Brutaler Jugendwahn – und warum die Unternehmen Chefstellen gerne eine Weile unbesetzt lassen

Da entrüstet sich die 40-jährige Schauspielerin Anja Kling, das Fernsehgeschäft sei „brutal“. Es gebe kaum Angebote für Frauen, „die so alt aussehen wie sie sind“ und sie käme nur auf zehn Frauen über 50, die gut zu tun haben. Ach so? Hat Sie es auch schon gemerkt? Nur: vor zehn Jahren war das nicht anders – aber da hätte es sie vermutlich nicht gestört. Stattdessen hätte sie sich einfach insgeheim gefreut, dass sie als Jüngere die schönen Rollen bekam und keine andere. Eine, die vielleicht schon 40 Jahre zählte oder mehr eben nicht.

Sprich, sobald der Zahn der Zeit an einem selbst nagt, sieht man die Sache mit dem Jugendwahn plötzlich ganz anders: Kling kenne die Sorge, dass man plötzlich „durch dieses merkwürdige Raster fällt“.

Zum anderen: Nur das Fernsehgeschäft soll so brutal sein? In anderen Branchen ist es nicht anders, da ist es nur nicht so augenfällig für ein Millionenpublikum. Vor allem: Da trifft es nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Wer die 50 überschritten hat, dessen Name fällt sofort den Vorgesetzten ein, wenn´s in die nächste Kündigungsrunde geht. Dass gerade in akademischen Berufen die Karriere überhaupt erst ab 30 losgeht, ist dann vergessen. Dass Know-how und Erfahrung für die Company wertvoll ist und Kontakte eben nicht ersetzlich sind. Wissensmanagement? Theoretisch ganz prima, praktisch gelebt? Noch nie.

Zudem: Immer noch ist vieles Nasengeschäft. Die Verbindungen innerhalb der Branche, Kontakte zu entscheidenden Geschäftspartnern, Kenntnis um und rascher Zugang zu den wirklich Wichtigen – das ist nichts, was auf einen Nachfolger übergeht.Im Gegenteil.

Inbesondere weil heute niemand mehr seinen eigenen Nachfolger eine zeitlang einarbeitet, in der Branche herumzeigt, ihm Kniffe beibringt undundund. Der Regelfall ist eher, dass auch wichtige Jobs erst mal eine Weile verwaist sind. Drei Monate, sechs Monate, neun Monate, alles normal heute. Die Abwesenheit des Alten und Neuen – das Vakuum – wird sogar dazu genutzt wird, um schnell dessen Mitarbeiterzahl zu rasieren. Schließlich ist die Gelegenheit günstig, wenn die Mitarbeiter schutzlos sind und niemand mehr da ist, der ihre Arbeit zu schätzen weiss und sich vor sie stellt. Weil er sie braucht. Wenn jeder Fürsprecher fehlt, kommen gerade die loyalsten, stets unauffälligen und zuverlässigen Leute eher unter die Räder aus die Blender, die nur an die eigene Karriere denken und nicht ans Wohl der Firma.

Ob diese Vorgehensweise klug ist und den Unternehmen auf lange Sicht schadet, mit den Fragen quälen sich die Bad Guys, deren persönliche Prämien sich je abgeschossenem Mitarbeiter erhöhen, nicht. Im Gegenteil, je weniger sie wissen, umso lieber ist es ihnen. Umso unbelaster sind sie.

Doch zurück zum Thema Jugendwahn: Ein Architekt/Baunternehmer mit 52 Jahren, der Deutschland den Rücken kehrte und in die Schweiz ging, bekam dort auf neun Bewerbungen hin fünf konkrete Stellenangebote. „Das wäre mir in Deutschland nie passiert.“ Und vor allem: „Das Betriebsklima ist in der Schweiz so viel besser. Man geht so respektvoll miteinander um, Kritik erfolge höflich verpackt.“ Das geht. Vielleicht sollte man deutsche Manager zum Nachhilfeunterricht in die Schweiz schicken?

http://www.rp-online.de/public/kompakt/gesellschaft/880538/Anja-Kling-findet-ihr-Metier-brutal.html

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Alle Kommentare [2]

  1. Zum tausendsten Mal das gleiche Problem beschrieben. Das Leben ist grausam und Gabi ist ein Schwein!

    Natürlich gibt es diese Art von Unternehmen. Wir haben aber mehr als 2 Mio davon in Deutschland. Darunter sind genug, in denen es nicht so ist. In denen ist es so, wie in der Schweiz.

    Suchen Sie mal einen wirklich guten älteren Mitarbeiter. Manch einer hat zuvor viel zu lange im gleichen Unternehmen gearbeitet, hat nie etwas anderes von der Welt gesehen, ist dadurch irre unflexibel und verbaut sich selbst seine Chancen, wenn er älter wird. Genau diejenigen schreien dann am lautesten.

    Ich jedem nur raten, dafür zu sorgen, dass er vielseitig einsetzbar ist. Wer nur Kopfbälle kann und das auch nur, wenn der Ball hoch von rechts kommt, der hat es eben schwerer, als jemand, der beidfüßig und kopfballstark ist.

    In diesem Sinne, Sport frei!
    Mirko Schneider