„Ich sah aus wie ein Mehlwurm“

Weihnachten ist vorbei, ich weiß. Mit gefühlsduseligen Themen sollte zum Jahresbeginn eigentlich Schluss sein. Doch es gab kürzlich gab zum dritten Mal in Düsseldorf eine bemerkenswerte Veranstaltung: einen Charity Ladies´  Lunch von DKMS Life – einer Organisation für krebskranke Frauen – mit dem Hauptsponsor Schwarzkopf und -zig anderen von Douglas über Art Deco bis zur Sarasin Bank. Die geladenen Damen, die eine stolze Summe für ihre Anwesenheit berappen mussten,  fanden sich im Hyatt an der Düsseldorfer Hafenspitze zum Lunch ein.

 

Was es konkret zu fördern galt: Kosmetikseminare für krebskranke Frauen. Schon im Vorfeld hörte ich bösen Spott über solche Kurse: „Typisch Düsseldorf, da gibt es sogar Krebskranke für Schminkkurse.“ Dabei: Wer so redet, ist nur borniert. Er weiss nämlich nicht – konkret war es eine studierte und gebildete Sie – , dass es a) diese Kurse in mehreren, auch unverdächtigen Städten gibt und b) dass diese Kurse mitnichten die Eitelkeit irgendwelcher Zicken bedienen.

 

Stattdessen hilft der richtige Umgang mit Kosmetik lediglich denjenigen, die nach mehreren Monaten qualvoller Chemotherapie feststellen: Ihnen sind nicht nur die Kopfhaare ausgegangen – was sie mit Perücken oder Tüchern zu kaschieren versuchen. So, und warum kaschiert man das? Weil man eben nicht auffallen möchte, weil man aussehen will wie andere auch und nicht jedem Fremden sein Leid offenbaren will. Und weil man eben nicht mit jedem über seine Krankheit sprechen will. Vielleicht will man sie gar nicht zugeben müssen, solange nicht klar ist, ob die Chemo anschlägt und ob man überlebt. Also denen, denen schon nach den ersten Wochen die Kopfhaare ausgehen, bemerken irgendwann – sagen wir nach der vierten Chemo – , dass es damit nicht mal getan ist: Die Wimpern gehen flöten und die Augenbrauen auch.

 

Ein junger Mann aus einer Großbank, der betroffen war, brachte es so auf den Punkt: „Ich sah aus wie ein Mehlwurm“. Blass und angegriffen und dann auch noch komplett nackt im Gesicht. Wer aber während der Geschichte weiter arbeitet oder zumindest irgendwie am Leben weiter teilnimmt, möchte dabei so wenig wie möglich auffallen damit. Denn man  traut sich sonst vielleicht nicht mehr unter Leute oder gar nicht aus dem Haus. Weil einen „alle wie einen Alien und schrecklich mitleidig ansehen“ Und das gelingt wie? Richtig, mit geschicktem Schminken. Nur, die Tricks muss man kennen. Sprich gezeigt bekommen. Wie man nicht vorhandene Augenbrauen und Wimpern vortäuscht. Wie man die Augenringe nach den Chemos wegschminkt.

 

Und dafür sind Kurse da für die Firmen wie Shiseido, Astor, LÓreal oder Henkel – www.dkms-life.de – Produkte herausrücken. Starfotograf Jim Rakete opferte seine Zeit und Fotomaterial und fotografierte Frauen nach dem Schminken. Um zu zeigen: es geht. Dass man auch mit Krebs seinen Stolz bewahren kann und keineswegs wie E.T. auszusehen hat.

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Alle Kommentare [1]

  1. Beim Lesen des Beitrages habe ich – als selbst ehemaliger Betroffener – sehr laut gelacht. Mir hat damals ein blaues „Piratenkopftuch“ optisch geholfen. Für einen jungen Mann an sich eine coole Sache. Überwindung hat es trotzdem gekostet, da die dazu passende karibische Bräune gefehlt hat. Mit dieser veritablen street credibility hätte ich aber locker in dem Occupy Zeltdorf vor der Europäischen Zentralbank ein und ausgehen können ohne aufzufallen. Oder ein Gründungsmitglied der Piratenpartei sein können. – Mit einer Echthaarperücke dagegen (auch getestet) wäre ich in meinem damaligen Alter 1000 mal eher aufgefallen, also Jungs: Finger weg von dieser Sorte Mützen!

    Meine Kollegen schmunzeln manchmal, wenn ich vom Friseur komme – und nach deren Meinung kaum was abgeschnitten wurde. Es scheint ein Reflex zu sein, aber ich muß seit Herbst 2000 irgendwie wahrnehmen, dass vor den Augen Haare hängen, die ich wegpusten kann wie Brian Ferry ;o)