Zwei-Klassen-Impfung? Arme Unternehmen

Preisfrage für Arbeitsrechtler: Müssen sich Arbeitnehmer gegen Schweinegrippe impfen lassen? Auch wenn sie es persönlich vielleicht nicht wollen? Aber weil sie Postboten, Krankenschwestern, angestellte Ärzte, Pfleger, Straßenbahnfahrer, Feuerwehrleute, Lokomotivfahrer oder ähnlich eben sehr wichtige Menschen sind? Oder weil ohne manche Facharbeiter und Ingenieure ein Auftrag nicht rechtzeitig fertig und eine Vertragsstrafe fällig wird?
Haben sich Personaler mittlerweile den Kopf zerbrochen, was sie tun können, damit ihr Unternehmen auch bei einer Pandemie, sprich Schweinegrippe, weiter funktioniert, so hat ihnen die Regierung nun einen Bärendienst erwiesen: Durch ihre Bestellung eines anderen Schweinegrippen-Impfstoffs – vom Hersteller Baxter – für Politiker und höhere Beamte. Denn Arbeitnehmer, die bisher schon unsicher waren, ob sie sich impfen lassen wollen (angeblich wollen sich ja laut Umfrage bislang nur 12 Prozent impfen lassen http://www.bild.de/BILD/ratgeber/gesund-fit/2009/10/17/schweinegrippe/die-meisten-deutschen-wollen-nicht-zur-impfung.html, werden nun wohl ihre Entscheidung fällen: Und zwar gegen eine Impfung. Warum sollen sie sich schließlich impfen lassen und offenbar erhebliche Nebenwirkungen riskieren? Ein paar Tage krank sein – so wird wohl gedacht – ist da ja wohl nicht so schlimm. Unternehmen, der Mitarbeiter massenhaft ausfallen und – wo sie ohnehin alle längst lean und superdünn besetzt und auch gar keine Springer mehr an Bord sind. Vertragsstrafen, Einnahmeausfälle undsoweiter sind unangenehme Aussichten.
Schrill dann auch die Argumente, die den Politikern plötzlich zur Beruhigung der Lage einfallen http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,655894,00.html: Frau Merkel sagt, sie gehe zu ihrem normalen Hausarzt – übersetzt: ich nehme den Super-Impstoff ohnehin nicht in Anspruch (auch kein gutes Zeichen in Zeiten knapper Kassen: Verschwendung könnte man es nennen).
Wolfgang Schäuble gibt die Unschuld vom Land und schützt Unwissen vor: Warum die oder der Regierung an Baxter gegangen sei, wisse er nicht. Aber klar ist – und da ist er sich wieder sicher – dass es schon Monate her ist und überhaupt – der Kaufvertrag einzuhalten ist (Man wünscht sich ähnliche Standfestigkeit bei den Wahlversprechen.).
Und dann setzt er noch ein ganz entscheidendes Signal obendrauf: Er wisse gar nicht, ob er sich jemals impfen lassen werde, versucht er abzuwiegeln. Merke: geht er mit – gutem – Vorbild voran???
Nach ähnlichem Muster stürmt der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach hinterher und legt sich auch gleich schon fest: Er werde sich definitiv nicht impfen lassen. Nebenbei gesagt: wer kann’ s kontrollieren?
Da fragt sich doch jeder Postbote, Arzt, Straßenbahn- oder Zugfahrer und jede Arzthelferin: Warum soll ich dann?
Eine interessante Frage für Arbeitsrechtler ergibt sich hieraus: Sind diese Menschen unter Umständen verpflichtet, sich impfen zu lassen? Als vertragliche Nebenpflicht ihres Arbeitsvertrags? Lassen erste Arbeitgeber dies vielleicht schon ihre Anwälte prüfen? Und wenn ja, lässt sich so eine Impfpflicht gegenüber den Mitarbeitern im Eilverfahren durchsetzen?
Ganz durchsichtig ist die Tour vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das flugs beteuern ließ: „alle drei bisher zugelassenen Impfstoffe sind wirksam und verträglich“. Und dass es „keinerlei gefährliche Nebenwirkungen“ gebe. Der beste beweis dafür aus Sicht des Instituts: Auch die Mitarbeiter des Instituts würden mit Pandemrix _ dem Zweite-Klasse-Medikament – geimpft. (Der älteste Verkäufertrick aller Zeiten: ´Wir benutzen das hier alle privat´. Die Institutssprecherin sagte der Presse gestern: „Wir sind der Meinung, das ist ein guter Impfstoff. Wir haben ihn für die Bevölkerung empfohlen und wollen ihn auch für uns.“
http://management.blogg.de/eintrag.php?id=206

Was Unternehmen in Sachen Pandemie tun können
http://management.blogg.de/eintrag.php?id=258 

Die meisten Männer waschen sich nicht mal die Hände nach der Toilette:

Nachtrag: Inzwischen bleibt man auf dem Impfstoff sitzen und streitet, wer den Schaden bezahlen soll:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article5471380/Schweinegrippe-Impf-Chaos-kostet-Millionen.html?utm_source=Newsletter&utm_campaign=nl_weltbewegt

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Alle Kommentare [3]

  1. Stellen Sie sich vor es ist Impfung und keiner geht hin.
    Es gibt viele Argumente für und gegen eine Massenimpfung – vor allem aus Sicht des Einzelnen. Tatsache ist: die Schweinegrippe erregt in weiten Bevölkerungsteilen keine Angst mehr – entsprechend sinkt die Impfbereitschaft. Bei der Vogelgrippe noch hatten viele Menschen Angst, keinen Impfstoff mehr zu bekommen – Ironie des Schickals ist, dass sich genau das heute viele Briefträger, Krankenschwestern und Polizisten scheinbar wünschen beim Impfen zu kurz zu kommen.
    Gesamtwirtschaftlich macht die Impfung sicher Sinn: Nach Daten des TÜV SÜD Life Service hat allein die letzte Grippewelle 2008/09 rund 1,7 Millionen krankheitsbedingte Ausfälle produziert. Fazit: Die Politik hat es mal wieder versemmelt und durch inkompetente Kommunikation die Impfbereitschaft ohne Gespür für das Befinden des kleinen Mannes auf einen Tiefstand gebracht. Saubere Arbeit!
    Die Politik hat es wieder mal verbockt. Ohne Gespür.

  2. Der Bunker im Ahrtal war auch nur für die Bonner Politiker gedacht – so wie heute der Impfstoff mit weniger Nebenwirkungen. Der Glaube an Gleichheit ausgerechnet beim Thema Gesundheit ist doch naiv. Es fährt ja auch nicht jeder einen Daimler – und da wird es ja auch nicht eingefordert.
    Wer an den teureren Wirkstoff glaubt, soll ihn halt kaufen. Auf eigene Kosten. Fürs Auto, da steht es ausser Frage, dass man sich hoch verschuldet.
    Aber für einen Impfstoff Geld ausgeben – nein, das ist es nicht wert?
    Hand aufs Herz, wer sich wirklich drüber aufregt, über die Berliner Politiker und deren Mentalität, der soll in der Zeit lieber arbeiten und sich das Geld verdienen, das der teurere Impfstoff kostet – und Ruhe ist.
    Aber daran denkt man hier wohl zuletzt. Lieber hinsetzen, mit dem Finger zeigen, Vollkasko einfordern und Pfui rufen, statt selbst Verantwortung zu übernehmen.
    Denn die Grundversorgung mit dem preiswerten Impfstoff, für die ist ja gesorgt.

  3. Nein! Sagt der Arbeitsrechtler: es gibt keine Pflicht, sich impfen zu lassen. Das gilt auch für Arbeitnehmer in „Schlüsselpositionen“ wie Feuerwehrleute, Lokomotivführer usw. Dennoch, das Thema ist so neu nicht. Denn in vielen Unternehmen ist es gängige Praxis, Grippeimpfungen anzubieten und das schon seit Jahren. Und es sind Fälle bekannt, wo bei den Kolleginnen und Kollegen, die sich außen vor halten, nachgefragt wird. Aber das ist die arbeitgeberseitige Fürsorgepflicht.