manager die Anordnung gegeben hat: Dass eine bestimmte Kundengruppe durchtelefoniert wird und man versucht, sie in einen ungünstigeren Tarif zu nötigen. Wo sie mehr Geld bezahlen müssen als vorher und fortan nicht mal mehr Rechnungen geschickt bekommen, so dass sie es erst mal gar nicht verstehen, was da passiert ist und wieso. Und wenn der Kunde sich wehrt und sagt, er will keine Veränderung, kann´s ja dennoch passieren, dass der Call-Center-Mitarbeiter ein Kreuz setzt, auch ohne dass der Angerufene es wollte. Dann muss der Angerufene beweisen, dass er das nie gesagt hat, muss an den Mobilfunkanbieter schreiben und hat viel Arbeit, bis das Ganze wieder aus der Welt ist.  All sowas kommt vor – und mehr.

 

Die täuschenden Anrufe

Da kommen die Anrufe „Sie haben ein Handy gewonnen, geben Sie mir doch mal rasch Ihre Ausweisnummer“ – und in Wirklichkeit  liegt dem Call-Center-Mitarbeiter ein normaler Handyvertrag vor, den er selbst ausfüllt – für den Angerufenen. Ist mir tatsächlich schon passiert mit jemandem, der vom Buchclub Bertelsmann aus anrief – in der Redaktion. Und dass der Mitarbeiter natürlich eigenmächtig gehandelt und jegliche Kompetenzen überschritten hat. Quasi habe man gar nichts mit ihm zu tun. Ach so?

 

Die „Sie-haben-einen-Gutschein“-Anrufe

Und dann die Gutschein-Huber: „Sie haben bei uns einen Gutschein von 5 Euro“ oder haben eine „versandkostenfreie Bestellung gut“ aus dem neuen Katalog eines Textilversenders. Sie riechen den Braten, vertagen die Besprechung, bis sie „den Katalog erst mal gesehen haben“. Das ist sicher die höflichste Variante, wenn man eigentlich meint: „Nö, lassen wir´s.“

 

Wer verletzt hier die Privatsphäre anderer?

Doch wenn man mal die Lage sortiert, ist es so: Der Angerufene wird unterbrochen bei irgendeiner Tätigkeit – er wird auch nur selten gefragt, ob er eigentlich grade Zeit hat für solche Nonsens-Anrufe. Ob drei Leute um ihn herumstehen, ob er gerade im Ausland ist und für den Anruf auf dem Mobiltelefon selbst teuer zahlen muss, ob er in der Strassenbahn ist, wo ihm lauter Fremde zuhören oder ob er überhaupt gestört werden will. Der Inhaber des Call-Centers aber setzt genau darauf, dass die Angerufenen trotzdem höflich bleiben. Weil sie so erzogen sind – also dämlich sind in seinen Augen: dass sie nicht gleich einhängen. Dass Sie ein paar freundliche Worte zusammen suchen und schwupps, schon ins Gespräch verwickelt sind – und am Ende dumm aus der Wäsche gucken, was sie da bestellt oder veranlasst haben sollen. Die Call-Center-Betreiber setzen also auf die gute Erziehung der Angerufen, nutzen dieses Handicap aus – und schicken ihre Telefontruppen vor. Die sind nämlich so gar nicht höflich, sondern dringen zunächst mal indie Privatsphäre anderer ein und stehln ihnen vor allem wertvolle Lebenszeit. Und am liebsten zapfen sie auch ihr Portemonnai an.

 

Der Anonymus am anderen Ende der Leitung

Die Call-Center-Mitarbeiter sind – Verzeihung für den Ausdruck – die Werkzeuge dieses Call-Center-Betreibers. Sie arbeiten vorgegebene Bögen ab und haben sowieso keinerlei Spielraum. Die Namen die sie beim Vorstellen nennen, dürften kaum stimmen. Und wenn doch, ist es nicht gewollt, dass sie sich genau den Namen merken – schließlich hat man selten zweimal mit demselben Call-Center-Telefonisten zu tun. Und ich vermute schwer, die Betroffenen wollen auch weder erkannt noch wiedererkannt noch auffindbar werden. Nur: Er sitzt womöglich vor einem PC mit ganz vielen Daten über Sie. er ist eindeutig im Wissens-Vorteil.

Dass man nicht mirnichtsdirnichts dem ersten Call-Center-Mitarbeiter fast das Trommelfell zerstört sollte klar sein. Die Strafe im beschriebenen Fall ist nicht exorbitant hoch, dürfte aber einen Denkzettel darstellen.

 

Notwehrmassnahmen gegen sinnlose, zeitraubende Call-Center-Anrufe

Was also hätte die Dame aus Pirmasens machen können? Sie hätte einfach direkt wieder einhängen können nach dem Motto ´war das was?`Ohne den Anrufer erst richtig zu Worte kommen zu lassen.

Oder man `setzt eins drauf´. Jemand, der Ihnen eine Krankenversicherung aufschwatzen will, sagen Sie kurzerhand: „An mir haben Sie ohnehin kein Interesse, ich habe Krebs.“ Sie glauben nicht, wie schnell derjenige aus der Telefonleitung verschwunden ist.

Gut ist auch die Nummer meiner Freundin aus München: „Hallooo, ist das wer? Ich höre Sie nicht! Ich hänge jetzt ein.“ Oder „Sorry, ich fahre jetzt durch einen Tunnel, gleich sind Sie weg……“ und klick.

Oder sie stellen hübsche Gegenfragen und bestürmen den Anrufer mit einer eigenen Anekdote oder erklären ihm umständlich eigene Motive. Ein Angebot des „Focus“ für ein dreimonatiges Probeabo etwa, kann man so kontern: „Gut dass sie anrufen. Ich hatte Sie schon mal im Abo, aber nur so lange, wie Ihr Heft Sonntagsfrüh kam. Dann kam es plötzlich erst Montags und dann war es für mich wertlos, ich habe  es unter der Woche nicht mehr geschafft mit dem Lesen. Können Sie mir das zusichern, dass ich das Heft wieder Sonntags erhalte?“ Siehe oben – kein Call-Center-Mitarbeiter hat eigenen Spielraum. Er muss passen. Und seinen Kollegen beim Vertrieb kann er auch nix ausrichten. Wie auch. Sind ja gar nicht seine Kollegen. Er sitzt in Dänemark oder Indien.

Oder reden Sie direkt drauf los, nur sinnloses Zeug. Melden Sie sich mit „Fischstäbchenaufzuchtanlage Düsseldorf Nord“ oder mit „Katholischer Pferdefriedhof“, selbst „Fleischtheke Karstadt“ hilft.

Singen Sie ihm ein fröhliches Liechen vor. Oder Sie sagen einfach, nein, ich bins nicht. „Da haben Sie sich verwählt.“

Nur wenn immer weniger Menschen bereit sind, sich mit diesen unerwünschten Anrufen überhaupt zu befassen, hat die Gesellschaft eine Chance, dass diese Art Anrufe auch mal wieder aufhören.

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Alle Kommentare [5]

  1. Ich geh einfach vom Telefon weg, lass die Leitung offen und spiel Musik ab. Soll der Callcenterarbeiter solange Zuhören wie er will und seiner Firma unnötig Kosten verursachen. Eine Firma, die alle paar Tage angerufen hat, hat nach ca. 2 solchen Aktionen es dann monatelange nicht mehr versucht. Auch der, Unfug- Reden-Tipp hilft.

    Eins nur gilt es zu beachten: Beleidigt die Leute nicht, denn die versuchen auch nur ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und wer weiss, vielleicht sitzt ihr auch irgendwann mal in so einem Callcenter und müsst solche Anrufe tätigen, weil grade kein anderer Arbeitgeber Eure Dienste benötigt.

    (Gekürzt aus juristischen Gründen)

  2. Mir kommt der Strafbefehl und der im letzten Moment zurückgezogene Widerspruch wie ein abgekartetes Spiel vor. Der Anrufer hätte im Fall des Tat-Abstreitens seinen Arbeitgeber nennen müssen – und das hätte kein Callcenter gerne.

    Folgende Methode ist sehr wirkungsvoll: Interesse vorgeben, versuchen, über das beworbene Produkt den Anrufer zu ermitteln und dies der Wettbewerbszentrale melden. Wer Abmahnungen zahlen muss, ruft nie wieder an!

    War den Kaltanrufern nichts zu entlocken, habe ich sie oft justiziabel beleidigt oder – wenn es Frauen waren – angemacht und nach Preisen für sexuelle Perversionen gefragt. Bisher hat mich niemand angezeigt, sondern auf die Giftliste gesetzt.

  3. Also ich hätte die Strafe nie gezahlt. Es herrscht ein Beweisnotstand.
    Der CCA ruft illegalerweise an, das weiss er auch. Der bankräuber riskiert auch erschossen zu werden. Somit ist die Trillerpfeife eine probate Notwehr und sehr wirksam, da alle anderen Methoden dauerhaft unwirksam sind. ich nenne es Berufsrisiko.

    Der CCA muss also zugegeben, eine Straftat begangen zu haben.
    Daneben ermangelt es aber seinerseits an Beweisen.
    Mit wem hat er telefoniert? War es eine Trillerpfeife? Wer genau war am Apparat?
    Nun den „Täter“ (eigentlich ja ein Opfer) kann er nur mittels Bandaufzeichnung ermitteln. Diese ist jedoch illegal und strafbar und als Beweismittel unzulässig.
    Nun der Anschluss, hmm bei Hundert Anrufen, die die täglich machen, schwer zu sagen, wer es war.
    Daneben wer war wirklich am Telefon, oh es war der dreijährige Enkel, der den ganzen Tag mit der Trillerpfeife gespielt hat. 🙂

    Nun aber zum allerwichtigsten, der CCA sitzt im Ausland, nun dauern solche Verfahren sehr lange, denn er muss in Deutschland klagen und ausländische „Beweise“ sind nun nicht unbedingt anzuerkennen und die rechtshilfe dauert oft Jahre.

    Welcher Verbrecher tut so etwas??