So langsam geht’s ums schlichte Überleben der Patienten – nach immer neuen Einsparungs-Runden im Medizinwesen. Da meldet gerade der Newsletter von www.journalmed.de, dass die Notärzte eine einheitliche 15-Minuten-Frist für ihre Einsätze fordern. Da nickt der geneigte Leser und denkt, jawohl, klingt vernünftig. Dumm nur, dass es in der Realität meist 26 Minuten dauert. Denn was so harmlos klingt, hat einen sehr ernsten Hintergrund. Dahinter verbirgt sich tatsächlich eine Tragik, die wohl den wenigsten Gesunden und Patienten bewusst ist – und dabei so typisch ist für den kopflosen Sparwahn, der auch in vielen Unternehmen regiert. Sparen, koste es was es wolle, ist die vorherrschende Devise. Manchmal gar die einzige. Auch wenn es gradewegs in den Untergang führt, auf lange Sicht. Egal.
Doch in diesem Fall, bei den Notärzten, geht’s um nicht nur um Lemming-Firmen und Arbeitsplätze, sondern sogar Menschenleben: Da trifft also in 95 Prozent der Notfälle der Notarzt erst nach 26 Minuten eintrifft, also zu spät. Und dies ist eine Verschlechterung, die auf das Konto all der Gesundheitsreformen der vergangene Jahre geht. Nur: Wieso bleiben die Notstände wie dieser so unbemerkt von der Öffentlichkeit? Warum geht niemand diesen und viele andere Missstände an? Wenn es doch um Leben und Tod geht. Und vor allem, wenn dies früher nicht so war. Wenn die Welt früher noch in Ordnung war und Notfallärzte schneller, noch rechtzeitig, zur Stelle waren, um das zu tun, was ihre Aufgabe ist: Leben zu retten.
Stattdessen lenken die Protagonisten des Gesundheitswesens mit Schaukämpfen von den wahren Problemen ab – und man lässt sie das sogar ungestraft tun und so davonkommen. Sie verteufeln zum Beispiel publikumswirksam Igel-Leistungen (die Vorsorgeuntersuchungen für Krankenkassenversicherte etwa, die heute Extra-Geld kosten – mitsamt den Medizinern, die oft auch vernünftige Vorsorge als Igel-Leistungen anbieten – um mit den Einnahmen letztlich querzusubventionieren. So, als wären die ein echtes Problem des Gesundheitswesens.
Und das Ablenken gelingt – Glückwunsch zur PR-Strategie. Nur dass Ärzte – anders als jeder Firmenlenker – nicht einfach eine Produktlinie einstellen können. Sie dürfen nicht einfach sagen, diese oder jene Untersuchung rechnet sich nicht, also lassen wir sie doch einfach sein. Schließen wir die Abteilung, schicken die Mitarbeiter weg und machen nur noch mit den Ertragsbringern weiter. So wie ein Unternehmen es darf und tut. Schön wär’s. Zumindestens wirtschaftlich gesehen.
Sagen wir mal zum Beispiel aus Medizinersicht: Operieren bringt auch heute noch gutes Geld, also operieren wir nur noch – statt langwierige Behandlungen zum Pauschalpreis zu einem Bruchteil der Kosten einer Operation auf uns zu nehmen. Die bringt nämlich zum Beispiel für drei Monate Augenarztbehandlung in Nordrhein-Westfalen nach dem Motto „all you can eat“ 29,70 Euro für das Arztunternehmen – egal wie oft der Patient in die Praxis kommt und egal mit welchen Geräten er behandelt wird. Und egal wie viele Mitpatienten dank Budgetierung dann noch ganz kostenlos behandelt werden und auch werden müssen.
Doch zurück zu den Schaukämpfen: Auch Zertifizierungen gehören zum Ablenkmanöver dazu. Auch ein Riesenwust von Qualitätsmanagement-Vorschriften (die auch dem letzten niedergelassenen Arzt noch die Lust auf seinen Job nehmen dürften und obendrein viel verlorenes Geld kosten, das dann wiederum den Patienten und ihrer Behandlung entzogen wird). Da beschäftigen sich jetzt Tausende von Ärzten und Arzthelferinnen jetzt viele Stunden und für viel Geld mit so genannten Qualitätsmanagement – mit vielen Dutzend Einzelvorschriften, so als sei bis dahin jede Arztpraxis ein schlampig geführter Laden gewesen. Super-Unterstellung. Klar, dass Geld und Arbeitszeit der Versorgung der Patienten am Ende abgehen, aber macht ja nichts. Kleiner Vergleich gefällig: Die Brauerei Diebels vermeldete vor rund zwölf Jahren stolz, sie sei nun ISO-zertifiziert. In der merkwüdigen Hoffnung, dass alle Biertrinker nun zur ihrem Iso-zertifizierten Alt greifen würden statt zu Konkurrenzmarken. Tat aber keiner. Der gesunde Menschenverstand siegte über halbgare Marketingideen und die Zertifizierungsindustrie. Und Diebels erklomm denn auch keine neuen Absatz-Höhen, schuf keine neuen Stellen und expandierte auch nicht. Ganz im Gegenteil, mehr als 30 Prozent Umsatzeinbusse folgten.
Fazit 1: Hätte sich die Issumer Brauer nicht ablenken lassen von ihrem Bier und seiner Vermarktung statt sich auf irgendwelche Verfahrenszertifizierungen zu konzentrieren, würden sie heute vielleicht besser dastehen.
Fazit 2: Machen die eigentlichen Player im Gesundheitswesen nicht langsam die wirklichen Nöte klar und lassen sich weiter von dem Moloch ihrer eigenen Verwaltung unterjochen und die Zeit für ihre Patienten stehlen, sind sie mit schuld. Mit schuld am Tod von Notfallpatienten, die sterben, weil immer weniger Ärzte und immer weniger Akut-Krankenhäuser mit Notfallaufnahmen da sind.
Fazit 3: Auch Unternehmen, denen Sparwahn wichtiger wird als die Kunden, also die Produkte und deren Qualität, werden es büßen müssen.
http://www.journalmed.de/newsview.php?id=20586

Als langjährige Notarzt kann ich diese Fristen nicht nachvollziehen. Obwohl ich in einen Flächenlandkreis tätig bin werden die Patienten in der Regel innerhalb von 15 Minuten erreicht.
Die Probleme werden aber noch kommen da die Bezahlung der Notärzte (€ 17,50 /Stunde) und dazu die Forderung Tag und Nachts innerhalb eine Minute auszurücken bei der jetzige Marktsituation sicherlich problematisch wird.
Die Probleme mit Notfallaufnahmen liegt nicht in der Menge sondern eher in Organisation und Einstellung.