Weihnachtsfeier Dezember 2010 (2): Animierte Grüsse

Ich fasse es nicht. Da schicken mir – in wohlmeinendster Absicht, die ich hiermit auch ausdrücklich wertschätze – sehr nette Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft statt einer anständigen Weihnachtskarte mit anständiger Unterschrift und einer persönlichen Zeile einen schnöden Mailgruß via Internet. Kostenfrei, seelenlos und an Dutzende gleichzeitig  – und dem Empfänger ist´s auch klar. Nicht mal eine Briefmarke ist er dem Absender noch wert, keinen DinA4-Briefbogen mit ein paar individuellen Worten. So weit so blöde – oder blamabel für den Adressaten. Aber eine animierte Weihnachtskarte, die nicht mal einen Lacher produziert, die ist der Gipfel.

Wasted Time

Warum? Das Ding verlangt dem Empfänger völlig nutzlos aufgewandte  Zeit ab, von der er so gar nichts hat. Zeit, die er abends an seine Zeit im Büro dranhängen kann, weil sie seiner ohenhin verdichteten Arbeitszeit abging. Man kann stier auf seinen PC-Bildschirm starren und zusehen, wie erst eine langweilige Schneelandschaft und dann am Ende ein Brand und ein Slogan des Dienstleisters, der sie schickte, erscheint. Es lässt mich rätselnd zurück. Was will man mir damit sagen? Warum soll ich mir das ansehen wollen? Es ist nicht mal auf dem Niveau des Zugs, der früher spätnachts im TV durch die Landschaft rauschte und dem Zuschauer, der immer noch nicht eingenickt war, die Landschaften zeigt, durch die dieser Zug fährt. Schlimm war die Sendung nicht, eher so was wie neutral. Zumindest zeigte es gutes Wetter und man bekam was zu sehen. Das ist bei der animierten Karte der WP-Gesellschaft anders. Eigentlich sieht man nicht viel ausser Tannenwipfeln. Und wenn man am Ende für sein geduldiges Zuwarten nur mit dem Blick auf das Logo und den Brand einer renommierten Firma belohnt wird, kommt man sich obendrein veräppelt vor.

Und das Schlimmste: Man hat den Eindruck, es ist dasselbe Filmchen wie im Vorjahr. Von einem gutverdienenden Unternehmen, das kein geld mehr ausgeben mag für die Pflege der Geschäftskontakte. Ist dasnicht vielmehr Hohn und Spott?

Bilder à la Bäckerblume

Warum? Ich muss warten, ohne tolle Bilder – hat New York um diese Zeit da nicht einiges Attraktiveres an Optik zu bieten? Hätte man da nicht etwas wirklich Tolles an stimmungsvollen, knalligen oder irgendwie opulenten Bildern finden können? – , um am Ende wie im Kino vor dem Hauptfilm auf den Slogan und das Brand eines Werbetreibenden schauen zu dürfen? Diese zeitraubenden, nervtötenden Werbefilmchen sind – by the way – ein Grund für meine Vorliebe für DVD´s. Statt Kino.

Zeitdiebstahl und Misskredit

Doch mit dem Zeitraub alleine ist es ja nicht mal getan. Wann soll ich dieses Ding anklicken? Ich bekomme es an meine Dienst-Mailadresse in der Dienstzeit von einer Firma, mit der ich im Job zu tun habe. Also soll ich es wohl auch in der Company ansehen, richtig? So, und wie muss das im Großraumbüro wirken? Wenn alle möglichen Kollegen an meinem Schreibtisch vorbeikommen, und ich da sitze und in aller Ruhe so was betrachte? Statt zu arbeiten? Wenn die Vorbeigehenden mal so eben gucken, was der Kollege da so treibt – und sich ihren Teil denken  und vielleicht kommentieren?

Großraumbüro-Nervensäge

Und wenn derjenige, der dieses animierte Mail abspielt, obendrein die Kollegen mit noch mehr gesundheitsschädigendem Lärm zumüllt, als sie es ohnehin schon werden. Super Idee. Auch das ist dann Kommunikation,  die im Großraumbüro supergut fliesst. Sprich, mit der jeder jeden im Umkreis beglückt. Also wenn sechs Kollegen so ein Ding abdudeln, nervt das schon ordentlich. Das schädigt die Gesundheit des einzelnen noch mehr als es so ein modernes Büro ohnehin schon tut.

Und welchen Eindruck macht es auf Leute, mit denen man gerade telefoniert, wenn im Hintergrund die Mucke dudelt? Oder auf die Anrufer des Kollegen, der mit jemandem telefoniert? Bestenfalls kommen launige Bemerkungen.

Verpeilte Absender

Und irgendwann beschleicht den Empfänger das Gefühl, dass der Absender sich gar nicht vorstellen kann, dass nicht jeder Empfänger so viel Zeit hat, so viel abgeschirmten Büroraum und  so viel Verständnis für solche Grüße.  Dass der Absender freudestrahlend kundtut, dass er im Elfenbeinturm sitzt. Meine Kiddies nennen das verpeilt.

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Alle Kommentare [3]

  1. Liebe Frau Tödtmann, Sie treffen es wieder auf den Punkt, fehlt noch der Hinweis, dass Apple – Gott sei Dank! – diesen Blödsinn nicht unterstützt und der iPhone-Nutzer häufig nur einen Kasten mit Kreuzchen sieht. Damit kommt die Nachricht dann ganz schnell, wohin sie hingehört, in den Papierkorb… Ich kann mich auch irgendwie nie daran erinnern, wer mir so etwas geschickt hat.

  2. Stimmt auffallend, lieber Herr Struwe. Die E-Grüsse sind oft so austauschbar, dass man sie sofort vergisst.
    Am ärgerlichsten: Wenn Sie so viele MB´s schwer sind, dass Sie im Outlook gar nicht mehr weiterarbeiten können.

  3. In diesem Jahr von einem von mir sonst höchst (!) geschätzten Partner einer renommierten Kanzlei einen Sammel-E-Mail-Weihnachtsgruß bekommen. Tief enttäuscht. Nenne mich jetzt S.H. aka  „undisclosed recipients“ ….
    Aber selbst das Bundesfinanzministerium schickt dieses Jahr ja eCards rum. Bald gibt es auch nur noch eWeihnachten. Dann muss man auch keine analogGeschenke mehr kaufen. Hat auch was für sich.
    *kritzelkritzel*
    (nach eComment verreist)

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