„Die Anglizismen sind gar keine Bedrohung für die deutsche Sprache“ sagt Sprachprofessor Eisenberg

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„Alles, auch Hochdeutsch – wie zukunftsfähig ist unsere Sprache?“

von Peter Eisenberg ist Professor (em.) für deutsche Sprache der Gegenwart am Germanistischen Institut der Universität Potsdam. Am 1. April 2014 hat er diesen Vortrag im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dialog im Museum“ gehalten.

Peter Eisenberg, Professor für Sprachen an der Universität Potsdam

Peter Eisenberg, Professor für Sprachen an der Universität Potsdam

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Eisenberg_(Linguist)

http://www.uni-potsdam.de/u/germanistik/ls_dgs/pe.htm

Zunächst fällt mir ein, dass ein berühmter Komiker bei einer solchen Gelegenheit gesagt hätte: „Sagen Sie jetzt nichts! Sie können nur alles verderben.“ Aber es ist so einfach und schlagend, an dem anzuknüpfen, was der Direktor dieses Museums, Herr Wägerl gesagt hat: “Wenn wir verstehen wollen, warum unsere Marke so stark ist, dann können wir auch etwas für ihre Zukunft tun.“

Sie können ohne weiteres für „Marke“ „Sprache“ einsetzen. Mir liegt heute nur daran, Sie davon zu überzeugen oder Ihnen ein paar Hinweise darauf zu geben, dass es um die deutsche Sprache nicht schlecht bestellt ist, sondern sehr gut. Das ist eine sehr risikoreiche Formulierung, weil wir uns als Wissenschaftler jeder Aussage, jeder Wertung enthalten. Sprachen sind, wie sie sind.

 

 

„Wir können alles außer Hochdeutsch“

 

Ich möchte das, obwohl es Sie vielleicht ein bisschen nervt, an einem ganz spezifischen Punkt zur Sprache bringen, nämlich an dem Slogan, der den Titel dieser Veranstaltung geprägt hat: „Wir können alles – außer Hochdeutsch“.

Der ist ja in verschiedener Beziehung kommentiert worden: mit Häme, er ist abgewandelt worden, er ist bewundert worden. Er gilt als genial und gehört zu den Sprüchen, die in den vergangenen Jahren den größten Bekanntheitsgrad überhaupt erreicht haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich und entschuldige mich dafür, dass ich nun doch mit ein paar Sätzen über diesen Spruch anfange, um Ihnen zu zeigen, was ein Sprachwissenschaftler dazu sagt. Er sagt zum Beispiel nicht: „Es gibt Leute, die den Spruch sehr gern im Munde führen.“ Doch wenn man genauer hinblickt, muss man sagen: „Wir können alles – außer Hochdeutsch. Englisch können wir auch nicht.“ Und so geht das quer durch die Sprüche hindurch.

 

Der Sprachwissenschaftler will nur eines wissen: Warum entfaltet dieser Slogan so eine Wirkung? Das einfachste ist: Er muss natürlich die Wirkung beschreiben, aber es wird ihm nicht einfallen, daraus Wertungen über die Sprecher abzuleiten.

 

Ich weiß nicht, ob Sie wissen, woher der Spruch kommt. Im Auftrag des Landesregierung unter Ministerpräsident Erwin Teufel hat eine Werbeagentur ihn zur Erhöhung des Bekanntheitsgrades Ihres wunderschönen Bundeslandes erfunden. Die haben daran gearbeitet. Das sind Leute, die ein sehr gut entwickeltes Sprachgefühl haben, was die Wirkung von Sprache betrifft; das haben sie genial gemacht. Es war kein einzelner Politiker dieses Landes, der seinen Gefühlen Ausdruck verliehen hat, sondern es war ganz gezielt. Einer der Punkte, der hier von Bedeutung ist, wenn wir uns über die ambivalente Wirkung nach beiden Seiten unterhalten, ist Provinzialität einerseits und Steigerung des Bekanntheitsgrades Ihres Landes und Ihrer Sprache andererseits wie auch die Erinnerung daran, dass Ihre Regionalsprache zu denen gehört, die ein hohes Ansehen haben können (im Gegensatz zu einigen anderen, über die das Deutsche auch noch verfügt).

 

Dazu gibt es sehr viel zu sagen. Ein entscheidender Punkt scheint zu sein, dass man jeden Bestandteil dieses Slogans sehr wirkungsvoll ersetzen kann, und nicht nur, wenn man aus Berlin kommt: „Wir können alles außer Flughafen, Sie können alles außer Bahn…“ – Sie sehen schon, es geht sofort los; sobald man den Spruch im Munde führt, wird er produktiv.

 

Die Sprachwissenschaft möchte verstehen, was hier passiert, und wenn wir richtig gut sind, können wir Ihnen als interessierten Sprechern auch erklären, wie es dazu kommt. Jetzt möchte ich direkt zur Sache selbst kommen, und zwar auf folgendem Wege: Ich thematisiere drei wichtige Punkte, die nur sehr teilweise etwas miteinander zu tun haben, die aber alle auf demselben Hintergrund gelesen werden.

Zunächst möchte ich Ihnen einige Zahlen mitteilen, mit sehr wenig Interpretation darüber, wie sich unsere Sprache, das Deutsche, unter den Sprachen der Erde ausnimmt, wenn man ganz äußerlich bleibt. Im zweiten Schritt will ich etwas über die Stellung des Deutschen in Europa sagen.

 

6.000 Sprachen gibt es weltweit

Sie haben alle schon gehört, dass es ungefähr sechstausend Sprachen auf der Erde gibt und dass wir im Augenblick jedes Jahr fünfzig von ihnen verlieren. Von diesen sechstausend Sprachen verfügen etwas mehr als zweitausend – 2.400 ist die Obergrenze – über die Bibel. Das heißt: Viel weniger als die Hälfte dieser Sprachen ist soweit verschriftet, dass man ein solch ziemlich kompliziertes Buch in sie übersetzen und niederschreiben kann. Sie sehen, wie das geht, das werden nach unten immer weniger Sprachen. 1.200 Sprachen verfügen über ein Wörterbuch, ein Wörterbuch, das ungefähr tausend oder mehr Einträge hat. Achthundert Sprachen haben Ansätze für einen Buchmarkt, das heißt in dieser Sprache geschriebene Bücher werden in der Sprachgemeinschaft vertrieben.

Das bedeutet nicht, dass es eine einzige Buchhandlung geben muss. Sie werden irgendwie vertrieben, mit den Lebensmitteln oder mit den Briefmarken oder mit irgendetwas anderem. Ich finde diese Zahl eher erstaunlich hoch. Vierhundert Sprachen gehören nach den Kriterien der UNESCO zu den mittelfristig nicht gefährdeten Sprachen. Es gibt dort ein äußerliches Kriterium über die Zahl der Sprecher: Ungefähr eineinhalb Millionen Sprecher, die Sprache wirklich verwenden – also sie nicht nur können, sondern sie verwenden –, muss eine Sprache haben. Aber das allein genügt nicht; es gibt einige Zusatzkriterien. Die Sprache muss als erste Sprache verwendet werden.

 

Mehrsprachigkeit ist auf der Erde ja sehr weit verbreitet, und wenn eine Sprache zusätzlich noch gekonnt wird, reicht das nicht; dann ist sie schon gefährdet. Rund vierhundert Sprachen also – jetzt sind wir schon bei ungefähr acht Prozent der Sprachen, die es gibt – sind nicht gefährdet. 350 Sprachen haben zwei oder mehr Grammatiken. Jetzt würde ich Ihnen gern im Anschluss an das, was Rainer Dietrich über die Grammatik von Jacob Grimm gesagt hat, etwas über diese Grammatiken erzählen, die das Deutsche hat. Einfacher ist es bei den Wörterbüchern.

 

300 Fremdwörterbücher fürs Deutsche

 

Das Deutsche verfügt bis 1945 über mehr als dreihundert Fremdwörterbücher – und wir haben achthundert Sprachen, die nur ein Wörterbuch haben; wenn überhaupt, dann eines, oder mehr als eins. Dreihundert Sprachen werden im Elementarunterricht verwendet; das heißt diese werden nicht nur gekonnt, sie werden nicht nur gesprochen, sondern sie werden zur Unterrichtung der folgenden Generation in den Elementarschulen zum Unterricht verwendet und gelehrt, gesprochen wie auch geschrieben.

 

…nur 100 Sprachen sind Staatssprachen

 

Diese dreihundert Sprachen werden also alle geschrieben. Nur hundert oder weniger Sprachen werden im tertiären Bildungswesen, also in der so genannten höheren Bildung, verwendet. Nur ungefähr hundert Sprachen auf der Erde sind Staatssprachen. Das ist eine sehr überraschend geringe Zahl. Diese Zahlen sind von Experten mühsam ermittelt worden, und hier im unteren Bereich traut sich niemand, eine genaue Zahl anzugeben, schon weil sich natürlich die Zahl der Sprachen etwa, die im Elementarunterricht verwendet werden oder die über eine Software verfügen, schnell ändern kann. Aber die Größenordnung ist auf jeden Fall richtig.

Es gibt nur zwanzig Sprachen auf der Erde, die über neunzig Millionen Sprecher haben. Warum die Zahl „neunzig Millionen“ hier steht, ist klar; das ist ungefähr die Anzahl der Sprecher des Deutschen. Und nun kommt etwas ganz Kritisches, das ich dennoch sage: Dieselbe Zahl von Sprachen bezeichnen wir, wenn auch teilweise sehr leise, als „Universalsprachen“.

 

 

 

Bis vor kurzem war es politisch nicht korrekt, überhaupt so etwas zu sagen, oder Sprachen in bestimmter Hinsicht zu vergleichen. Es ist aber klar, dass die Sprachen aufgrund ihrer Geschichte und aufgrund ihrer Verwendung in einer Sprachgemeinschaft, die sich auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung von Kultur und Technik befindet, andere Verwendung hat als eine Sprache, die im Extremfall nicht verschriftet ist. Das ist ganz klar. Und wenn man sich die Sprachen der Erde daraufhin ansieht, welche von ihnen alles haben – alles, was man sich überhaupt vorstellen kann, eine entwickelte Literatursprache, eine gesicherte Standardsprache, Soziolekte, Regionalsprachen, eine Wissenschaftssprache, Fachsprachen unterschiedlicher Art usw. –, dann ist die Zahl dieser Sprachen relativ gering.

 

Wenn wir Zeit hätten, würde ich gern darüber diskutieren, ob man einige, die Ihnen sofort einfallen, wirklich in diesem Sinne als Universalsprachen bezeichnen kann. Was überhaupt sprachlich möglich ist, kann man mit solchen Sprachen – abgesehen von dem, was mit ihrer Grammatik und ihrem Vokabular im Sinne der sprachlichen Relativität an Beschränkungen existiert –,kann man mit diesen Sprachen auch machen, und das Deutsche gehört dazu.

 

Deutsch wird weltweit gelernt

 

Es gibt ungefähr ein Dutzend Sprachen, die weltweit gelernt werden, auch dazu gehört das Deutsche, und wir sind uns der Tatsache bewusst, wenn wir mit solchen Zahlen operieren, dass wir hier mit Promille-Angaben rechnen. Zwölf Sprachen sind zwei Promille von sechstausend Sprachen! Das Deutsche gehört also zu den am meisten ausgebauten, weitläufig verwendeten, vielfältig verwendeten, sicher standardisierten, international gut vernetzten Sprachen – zu denen wiederum nur sehr wenige Sprachen auf dem Globus gehören.

 

Der Traum: Deutsch als Weltsprache

 

Was ich damit sagen möchte, ist: Wer etwas sagt wie etwa Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts, in ihrem Buch, das sie nach der Beendigung ihres Amtes geschrieben hat: Ja, wir Deutschen, wir haben es schlecht, der Traum von Weltsprache ist ausgeträumt… Ich weiß nicht, haben Sie schon einmal davon geträumt, dass das Deutsche eine Weltsprache sein soll? Oder es jemals war? Sehen Sie sich bei einigen unserer Nachbarsprachen die Folgen davon an, dass sie immer noch davon träumen, dass ihre Sprache eine Weltsprache ist. Das sind Alpträume, teilweise Alpträume. In meiner Generation habe ich es nicht erlebt, dass ein erheblicher Teil der deutschen Sprachgemeinschaft davon geträumt hat, das Deutsche sei eine Weltsprache.  Aber es ist eine der großen Sprachen und eine der am weitesten ausgebauten Sprachen.

 

Deutsch ist nach Englisch die größte Lernersprache weltweit

 

Was die EU betrifft, hier nur einige Fakten. Auch da wird ja viel geredet. Deutsch ist mit Abstand die größte Sprache in der Europäischen Union. Ich bin sehr oft in Frankreich; wenn ich dies am Abend einmal fallen lasse, sie glauben es mir nicht. Sie glauben es einfach nicht, dass das Deutsche – in der EU – ein Drittel mehr Sprecher hat als das Französische.

Deutsch ist nach Englisch die größte Lernersprache in der EU und hat das Französische überflügelt. Deutsch ist die Sprache, in die weltweit am meisten übersetzt wird. Das Deutsche verfügt sozusagen über eine „Übersetzerriege“, die sich mit jeder anderen auf der Erde messen kann. Das gilt für literarische Übersetzungen genauso wie für wissenschaftliche Übersetzungen, für Übersetzungen in der Technik und so weiter. Nach dem Deutschen kommt übrigens an zweiter Stelle mit großem Abstand nicht das Englische, sondern das Spanische. Es gibt keine verlässlichen Zahlen über die Dichte der Medien, der Printmedien, aber das Deutsche gehört auf jeden Fall zu den Sprachen mit der – immer noch – allergrößten Printmediendichte, das heißt mit fünfzehn Millionen Lesern täglich.

 

100.000 Buchtitel auf deutsch – pro Jahr

 

Nach der Wende waren es mehr, da waren es 18,5 bis 19 Millionen. Wenn wir uns nicht etwas überlegen, wird diese Zahl weiter zurückgehen. Im Augenblick aber ist es tatsächlich so, dass wir über dieses riesige Reservoir an Printmedien verfügen. Im Deutschen werden jedes Jahr über hunderttausend Buchtitel veröffentlicht.

Wenn man also über Sprache spricht und sagt: übermorgen sei sie tot, sie würde vom Englischen überrannt, sie werde von ihren Sprechern nicht geliebt, sie verkomme zur Freizeitsprache, ihr Knochenbau sei bereits faul… „Machen wir uns nichts vor, es geht bergab mit der deutschen Sprache!“ Das sagt der Nestor der deutschen Journalistenausbildung, Wolf Schneider. Die deutsche Sprache sei in ihrem Tiefencode beschädigt. Sie habe keine Kraft zur Assimilation. Eine Sprache, die nicht assimilationsfähig für Fremdes ist, sei eine tote Sprache – das sagt der langjährige Chef des Feuilletons der ZEIT. Aber wir verfügen natürlich über so etwas. Es gibt eine Horrorsammlung von solchen Aussagen über die deutsche Sprache, dass man sich manchmal wundert, dass sie nicht einfach zusammengestürzt ist, wenn man aufwacht.

 Sprachprofessor Peter Eisenberg im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Dialog im Museum"


Sprachprofessor Peter Eisenberg im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dialog im Museum“

Die Sünde, sich nicht um unsere Sprache zu kümmern

 

Ich möchte noch in aller Kürze auf die Idee zu sprechen kommen, die ich hier vertrete: „Lieben Sie Ihre Sprache?“ – Sie haben keine andere, Sie kriegen keine andere, und wir müssen uns um sie kümmern, denn wenn wir uns nicht um sie kümmern, begehen wir eine Sünde, die ihr tatsächlich irgendwann einmal schaden kann. Darauf komme ich nachher noch zu sprechen.

Das erste sind die Anglizismen. Die Anglizismen sind ein Reizthema allererster Güte. Man liest immer wieder, das Deutsche habe über siebentausend überflüssige Anglizismen, die deutsche Grammatik werde durch die Anglizismen zerstört, die Anglizismen fänden sich in der deutschen Sprache nicht zurecht. Wir wissen nicht, ob wir „gedownloadet“ sagen sollen oder „downgeloadet“… und jetzt fragen Sie sich mal, ob Sie „gestaubsaugt“ oder „staubgesaugt“ sagen müssen, oder „gebauspart“ oder „baugespart“ undsoweiter.

Das heißt, wir sehen es auf diesem Gebiet Probleme, die gar nichts mit Anglizismen zu tun haben. Das weiß der Grammatiker, und er möchte gern, dass alle es wissen und dass alle, oder so gut wie alle, solchen Unsinn einfach nicht glauben. Das ist eben sprachwissenschaftliche Aufklärung.

Vortag...

Daimler-Benz-Museum, Stuttgart: „Latein hat dem Deutschen mehr geschadet als  Angliszismen“

 

Der Wortschatz der deutschen Sprache wird immer geringer? Eher nicht

 

In Zusammenarbeit mit der Union der Deutschen Wissenschaftsakademie hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ein großes Projekt gestartet, an dem wir fast fünf Jahre lang gearbeitet haben und das im Spätherbst dem Publikum vorgestellt worden ist. Es heißt: „Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache“, was bedrohlicherweise auf einen zweiten hinweist, über den wir uns gerade viele Gedanken machen. Dieser „Erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ geht einigen Thesen über unsere Sprache nach, die in der Öffentlichkeit seit langem vertreten werden.

Zu diesen Thesen gehört beispielsweise,

– dass der Wortschatz des Deutschen immer geringer wird.

Zu diesen Thesen gehört,

– dass die Fremdwörter dem Deutschen schaden (die jeweils häufigen sind damit gemeint).

 

Schädliche Einflüsse: erst Latein, dann Französisch 

 

Früher war das einmal der Einfluss des Lateinischen – die Latinismen –, dann war es natürlich der Einfluss des Französischen, der ganz „furchtbar schädlich“ war, heute ist es der des Englischen. Wir haben uns in einem weiteren Teilprojekt Gedanken darüber gemacht, ob das Deutsche verarmt, was seinen Formenreichtum angeht, und schließlich, ob es im Nominalstil erstarrt.

Ich selbst habe das Projekt zu den Anglizismen geleitet und möchte Ihnen gern ein paar Fakten dazu mitteilen, wie es um die Anglizismen im Deutschen bestellt ist. Das Deutsche übernimmt seit dem 17. Jahrhundert Wörter aus dem Englischen in sichtbarer Zahl. Mit unterschiedlicher Motivation hat sich die Übernahme verstärkt. Das war zunächst das politische System des Englischen, das uns zum Vorbild gereicht hat, dann im 19. Jahrhundert natürlich die Technik – denken Sie an das Eisenbahnwesen, nicht an die Automobiltechnik, und an viele weitere Bereiche der Technik. Von dort wurde viel aus dem Englischen auf interessante Weise über das Französische entlehnt.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Englisch die Sprache der feinen Leute und hat das Französische auf diesem Gebiet abgelöst – aufgrund der bekannten Probleme zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich. Die Bürger haben ihre Töchter zur Erziehung nach England geschickt.

 

Die Flut der Anglizismen

 

Und dann kam die Flut: Wir haben zehn Millionen Textwörter in Texten der geschriebenen deutschen Standardsprache zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Was ich im Folgenden sage, gilt alles für die deutsche Standardsprache; dort haben wir schon genug komplizierte Probleme und brauchen uns nicht auf die gesprochene Sprache zu stürzen, diese ist noch wesentlich komplizierter. Wir haben also zehn Millionen Textwörter des Standarddeutschen am Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht und etwas mehr am Ende des 20. Jahrhunderts. Das rein zahlenmäßige Ergebnis sehen Sie hier; mit „Lemma“ sind einfach Wörter gemeint. Ich habe dies, so wie es hier steht, aus dem Bericht übernommen und einige Fachbegriffe verwendet, die aber nicht beunruhigend sind. Lemma also sind die Wörter.

 

…die dann doch keine ist

 

Die erste Zeitscheibe ist um 1900 – Sie sehen, wenn Sie dies addieren, kommen Sie auf ungefähr 1.300 Anglizismen, die wir unter dieser Menge der Wörter in diesen zehn Millionen Textwörtern finden. Ein Jahrhundert später, das sehen Sie in der dritten Zeitscheibe, hat sich diese Zahl verzehnfacht. Die Zahl hat sich verzehnfacht, das heißt wir haben weit über 13.000 Anglizismen in diesen Texten gefunden. Das ist ungefähr auch das, was man sich im Allgemeinen vorstellt. Man muss eine solche Tabelle aber lesen können – wenn man sie richtig liest, dann sieht man, dass von den 1.300 Anglizismen um das Jahr 1900 nur drei mehr als zweihundert Mal vorkommen und nur fünf ungefähr zweihundert Mal und nur elf um die hundert Mal. Das heißt: Die Zahl der Wörter, die oft verwendet wurden, ist sehr, sehr gering. Nicht weniger als 833 Anglizismen wurden genau ein Mal verwendet.

 

Hält man dem „Spiegel“ seine Anglizismendichte vor, ist er beleidigt 

 

Dasselbe Bild ergibt sich zu Ende des Jahrhunderts: Die Zahl der häufig vorkommenden Anglizismen ist nach wie vor sehr gering – wenn wir nicht Texte nehmen, das ist ein weiterer Punkt, der in der Anglizismendebatte eine große Rolle spielt, in denen wir eine Häufung von Anglizismen zu erwarten haben. Ein schönes Beispiel: Der „Spiegel“ bringt ja alle paar Jahre ein Heft über den Verfall des Deutschen und schreibt dann einen großen Horrorbericht über die Anglizismen. Wir wissen natürlich, dass sich die Anglizismen im „Spiegel“ sehr dicht finden, weit über die Durchschnittstexte des Geschriebenen hinaus. Das ist erhoben worden, und wenn man dem „Spiegel“ das sagt, ist er beleidigt.

 

Es hat aber keinen Sinn, nach den Texten zu suchen, in denen die Anglizismen gehäuft sind und sich hinterher hinzustellen und zu sagen: Das Deutsche ist bedroht! Die Sprache des „Spiegel“ ist mehrfach genau untersucht worden. Sie ist nicht identisch mit der Sprache des geschriebenen Deutschen; es ist eine ganz besondere Ausprägung, über die die Sprachwissenschaft viel zu sagen hat, nicht nur Gutes. Wenn man diese Tabelle also richtig liest, sieht es ganz anders aus, als man üblicherweise hört.

 

Auf der ersten Zeitscheibe habe ich Ihnen eine interessante Zahl hingeschrieben. Sie sehen, dass sind die Hauptwortarten. Wir entlehnen sowieso nur aus den Hauptwortarten, bevor wir eine Präposition oder eine Konjunktion entlehnen. Beim Lateinischen gibt es das, aber beim Englischen nicht. Über 90 Prozent der Anglizismen sind Substantive. Nur drei Prozent sind Adjektive, weniger als zwei Prozent sind Verben.

 

In der dritten Zeitscheibe ist das auch nicht anders. Was bedeutet das; warum ist das so wichtig? Das ist deshalb so wichtig, weil die Substantive, was die Grammatik betrifft, ganz andere Eigenschaften haben als die Verben; nicht nur ganz andere, sondern auch qualitativ ganz andere. Größere Wortschätze haben ungefähr 60 Prozent Sub­stantive.

Bei den Anglizismen sind es über 90 Prozent und daran hat sich im 20. Jahrhundert auch nichts geändert. Das Substantiv hat die einfachste Grammatik. Das Substantiv hat ein paar Attribute, es hat ein grammatisches Geschlecht, und die Anglizismen finden mit traumwandlerischer Sicherheit ihr grammatisches Geschlecht, das sie ja nicht haben, wenn sie hier ankommen, das sie aber haben müssen, sonst können sie nicht mit einem Artikel verwendet werden. Die Anglizismen werden in die Grammatik der Substantive sozusagen eingegliedert, sie flektieren wie die anderen, da gibt es überhaupt keine Probleme. Bei den Verben ist dies um einiges komplizierter, aber die schaffen es auch, wenn es auch manchmal länger dauert.

 

Die Integrationsprozesse laufen beiSubstativen ganz schnell

 

Ich würde Ihnen sehr gern etwas über diese Integrationsprozesse erzählen. Es ist richtig interessant, wie ein Adjektiv wie „recycelt“ zuerst geschrieben wurde, mit „-ed“ hinten, wie das englische Partizip. Irgendwann wird es dann flektiert, und wir sagen: „das recycelte Papier“ – schon ist das „-ed“ weg, und das „t“ ist da. Das geht mit traumwandlerischer Sicherheit, aber es dauert eine Weile; bei den Substantiven geht es meistens ganz schnell. Über 90 Prozent also sind grammatisch von vorneherein völlig ungefährlich. Das ist die Grundthese, die ich in meinem Aufsatz entfalte; ich gebe Ihnen gleich noch mehr Hinweise dazu.

Hier sehen Sie die um 1900 häufigsten Wörter. Es ist sehr interessant, diese mit den häufigsten Wörtern am Ende des 20. Jahrhunderts zu vergleichen. Kulturpolitisch, kulturhistorisch kommt man natürlich ins Grübeln. Vielleicht tun Sie es sich mal an, die beiden miteinander zu vergleichen, aber Sie können sich ganz gut vorstellen, warum diese Wörter so häufig sind. Sie sehen, das häufigste Substantiv kommt weit über dreihundert Mal vor, und das häufigste Verb, das wir auch gar nicht erwarten, kommt gerade dreißig Mal vor.

Sie sehen hier in der ersten Zeitscheibe eine Eigenschaft des Deutschen, die es nur mit sehr wenigen Sprachen gemeinsam hat. Wir sehen nämlich die Kraft, die das Deutsche entwickelt, um Komposita (Zusammensetzungen) zu entwickeln. Wir haben ganz wenige Komposita, die wir um 1900 dem Englischen entnehmen, Wörter wie „Selfmademan“, „Babysitter“ gab es auch schon – die haben zwei anglizistische Bestandteile. Die weitaus meisten Komposita sind so genannte „Hybridformen“, die als ersten Bestandteil einen Anglizismus haben und als zweiten Bestandteil ein klassisches Fremdwort: „Jobberidee“ zum Beispiel. Dann gibt es das Umgekehrte: „Familiendiner“. „Familie“ ist ja ein Latinismus.

 

Vorne Anglizismus und hinten das Kennwort

 

Als dritte große Gruppe gibt es die vorn einen Anglizismus haben und hinten ein so genanntes „Kernwort“ – das ist der Kernwortschatz, der gar nichts Fremdes enthält, der für den Sprachgebrauch, das Sprachenlernen eine besondere Rolle spielt. Zu dieser Gruppe gehören „Babystuhl“ oder „Codewort“, bei denen vorn ein Anglizismus steht. Dann gibt es wiederum das Umgekehrte: „Geldtrust“, „Riesenbaby“. Das heißt:

 

Die meisten Anglizismen sind erst im Deutsche gebildet

 

Sofort fällt das Deutsche über die Anglizismen her und nimmt sie in diesen produktiven Prozess auf. Warum das auch theoretisch so wichtig ist: Diese Komposita, diese Zusammensetzungen, machen die Mehrheit der Anglizismen überhaupt aus. Wir wissen: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Mehrheit unserer Anglizismen nicht entlehnt. Sie ist nicht entlehnt, sondern sie ist im Deutschen gebildet. Wenn ich das einem dieser Anglizismen-Kritiker richtig deutlich erkläre, gerät er vollkommen in Panik! Er will es nicht hören, dass die Mehrheit der Anglizismen gar nicht entlehnt ist, sondern als Wörter im Deutschen gebildet ist.

 

Universitätspräsident gab´s weder im Lateinischen noch im Griechischen 

 

Das gilt übrigens auch für Latinismen. Das Deutsche entlehnt dem Lateinischen schon lange nichts mehr oder kaum noch etwas. Fast alle neuen Latinismen und Gräzismen sind im Deutschen gebildet, die gab es im Lateinischen gar nicht. Nehmen Sie ein Wort wie „Universitätspräsident“ – alles fremde Bestandteile. Und suchen Sie so ein Wort im Griechischen oder im Lateinischen, Sie werden nichts finden. Das Deutsche hat also schon lange die Kraft entwickelt, mit den fremden Bestandteilen selbst produktiv umzugehen. Das ist eine der ganz wichtigen Erkenntnisse, dieser Arbeit.

 

Ich will Ihnen das noch an einem weiteren Beispiel aus der dritten Zeitscheibe zeigen. Sie finden dies alles in dem großen Papier und in dem Buch, das ich über Fremdwörter geschrieben habe, „Das Fremdwort im Deutschen“, vor zwei Jahren veröffentlicht. Dort ist dies alles im Einzelnen ausgeführt. Ich glaube, man bekommt sofort eine Idee, wenn man sich einige schlagende Fakten ansieht. Hier ist die dritte Zeitscheibe; wir haben die Wörter natürlich hin und her gedreht, nach allen möglichen Eigenschaften untersucht: Wie werden sie geschrieben? Wie werden sie ausgesprochen? Wo sind fremde Laute, wo sind fremde Silben? Und wo sind fremde Affixe; hier: Suffixe. Am Ende des 20. Jahrhunderts sind das die häufigsten; Wörter wie „damage“, „revolution“, „statement“ – alle anderen kommen viel weniger vor. Aber dann kommen die drei häufigsten. Das ist: „-ing“ („kidding“), „-y“ („baby“) und „-er“ („computer“).

 

Sie sehen, dass diese drei, die mit Abstand die häufigsten sind, alle sehr nahe Verwandte im deutschen Kernwortschatz haben. Für „-y“ gibt es „Studi“ usw., das „-er“ ist das gemeinsame historische Erbe, das kommt aus dem Lateinischen und viele Sprachen haben Derivate davon; das Deutsche kennt hier „Angler“ und „Bäcker“. Die Latinismen haben „-or“, und die Anglizismen auch das „-er“. Zu „-ing“ möchte ich etwas mehr sagen, weil man hier schön sieht, dass dieses Suffix inzwischen im Deutschen anders verwendet wird als im Englischen. Es ist angepasst worden und hat sehr gute Voraussetzungen dazu. Es ist etymologisch, das heißt historisch verwandt mit „-ung“ und verhält sich im Prinzip ganz ähnlich wie „-ung“ im Gegenwartsdeutschen – nur: das „-ung“ operiert auf heimischen, also auf Kernstämmen (wie „Störung“, Befreiung“), und das „-ing“ operiert auf fremden Stämmen, das ist der einzige Unterschied.

 

Auf dem sicheren Boden der geschriebenen deutschen Standardsprache

 

Ich zeige Ihnen gleich ein paar Gruppen davon. Dann gibt es den Übergang von „-ing“ zu „-ung“ – aber niemals von „-ung“ zu „-ing“. Das heißt, wir haben „Styling“ und hören inzwischen auch „Stylung“. Aber wir finden niemals etwas wie „Störung“ und „Störing“. Wir finden das schon – aber wo? Wir finden das in der Sprache der Jugend. Die haben begriffen, dass das nicht geht und treiben ihr Spiel damit. Aber wir bewegen uns aus dem sicheren Boden der geschriebenen deutschen Standardsprache.

 

Wenn Sie jetzt die Bedeutungsgruppen hier betrachten – ich habe drei herausgegriffen –, sehen Sie, dass dieses „-ing“ auf anglizistischen Stämmen operiert. Die obere Gruppe bezeichnet Ergebnisse von Vorgängen, die zweite Gruppe bezeichnet Ereignisse und die dritte etwas Konkretes, Gegenständliches. Man kann das verfeinern und andere Gruppen oben draufsetzen. Sie sehen bei „-ung“ genau dasselbe: genau dieselben Bedeutungsgruppen. Im Englischen sind sie teilweise anders, und bei vielen Wörtern auf „-ing“ wissen wir heute gar nicht mehr, wo sie herkommen.

 

 

Bei so genannten Extremsportarten ist ja „-ing“ weit verbreitet: „Slacklining“, oder bei Rentnern „Airsnipping“. Diejenigen, die diese Begriffe bilden, interessiert es überhaupt nicht, ob es sie im Englischen gibt und ob „Canyoning“ zuerst im Englischen oder im Deutschen oder in anderen Sprachen da war. Das ist sehr schwer festzustellen. Es interessiert einfach nicht. Die höchste Produktivität, die das Englische hat, nämlich das englische „-ing“, das so genannte Progressiv, spielt bei den Anglizismen überhaupt keine Rolle.

 

Die englischen Worte werden hier einfach zu Substantiven gemacht – was es im Englischen gar nicht gibt

 

Was wir aber mit ihnen machen, ist etwas, was das Englische gar nicht hat: Wenn wir „Babysitting“ haben, dann bilden wir davon den substantivierten Infinitiv „Babysitten“ – das kann das Deutsche ganz systematisch machen. Wir haben zum Beispiel „die Zerstörung“, aber wir haben auch „das Zerstören“. Das ist im Deutschen ein sehr produktiver und wichtiger Wortbildungsprozess, dieses Bilden von Substantiven und substantivierten Infinitiven. Und mit den Anglizismen machen wir das gnadenlos auch. Das Englische hat das nicht; es ist auf diesem Gebiet völlig anders strukturiert. Das Englische macht andere Dinge mit dem Infinitiv, die wir auch machen, aber mit den Anglizismen eben nicht.

 

Das heißt: Wir ziehen die Wörter auf „-ing“ in die deutsche Grammatik herein. Was das Englische hier kann und tut, das interessiert die deutsche Sprache im Allgemeinen nicht. – Ein Grammatiker sagt niemals „nie“, und er sagt auch niemals „immer“, sondern er sagt immer nur: „im Allgemeinen“; es gibt nämlich zu allem Ausnahmen.

 

Die Anglizismen sind keine Bedrohung für die deutsche Sprache

 

Soviel also zu den Anglizismen. Die Anglizismen sind keine Bedrohung für die Struktur des Deutschen, was nicht heißt – das möchte ich deutlich dazusagen – dass es keine berechtigte Kritik an der Verwendung von Anglizismen gibt. Ich rede nur über die Sprache. Ich sage: Unsere Sprache ist in der Beziehung nicht bedroht. Etwas anderes ist über den Sprachgebrauch zu sagen. Wenn also im Bankwesen Anglizismen in großer Zahl dazu verwendet wurden, um die Leute zu verwirren, dann ist dies ein schädlicher Gebrauch, den man mit allen Mitteln bekämpfen sollte. Der Globalismus, die ganze Angeberei mit den global players undsowweiter gehört mindestens zum Teil auch dazu, die Werbung zum Teil ebenso.

 

Da gibt es natürlich kritikwürdige Verwendung von Anglizismen, die zum Teil völlig unverständlich sind. (Es gibt aber auch Kernwörter, die ganz unverständlich sind, das muss man immer berücksichtigen.) Dass diese Wörter unverständlich sind, ist eine Eigenschaft, die ihnen zugeschrieben wird, die ihnen bewusst intentional beigegeben wird, zu bestimmten kommunikativen Zwecken. Das muss man kritisieren, auch als Sprachwissenschaftler, aber auch als sprachwissenschaftlicher Laie.

 

Latein hat die deutsche Sprache viel mehr beeinflusst als das Englische

 

Ungemütlich werden wir Sprachwissenschaftler erst, wenn so getan wird, als würde die deutsche Sprache daran sterben. Rainer Dietrich hat vorhin vom „Sprachsystem“ gesprochen. Die deut­sche Sprache ist vom Lateinischen viel, viel stärker beeinflusst worden als von den Anglizismen. Der strukturelle Einfluss der Anglizismen ist bisher nahe null. Er kann nur mit allergrößter Mühe überhaupt gesehen werden – doch bei den Latinismen gibt es ganz viel Einfluss auf die deutsche Grammatik. Denken Sie nur an bestimmte Infinitivkonstruktionen wie den AcI und an die Wortbildung. Ein deutsches Kernwort ist im Allgemeinen in einen Stamm, ein Präfix und ein Suffix zerlegbar, zum Beispiel „unkindlich“. Hier hat man das freie Morphem „Kind“, vorne ein Präfix, hinten ein Suffix, und nun zerlegen Sie mal so einen einfachen Latinismus wie „Präsident“. Da steht vorn das Präfix „prä-“, hinten das Suffix „-ent“ und in der Mitte das „-sid-“. Das ist keine zufällige Eigenschaft, sondern die Latinismen im Deutschen verwenden in großem Umfang so genannte Konfixe; das sind Stämme, die eben nicht als Wörter frei herumlaufen.

 

Das Englische ist völlig harmlos

 

So etwas gab es vorher im Deutschen nicht; das ist ein riesiger neuer Zug, den das Lateinische ins Deutsche gebracht hat. Das Englische ist im Vergleich dazu völlig harmlos in der Beziehung.

Jetzt möchte ich noch einige wenige Sätze über Deutsch als Wissenschaftssprache sagen. Das ist ja ein Thema, das die Öffentlichkeit sehr bewegt; Sie wissen alle, dass es hier interessante Entwicklungen gibt, etwa in der Industrie, was Porsche gemacht hat und was Porsche jetzt macht. Das Deutsche war als Wissenschaftssprache eine mächtige Sprache. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, zu Beginn des 20. war das Deutsche in vielen wissenschaftlichen Disziplinen die lingua franca. Das heißt, es gab weltweit in der Wissenschaft Deutschkenntnisse, es wurde auf Deutsch publiziert, es wurde viel auf Deutsch geschrieben, manche Disziplinen waren vollkommen vom Deutschen beherrscht. Das ist vorbei.

 

Und nun gibt es bei der Diskussion um Deutsch als Wissenschaftssprache zwei Diskurszweige: Der eine klagt über diesen Verlust an internationaler Bedeutung. Das kann man stundenlang machen, aber es ändert nichts.

Der andere Diskurszweig behauptet, und das ist viel ernster,  das Deutsche sei als Wissenschaftssprache schon nicht mehr zu verwenden. Dem Deutschen wird also die vorhin von mir kurz angedeutete Eigenschaft, Universalsprache zu sein, bereits abgesprochen.

 

Das deutsche System ist nicht gefährdet

 

Der konkrete Bezug, der dahintersteht, ist die Tatsache, dass wir in vielen Disziplinen schon lexikalische Lücken im Deutschen haben. Ganz vorn in einigen Disziplinen gibt es Begriffsgebäude, die nur im Englischen existieren. Die gibt es weder im Deutschen noch im Französischen, im Russischen sieht es ein bisschen anders aus. Das erste ist aber: Es trifft nicht nur das Deutsche, es trifft alle vergleichbaren Sprachen. Das zweite ist, dass, selbst wenn es solche Lücken gibt, das Sprachsystem bisher nicht tangiert ist. Das Deutsche hat also immer noch die Fähigkeit, alle diese Ausdrücke selbst zu bilden, wenn sie denn gebildet werden sollen. Zum allergrößten Teil sind dies Fremdwörter – Latinismen, Gräzismen: „poly“, „turbo“ etc. – aber das Deutsche kann bisher noch alle Begriffe bilden, auch wenn es sie nicht mehr hat. Auf diesen Punkt kommt es an: Das deutsche System ist nicht gefährdet.

 

Helfen Sprachgesetze – wie in Schweden?

 

Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, was wir tun können. Gestern Abend haben wir zu dritt in der Brandenburgischen Akademie, mit Wolfgang Klein und einem Mitglied der schwedischen Nobelpreis-Kommission zusammengesessen und uns darüber unterhalten, ob man in dieser Frage weiterkommt, wenn man ein Sprachgesetz erlässt. Das Schwedische hat ein Sprachgesetz, aber etwas völlig anderes als die Loi Toubon im Französischen. Der schwedische Kollege meinte: Versucht es doch. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass die deutsche Sprachgemeinschaft vom letzten Eingriff des Staates in die deutsche Sprache so traumatisiert ist – das ist meine ehrliche Überzeugung –, dass wir von einem Sprachgesetz besser die Finger lassen. Vorläufig.

 

Rektorenkonferenz: In der ersten Studiums-Phase alles auf Deutsch

Was können wir tun? Diese Kultusministerkonferenz könnte doch auch mal etwas Vernünftiges tun. Sie könnte nicht nur den Bologna-Prozess in Deutschland durchsetzen, sondern sich doch auch zu einer einfachen Maßnahme entschließen, zu einer Empfehlung, der man politisch einen Nachdruck verleihen könnte. Ich schließe mich hier weitgehend, nicht ganz, an eine Forderung der Rektorenkonferenz an, die lautet so, wie es hier steht: Während der ersten Phase des Studiums, egal ob es sich um das Vorphysikum oder die Zwischenprüfung in geisteswissenschaftlichen Fächern handelt, wird die gesamte Lehre an den deutschen Universitäten auf Deutsch veranstaltet.

 

Wenn Sie das durchbuchstabieren, dann sehen Sie, dass es nur Vorteile hat, dass es nichts kostet und keine Nachteile hat. Die Muttersprachler finden leichter ins Studium; die Dozenten müssen ihre wissenschaftliche Terminologie an das Deutsche rückbinden; Studierende anderer Muttersprachen haben Anlass, wenn sie hier das Studium beginnen, Deutsch zu lernen, was in einigen Teilen der akademischen Ausbildung schon nicht mehr der Fall ist.

 

Der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit wird wesentlich einfacher, und dieser wird aus verschiedenen Gründen immer wichtiger – das ist ein sehr interessantes Thema, über das ich gern mehr sagen würde. Das Deutsche bliebe so in allen Disziplinen präsent, wenn auch nicht unbedingt mit dem Vokabular, das die Spitzenforschung hinter den Max-Planck-Instituten verwendet – doch das Deutsche bliebe in allen Disziplinen als Wissenschaftssprache präsent.

Ich finde, dies ist eine Forderung, die man konkret vertreten kann, wenn einem am Deutschen als einer Wissenschaftssprache gelegen ist, und sogar vertreten muss. Ich habe dies in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einmal zu Gehör gebracht, und dann ging es gleich los: „Das kann die KMK [Kultusministerkonferenz] niemals durchsetzen!“ – Nun, wer die Rechtschreibreform und den Bologna-Prozess durchsetzen kann, der kann das auch, wenn er will. Jedenfalls sollte sich die Wissenschaft und die öffentliche Diskussion in so eine praktische Richtung entwickeln und nicht an der „Klagemauer“ stehen bleiben und über den Verlust des Deutschen an internationaler Verwendung klagen.

 

Deutsch blühte auf als Wissenschaftssprache im Deutschen Reich

 

Im 19. Jahrhundert hat sich, ganz besonders nach Gründung des kleindeutschen Reiches – und das muss man sich immer vor Augen führen –, die Wissenschaft mit der Technik und mit der Industrie sehr schnell entwickelt. So wurden die Kaiser-Wilhelm-Institute gegründet, die Vorläufer der Max-Planck-Institute, und das Deutsche ist als Wissenschaftssprache im Deutschen Reich aufgeblüht. Erst danach – oder deshalb – hat es seine internationale Bedeutung erlangt, nicht etwa umgekehrt. Stellen wir uns vor, das Deutsche würde jetzt durch die gute Hand einer Fee, die man sich gar nicht vorstellen kann, eine internationale Bedeutung erlangen. Das würde ihm als Wissenschaftssprache überhaupt nicht helfen; wir würden ein Idiom erhalten, das mit der Sprache von Helmholtz oder Heisenberg nicht das Geringste zu tun hätte. Das wäre etwas wie „basic simple English“, und wir hätten darüber zu klagen, was mit dem Deutschen aufgrund seiner internationalen Verwendung gemacht wird. Dies sind ganz einfache Überlegungen.

 

Nicht hinnehmbar: Schlechtes Englisch an der Uni – aus reiner Eitelkeit

 

Aber man muss es nicht auf Dauer hinnehmen, finde ich, dass bestimmte Kreise der Hochschullehrer aus reiner Eitelkeit ein schlechtes Englisch an den Universitäten praktizieren, das kein Student richtig versteht. Da muss man sich etwas überlegen; meinen Vorschlag habe ich beschrieben.

Was bedeutet diese Maßnahme nicht? Die Wissenschaft würde nicht in die Provinz Deutschlands versinken; sie koppelt sich keinesfalls vom internationalen Wissenschaftsbetrieb ab. Das heißt, die Graduierten haben weiter freien Zugang. Wir können natürlich schon im Grundstudium fremd­­sprachliche Lehrbücher verwenden, daran wird nicht gerüttelt.

 

Es ist ja nur gut, wenn die Studierenden schon von Anfang an französische, chinesische und japanische Lehrbücher zur Kenntnis nehmen: dagegen sagt kein Mensch etwas. Doch die internationale Stellung der deutschen Wissenschaft würde nicht gefährdet, in keiner Weise. Der Zugang von Graduierten und jungen Wissenschaftlern zur deutschen Hochschule würde nicht erschwert. Wir haben eine sehr große Zahl von ausländischen graduierten jungen Wissenschaftlern und auch eine wachsende Zahl von Undergraduates, die, wenn sie müssen, sehr schnell dabei sind, das Deutsche zu lernen.

 

Der Druck, Englisch sprechen zu können sinkt dadurch nicht

 

Und noch etwas: Der Druck zum Erwerb des Englischen wird nicht abgebaut; die deutsche Sprachgemeinschaft ist aufgerufen, das Englische besser zu beherrschen. Wir haben gestern Abend mit dem schwedischen Kollegen ausführlich darüber gesprochen, dass es in Schweden eine Selbstverständlichkeit ist, als Durchschnittssprecher einigermaßen Englisch zu sprechen. Als akademisch gebildeter Schwedischsprecher spricht und schreibt man gut Englisch. Alle kleinen Sprachen in Europa – das Schwedische hat achteinhalb Millionen Sprecher – sind auf diesem Gebiet besser als das Deutsche.

 

Denken Sie daran, wie gut die Niederländer oder die Dänen im Durchschnitt Englisch können; von den Finnen wollen wir gar nicht reden. Unter den großen Sprachen allerdings, wenn Sie nach Italien oder nach Frankreich blicken, liegt das Deutsche vorn. Unter den großen Sprachen ist das Deutsche neben dem Englischen am weitesten verbreitet, aber sicher nicht weit genug. Das heißt nicht, dass wir aufhören, Englisch zu lernen – gerade, wenn wir das Englische beherrschen, können wir uns auch dem Deutschen zuwenden, und wir sind hier auch auf einem guten Weg. – Soviel also zu diesen beiden Reizthemen.

 

Sprachloyalität ist ein hohes Gut

 

Zum Schluss will ich noch einige Bemerkungen anfügen, die noch einmal zum Anfang meines Vortrags zurückkehren. Es ist ein sehr hohes Gut, wenn eine Sprache von ihren Sprechern geschätzt wird, wenn in einer Sprachgemeinschaft die Sprachloyalität entwickelt wird. Diese Sprachloyalität wird systematisch untergraben, wenn man den Deutschen erzählt, ihre Sprache tauge nichts, ihre Sprache sei halb tot und die Sprecher der jüngeren Generation seien noch immer traumatisiert von der Verwendung des Deutschen im Nationalsozialismus. All diese Thesen über das Deutsche werden mit großer Verve in den Feuilletons – nicht nur in Berliner Lokalblättern, sondern auch in „Süddeutschen Zeitung“ ebenso wie in der „Frankfurter Allgemeinen“ und erst recht in der „ZEIT“ – vertreten, und sie schaden der deutschen Sprache.

 

Wenn man so oft im Ausland gearbeitet hat wie ich und sich andauernd anhören muss, dass die Romanisten es gut haben, weil die Franzosen ihre Sprache so lieben und die Germanisten permanent mit schlechten Nachrichten aus Deutschland versorgt werden, dann wird es einem schon ein bisschen unheimlich.

 

Die Loyalität zur Sprache muss sich bessern

 

Aber das gilt auch für uns hier in Deutschland. Wir haben keine andere Sprache. Keine Sprache ist gut, keine Sprache ist schlecht; alle Sprachen sind so, wie sie sind. Was man verbessern muss, ist der Sprachgebrauch, und was man verbessern kann und verbessern sollte, ist die Loyalität der Sprecher zu ihrer Sprache. Ich will gar nicht davon träumen, dass Sie das Deutsche lieben… aber das Deutsch ist schon eine ganz, ganz tolle Sprache! Genauso toll wie das Französische und genauso toll wie die indigenen Sprachen in Australien. – Vielen Dank!

 

 Peter-Eisenberg-Vortrag auf youtubehttp://www.youtube.com/watch?v=K4O5GA154e4

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Eisenberg_(Linguist)

Peter Eisenberg, Uni Potsdam: http://www.uni-potsdam.de/u/germanistik/ls_dgs/pe.htm

 

Vortragender: Prof. Dr. Peter Eisenberg, Universität Potsdam, Institut für Germanistik

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Alle Kommentare [3]

  1. Vielleicht sollte sich der Blick auch einmal die oftmals verheerende Multiplikationswirkung elektronischer Medien richten, wo auch in beliebten Sendungen die (jüngeren ) Moderatoren das hässliche OK mitunter im Sekundentakt von sich geben. Das wirkt sprachlich arm, hat aber viele Nachahmer, bedauerlicherweise sogar in den Reihen der Deutsch- und Französischlehrer.

  2. „Es gibt […] noch andere Wege, mit der Übermacht der englischen Wörter fertig zu werden – zum Beispiel indem man sie orthografisch so verfremdet, dass man sie nicht mehr als englisch identifizieren kann. So wie in jener Kneipe in Berlin-Kreuzberg, in der laut Aushang jeden dienstag zwischen 20 und 22 Uhr »Happyauer« ist! Das ist nur auf den ersten Blick komisch.“ – Bastian Sick über Anglizismen

  3. „Als ich nach Berlin zurückkam und durch die Stadt fuhr, hat mich überrascht, wie die deutsche Sprache mit Anglizismen verhunzt wird. Warum machen die das? Coffee to go! Zeitung to go! Shoppen ohne zu stoppen! So ein Quatsch! Wollen die, dass wir alle verblöden?“ – Angelika Schrobsdorff, Stern vom 18. September 2008