„Schreiben Sie sich Ihr Zeugnis doch selbst“

Zeugnisse sind heute nur noch für eins gut: Zu bescheinigen, wann jemand als was wo gearbeitet hat. Die Arbeitszeugnisse selbst sagen nichts mehr aus. Zum einen weiss man nicht, wes Geistes Kind der Urheber war. Ob er versiert in Sachen Zeugnissprache ist oder nicht – und am Ende alles wörtlich meint, was er da schreibt. Zum anderen weiss man nicht, ob der Mitarbeiter sich das Zeugnis nicht vielleicht auch von vornherein selbst geschrieben hat. Ist ein Mitarbeiter besonders unangenehm aufgefallen, lässt der Chef den Betreffenden sein Zeugnis gerne mal selbst schreiben. Um  Arbeit und Zeit zu sparen und um vor allem hinterher keine Scherereien zu bekommen. Hauptsache weg. Eine Art Resignation – doch im Ergebnis verkehrte Welt. Denn belohnt wird so der Falsche. Nicht der, mit dem es der Chef gut meint, weil die Zusammenarbeit mit ihm erfreulich war. Sondern der kampfbereite Unbequeme. Oder der Faule, der dem Vorgesetzten schon ganz egal ist.
Denn klar ist die Sicht der Arbeitsrichter: Das Zeugnis muss „wohlwollend“ sein – sprich für Kritik und Negativurteile ist gar kein Raum. Und es darf das Fortkommen des Kandidaten nicht behindern. Damit wird aus dem ewigen Drückeberger im Handumdrehen derjenige, dem die Company attestiert, dass er „stets zu ihrer vollsten Zufriedenheit“ gearbeitet hat. Zeugnisse im Baukastensystem sind die logische Folge. Austauschbar.
Ähnliches hat auch eine Umfrage auf www.yansi.de ergeben: Von 1 200 Antwortgebern finden 48 Prozent die Bedeutung von Zeugnissen zunehmend sinkend, weil sie per Gesetz ohnehin positiv formuliert sein müssen. In Österreich sind das sogar 25 Prozent.
Zwar finden 37 Prozent der Antwortgeber Arbeitszeugnisse „die wichtigste Referenz“ (Österreich: 22 Prozent) – aber das kann sich der Logik nach schon nur noch auf Indizien beziehen wie dieses: Wer zehn Jahre bei einem Arbeitgeber war, mit dem scheint derjenige nicht so ganz unzufrieden gewesen sein. Oder: Findet ein Lehrherr nach der Lehrzeit für seinen Azubi kein einziges Wort über dessen Verhalten, seinen Charakter oder irgendetwas Persönliches, kann er nicht viel von ihm gehalten haben. 
Wichtig ist nur noch das Nicht-Gesagte, die Botschaft zwischen den Zeilen. Oder die Reihenfolge einer Aufzählung: Steht der Chef an erster Stelle bei der Aufzählung, bei wem der scheidende Mitarbeiter beliebt war – ist die Welt in Ordnung. Stehen da aber die Kollegen und der Chef zuletzt – nach den Kunden und Kollegen – spricht einiges dafür, dass der Mitarbeiter ein Intrigant, illoyal oder sonstwie heimtückisch aus Sicht des Chefs war.

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