Buchauszug: Katharina Münks „Glänzende Geschäfte“ – eine Wirtschaftssatire

Buchauszug aus  „Glänzende Geschäfte“ – „eine Wirtschaftssatire, in der Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nicht gänzlich ausgeschlossen sind“ wie die Autorin Katharina Münk schreibt. Und wenn eine der Romanfiguren Kesch heißt oder es um eine Graf-von-Sallewitz-Privatbank geht, könnte es sein, dass ihre Romanvorlage in einer Traditionsbank in Köln spielt. 

Katharina Münk ist nur ein Pseudonym, hinter ihr steckt Petra Balzer, die im wahren Leben nicht nur Bücher schreibt, sondern auch als Coach arbeitet.  http://www.kmesc.de/index.php/katharina-muenk

 

Katharina Münk, Autorin

Katharina Münk, Autorin

 

Das Bankgespräch

Die Bank war auf den ersten Blick nicht das, was Kellermann sich wohl erhofft hatte. Für Löhring hatte sie das, wozu er selbst, offen zugegeben, nie fähig sein würde: Unauffälligkeit. Von ihrer stärksten Seite. Es handelte sich um einen schlichten, grauen Nachkriegsbau wie er typisch für Innenstadtbereiche sein konnte, sehr wuchtig und natürlich mehrgeschossig, aber eben doch gänzlich ohne das, was man sich unter Tradition und Noblesse vorstellen mochte.

Kurzum: Sie sah aus wie die Hauptverwaltung einer mittelgroßen Krankenkasse. Sobald Löhring und Kellermann jedoch den gläsernen Eingang passiert hatten, begann die Zeitreise. Klimatisiert.

Ein fast regungsloser Pförtner saß in blauer Uniform hinter einem modernen schwarzen Tresen, als sei er selbst Bestandteil des Bildes hinter ihm, das wiederum einen etwas unnahbaren Ahnen mit langen Koteletten zeigte, in schwarzem Anzug vor rotem Vorhang und in der Hand ein Buch, in das er aber nicht blickte. Es hatte etwas Erhabenes, und Löhring genoss den Eindruck jedes Mal, wenn er aus dem hektischen Innenstadtbetrieb heraus in diese Ruhe kam. So musste sich ein auszuwildernder Löwe fühlen, den man in sein Reservat zurück brachte. Der Pförtner telefonierte.

„Graf-von-Sallewitz-Privatbank – persönlich haftende Gesellschafter seit 1812“ – Kellermann strich derweil über die Kupferplatte am Eingang. „Alter Schwede. Die Jungs hier scheinen ja zu wissen, was sie tun. Wie ist Ihr Kumpel Edgar denn ausgerechnet auf die gekommen als Partner?“

„Tradition, Kellermann, Tradition.“ Löhring hauchte es dahin wie ein Code-Wort, leise und um Unauffälligkeit bemüht. „Das finden Sie heute nicht mehr an jeder Straßenecke, Kellermann. Die haben triple A rating, sage ich Ihnen, als Privatbank! Wo gibt’s das schon heute noch in der Bankenlandschaft? Und strukturell sehr überschaubar. Bleibt alles in der Familie, Sie verstehen.“ Löhring zog Kellermann am Ärmel zur Seite: „Und noch etwas: Wir werden uns jetzt duzen müssen, vergessen Sie das nicht.“

Kellermann machte zwei entschiedene Schritte zur Seite. „Nie und nimmer werde ich Sie duzen, Löhring. Nicht Sie. Sie nicht. Ich habe Sie zwar heulend und winselnd auf der JVA-Transporter-Rückbank erlebt, aber das will noch gar nichts heißen!“

„Wenn Sie das mit der Rückbank jemandem erzählen, garantiere ich….“, zischte ihm Löhring ins Ohr.

Doch Kellermann hatte sich bereits wieder abgewandt. Er ging auf den Pförtner zu, streckte seinen Zeigefinger in dessen Richtung aus, sagte „Bum“ und dann „Geld oder Leben!“ Der Mann guckte. Doch dann erhellte sich seine Miene schlagartig, die Stimmung wurde lockerer, und in ihm schien echte Freude aufzukommen über einen Kunden, der endlich einmal wirklich nett war und einen individuellen Zugang zu den Menschen suchte. Der Pförtner stand auf wie befreit und begleitete die Gäste,  dann doch um Würde bemüht, zum Aufzug, während ein Pförtnerkollege aus dem Nichts auftauchte, wie geklont, und sofort den leeren Platz einnahm.

Während der gläserne Aufzug an den Gemälden vorbei nach oben schwebte, sah Kellermann an Löhring herunter: „Sie haben ja gar nichts dabei so an Papieren.“

Löhring lächelte den mitschwebenden Pförtner an: „Je höher die Hierarchieebene, lieber Kesch, desto leichter das Gepäck.“

Sie verließen den Aufzug im fünften Stock und wurden vom Etagenpförtner in ein kleines, dunkles Speisezimmer geführt, das bereits komplett für ein Mittagessen eingedeckt war. Man solle doch Platz nehmen. Die Herren kämen gleich. Kellermann schritt voran, und erst von hinten bemerkte Löhring, dass ihm der Anzug, den er trug, viel zu eng war. Es sah schrecklich aus. Es war nicht nur diese Bulettenhaftigkeit an Kellermann, noch war es die finale Erkenntnis, dass nichts, aber auch rein gar nichts an ihm jemals dynamisch aussehen würde. Nein, es war vielmehr die Tatsache, dass der Revolver, den Kellermann immer noch bei sich trug, unterm Stoff erahnbar. Löhring hatte versucht, ihm die Waffe zumindest für diesen Bankentermin auszureden. Doch Kellermann hatte abgelehnt. Dieses Teil sei schließlich die Eintrittskarte zurück in sein altes Leben. Löhring solle sich seiner Sache, verdammt noch mal, nicht so sicher sind.

Genau genommen, war sich Löhring seiner Sache auch noch nicht hundertprozentig sicher. Doch eines war ihm klar: Wenn an diesem Ort, mit diesen Leuten und zu diesem Zeitpunkt Kellermann als Kesch durchging, wenn sich also ein tumber Ex-Knacki mit Waffe unterm Sakko zum Termin mit einem autistischen Erdbeerzüchter traf und die Bank trotzdem Geld pumpte, würde alles möglich sein, dachte Löhring. Alles. Kellermann drehte sich zu Löhring um, und in diesem Moment schienen beide genau das zu denken.

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Katharina Münk: Glänzende Geschäfte, dtv, 272 Seiten, 8,95 Euro: http://www.dtv.de/buecher/glaenzende_geschaefte_24988.html

Die schweren Vorhänge im Raum nahmen auch aufgezogen noch viel Licht weg, und die dezenten Wandleuchten, die einen Lichtkegel nach oben warfen, waren wohl auch bei Sonnenschein stets im Einsatz. Löhring hatte es nie anders erlebt. „Meet and eat. Sehr schön.“ Er kannte diesen Raum und wusste, dass Friedrich Mollow die Erstgepräche mit Kunden, die für die Bank als lukrativ erachtet wurden, stets hier im Rahmen eines Mittagessens stattfinden ließ, so dass diese den Eindruck hatten, die Bank hätte die letzten zweihundert Jahre nichts anderes getan, als auf sie ganz persönlich zu warten und endlich mal ordentlich zu essen. Seinen Risikomanager und Mitgesellschafter, Viktor Curlack, hatte Mollow dennoch immer dabei.

Kellermanns Brillengläser verloren langsam wieder ihre Tönung und gewährten Sicht auf die Augen, die im Raum umher zuckten und keinen Fixpunkt zu finden schienen. Man kam sich tatsächlich ein wenig vor, wie aus der Zeit gefallen: Das kleine Speisezimmer war nicht klimatisiert, und es hing eine antike Mischung aus Leder, altem Papier, Zigarrenrauch und Aftershave in der Luft. Kein Luftzug dieser Welt würde dagegen ankommen. Aber nun saßen sie ja hier. Kellermann hob einen der Teller an und kippte ihn, bis er das Sallewitz-Wappen am Boden sehen konnte. Er erschrak fast darüber, stellte ihn abrupt wieder ab und lehnte sich zu Löhring herüber: „Pst. Wissen Sie was?“

„Ich weiß eine Menge. Fragen Sie nur.“ Löhring spülte eine seiner Pillen mit einem Glas Wasser hinunter.

„Das glaubt einem ja keiner. Junge, Junge. Also, wenn ich jetzt ein Buch über all das hier schreiben würde….“

Löhring unterbrach ihn: „Sie nicht, Kellermann. Sie werden das hübsch bleiben lassen.

Wir sind hier nicht bei der Kreissparkasse in Gütersloh, Kellermann. Die für Sie gängigen Realitätsbegriffe greifen hier nicht, würde ich sagen.“ Oh Gott, es würde nie und nimmer gut gehen mit diesem Typen, dachte Löhring. Er konnte nun doch eine gewisse Anspannung vor diesem Termin nicht leugnen, musste wieder an seine Theorie des arrangierten High Conflict Management Trainings denken und begann, sich näher umzusehen, tastete mit den Blicken jedes einzelne Kabel über Putz ab, suchte kleine Linsen, versteckte Lichtquellen.

 

„Oh, meine Herren, nun gucken Sie doch nicht so skeptisch!“

Mollow und Curlack hatten sich mit der Pünktlichkeit preußischer Güterzüge nebeneinander in den Raum geschoben und trieben den schmalen Winter vor sich her. Man begrüßte sich überschwänglich, und Löhring hätte schwören können, dass Kameras dabei waren.

„Dann wären wir ja schon komplett. Herr Winter, nehmen Sie doch Platz. Mögen Sie etwas trinken?“

„Wir kommen alle aus dem Wasser.“ Winter stellte Tablet PC und Aktenkoffer an einem Stuhl ab, ging ans Fenster, nahm ein kleines Kofferradio aus seinem Sakko und stellte es vor sich ab.

„Ja, aus dem Wasser also. Wie wahr. Sehr schön.“ Friedrich Mollow hatte etwas Churchillhaftes an sich, dieselbe Bulligkeit und Behäbigkeit bei jedem Gesichtsausdruck und bei jeder Bewegung. Er würde sich gut mit Kellermann verstehen, so wie er sich stets sehr gut mit Kesch verstanden hatte, dachte Löhring. Genau genommen, war Mollow ja auch kein echter Sallewitz. Er hatte nur die Erbin mit den größten Bankanteilen geehelicht und war selbst eher der Typ verarmter Landadel. Doch immerhin hatte er durch seinen geschickten Expansionskurs die Bilanzsumme des Hauses mittlerweile nahezu verfünffacht, und so konnte er wohl mit Recht behaupten, dass ihm das „Banktotainment“, wie er es scherzenderweise zu nennen pflegte, in den Genen läge.

Und  jetzt wirbelte der Banker erst einmal wie aufgezogen durch den Raum, dass sein doppelgeschlitztes Sakko über dem Gesäß schwungvolll aufwippte und den lila Futterstoff  hervorblitzen ließ. Sein Blick blieb irritiert an Winters Transistorradio hängen. „Einer meiner Ticks“, erläuterte Winter. Mollow lächelte verständnisvoll. Wahrscheinlich hatte er selbst auch seine Ticks, für die schon längst kein Transistorradio mehr reichte.

Löhring mochte Mollow und Curlack. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie drahtig und blitzschnell gewesen wären, oder gar smart im intellektuellen Sinne, Typen, bei denen jedes Wort saß und einen „closer to the deal“ brachte. Nein, Mollow und Curlack waren das wohltuende Gegenteil: Old School, fast schon barock, mit weit geschnittenen, ausgewählt feinen Doppelreihern, breit gearbeitete Revers mit ausladenden spitzen Ecken, entschlossen breite Nadelstreifen, komme da was wolle, glänzende Knöpfe und kecke Einstecktücher. Die letzten Bewahrer von Stil und Haltung. Hier sprach man deutsch. Dass sie  jemals, allein aus optischen Gesichtspunkten, einen wie Kesch mit ins Geschäft geholt hatten, war erstaunlich, dachte Löhring.

Das Geschäft bestand aus einer einzigen Säule: anspruchsvollen Privatkunden den Zugang zu interessanten internationalen Investitionen zu ermöglichen. Hier gab es noch richtiger Gesichter, einen Handschlag und vor allem Diskretion. Man verstand sich sozusagen als Vermögens-Kurator. Und man besaß dabei einen hoch entwickelten Instinkt für das Annehmliche, das eben nicht unmittelbar mit dem Deal zu tun hatte, aber sehr wohl doch irgendwann darauf hinauslaufen würde, ganz nonchalant, fast schon schwebend. Man merkte das nicht als Kunde – sofern man mit einem Vermögen von mindestens einer Million über der Wahrnehmungsgrenze lag. Es wurde einem warm ums Herz, und der erste Drink bei von Sallenwitz hatte immer etwas von einem Glas warmer Milch frisch vom Bauernhof. Ausgebuffte Hunde, dachte Löhring durchaus anerkennend. Damit waren sie zweihundert Jahre lang gut gefahren. Es musste funktionieren. Die Menschen änderten sich nicht.

Curlack dagegen stand das Risikomanagement ins durchfurchte Gesicht geschrieben. Seine dunklen Augenbrauen waren wohl irgendwann weiter oben auf der Stirn stehen geblieben, um sich nicht permanent neu daran hochziehen zu müssen. Er trug seine Nackenhaare ungewohnt lang, vielleicht ein letzter Rest von Selbstbehauptung oder einfach nur Resultat der Annahme, dass seine Haare, einmal abgeschnitten, wohl nie wieder aus eigener Kraft diese Länge erreichen würden.

Bei aller Vertrautheit hatte Löhring bei der Begrüßung sehr wohl mitbekommen, dass die Blicke der Banker etwas länger an Kesch hängen geblieben waren, als wolle man sich seines ordnungsgemäßen Zustands versichern. Löhring würde Kellermann wohl oder übel unablässig im Auge behalten, unter dem Tisch in Trittnähe bleiben müssen, ohne dass es auffiel. Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen oder getrunken, damit er nicht zum Pinkeln raus musste. Immerhin schien es für Mollow und Curlack selbstverständlich oder doch zumindest einleuchtend zu sein, dachte Löhring, dass er selbst, als halbwegs unabhängiger Beteiligungsmanager, bei der Einwerbung von Kapital für das bereits dargelegte Venture Capital Projekt mit von der Partie war – selbst wenn man Winters Unternehmung eher in der Sallewitz-Kesch-Holding beheimatet sah.

Genau genommen gab es in diesem Fall keinen offiziellen Anlass, sich überhaupt über Löhrings Mitwirkung am Deal Gedanken zu machen. Doch in der Regel ergaben sich bei solchen Konstrukten Aufsichtsrats- oder später gar Vorstandspositionen in den zu finanzierenden Unternehmen, die man gern mit fähigen Managern des freien Marktes besetzte, mit Katalysatoren des Erfolgs und goldenem Händchen – erst Recht, wenn diese zugleich Kunden der Bank waren. Kurzum: einen wie Löhring eben.

„Auf Ihr Wohl und herzlich willkommen noch einmal.“ Mollows Aperitif war schnell hinunter gespült, und die Vorspeise lag bereits auf den Tellern: Krebse auf glasiertem Chicoree, so frisch und glänzend, als seien sie selbst hergekrochen. Löhring blickte sich diskret um, es musste tatsächlich noch so etwas wie einen Speiseaufzug hier geben. Musste er sich merken für zu Hause.

Mollow schien den „liquid Lunch“ sehr wörtlich zu nehmen und hatte schon das nächste Glas gehoben, ganz offensichtlich ein 2009er Erdener Treppchen Riesling: „Dann mal ran an den Braten, würde ich sagen.“ Es klang wie ein Tischgebet, und Löhring genoss es. Auswärtige Termine wie diesen um die Mittagszeit hatten stets etwas von Großfamilie, nichts förderte das Geschäft mehr als das gemeinsame Essen und Trinken. Und nichts war schlimmer als eine einsame Wurst im Firmencasino. Zudem war eines sicher: Solange Kellermann den Mund voll hatte, würde er nichts sagen können.

Kellermann jedoch vermochte zwei Dinge auf einmal zu tun und hob noch kauenderweise sein Glas in Mollows Richtung, während seine linke Hand das Tischmesser der Hauptspeise hochhielt, als wäre es eine Standarte: „Zum Wohle allerseits. Na, wenigsten etwas, das hier noch flüssig ist, was?“

Lesehinweis: Interview mit Katharina Münk: http://www.dtv.de/special/katharina_muenk_glaenzende_geschaefte/interview/1739/

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