Auch die Arbeitnehmer werden Wikileaks entdecken (Gastbeitrag)

WikiLeaks.org meldet sich nicht mehr. Anfang Dezember 2010 ergibt eine Google-Recherche, der WikiLeaks-Server antworte nicht. Und auch für Julian Assange wird es eng, Assange beschreibt sich selbst als Mitglied des Wikileaks-Beirats, viele sehen ihn aber auch als Führungsfigur der Enthüllungsorganisation. Jetzt wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht von Interpol. Und wohl auch von den mindestens 16 Nachrichtendiensten der USA, ihn in seit der Veröffentlichung der Diplomaten Kabel sehr wahrscheinlich auf die Fahndungsliste gesetzt haben. Daneben fordern Politiker seine Hinrichtung oder zumindest eine lange Gefängnisstrafe als Landesverräter. Assange erhält Morddrohungen und fürchtet um sein Leben.

 Bald viele neue Wikileaks

Ist es also bald vorbei mit den Enthüllungen? Sicher nicht. Denn WikiLeaks steht nicht allein. Die Enthüllungsorganisation ist eben nur die meist prominente Plattform dieser Art. Es gibt andere, die sicher sehr schnell in WikiLeaks‘ Fußstapfen treten werden. Daniel Domscheidt-Berg, ehemaliger WikiLeaks-Mitarbeiter, hat in deutschen Nachrichtenmagazinen schon ankündigen lassen, er werde noch in diesem Jahr eine eigene Internet-Plattform gründen. Die technischen Voraussetzungen sollen schon vorhanden sein. Dort könnten die Absender dann selbst bestimmen, welche Dokumente sie veröffentlichen.

 Wikileaks für Whistleblower – wer immer unzufrieden ist mit seinem Bötchengeber

Auf WikiLeaks selber kommt es damit also gar nicht mehr an. Es geht hier um Wichtigeres. Es geht um ein Prinzip. Denn WikiLeaks ist nichts anderes als Whistleblowing 2.0. Die Plattform steht denen zur Verfügung, die unethisches Verhalten in den eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen. Das letztere, die Enthüllung von Missständen in Unternehmen, ist in letzter Zeit etwas in den Hintergrund getreten. Doch das wird sich sicher bald wieder ändern. Und selbst wenn WikiLeaks selber es nicht mehr kann, andere werden das Whistleblowing 2.0 nutzen. Um Missstände aufzudecken, aber auch um Unternehmen zu schaden, sich zu revanchieren für den als ungerecht empfundenen Arbeitsplatzverlust oder den angeblich zu strengen Chef. 

 Das einzige, was Unternehmen noch schützen kann, ist eine eigene Whistleblowing-Hotline

Durch die Prominenz von WikiLeaks werden sich viele Arbeitnehmer mit Enthüllungen über interne Misstände an WikiLeaks oder ähnliche Plattformen wenden. Sie tun das, da sie keine andere Möglichkeit sehen, den Misständen abzuhelfen. Es werden Dinge sein wie Mißbrauch personenbezogener Daten, Tolerieren von Mobbing, Korruption zur Auftragsbeschaffung. Die Liste ist sehr lang.

Weniger gefährdet sind Unternehmen, die bereits ein Whistleblower-System haben, das solchen Arbeitnehmern anonyme Hinweise erlaubt. Ein internes WikiLeaks so zu sagen. Daher der Rat: Wer jetzt noch keine Whistleblower Hotline hat, sollte schnell eine einrichten. Sonst nimmt ihm WikiLeaks das ab. Und das kann kein Unternehmen wollen.

Hier könnte sich auch bald rächen, dass bei uns in Deutschland der Schutz der ethischen Dissidenten – nichts anderes sind Whistleblower ja – immer noch unterentwickelt ist. Transparency Deutschland (www.transparency.de) fordert schon lange den verbesserten rechtlichen Schutz von Whistleblowern und die Integration des Whistleblower-Schutzes in die Führungsleitlinien möglichst aller Wirtschaftsunternehmen. Die International Chamber of Commerce in Paris und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag tun in ihren Stellungnahme das gleiche, genauso wie der Bundesverband der Deutschen Industrie. Trotzdem wurde im Jahr 2008 das geplante gesetzliche Anzeigerecht für Whistleblower (geplanter § 616a BGB) durch Lobbyistenverbände aus der Wirtschaft verhindert. Den Interessen gut geführter Unternehmen war damit sicher nicht gedient. Denn jetzt schlagen die Whistleblower zurück. Whistleblowing 2.0 braucht keinen gesetzlichen Schutz mehr. Sein Schutz ist die Anonymität des Internet. Und dennoch lehrt die Erfahrung der letzten Jahre eines: ethische Dissidenten tragen Missstände in Unternehmen fast immer nur dann nach außen, wenn sie keine Alternative sehen. Mit anderen Worten: Dort, wo in den Unternehmen und Betrieben schon jetzt Whistleblowing-Systeme etabliert sind, es Ansprechpartner und Hilfestellung für Hinweisgeber gibt und wo der Whistleblower-Schutz Teil der Unternehmenskultur ist, hält sich das Risiko der Enthüllung in engen Grenzen. Wo das noch nicht der Fall ist, wäre jetzt noch Zeit zu handeln. Sonst kann der nächste Blick ins Internet ein böses Erwachen bescheren. Denn das nächste Leck kommt bestimmt. 

Jan Tibor Lelley ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner bei der Großkanzlei Buse Heberer Fromm http://twitter.com/JanTiborLelley

Wikileakks fordert inzwischen erste Opfer und Manager müssen zurücktreten:

http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/wikileaks-kostet-immer-mehr-top-manager-den-job-454097/

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