Familienunternehmen hui, Konzerne pfui

Die Konzerne in Deutschland haben noch einige Hausaufgaben zu machen in den nächsten Jahren. Oder sollte man besser sagen: Ihre verloren gegangenen Seelen suchen gehen. Zwar haben sich die Konzerne total verschlankt und fühlen sich super „aufgestellt“. Dumm nur, dass ihr Image als Arbeitgeber so stark gelitten hat, dass sich gerade die jungen Absolventen sie meiden wollen. „Trotz hoher Vergütung, guten Aufstiegsmöglichkeiten und internationalem Arbeitsumfeld“, wie eine Studie von Franz Haniel & Cie. über Arbeitgeberattraktivität betont. Denn, die Kehrseite der Medaille bei den Konzernen ist in den Augen der Studenten: „Anonymität, schlechte Work-Life-Balance und lange Entscheidungswege„.

Will man das für seine Zukunft? 62 Prozent der Studenten wollen es jedenfalls nicht, sondern sehen ihre Karriere und ihr Leben eher in Familienunternehmen. Mit denen verbinden sie „gutes Betriebsklima, kurze Kommunikationswege und bessere Möglichkeiten der Familienplanung„. Auch wenn der „enge Kontakt zur oft familien-dominierten Geschäftsführung Konfliktpotenzial birgt und die Aufstiegschancen begrenzt“ sind.

So berichtete kürzlich ein Banker im Vorstand einer Großbank, dass sich sein Haus in puncto Familienfreundlichkeit dringend umstellen müsse. Er habe kürzlich eine Frau mit Kindern befördert und könne nun nicht mehr den Beginn von Konferenzen auf 18 Uhr legen. Ein erster Schritt – für Norweger ohnehin selbstverständlich, weil dort auch Väter pünktlich selbst aus Vorstandssitzungen aufbrechen, um ihre Kiddies einzusammeln.

Haniel-Personaldirektor Michael Prochaska ordnet ein: „Die starke Rolle der Familienunternehmen ist im internationalen Vergleich außergewöhnlich.“ Denn oft seien die Mittelständler auf ihrem Spezialgebiet Weltmarktführer und das sei für Absolventen „wichtiger als Börsenrenommee“. Deren Vorteile: Mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur, schnell Verantwortung und hohe Indentifikation und Motivation der Mitarbeiter.

Die beliebtesten Familienunternehmen sind: Robert Bosch an erster Stelle, gefolgt von Beiersdorf und Dr.Oetker. Zurückgefallen sind laut Haniel-Studie dagegen Henkel und Bertelsmann.

Klar ist aber auch, dass nicht jedes Familienunternehmen automatisch beliebt ist. Deshalb gehören Aldi und Lidl auch zu den schlecht-Platzierten.

Bemerkenswert sind die nationalen Unterschiede. Stehen für Deutsche, Franzosen und Dänen vor allem die Karriere ganz vorne bei der Wahl ihres Arbeitgebers, so darf für Ungarn nicht das Leben zu kurz kommen, die sogenannte Work-Life-Balance.

In allen vier Nationen spielen dagegen die Organisationsstruktur und die Tradition eines Unternehmens nur eine sehr geringe Rolle – nur zwei bis fünf Prozent der Befragten finden dies relevant. Vermutlich, weil sie gemerkt haben, wie diese Faktoren im Handumdrehen verschwinden können. So rasch, wie Unternehmen übernommen werden, fusionieren, einen neuen Unternehmenslenker erhalten oder Vorstands-Launen wechseln. Bei Bayer sollte vor gut drei Jahren auf dem Leverkusener Werk das legendäre Bayer-Kreuz – das Wahrzeichen – abmontiert werden. Sollte. Der Belegschaft gelang es damals nur mit Mühe, das zu verhindern. http://www.rp-online.de/bergisches-land/leverkusen/nachrichten/bayerkreuz-bleibt-doch-erhalten-1.403527

Lesehinweise:

Warum Mitarbeiter von Konzernen ein höheres Risiko eingehen als Angestellte von Mittelständlern, wenn sie für die Firma ins Ausland entsandt werden: http://www.wiwo.de/blogs/management/2011/08/12/ex-pats-gehen-ein-hohes-risiko-ein-gastbeitrag/

Wie der Mittelstand heute führt, eine Commerzbank-Studie liefert Erhellendes: http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/so-fuehrt-der-mittelstand-469908/

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