Ein Dax-30-CEO darf heute im Schnitt sechs – statt vier Jahre – bleiben

„Ein Umzug kommt für die Familie nicht infrage, die durchschnittliche Verweildauer von einem Manager im Job beträgt doch nur noch drei Jahre“, erzählte mir kürzlich ein besorgter Manager, der bald einen neuen Posten antritt. Er will erst mal eine Weile pendeln, sicherheitshalber. Woche für Woche über 1000 km Kilometer eine Strecke. Aber egal. Sein Abenteuer `neue Firma` soll seine Family lieber nicht mitmachen.
Doch der Mann hat Hoffnung: Das Blatt hat sich gewendet, sagt die neueste Global CEO-Succession-Studie von der internationalen Strategieberatung Booz & Company. Analysiert wurden dafür die Veränderungen in der führungsspitze von den 2.500 größten börsennotierten Unternehmen weltweit. Und so ganz recht hatte der Top-Manager auch nicht: Die durchschnittliche Verweildauer von CEO´s betrug 2009 rund vier Jahre. Doch neuerdings beträgt sie sechs Jahre.

Bei den Dax-30-Konzernen fanden die Berater heraus: Musste 2009 noch jeder fünfte Vorstandschef (CEO) in Deutschland, Österreich und der Schweiz seinen Chefsessel räumen, so war es 2010 plötzlich nur noch jeder elfte. Die Wechselqote hat sich damit fast gedrittelt – von 21,3 Prozent auf 8,7 Prozent – dem niedrigsten Stand seit elf Jahren. International war diese Differenz dagegen nicht ganz so groß: Weltweit betrug die CEO-Wechselqoute – oder sollte man lieber sagen Austauschquote? – 14,3 Prozent in 2009 und sank 2010 auf nur noch 11,6 Prozent. Und: Räumten nur noch 20 Prozent der Top-Manager ihre Sessel 2010 unfreiwillig, so musste das ein Jahr vorher immerhin noch rund 30 Prozent

Warum hat sich die Situation so rasch – und ausgerechnet in Deutschland so stark – geändert? Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Chef von Booz & Company urteilt: „Für den starken Rückgang der CEO-Fluktuationsquote in Deutschland gibt es mehrere Gründe.“. Zum einen war 2008/2009 ein absolutes Krisenjahr mit einem Höhepunkt an CEO-Wechseln, ausgelöst durch die globale Finanzkrise und der zum Teil hohe Restrukturierungsbedarf in einzelnen Branchen. Daraus resultierte massiver Druck auf die Aufsichtsräte, durch Wechsel des
Top-Managements das Ruder zum Wohle des gesamten Unternehmens herumzureissen.“ Aber das war nicht alles: „Zum anderen verschaffte 2010 die überraschend gute Konjunktur der deutschen Industrie und ihren CEOs enormen Rückenwind.“ Gushurst lobt besonders: „Man kann auch feststellen, dass die Berufungen – gerade von Outsidern – exzellente Entscheidungen waren. Hier wurden nicht nur kurzfristige Turn-Around-Themen angegangen, sondern auch nachhaltige Strategiefragen.“

Übrigens seien bei vielen Besetzungen auch Ausländer zum Zuge gekommen. Das ist das, was die Unternehmensberatungen seit Jahren immer wieder anmahnen gegenüber den Nationalitäten, mit denen deutsche Firmen besonders eifrig Handel treieben – aber eben nur bei den deutschen Unternehmen und nicht etwa den chinesischen, die viel an deutsche Unternehmen liefern. Komisch, oder? Fest steht aber auch, dass weder der Henkel-Chef aus Dänemark – Kasper Rohrsted – noch der Bayer-Lenker – Marijn Dekkers – sich besonders schwertun, wenn´s ums Schassen hunterderter oder tausender deutscher Mitarbeiter geht. Im Gegenteil: Das große Bayer-Kreuz als traditionelles Wahrzeichen konnte nur nach längeren, erbitterten Protesten der Bayer-Belegschaft bleiben.
Doch zurück zum Thema: Booz & Company erwartet, dass in den nächsten Jahren die Wechselrate bei den CEO´s hierzulande wieder ansteigt „auf ein gesundes Niveau von 12 bis 14 Prozent. Peaks von bis zu 20 Prozent sind nicht mehr zu erwarten.“

Gibt´s auch Kritik der Unternehmensberater? Ja, zum Beispiel das immer noch zu wenige Frauen – das Gleichstellungsthema – an die Spitze der Großunternehmen kommen.
Dasselbe gelte für das Stichwort Diversity: Die Nationalität der Kunden spiegele sich in den Vorständen nicht wider – siehe oben.
Doch ebensowenig finden sich Kandidaten aus großen Bevölkerungsgruppen wie den Türken in den Top-Führungsgremien.

Wo wird besonders schnell ausgetauscht? Top-Manager aus Health Care und IT lösen die CEOs der Energiebranche auf den deutschen Schleudersitzen ab. Insgesamt „kehrt mit dem Aufschwung wieder mehr Ruhe und langfristiges Denken ein“, hofft Gushurst. gushurstboozcompany_kpgushurst11

Vorstandsvorsitzende scheiden im Schnitt schon zwölf Jahre vor ihrem offiziellen Pensionsalter mit 55,4 Jahren aus dem Amt. In den europäischen Nachbarländern sind es immerhin im Durchschnitt zwei Jahre später. Auch weltweit hat kaum ein Unternehmenslenker länger als sieben Jahre Zeit, den Erfolg seiner strategischen Entscheidungen unter Beweis zu stellen – ganz unabhängig davon, ob er vom Aufsichtsrat als externer Kandidat (Outsider) oder als Eigengewächs (Insider) an die Spitze berufen wird, so die Booz-Studie.
Bei der Erfolgsbilanz dieser Manager mit Kaminkehrer-Karriere beziehungsweise der Protagonisten von aussen nimmt Deutschland laut der Booz-Studie ebenfalls eine Sonderstellung ein.

Weltweit schlug das Pendel in den vergangenen Jahren zugunsten des firmeneigenen Nachwuchses aus: CEO`s aus den eigenen Reihen schienen eine größere Akzeptanz zu genießen und erzielten bessere Ergebnisse. Diese Kluft zwischen Kamin-Karrieristen und Outsidern hat sich in 2010 sogar weiter verstärkt. Erreichten CEO`s mit Unternehmensvergangenheit eine durchschnittliche Aktienrendite von 4,6 Prozent, so brachten es Outsider gerade mal auf 0,1 Prozent.

Anders sieht es in der Schweiz und Österreich aus: Da verläuft die Entwicklung seit vier Jahren genau umgekehrt: Outsider können in 2010 mit einer Aktienrendite von 12,5 Prozent punkten. Insider hingegen bringen es nur zu durchschnittlich 0,8 Prozent.

Insofern scheint im deutschsprachigen Raum auch die Regel nicht zu gelten, dass Outsider eher vom Aufsichtsrat entlassen werden als Insider. Im globalen Vergleich waren das mit 40,5 Prozent gegenüber 19,6 Prozent mehr als doppelt so viele.

Die Booz-Studie im Detail: Auch bei den Branchen zeigt sich 2010 im deutschsprachigen Raum ein ganz anderes Bild als 2009. So fanden 2010 mit fast 27 Prozent die meisten Wechsel im Health-Care-Sektor statt: „In der IT waren es 20 Prozent und in der Energiebranche 17 Prozent. Die im Vorjahr noch heftig betroffene Bank- und Versicherungswirtschaft konnten dagegen zwei Jahre nach dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise etwas ruhiger arbeiten. Die CEO-Wechselquote lag hier gerade noch bei 10,1 Prozent.“ In 2010 stammten erstmals knapp die Hälfte der 2.500 untersuchten Unternehmen nicht aus den USA und Westeuropa. Mit 29 Prozent sind die USA zwar noch immer die stärkste Wirtschaftskraft, doch die sogenannten Emerging Markets machen mit 27 Prozent bereits über ein Viertel der größten Weltkonzerne aus. Im Jahr 2000 lag diese Quote noch bei sieben Prozent.

Unternehmensberater Gushurst zeigt auf: „Der Anteil der Unternehmen aus Brasilien, Indien oder China an den untersuchten 2.500 Top-Playern ist seit der Jahrtausendwende durchschnittlich um eindrucksvolle 24 Prozent pro Jahr gewachsen. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Allein ein Fünftel der neuen globalen Blue Chips stammt mittlerweile aus China.“

Das Fazit des Münchners: „Mit dieser Entwicklung verändert sich die Führungs- und Coporate-Governance-Kultur aber auch Diversity-Anforderungen grundlegend. Wir sehen in den Konzernen einen klaren Trend zu einer international denkenden und vor allem global agierenden Führungselite.

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