Vor lauter Jubel keine wahren Gründe

Warum ist es meist keine Erwähnung wert, wenn es um ausländische Vorstände in deutsche Aktiengesellschaften geht, ob sie der deutschen Sprache mächtig sind? Manchmal erfährt man es so ganz nebenbei, am Rande: Dass sie es nicht sind. Aber immer eher zufällig. Kein Wort darüber, wie wichtig es ist, dass ein Chef die Sprache seiner Belegschaft spricht.

Was dagegen viel erheblicher ist als dieses Manko, ist allein die Tatsache, dass sie aus einem anderen Land als Deutschland kommen. Da wird landauf landab und besonders von Headhuntern bejubelt, dass es sich eben um Ausländer handele. Und dass man endlich etwas für die Diversity in den Führungsetagen täte. Oder: dass es Zeit ist, „sich zu öffnen“. Und dass Deutschland „Nachholbedarf“ habe.

Doch dahinter stecken eine Reihe von Denkfehlern: Diversity bedeutet eigentlich, dass die Bevölkerung in ihrer Zusammensetzung sich auch in den Top-Ebenen widerspiegel solle.

http://de.wikipedia.org/wiki/Diversity_Management Das würde im Falle Deutschland zum Beispiel bedeuten, dass besonders Türken in deutsche Vorstände einziehen würde. In den Vereinigten Staaten, wo die Diversity ihren Urspung hat, ging es um Farbige und Indianer.  Doch mitnichten dringen Türken in die hiesigen Vorstände vor, stattdessen ist es ein Däne wie bei Henkel,  ein Niederländer bei Bayer oder ein Amerikaner bei SAP. Die sind eher keine Bevölkerungsgruppen, die  hierzulande als benachteiligt gelten.

Und woran macht sich der gerne bemühte „Nachholbedarf“ fest? Gegenüber wem?  Gegenüber welchem Land? Welche ausländischen AGs stellen zuhauf deutsche und andere ausländische Vorstände ein?

Und was „öffnen“ diese Ausländer in den deutschen AG´s? Was sollen sie tun, was ein Einheimischer nicht auch tun könnte, wenn man es ihm denn aufgeben würde?

Vor lauter Jubel über die Nationalität bleiben die Beobachter die Beweisführung meist schuldig.

Ein letztes Argument, was dann immer kommt, ist dieses: Weil die Deutschen so viel exportieren, müssten sie dementsprechend ihre Führungsgremien mit denen besetzen, die sie beliefern.

Stimmt auch wieder nicht, oder ist Dänemark ein so wahnsinnig wichtiges Abnehmerland für Henkel? Oder die Niederlande für Bayer? Oder Österreich für Siemens?

Und anders herum – zum besseren Vergleich: Sitzen in Chinas Führungsetagen besonders viele Deutsche?  Weil wir doch so viele Waren aus China beziehen? Nicht dass ich wüsste.

Verstehen Sie mich richtig: Ich habe nichts gegen Ausländer im Job, und auch nicht in den Führungsetagen.

Mich stören nur diese Scheinargumente.

Da waren die Pro-Argumente von Deutsche-Bank-Vorstand Ackermann, dass es mit Frauen in den Vorstandsetagen bunter werde, gradezu stichhaltig und vernünftig.   http://www.wiwo.de/blogs/management/2011/02/08/ackermanns-sonniges-gemut-2/

Übrigens: Was las man in der „Süddeutschen Zeitung“ zu der Personalie Stefan Mappus am 5.August 2011, dem Ex-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der nun für den Pharmakonzern Merck nach Brasilien gehen solle?

Dass in Branchenkereisen Verwunderung über diesen Schritt herrsche. Schließlich sei es „fraglich, ob Mappus mit Englisch durchkomme“. Denn wer nach Südamerika gehe, solle wenigstens Spanisch sprechen, besser noch Portugiesisch für Brasilien.

Gleich neben dem dicken Vier-Spalter über die vielen ausländischen Vorstände der Dax-Konzerne.

In dem nur in der Bildzeile erwähnt wird, dass der Inder Anshu Jain künftig Deutsche-Bank-Chef wird – obwohl er kein Deutsch spricht. Kann man sich das von Frankreich vorstellen?

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Alle Kommentare [1]

  1. Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Divesrsity ist leider häufig nicht viel mehr als ein Marketing-Gag. Bis ein Deutsch-Türke einen Dax-Konzern leitet, ist es deshalb noch ein weiter Weg. Für die gelungene Integration von Deutsch-Türken gibt es aber dennoch viele positive Beispiele, da braucht man nicht nur aufs Fußballfeld zu schauen. Die FAZ hat darüber mal berichtet (aber auch über die speziellen Probleme der Deutsch-Türken):

    https://www.faz.net/artikel/C30770/integration-tuerkisch-erfolgreich-angekommen-30087807.html