Ganz gleich, wer die US-Wahl gewinnt − am Himmel ziehen schon die nächsten Gewitterwolken auf
Von Richard Quest, International Business Correspondent und Moderator von Quest Means Business
Nun kennen wir also die Oktober-Überraschung dieser Wahl: Hurrikan Sandy. Für die Bewohner der beiden US-Staaten New York und New Jersey hätten die Auswirkungen des Supersturms kaum gravierender sein können. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Sturm den Ausgang der Wahl beeinflussen wird.
Beobachtet man Präsident Obama in der Zeit unmittelbar nach dem Sturm, ist es kaum vorstellbar, dass Sandy keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben sollte. In der Krise trägt Obama als Staatsoberhaupt die Verantwortung und vermittelt dabei das Gefühl, dass er die Führung innehat. Um präsidial zu wirken, muss er nur seinen Job machen. Im Großen und Ganzen wurde sein Krisenmanagement auch äußerst positiv bewertet. Außerdem ist Obama sehr gut darin, Zuversicht auszustrahlen und in Momenten wie diesen hält Amerika für gewöhnlich zusammen.
Romneys Situation hingegen ist schwieriger. Nachdem er seine Angriffe auf Obama für kurze Zeit eingestellt hatte, kritisiert er den Präsidenten wieder wie eh und je. Als er zudem als Reaktion auf den Hurrikan einen Wahlkampfauftritt in Ohio kurzerhand in eine Wohltätigkeitsveranstaltung für die Opfer umgestaltete, konnte er wieder an Boden gewinnen. Man könnte aber auch argumentieren, dass die Bewohner der Bundesstaaten, die am stärksten von Sandy betroffen sind, sowieso den Kandidaten der Demokraten gewählt hätten, so dass vielleicht nichts von alledem eine Rolle spielt. Eine alte Weisheit, die man oft nach der ersten Amtszeit eines Präsidenten zu hören bekommt, besagt, man solle nicht mitten im Geschehen einen anderen Kurs einschlagen. Nach dem Hurrikan Sandy beschleicht einen der starke Verdacht, dass dieser Gedanke nun wesentlich mehr Nachhall finden könnte.
Trotz allem geht es bei dieser Wahl nicht um Sandy. In den entscheidenden Staaten wie Ohio, in denen Romney momentan knapp vorne liegt, ist es schwer zu sagen, ob die Katastrophe an der Küste genug Anlass bietet, die Wähler auf Obamas Seite zu ziehen. Fakt ist, dass die Wirtschaft in jedem Bundesstaat, der nicht unmittelbar vom Sturm getroffen wurde, das wichtigste Thema bleibt – und das aus gutem Grund.
Denkt man an die Reden, die im Wahlkampf gehalten wurden, könnte man glauben, dass es zwischen den möglichen Konjunkturprogrammen der zwei Kandidaten einen himmelweiten Unterschied gebe. Bei der Steuerfrage ist das sicherlich der Fall, doch anderswo kann man kaum einen Unterschied zwischen den beiden ausmachen. Romneys nebulöser Fünf-Punkte-Plan konzentriert sich auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, während Obama etwas vage auf den Fortschritt und positive Signale hinweist. Den Wählern zeigen die am Freitag veröffentlichten Arbeitslosenzahlen, dass das Wirtschaftswachstum verhalten bleibt und es trotz des vorsichtigen Optimismus immer wieder Rückschläge geben kann.
Zudem steht uns eine weitere Krise ins Haus, die alles andere in den Schatten stellen könnte. Ganz gleich welcher der beiden Kandidaten ab dem nächsten Jahr im Weißen Haus sitzen mag, ab Januar steuern wir auf eine Katastrophe riesigen Ausmaßes zu. Anders als bei Sandy sehen diese auch alle kommen. Denn der nächste Sturm ist nicht meteorologischer, sondern wirtschaftlicher Natur − die so genannte Haushaltsklippe.
Im Januar laufen nicht nur die Steuererleichterungen aus, die unter der Regierung Bush eingeführt und dann nochmals um zwei Jahre verlängert worden sind, es wird auch Kürzungen bei den Staatsausgaben geben, die aus dem ‚Budget Control Act‘ von 2011 resultieren. Alles in allem eine böse Mischung aus Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen, die Amerikas Bruttoinlandsprodukt um 4 Prozent schrumpfen lassen könnte.
Anders als bei Hurrikan Sandy stünde es in der Macht des Kongresses, dem Land dieses albtraumhafte Szenario zu ersparen. Um es einmal banal auszudrücken: Ein Kompromiss muss her. Doch Kompromisse konnte der Präsident dem Kongress in den letzten Jahren selten abringen. Romney, der viel darüber gesprochen hat, wie gut er Allianzen über Parteigrenzen hinweg schmieden könne, kann hier vielleicht besser abschneiden als der jetzige Präsident.
Während Präsident Obama zuhause ist und sich dem Krisenmanagement an der Nordostküste widmet, gewinnt er vielleicht die Herzen einiger Wähler. Romney bleibt indes bei den Reichen beliebt und scheint in einigen entscheidenden Staaten den Fuß fest in der Tür zu haben. Nach wie vor sind die Umfrageergebnisse viel zu knapp, um über den Wahlausgang spekulieren zu können. Doch welchen Einfluss Sandy auch immer auf die Wahl haben mag, am Horizont über Amerika ziehen bereits die nächsten Gewitterwolken auf.

