Buchauszug Stephan Werhahn: „Europas Resilienz. Für Frieden, Freiheit und Wohlstand – Strategien über Generationen hinweg“

Stephan Werhahn (Foto: PR)
Benchmarking, voneinander lernen, kooperieren
Kooperation wird, um Europa zu einen, ein wichtiger Treiber. Viel können wir hier auf den untersten drei Ebenen erreichen – auf der Ebene der Länder, der Kommunen und der Bürger. Der ehemalige französische Ministerpräsident Charles de Gaulle (1986–1970) hat daher bei seinem Besuch in Düsseldorf eingeladen, französische Familien zu besuchen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Er soll geäußert haben: „Il faut faire des bebes franco-allemand.“
1967 wurde daraufhin die erste Städtepartnerschaft zwischen dem bretonischen Fonesnant und der nordrheinwestfälischen Stadt Meerbusch gegründet. Heute können deutsche Städte bis zu 10 andere Gemeinden als Partner haben, eine gute Möglichkeit, wie ich finde, in diese Städte zu fahren, sich auszutauschen, über alles zu reden und Benchmarking zu betreiben. Zu Themen wie der kommunalen Aufgabenerfüllung, zum Bau von Radwegen, zu Müllabfuhrkonzepten, zu Schulsystemen, zur Organisation von Kitas, zu regionalen Krankenpflege-Ansätzen, zum Bauwesen und zur Mobilität ganz allgemein.
Auf Landesebene könnte es einen ähnlichen Austausch geben, wo sich auf Kongressen Politiker verschiedener Bundesländer, Departements oder Provincias treffen. Natürlich können bei diesen Treffen nicht kategorisch alle 27 Mitgliedsstaaten zusammenkommen, aber es sollten mindestens drei, besser sechs Vertreter europäischer Nationen anwesend sein, um einen neuen Trend zu entzünden, der sich ausweiten und organisch wachsen kann.
Auch künstlerische Wettbewerbe sollten europäischer ausgetragen werden und grundsätzlich sollte es so etwas wie eine freie Fahrt für junge Leute zwischen 18 und 21 Jahren geben, auf allen Nah- und Fernstrecken der Bahn. Diesen Freifahrt-Schein schlug Dr. Benjamin Franke, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, in seinem Vortrag am 17.12.2024 vor. Er solle dem Ziel dienen, dass es unter den jungen Leuten aus den verschiedenen europäischen Ländern mehr Austausch gäbe. Finanzier dieser Art von Erasmus Euro-Rail solle die Europäische Kommission sein, die dies, laut Franke, bei einer Laufzeit von drei Jahren eine Milliarde Euro kosten würde. Gleichzeitig könne so ein schnelleres und stärkeres Zusammenwachsen möglich werden, da gerade junge Leute sehr neugierig seien und viel Freude am Reisen und am Kennenlernen neuer Ziele haben. Doch meist scheitere dieses Unterfangen am finanziellen Budget der jungen Leute, das so abgefangen werden könnte, plädierte Franke.
Voneinander lernen und erkennen, welches Erbe wir besitzen
Wollen wir unsere Kernkompetenz zurückerobern, besitzt gerade Europa ein großes Vermächtnis: Die Antike – hier wurde die Demokratie begründet, eine Vielzahl an Philosophen gingen aus ihr hervor sowie architektonische und literarische Meisterwerke. In der Renaissance hatten die Kunst, die Wissenschaft und die Literatur eine Blütezeit. Gefolgt von der Aufklärung, die forderte, sich seines Verstandes zu bedienen, bis schließlich die Moderne bahnbrechende technische und soziale Errungenschaften mit sich brachte. Etwa die Erfindung der Dampfmaschine, zu welcher der schottische Maschinenbauer James Watt (1736–1819) 1769 ein Patent anmeldete. Er verstärkte den Wirkungsgrad, der vom englischen Erfinder Thomas Newcomen entwickelten Maschine, die im Kohlebergbau eingesetzt wurde. Ihrer beider Erfindung markiert den Beginn der Industrialisierung: Sie legte neben weiteren Erfindungen und Neuerungen wie der Einführung der Alterssicherung 1889 oder eines Betriebsrats 1920 den Grundstock unserer Zeit.
Wissen, revolutionäre Gedanken, Kunst und Erfindungen: Dafür steht Europa. Welch anderer Kontinent hatte eine derartige Anzahl an brillanten Köpfen, Erfindern, Denkern und Künstlern? Darunter Universalgelehrte wie der Philosoph und Naturforscher Aristoteles (384–322 v. Chr.), der wiederum Sokrates, Demokrit, Pythagoras, Epikur, aber auch Immanuel Kant oder Descartes inspiriert hat. Der Mathematiker und Physiker Archimedes (287–212 v. Chr.) erfand nicht nur die Integralrechnung, die Zahl Pi und den Flaschenzug, sondern er berechnete auch Inhalte und Flächen von Körpern. Auf ihn geht der Ausruf: „Heureka!“ zurück. Er besagt: „Ich hab´s gefunden“ – nämlich wie der Goldgehalt eines Goldstücks zu berechnen sei. Diesen Zusammenhang erkannte er in der Badewanne. Dort fiel ihm die Verdrängung des Wassers durch das Gewicht seines Körpers auf, und weil ihn das so bewegte, lief er, so die Legende, voller Freude, nackt und „Heureka!“ rufend durch Syrakus.
In die Riege der Universalgenies reiht sich auch der Maler, Naturwissenschaftler und Mechaniker Leonardo da Vinci (1452–1519). Aufgrund der mangelnden technischen Möglichkeiten konnten viele seiner Konstruktionen allerdings erst später verwirklicht werden. Der Dichter und Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war weniger Ingenieur, sondern begeisterter Naturwissenschaftler und mit allen Strömungen seiner Zeit vertraut, weil er neugierig war, viel reiste und sich mit anderen austauschte. So hat der Dichterfürst den Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) während dessen Aufenthalts in Jena nicht nur in seinen Anatomieturm begleitet und dort mit ihm Insekten und Würmer seziert, sondern auch seine geologischen Studien fortgesetzt und zusammen mit ihm einen optischen Apparat entwickelt. Mit diesem gelang es, Licht zu brechen und die Lumineszenz von Phosphor zu untersuchen. Die Begegnung leitet eine der produktivsten Schaffensphasen Goethes ein: Er begann zeitgleich an der Verserzählung „Hermann und Dorothea“ zu schreiben und befasste sich erneut mit seinen Theorien zu Optik und Farbe.
„Unsere kleine Akademie“ nannte Goethe ihre Denkgemeinschaft, der auch Friedrich Schiller (1759-1805) angehörte. Regelmäßig trafen sich die drei in Schillers Haus, wo sie sich aus ihren Werken vorlasen und darüber diskutierten. Allerdings teilte nur Goethe die naturwissenschaftliche Neugier Humboldts, während alle drei die Grundfrage einte: „Wie ist Erkenntnis möglich?“ Während der Aufklärung betrachtete man die beiden Pole der Innen- und Außenwelt als komplett voneinander verschieden, doch warfen neue Denktheorien andere Gedanken darauf, wie sie Goethe dann auch in seiner Farbtheorie aufgriff. Humboldt dagegen war erst von den Thesen des großen Philosophen der Vernunft Immanuel Kant begeistert, entschied sich dann mehr und mehr für die Betonung der Subjektivität, wie Goethe auch. „Die Zeit in Jena führte ihn von der rein empirischen Forschung zu seiner eigenen Deutung der Natur (…) Humboldt hatte sich lange den Methoden der Aufklärung verschrieben –, aber jetzt begann er, individueller Wahrnehmung und Subjektivität mehr Bedeutung einzuräumen.“
Diese Beispiele sollen zeigen, dass Inspiration, Neugier an den Ideen anderer, Kooperation und Dazulernen ein großer Hebel sein können. Selbst Universalgenies dachten nicht in Silos, sondern waren stark an Austausch interessiert, auch wenn Schiller Bedenken hegte, dass Goethe sich zu sehr den Naturwissenschaften widmen könnte und dann weniger als Literat, der neue Stilformen und Bewegungen anstieß, ihm ein wichtiger Sparringspartner sein würde. Das war nicht der Fall, stattdessen profitierten alle von den Werken – auch heute noch. Goethes Farbtheorie übrigens entstand aus Lust an der Forschung und am Austausch und nicht, um damit Geld zu verdienen. Sie entstand intrinsisch motiviert, aus sich heraus wirken und Dinge verbessern wollen, das sollte auch unser Anliegen wieder stärker werden und wir sollten Anregungen schaffen, die uns zusammen zum Weiterdenken einladen.
Das hat eine große Kraft und wirkt als Motor, um Zukunft zu gestalten und für die Herausforderungen, denen wir uns demografisch, wirtschaftlich und als Gemeinschaft gegenübersehen, Lösungen zu finden. Indem wir neugierig darauf sind, was andere machen, von ihnen lernen und uns weiterentwickeln. Gerade rund um die dringlichen Bereiche nachhaltige, gemeinschaftliche Mobilitäts- und Lebensformen und bewusster Umgang mit Ressourcen. Mit dem Fokus auf vorbildliche Team-Arbeit zwischen erster und zweiter Ebene, hier erste Vorangeher und wie deren Gedanken zum Teil über Europa hinweg weitere Projekte initiierten.
Inspirierende Vorbilder: Leuchtturmprojekte innerhalb Europas
Bislang hat die EU als Vorreiter in Sachen Klimaschutz seit 1990 seine Emissionen um 32,5 Prozent reduziert. Großbritannien hat seine sogar um 48,7 Prozent gesenkt. Dennoch wird die EU ihre Ziele als erster Kontinent bis 2030 klimaneutral zu werden, vermutlich verfehlen. Auch wenn die Kommerzialisierung von Solar- und Windkraftanlagen vorangetrieben wird. Gleichzeitig haben sich die Staaten im Pariser Abkommen verpflichtet, einen nationalen Reduktionsbeitrag (NDC) festzulegen, dies zu dokumentieren und öffentlich zu machen, auch China und die USA haben dieses Abkommen unterzeichnet. Doch will China erst im Jahr 2030 gezielt an seine Emissionen gehen und plant, bis 2060 klimaneutral zu sein.
Da das Klimaproblem aufgrund globaler Emissionen ein globales Problem ist, ist es in den Augen des Wirtschaftswissenschaftlers und Direktors am Max-Planck-Institut in Bonn Prof. Axel Ockenfels ein „Kooperationsproblem“. Weil Länder wie China und die USA statt den Ausstoß zu drosseln, nur noch mehr Emissionen erzeugen, was uns allerdings nicht dazu verleiten sollte, gemäß des „Drop-in-the-Ocean“-Arguments zu verfahren. Das wird nicht nur in internationalen Debatten unter Staatsmännern geäußert, sondern auch unter Bürgern, in Foren, bei Stammtischen und gemeinsamen Abendessen mit Freunden, wobei gerne mal anklingt, dass man ja sowieso nichts ausrichten könne, wenn nicht alle mitmachen. Ein Argument, das im Übrigen vom Bundesverfassungsgericht zurückgewiesen wurde: „Die Richterinnen und Richter hielten fest, dass sich Deutschland dem verfassungsrechtlichen Gebot, Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, nicht durch den Hinweis auf Treibhausgasemissionen in anderen Staaten entziehen kann. Stattdessen, so das Bundesverfassungsgericht, soll Deutschland durch eigenes Handeln internationales Vertrauen stärken.“
Wir müssen also daran festhalten, auch wenn es unserer Kernindustrie gerade neben vielen anderen Themen einiges abverlangt, und darauf vertrauen, dass der Kooperationsgedanke Früchte trägt. Wir müssen andere stärker zum Mitmachen motivieren, schlägt Ockenfels auf der Jahreshauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft 2024 vor und plädiert dafür, dass wir bei uns selbst anfangen.
Tatsächlich gibt es viele gute und nachahmenswerte Projekte, die versuchen, die hochgesteckten Ziele für die Zukunft und unseren Planeten zu erreichen. Wer sich für den Planeten engagiert, zeigt Fürsorge, Mitgefühl und trägt damit zum Frieden bei. Das mag sich für einige von Ihnen möglicherweise blauäugig anhören. Doch ich finde, dass das ein großer Beitrag ist, den wir für uns und für andere leisten können – zum Wohle aller – als common good. Selbst wenn es gerade so scheint, als würde der Klimaschutz durch die neuerlichen Expansionsgelüste der Großmächte an Bedeutung verlieren, müssen wir unter eine Steigerung der Erderwärmung von 1,5 Grad kommen.
Interessanterweise sind die Hauptverursacher dieses Wandels zufällig identisch mit den Großmächten, die sich im Moment andere Einflusssphären unter den Nagel reißen wollen. Sie täten besser daran, ihre Klimaziele zu erreichen. Was könnte passieren, wenn wir hier alle an einem Strang ziehen würden!?
Im Moment sind es aber eher die Start-ups, manch ein Unternehmen und vor allem Städte, Gemeinden und Bürger, die neue Wege gehen. Die hier vorgestellten Ansätze sind zum Teil kleine Ideen, die in der Summe wirken, insbesondere wenn mehr und mehr Kommunen und Menschen sie übernehmen und umsetzen. Denn selbst wenn internationale Bestrebungen von einer WCRO getragen und entschieden werden müssten, sind es auch die regionalen und lokalen Initiativen und Impulse, die einen Unterschied machen. Handeln macht stark und packt Dinge an, die sich ausbreiten und Bewegungen starten. Dazu braucht es keine Mehrheit, es braucht mutige Vorangeher. Und eine kritische Masse reicht, das sehen wir immer wieder mal in der einen oder anderen Richtung.
Urbaner Verkehr
Luxemburg setzt bei der öffentlichen Mobilität Zeichen: Um seinen Bewohnern, aber auch um Touristen öffentliche Mobilitätsangebote schmackhaft zu machen, ist der öffentliche Nah- und Fernverkehr dort seit Februar 2020 kostenlos. Diesem weltweit bis dahin einzigartigen Modell folgten in der Zwischenzeit Genf und der Kanton Luzern. Denn gerade beim öffentlichen Nah- und Fernverkehr lässt sich viel CO₂ einsparen.
Allein in Deutschland pendeln täglich 30 Millionen Menschen von zu Hause zum Arbeitsplatz. Mehr als zwei Drittel nutzen dafür das Auto, wovon 94 Prozent der Fahrer alleine in seinem Pkw sitzt, während die restlichen Plätze frei bleiben. Bündelt man diese Fahrten, entsteht logischerweise auch weniger schädliches Klimagas.
Kommunale Carpool-Konzepte
Um einen Anreiz für gemeinsames Pendeln zum Arbeitsplatz zu schaffen, ist die kommunale Fahrgemeinschaftsplattform Pendla für Nutzer kostenlos. Sie wird von den beteiligten Gemeinden „im Rahmen der Daseinsvorsorge und des Umweltschutzes“, wie es auf der Webseite des Unternehmens heißt, zur Verfügung gestellt. Anders als die etablierte Online-Mitfahrzentrale Blablacar, die auf Gelegenheitsfahrten mit längeren Fahrzeiten ausgelegt ist, ist Pendla oder auch die österreichische Alternative Ummadum im kommunalen Bereich auf tägliche Fahrten mit kurzen Distanzen ausgerichtet. Ummadum kooperiert dabei mit derzeit 120 Partnern – Unternehmen, Initiativen und Tourismusverbänden wie Land Tirol, Öztal, Novatis, Swarovski, Energie Steiermark, Fraunhofer Italia etc. Um Nutzer zu gewinnen, arbeiten die Partner mit Gutscheinen, Rabatten und firmeninternen Belohnungen, die an 2500 Annahmestellen eingelöst werden können.
Goflux ist im Rheinland gar in die Mitfahrangebote des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg integriert und so hofft Goflux auf Verhältnisse wie beim großen Vorbild Frankreich. Dort sind unter anderem in Rouen, aber auch in der südfranzösischen Studentenstadt Montpellier und in der Region Ile-de-France rund um Paris das kostenlose Mitfahren von ÖPNV-Nutzer bereits Realität. Knapp eine Million Fahrgemeinschaften kommen in Frankreich täglich zustande. Bis 2027 will das französische Verkehrsministerium die Zahl auf drei Millionen steigern und nimmt dafür Geld in die Hand: Zum einen werden die Kommunen bei der Finanzierung der Fahrgemeinschaften unterstützt, zum anderen werden neue Nutzer mit einem Bonus von bis zu 100 Euro gelockt. Mit finanziellen Anreizen arbeitet auch das Unternehmen Flexum seine Mitarbeiter zum gemeinsamen Autofahren zu motivieren: mit Einkaufsgutscheinen im Wert von bis zu 30 Euro und die Gemeinde legt nochmal 10 Euro drauf, da die Kommune bei Ummadum mitmacht.
Um die letzte Meile zu überbrücken oder nach der Ankunft am Zielort schnell weiterzukommen, kann über die Mobility-Apps Jelbi in Berlin einen Leihwagen, ein Taxi oder ein Zweirad gebucht werden. In München, Frankfurt, Hamburg und Köln ist das über das Portal Free2move möglich, einen amerikanischen Wettbewerber, der Carpooling in europäischen und in US-amerikanischen Ballungsgebieten anbietet.
Fahrradstädte und die Förderung des Alltagsfahrradverkehrs
Im Moment liegt der Anteil des Fahrradverkehrs auf sogenannten Alltagsstrecken bis 30 Kilometer bei 13 Prozent in Deutschland. Bis 2030 soll er sich auf 15 Prozent erhöhen, und bis 2035 könnte er 45 Prozent im Vergleich zum übrigen Verkehr betragen. Damit lassen sich 19 Millionen CO₂ im Jahr einsparen.
Dass ein höherer Fahrradanteil im Alltagsverkehr möglich ist, zeigen Städte wie Münster (47 Prozent) oder Oldenburg (43 Prozent). Nicht zu vergessen Länder wie Niederlande und Belgien oder die dänische Stadt Kopenhagen, die einen kostenlosen Fahrradverleihservice anbietet. Laut Fraunhofer-Institut könne auch Deutschland zum Fahrradland werden, etwa durch die Verdreifachung des Radwegenetzes – am besten lückenlos und vom Autoverkehr getrennt und in der Stadt durch Schaffung von mehr Tempo-30-Zonen. Um für solche Ansätze die richtigen Lösungen zu finden, ist es wichtig, Dinge zu testen und die Akzeptanz auszuloten, findet Peter Zeile. Er ist Senior Researcher für Stadtquartiersplanung und Teil der Urban-Emotions-Initiative am Karlsruher Institut für Technologie. Denn: Es ginge nicht darum, nur zu schauen, an welchen Kreuzungen es zu Unfällen komme, sondern auch darum, wo das Stresslevel im Straßenverkehr bei Fahrradfahrern und Fußgängern besonders hoch sei. Um die Akzeptanz für neue Mobilitätslösungen herauszufinden, schlägt der Forscher Pop-up-Fahrradstreifen vor, zeitlich begrenzte Straßensperrungen, ÖPNV-Aktionen oder Parkplätze, die im Sommer zur Café-Terrasse werden. Auch in Paris hat man zum Beispiel das Seine-Ufer erst einmal testweise gesperrt. Das fand Anklang und daraufhin wurde eine dauerhafte Sperrung im Stadtrat beschlossen.
Ein Problem bei neuen Mobility-Konzepten ist jedoch, dass die meisten deutschen Städte historisch gewachsen sind. So verlaufen die Straßen etwa in Karlsruhe sternförmig vom Schloss weg. Das lässt sich nicht mehr ändern. Daher ist es nicht einfach, Projekte anderer Städte miteinander zu vergleichen. Aus diesem Grund müsse jede Stadt die Mobilitätslösung finden, die zu ihr passt, meint Prof. Florian Koch gegenüber dem Magazin „t3n“. Koch ist Experte für Stadtentwicklung, Smart Cities und Immobilien-Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Gleichzeitig gibt es immer kreative Lösungen: Um in Zukunft schneller bessere Mobilitätslösungen anbieten zu können, arbeiten die Städte München, Hamburg und Leipzig schon heute beim Projekt Connected Urban Twins zusammen. Gemeinsam bauen sie an einem digitalen Zwilling ihrer Stadt. Er soll helfen, schnellere Entscheidungen herbeizuführen sowie Tests und neue Lösungen.
Auch das Start-up plan4better will darüber mehr Klarheit schaffen. Via Daten zu Radwegen, Sharing-Stationen, Gastronomie, Unfällen im Straßenverkehr oder Umfragen unter Nutzern ermittelt es beispielsweise die Bereitschaft der Bürger, etwa aufs Autos zu verzichten. Das heißt, wie weit müsste der Fahrradweg von ihrem zu Hause entfernt sein, damit sie auf die Alternative Rad ausweichen würden. Ich selbst fahre seit ca. sieben Jahren auch in der Stadt München Rad. Weil ich einen Beitrag leisten wollte, um weniger Verkehrsraum zu verbrauchen und trotzdem schnell ans Ziel zu kommen. Ich vermeide so, im Stau zu stehen, einen Parkplatz ergattern zu müssen, riskiere aber, von plötzlichen Wetteränderungen überrascht zu werden. Leider hat sich das Radfahren – insbesondere mit E-Bike – bei mir schon zweimal als sehr gefährlich erwiesen, weil beispielsweise bei Dunkelheit kleine Spurrillen, Hindernisse oder Begrenzungsleisten der Fahrradspur von mir übersehen wurden und ich schwer gestürzt bin. Die daraus resultierenden Schmerzen bei Rippenprellungen oder Kopfverletzungen wünsche ich niemandem.
Um schnell auch größere Entfernungen zu überwinden, nehme ich aber auch meine Vespa oder den öffentlichen Nahverkehr.
Autonomen Fahrradlösungen stehen die Forscher übrigens kritisch gegenüber. Allerdings meint Experte Koch, dass autonome Mobilitätslösungen wie ein Flugtaxi vor allem in ländlichen Regionen Sinn mache, um echte Lücken zu schließen. Dafür sei eines wichtig, so der Wissenschaftler: dass die Regionen und Länder ihre Erkenntnisse teilen.
Städtebegrünung und Superblocks
Um eine bessere Luft- und Lebensqualität zu schaffen, aber auch zum Schutz vor Starkregen und Winden ebenso wie vor Hitze haben größere Städte begonnen, mit Bäumen und Grünanlagen gegenzusteuern. Auch mein Großvater Konrad Adenauer hat sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg für Ökologie und Lebensqualität eingesetzt. Als neu ernannter Oberbürgermeister sprach er sich dagegen aus, den Grüngürtel – ein großes Wald- und Erholungsgebiet rund um die Kölner Innenstadt – abzuholzen. Das nämlich verlangte der britische Hochkommissar, um Brennstoff für den Winter zu haben.
Er hat damals schon angemahnt, an die Kinder und Kindeskinder zu denken und ihnen den Zugang zu „unberührter Natur“ innerhalb der Stadt zu ermöglichen. Andernfalls würde Köln zu einer „Steinwüste“ degenerieren, zu einem „endlosen Häusermeer ohne Licht und ohne Grün“. Es gehe hierbei um eine „Lebensfrage Kölns“, führte er auch gegenüber der Presse aus. Künftig sollte es einmal einen breiten Gürtel mit Wäldern, Wiesen und Feldern geben, der ganz Köln umschließt. In diesem Grüngürtel waren Sportanlagen, Spielplätze und Schwimmbäder geplant, dazu Waldschulen, Tageserholungsheime sowie Luft- und Sonnenbäder. Er betonte weiter, dass das hier investierte Geld keineswegs verloren sei, sondern – im Gegenteil – „reichen Zins bringen werde“. Und dies dadurch, so Adenauer, dass die Menschen weniger krank würden und dass ihnen viel körperliches und seelisches Leid erspart bliebe, wenn sie nur den Zusammenhang mit der Natur wiederfänden.
Die Grünanlagen und Sportstätten würden sich, da war sich mein Großvater sicher, auf lange Sicht unbedingt rentieren, da die Stadt viel Geld sparen werde, das sie sonst in Krankenhäuser, Altersheime und auch in Gefängnisse investieren müsste. Köln solle eine gesunde und wohnliche Stadt werden, nur dann könne es letztlich auch eine blühende Handels- und Verkehrsstadt bleiben.
Für diese Zeit (ca. 1925 bis 1946), in der von Ökologie noch keine Rede war, muten solche Gedanken erstaunlich modern an. Sie lassen außerdem eine Seite Adenauers ahnen, die sonst meist hinter einer harten Schale verborgen blieb. In jedem Fall weigerte er sich als provisorisch von den Alliierten eingesetzter Oberbürgermeister von Köln kategorisch gegenüber den Bestrebungen des britischen Hochkommissars und entschied die Sache für die grüne Lunge Kölns. Dafür hat der Hochkommissar Adenauer 1946 aber fristlos entlassen, wegen zu großer „Eigenständigkeit Adenauers“, weshalb sich Adenauer dann alternativ 1946 bis 1949 um die Gründung und den Aufbau einer neuen christlichen Partei – der CDU – widmen konnte.
Damit erfüllte er sich einen Traum, den er schon 1923 auf dem Deutschen Katholikentag in München als dessen Präsident geäußert hatte, dass man die evangelischen und die katholischen Christen in einer geeinten christlichen Partei, der späteren CDU, zusammenführen sollte. Kardinal Faulhaber war übrigens strikt dagegen. Dann wären die Weimarer Zeiten mit dem Aufstieg der NSDAP anders verlaufen.
Nun aber zurück in die Zukunft: Begrünung ist heute nicht nur innerhalb der Städte ein Thema, sondern wird auch an Hausfassaden und Dächern – Stichwort Gründach und Urban Gardening – umgesetzt, ebenso wie an Bushaltestellen. Mit dem Ziel, die Luftqualität zu verbessern. Vermutlich stammt der Gedanke der Fassadenbegrünung aus Großbritannien. Das milde Golfstromklima machte es im südlichen und mittleren England leicht, an Schlössern, Landsitzen, Kirchen und Bauernhäusern grüne Ranken wachsen zu lassen. Ihrem Beispiel folgten Hausbesitzer und Gärtner in Frankreich, Deutschland, Österreich, in der Schweiz und in den Benelux-Staaten, ebenso wie in vielen südosteuropäischen Staaten bis hin zur Ukraine.
In London geht die Begrünung neuerdings einen Schritt weiter, indem immer mehr sogenannte „essbare Bushaltestellen“ angelegt werden. Wartende können dort Gemüse und essbare Pflanzen ernten. Ein Projekt, das seinen Vorgänger in der edible City hat. Auch wieder eine Bewegung, die in Großbritannien startete. Pam Warhust und Mary Clear begannen 2008 in Todmorden in der englischen Grafschaft West Yorkshire Gemüse für alle anzubauen. Ihre Idee, für gesunde Ernährung und mehr Miteinander in der Stadt zu sorgen, fand schnell Nachahmer. Bereits 10 Jahre später hatten sich im Incredible Edible Network UK mehr als 100 Gruppen miteinander vernetzt. Es gab weltweite Initiativen, Programme und Projekte unter diesem Namen. Sogar bis nach Toronto verbreitete sich der Gedanke und wird dort von der Stadt gefördert.
Ebenso in Kassel, der ersten deutschen Stadt, die im Mai 2009 zur „Essbaren Stadt“ wurde, gefolgt von Andernach. Die Stadt Andernach stellte ihr Projekt 2014 bei der „Internationalen Grünen Woche Berlin“ vor und durch eine Vielzahl von Presseberichten machte das Modell bundesweit Schule. Seitdem wächst die Zahl der Städte, Gemeinden und Bezirke, die sich essbar nennen, rapide. Heute gibt es mehr als 100 deutsche Städte, die diesem Vorbild folgten. Sie wollen damit die Anpassungsfähigkeit der Stadt und des Umlandes an sich verändernde globale Bedingungen wie Klimawandel und Energiearmut fördern, indem sie Kulturpflanzen anbauen und für eine vielfältige lokale Nahrungsmittelprodiktion sorgen, andere zum regionalen Selbstversorgen animieren und sie mit gartenbaulichen und erzeugnisverarbeitenden Kulturtechniken vertraut machen. Gleichzeitig werden der Austausch und die Kooperation zwischen Stadtverwaltung, Bildungsinstitutionen und Stadtbewohnern gepflegt und neue Lebensräume geschaffen.
Mit dem Hinweis: „Pflücken erlaubt“ kann oftmals jeder zugreifen. Und viele Bürger werden so auf die Initiative aufmerksam, deren Umsetzung in Deutschland von wenigen Pflanzkübeln und Beeten über Gärten bis hin zur Landschaftsgestaltung reicht. Wie weit man dabei gehen kann, zeigt Toronto: In der kanadischen Metropole gehören neben Kleingärten, Gemeinschaftsgärten, solidarischer Landwirtschaft, Food-Coops und Bauernmärkten auch Bildungsprogramme für Kinder, Rezeptsammlungen, fleischfreie Montage, Tipps für den Anbau im Privatgarten und die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung dazu.
Bei essbaren Städten können kommerzielle und nichtkommerzielle Nutzung verschmelzen, öffentliche und private Flächen, gemeinschaftliche und individuelle Aktivitäten, Freizeit- und Berufsgärtnerei, Stadt und Umland, Nutzpflanzen und Ästhetik, Landwirtschaft und Biodiversität. Das Singapurer Unternehmen ediblegarden city griff diese Idee auch auf. Es entwirft, baut und erhält Gärten für Restaurants, Hotels, Firmen, Rooftops und Wohnanlagen, um den Selbstversorgeranteil innerhalb der Städte zu erhöhen.
Sogenannte Superblocks ließen sich zum Teil auch von diesem Gedanken inspirieren, wenngleich sie aus einer Notwendigkeit heraus entstehen – an Orten hoher Bevölkerungsdichte mit wenig Grün und gesundheitsgefährdender Lärm- und Luftbelastung durch den Straßenverkehr. Diese Rahmenbedingungen zwangen die Stadtverwaltung in Barcelona zum Handeln, sodass dort 2017 ein erster Superblock entstand. Pate für diese Idee war Salvatore Rueda, seines Zeichens Biologe, Psychologe und Umweltingenieur. Er gab das Konzept der Superblocks vor, bei dem drei mal drei Häuserblocks zusammengelegt werden und der Kfz-Verkehr neu organisiert wird. Mithilfe von Diagonalsperren und Einbahnstraßen werden Autos am Durchqueren gehindert, sodass die Anwohner nur noch zu Fuß, mit dem Rad und mit dem Auto an bestimmten Zugangswegen in Schrittgeschwindigkeit ein- und ausfahren dürfen. Die dadurch gewonnene Fläche wurde mit Bäumen bepflanzt, mit Blumenkübeln versehen, mit Parkbänken und Tischtennisplatten etc. Dadurch wurden die Straßen zum ausgelagerten Wohnzimmer der Anwohner – mit mehr frischer Luft und Raum für Gespräche.
Natürlich gab es von manch einem Anwohner und den anrainenden Geschäftsleuten Widerstände, doch haben sich deren Befürchtungen, ihr Geschäft könne durch die Neustrukturierung leiden, nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Zahl der lokalen Läden stieg um 30 Prozent. Auch weil man versuchte, Kleingewerbe zu fördern, Begegnungsstätten und eine Reparaturkultur zu etablieren.
Wegen des integrativen Ansatzes diskutiert man in Barcelona weitere infrastrukturelle Elemente und die Förderung von Bürgerenergiegenossenschaften zur dezentralen Stromerzeugung (Stichwort Energy Sharing). Gleichzeitig hat die Stadtregierung bereits zwischen 2015 und 2023 sogenannte Care-Superblöcke (Superilles de les Cures) eingerichtet, um auch die ambulanten und häuslichen Pflegedienste gemäß lokaler und nachbarschaftlicher Nahversorgung zu organisieren. Durch das Programm waren jeweils 12 Pflegefachkräfte etwa 50 Pflegebedürftigen im gleichen Einzugsgebiet zugeordnet. Das verschaffte den Pflegenden kürzere Arbeitswege und mehr Freiheit in ihrer Arbeitsplanung, den zu Pflegenden eine stabilere Bezugsgruppe und individuellere Betreuungsmöglichkeiten.[9]
Weil die Idee der „Superblocks“ so zeitgemäß, nachhaltig und erfolgreich ist, fand sie viele Nachahmer. Ewa in Berlin mit den „Kiezblocks“, von denen mittlerweile 29 Stück existieren. Im Herbst 2025 soll in München auf der Schwanthalerhöhe ein solches Areal geschaffen werden und zeitgleich im 10. Bezirk in Wien ein sogenanntes „Supergrätzl“. Durch die geplante Verkehrsberuhigung können in der österreichischen Hauptstadt 60 neue Bäume gepflanzt werden, 94 Grünflächen entstehen, breite Gehwege, Gemeinschaftsbeete, Sitzgelegenheiten und Spielmöglichkeiten. Und weil der Asphalt gegen Pflastersteine ersetzt wird, wird es neben dem vielen Grün auch wesentlich kühler im Sommer und die Luft nicht so verschmutzt sein.
Die Stadt der Zukunft kommt nicht dem Versuch gleich, sie am Reißbrett zu entwerfen, wie das in Saudi-Arabien mit The Line passierte. Ein Städtebauprojekt, das entlang einer einzigen Straße aufgebaut wurde, oder mit Toyotas Woven City. Denn in den Augen von Tim Rieniets, Professor an der Leibnitz Universität Hannover im Bereich Stadt- und Raumentwicklung, ist es wichtig, dass Städte sich, wie wir das seit Jahrtausenden kennen, netzförmig entwickeln und organisch wachsen können. The Line ist in seinen Augen nichts anderes „als ein Hochhaus, das man auf die Seite gekippt hat, und mehr wird dieses Projekt auch nicht leisten können. Eine Stadt ist das definitiv nicht“, so sein Urteil. Wirklich zukunftsfähig wird eine Stadt dann, wenn sie den Anforderungen des Klimawandels gerecht wird, glaubt der Experte. Mit mehr kühlendem Grünraum, mit mehr Versickerungs- und weniger wärmespeichernden Oberflächen. Gleichzeitig gilt es, den Verkehr verträglicher und umweltfreundlicher zu organisieren und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen (dazu gleich mehr).
Außerdem meint der Städte-Forscher, sollten Städte Menschen in Armut und in Not Platz geben und wir sollten lernen, „unsere Städte als intelligente, innovative Systeme zu nutzen“. Denn sie verfügen schon heute über die besten Chancen, klimafreundliches Leben zu ermöglichen, weil wir kürzere Strecken im Alltag zu bewältigen haben, auf kleineren Flächen wohnen und trotzdem Zugriff auf ein großes Angebot hätten. Daher sind Städte in Rieniets Auge ein Nährboden, indem wir „unsere Köpfe zusammenstecken, um Probleme gemeinsam zu lösen und alternative Lebensstile und Wirtschaftsweisen zu erproben“.[12] Gleichzeitig können so auch Lösungen entstehen, die helfen, CO₂ zu sparen, da ab 2027 der Emissionshandel auch auf Gebäude und den Straßenverkehr ausgeweitet wird.

(Foto: PR/Lau Verlag)
Werkswohnungen und andere spannende Wohn-Ideen
Bezahlbarer Wohnraum ist ein großes Thema in ganz Europa. Nicht nur heute, sondern etwa auch nach dem Ersten Weltkrieg. Als damals in Deutschland rund 800.000 Wohnungen fehlten, gewährte der Staat Wohnungsunternehmen steuerliche Vorteile, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, so sie bestimmte soziale Kriterien erfüllten. 1918 wurden Eisenbahnwohnungsgesellschaften und die Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten Gagfah gegründet, 1926 folgten mit den Vereinigten Stahlwerken ein Zusammenschluss von Montanunternehmen wie Thyssen und den Rheinischen Stahlwerken. Alle Gesellschaften bauten für ihre Zielgruppen – Eisenbahner, Arbeiter und Angestellte – Wohnungen und hielten bei deren Vergabe und Verwaltung soziale Kriterien ein. 1973 galt die Wohnungsnot offiziell für behoben, woraufhin sich die Strategien der Wohnbaugesellschaften änderten: Bestandserhaltung und Modernisierung rückten in den Vordergrund.
Ende der 70er-Jahre gab es in Deutschland 450.000 Werkswohnungen. 20 Jahre später, als sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt noch einmal entspannte und Ende 1989 die Gemeinnützigkeit für Wohnungsunternehmen wegfiel, verkauften die Unternehmen ihre Werkswohnungen nach und nach, um sich wieder auf ihr Kerngeschäft zu fokussieren.
Dieses durfte ich auch 2005 als Finanzvorstand (CFO) der dem Bundesland Berlin gehörenden Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) erleben und umsetzen, weil ein immer größerer Teil der über 70.000 Berliner öffentlichen GSW-Wohnungen sukzessive verkauft oder die GSW von den amerikanischen Finanzinvestoren Goldman Sachs und Cerberus als neue Eigentümer der GSW gesamthaft privatisiert wurden. Das Business Modell der amerikanischen Investitions-Heuschrecken bestand lediglich darin, die nach dem alten Handelsgesetzbuch (HGB) niedrig bewerteten Wohnungsbestände nach dem Kauf umzustellen auf international gebräuchliche Rechnungslegungsregeln (IFRS), wertmäßig auf den wesentlich höheren Marktwert hochzuschleusen und dann sehr gewinnbringend zu veräußern. Renovierungen und Verbesserungen der über 70.000 Wohnungen – wie es ein mit ethischen Werten operierendes Familienunternehmen machen würde – waren hier nicht gefragt – „only suck out the money“: Heuschrecken eben, wie der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering damals richtig bemerkte. Der verantwortliche Finanzsenator Berlins war damals übrigens der SPD-Senator Thilo Sarazin. Für mich waren das sehr prägende Erlebnisse, die mich bis heute an den ethischen Standards amerikanischer Unternehmen zweifeln lassen.
Als E.ON im Jahr 138.000 Werkswohnungen veräußerte, war das der größte Verkauf eines deutschen Werkswohnungen-Portfolios.[13] Doch Fachkräftemangel und Wohnungsnot lassen Unternehmen heute wieder umdenken – die Werkswohnung erlebt ein Comeback, angeführt von Firmen wie Beiersdorf, Bosch, VW oder das Klinikum Stuttgart. Im vergangenen Jahr entstanden innerhalb von 10 Monaten zum Beispiel 170 Uni-Unterkünfte durch nachhaltige, modulare Holzbauweise in Stuttgart. Kommunale Zuschüsse und einkommensabhängige, subventionierte Mietpreise helfen bei diesem Lösungsansatz.
Laut Studien soll der Trend zu Werkswohnungen auch in den nächsten Jahren anhalten, so könnten pro Jahr 10.000 solcher Unterkünfte entstehen, wenngleich sich die Regierung zum Ziel gesetzt hatte, 400.000 Wohnung pro Jahr zu bauen, um die Wohnungsnot in den Griff zu bekommen. Doch für Unternehmen, deren Mitarbeiter nicht auch im Homeoffice arbeiten können, meint Robert Kitzmann, Wirtschaftsgeograf an der Humboldt-Universität Berlin, wäre Mietraum vom Chef ein großer Anreiz, etwa für Kliniken, Verkehrsunternehmen, Pflegeheimbetreiber, Hotel- und Gastronomiebetriebe. Aus diesem Gund unterstützt nun auch die Stadt München den Bau von Werkswohnungen, um Pflegerinnen und Pflegern, Mitarbeitern der Stadtwerke sowie Beamten im Polizeidienst zu bezahlbarem Wohnraum zu verhelfen. Gefördert werden sollen neue Baulandmodelle, die es öffentlichen wie privaten Bauherren ermöglichen, auf ihren Grundstücksflächen Mietwohnungen zu entwickeln. Mit der Auflage, dass der Arbeitsplatz aus den Bereichen Gesundheit, Ver- und Entsorgung, öffentlicher Verkehr und Verwaltung stammt. Bis 2028 will die bayerische Landeshauptstadt etwa 1.000 Werkswohnungen fördern und sieht ihren Vorstoß auch als Appell an private Unternehmen, verstärkt in den Werkswohnungsbau einzusteigen. Der Zuschussaufwand einer maximal 70 Quadratmeter großen Wohnung liegt bei 217.000 Euro.[14]
Mini-Häuser, sogenannte „Tiny Houses“, und auch Modulbauhäuser sind, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gerade als junge Wohnideen sehr im Trend. Der Begriff „Tiny House“ kommt ursprünglich aus den USA und ist dort im Baurecht als „Wohnstätte mit einer Grundfläche bis zu 400 sq ft“ verankert, was 37,16 Quadratmetern entspricht. Diese Angabe bezieht sich auf ein Gebäude mit Fundament. Ein Tiny House mit Rädern, wie es oft von deutschen Stadtverwaltungen gefordert wird, fällt in den Staaten unter die Kategorie „Wohnmobil“. Das ist in Deutschland anders – hier zählt die Nutzung. Das heißt, selbst ein Tiny House auf Rädern kann hierzulande als Wohngebäude gelten. Allerdings erklärt der deutsche Tiny-House-Verband, dass viele Kommunen die „Chancen dieser Wohnart für die eigene Entwicklung erkennen“ würden und sich über die Möglichkeiten der Umsetzung beraten ließen.
Gleichzeitig würden sich die Kommunen mehr Rückenwind von Land und Bund erhoffen, um für dieses unkonventionelle kleine Wohnen in Stadt und Dorf schneller grünes Licht geben zu können. Deshalb spricht der Tiny-House-Verband inzwischen auch mit politischen Entscheidern auf höchster Ebene, die sich schon länger mit Kleinwohnformen beschäftigen. Neben Anhörungen auf Landtagsebene stehen die Verbandsvertreter jetzt auch mit dem Bauausschuss in Berlin in Kontakt. Mehr Informationen zu dieser Wohnform, inklusive landesweiter Projekte und einer Grundstücksbörse, die seit 2024 Grundstücke zum Kauf oder zur Pacht für Tiny-House-Betreiber und andere Mini-Wohnformen anbietet, finden sich auf der Webseite des Verbandes.
Damit auch Menschen, die ihren Job und ihre Wohnung verloren haben und obdachlos geworden sind, nicht auf der Straße oder in Notunterkünften leben müssen, hat Finnland das weltweit einzigartige Programm Housing Frist aufgelegt. Initiiert 2007 vom damaligen Wohnungsminister. Jan Vapaavuoni setzte dazu eine Arbeitsgruppe auf, die damals „die vier weisen Männer“ hieß. Sie sollten das Obdachlosenproblem überdenken und überarbeiten. Ihr Resümee: Notunterkünfte lösen das Problem nicht. Daher schlugen sie einen neuen Weg ein, sodass in Helsinki bereits in diesem Jahr die Obdachlosigkeit der Vergangenheit angehören soll, 2027 soll das für das gesamte Land gelten. Und vier von fünf Betroffenen gelingt es, sich darüber ein stabiles Leben aufzubauen. Außerdem spart der Staat pro Jahr und Betroffenem 15.000 Euro, obwohl er diese Maßnahme finanziell unterstützt im Vergleich zum alten Modell.
Wie läuft das ab? Eine NGO, die sogenannte Y-Foundation, erhält vergünstigte Anleihen vom Staat, um Wohnungen zu bauen, zu erwerben oder Notunterkünfte zu renovieren und in Ein- bis Zwei-Zimmer-Apartments umzugestalten mit Kühlschrank, Bad etc. In den im Schnitt 33 bis 100 Wohnungen umfassenden Gebäuden, die auch über einen Gemeinschaftsraum und eine Sauna verfügen, hat die NGO auch ein Büro. So können die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen den Betroffenen helfen, auch finanzielle Fragen zu klären und Formulare auszufüllen, schließlich müssen diese die Miete und die Betriebskosten ihres Apartments selbst tragen. Mit diesem Geld kann die Y-Foundation Kredite zurückzahlen. Diese nahm sie zum Kauf von Wohnungen von Banken auf. Sie kann aber auch auf Gelder aus der finnischen Lotterie zurückgreifen, welche die NGO unterstützt.
Wohnen sei ein Menschenrecht, so der Kerngedanke von Housing First, auch weil klar wurde, dass der klassische Weg eine Sackgasse ist. Dieser sieht – wie in vielen anderen Ländern – vor, dass Obdachlose keine Wohnung erhalten, sondern von ihnen erwartet wird, dass sie erst einen Job finden und sie ihre psychischen oder Suchtprobleme selbst lösen. Erst dann gibt es vom Staat Hilfe bei der Wohnungssuche. Stattdessen sagt man in Finnland, mit einer Wohnung fällt es Menschen in dieser Situation deutlich leichter, sich einen Job zu suchen und sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Weil Betroffene nicht immer abends erst suchen und sich überlegen müssen, wo schlafe ich heute Nacht? Neben der Unsicherheit, ob es eine ruhige Nacht ohne Übergriffe, Schlägereien, Kälte und Frost wird, die mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Polizei- und medizinischen Einsätzen verbunden sind. Was für den Staat und die Gemeinschaft auf der anderen Seite Mehrkosten bedeutet, ebenso die tragische Unmöglichkeit, dass Menschen in dieser Situation wieder auf die Füße kommen. Knapp 20.000 Wohnung verwaltet die NGO. Darunter die Hälfte für Housing First und Obdachlose oder Menschen, die kurz davorstehen, obdachlos zu werden. Die andere Hälfte vergibt die Initiative an alleinerziehende Mütter und an Menschen, die nicht genug Einkommen haben, um marktübliche Mieten berappen zu können.
Das nordische Konzept inspirierte auch die österreichische Regierung. Nach einer Pilotphase, die 2021 startete und erfolgreich verlief, soll das Projekt nun im Gesetz verankert werden. Mit dieser Planungssicherheit sollen im Rahmen von housing first österreich bis 2026 mit einem Zuschuss von 20 Millionen Euro 1200 Wohnungen von gemeinnützigen Bauvereinigungen und privaten Anbietern zur Verfügung gestellt und finanziert werden. Auch andere Städte und Länder folgten dem finnischen Vorbild: In Stuttgart gibt es eine Housing First Stuttgart-Initiative, daneben wird der Ansatz in Großbritannien, Dänemark, Frankreich und Portugal erprobt. Sie alle sind gelebte Beispiele für voneinander lernen.
Gelebte Kreislaufwirtschaft
Vor vier Jahren hat sich die holländische Hauptstadt einer radikal neuen Devise verschrieben: Weniger Konsum, mehr Teilen und Recyceln und damit im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu denken, damit keine Abfälle anfallen und Energie durch erneuerbare Quellen bezogen wird.
Donut Economy nennt sich dieser Ansatz, der auf die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth zurückgeht. Sie hat 2012 in ihrem Weltbestseller „Donut Ökonomie“ (oder „Doughnut Economics“) diese Bezeichnung für zirkuläres Wirtschaften geprägt. Gleichzeitig gründete sie den Thinktank Doughnut Economics Action Lab und entwickelte 2019 ein praxisorientiertes City-Konzept. Dieses wird auch in Brüssel, Philadelphia, Portland oder innerhalb verschiedener Initiativen in Indien, Bangladesch und Sambia angewandt.
Amsterdam setzt dabei auf drei Wertschöpfungsketten: „Lebensmittel und organische Abfälle“, „Konsumgüter“ und „Bauen“. Als anvisiertes Ziel will die Stadt bis 2030 weniger neue Materialien und Ressourcen verschwenden sowie weniger Lebensmittel. Beim Verbrauch neuer Materialien will sie gerade in der Verwaltung und bei städtischen Betrieben gar um 50 Prozent einsparen, ebenso wie bei Lebensmittelverschwendung. Daneben sollen die CO₂-Emissionen um 60 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden.
Nach dem Vorbild des Hauses „de Warren“ sollen mehr Häuser mit einer positiven Energiebilanz entstehen: Bei diesem Holzbau wurde für die Fassade Holz aus alten Bootsanlegestellen und Pollern verbaut – es kamen recycelte Materialien zum Einsatz. Durch Solarpanelen auf dem Dach und einer ausgeklügelten Energieversorgung weist das ganze Gebäude eine gute Klimabilanz auf und ist mit 800 Quadratmetern Fläche für die Gemeinschaft ausgestattet: Es gibt ein Yogastudio, ein Kinderspielzimmer, Arbeitsplätze mit Screens und einen großen Aufenthaltsraum für alle.
In den nächsten Jahren sollen weitere 40.000 Gebäude dieser Art folgen. Daneben fördert die knapp 1 Million Einwohner zählende niederländische Hauptstadt im Sinne der Donut-Ökonomie Projekte, bei denen Kleidung und Fahrräder repariert werden, statt sie wegzuwerfen und neue anzuschaffen. Zurück geht das Konzept auf die „Schoonschip“-Gemeinschaft und die Eventfläche „de Ceuvel“. Sie entstand im Bezirk Buiksloterham, einem Industriegebiet, das früher eine Flugzeugfabrik, ein Labor von Shell, eine Werft und andere Produktionsstätten beherbergte. Es war lange Zeit Ödland, dessen Boden an vielen Stellen kontaminiert war. 2011 begannen Kreativschaffende, die sich kein Eigenheim leisten konnten, die Siedlung und die Eventfläche aufzubauen.
Um dort in ausrangierten Hausbooten leben zu können, wurden Gräser angebaut, die Schadstoffe aus dem kontaminierten Boden aufnehmen, der in einigen Jahren schadstofffrei sein soll. Es wird Regenwasser aufgefangen, das Abwasser aufbereitet und die Community teilt sich eAutos und Fahrräder, die an zentralen Orten im Viertel geparkt sind. Der Energiebedarf wird durch Solarpanelen gedeckt, Lebensmittel per Aquaponik gezüchtet und Komposttoiletten getestet.
Dieser Trend, den Amsterdam sich so mutig auf die Fahnen geschrieben hat, ist natürlich vielerorts bei einzelnen Projekten, im Entrepreneurship und bei mehr und mehr Unternehmen ein großes Thema, auch und gerade wegen der Klimawende und der bundes- und europaweiten Auflagen. Doch lassen Sie uns erst noch bei der ersten und zweiten Ebene bleiben und einem ganz besonderen Projekt im Bereich Lebensmittelverschwendung, das mit seiner Idee viele andere ansteckte. Deutschland-, europa- und weltweit.
Die Idee zu der Plattform foodsharing entstand im Sommer 2011 während der Vorbereitungen zum Kinofilm „Taste the Waste“. Der Regisseur, Dokumentarfilmer und Journalist Valentin Thurn und der Leiter der Social-Media-Kampagne Sebastian Engbrocks wollten den Gedanken größer machen. Und weil Themen gelegentlich kollektiv an verschiedenen Stellen aufploppen können, trugen sich die damaligen Design-Studenten Christian Zehnter und Thomas Gerling und die TV-Journalistin Ines Rainer Anfang 2012 mit einem ähnlichen Gedanken. Sie alle schlossen sich zusammen und es entstand ein gemeinsames Projekt. Finanziert über eine Crowdfunding-Aktion, markiert es den Beginn von Foodsharing mit Sitz in Köln. Einer Bewegung, der sich bis heute über 600.000 Menschen angeschlossen haben in deutschen Städten, aber auch in Österreich und der Schweiz.
Was macht die Plattform? Sie verteilt Lebensmittel, die sonst in der Tonne landen, unter Privatpersonen. Daneben holen sogenannte ehrenamtliche Foodsaver bei lokalen Supermärkten, Bäckereien, Kantinen und Großmärkten übrig gebliebene Backwaren, Gemüse, Obst etc. ab und verteilen es ebenfalls an Privatpersonen oder an gemeinnützige Vereinigungen oder stellen es in öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke. Wo etwas abzuholen ist, verkündet dann die Online-Pinnwand des Netzwerks.
Foodsharing e.V. arbeitet auch mit den Tafeln zusammen. Mit dem Unterschied, dass die Tafeln größere Mengen bei großen Lebensmittelbetrieben einsammeln und an Bedürftige verteilen. Sie gelten als Lebensmittelbetrieb, während die Organisation von Foodsharing kleinere Mengen verteilt. Ausführlich berichtet auch die Bundeszentrale für Ernährung (BzfE) über die Kampagne von Foodsharing, deren Ziel es ist, die Verschwendung von Lebensmitteln um 50 Prozent zu reduzieren. Dabei stellt der Verein auch Forderungen an die Politik und flankiert seine Mission mit Beiträgen auf Instagram oder LinkedIn.
Auf LinkedIn sind neben der deutschlandweiten zivilgesellschaftlichen und sozialen Organisation weitere Foodsharing-Initiativen zu finden – etwa Foodsharing Aarhus, Foodsharing Kopenhagen, Foodsharing Delft, Kraków, Wroclaw oder Ottawa.
Was für eine Erfolgsgeschichte! Gestartet aus einer Idee engagierter Bürger, wurde sie von anderen über Europa und die ganze Welt getragen: Spreading ideas und proaktives Handeln gelingt am besten, wenn wir das, jeder an seinem Platz, aber auch connected anpacken – eingebunden in permanentes Benchmarking mit anderen Initiativen. Auch Kampagnen sollten sich verlinken, ähnlich wie beim Verabreden zu größeren Veranstaltungen wie Flash Mobs, Kundgebungen und Demonstrationen für die gute Sache.
Foodsharing ist übrigens als Teil der Sharing Economy international anerkannt. Zu dieser zählen auch sogenannte Repair Cafés, die auf ehrenamtlichem städtischen Engagement fußen, FabLabs und die Bibliotheken der Dinge, um nur einige wenige zu nennen. Bei der Bibliothek der Dinge kann man sich nach dem Prinzip einer Bibliothek nicht Bücher ausleihen, sondern technische Geräte, Musikinstrumente, Haushaltswaren oder Tennisschläger oder Snowboards. Gegen eine kleine Gebühr, meist 14 Tage, nach Absprache auch länger.
Sharing kann auch kommerziell werden
Trends und gesellschaftliche Herausforderungen rufen natürlich auch Gründer auf den Plan. Bleiben wir beim Sharing, es startete eine ganz besondere Erfolgsstory, die Sie alle kennen, mit drei Luftmatratzen und Frühstück am Morgen („Airbed with Breakfast“).
Aus der Not geboren, um die teure Miete ihrer WG bezahlen zu können, begannen Brian Chesky und Joe Gebbia 2007 mit dieser preiswerten Untervermietung, Gäste zu empfangen und setzten die Plattform „Airbnb“ auf. Als ein Jahr später die Finanzkrise einsetzte, verloren immer mehr Menschen ihre Jobs und vermieteten, um über die Runden zu kommen, ihre Gästebetten. So verbreitete sich die Idee rasch.
Heute ist das Portal nach eigenen Angaben in allen Teilen des Erdballs aktiv und vermietet mehr als sieben Millionen Objekte, auch wenn sich der Ursprungsgedanke durch die Kommerzialisierung natürlich in eine ganz andere Richtung entwickelt hat. Auch der Trend des Teilens ist nicht stehen geblieben, nahezu alles wird geteilt – sogar Camper oder Mode haben in verschiedenste Verleih-Modelle Einzug gehalten.
Bei der „Kleiderei“ zum Beispiel können Nutzer innerhalb eines monatlichen Abos ab 29 Euro vier Kleidungsstücke leihen. Der Wettbewerber „Tobe“ hat zudem Designertaschen im Programm und verlangt ab 79 Euro im Monat für seinen Service, um auf diesem Weg die Verschwendung von Ressourcen, den Ausstoß von Emissionen und das Produzieren weiterer Artikel (oftmals – wie wir alle wissen – auf Kosten der Natur und der Mitarbeiter in Billiglohnländern) und damit von Müll (auf Deponien in der Atacama Wüste Chiles) zu reduzieren.
Werteorientiertes Handeln ist wichtig
Werteorientiertes Handeln zahlt sich aus. Denn das untersuche ich als Lehrbeauftragter in meinem Case-Study-Kurs an der Business School der Katholischen Universität (KU) in Eichstätt-Ingolstadt seit mehreren Jahren. Nämlich wie weit unternehmerische Entscheidungen, die auf Werten basieren, zum Erfolg führen und nicht die von Casino-Kapitalisten, die profitgetrieben Gewinne abschöpfen wollen und weder auf die Ressourcen noch auf ihre Mitarbeiter und das Gemeinwohl achten. Und das unterlege ich mit Unternehmens Beispielen. Etwa mit der Firma Hipp, die als niederbayerisches Familienunternehmen seit jeher auf beste Qualität achtet und ihre Rohstoffe selbst anbaut, anders als ihre Wettwerber, die Großkonzerne Unilever oder Nestlé. Dass Werte entscheidend seien, findet auch meine Tochter Charlotte, die ich – wie alle meine Kinder – zur Zukunft Europas befragt habe. Sie glaubt, um Europa stark zu machen, braucht es andere Werte. Nämlich solche, die ursprünglich für Europa galten. Dazu zitiert sie die Werte der EU:
- „Beitrag zu Frieden und Sicherheit und zu einer nachhaltigen Entwicklung der Erde.
- Beitrag zur Solidarität und gegenseitiger Achtung der Völker, zu freiem und fairem Handel, zur Beseitigung von Armut und zum Schutz der Menschenrechte sowie
- strikte Einhaltung des Völkerrechts.“
Und bei der Frage, was andere Nationen bereits klug und zukunftsstark umsetzen, meint sie: Wenn man sich das Fragile States Index Ranking ansieht, steht Norwegen an erster Stelle, gefolgt von Finnland und Island. Grundsätzlich würden die skandinavischen Staaten sehr viel in Bildung, Familie und Soziales investieren, das könnte auch hierzulande Schule machen. Ebenso wie innovatives Lernen, Work Life Balance, ein intaktes Gesundheitssystem und Gleichberechtigung im Job wie in der Elternzeit. „Ich denke, dass das zukunftsträchtig ist und dass das in Deutschland fehlt: In Bildung wird viel zu wenig investiert. Auch Work Life Balance ist nicht vorhanden. Und das sind nur ein paar Beispiele. Ich weiß auch, dass Norwegen sich an das Völkerrecht hält. Erst vor kurzem habe ich ein Interview gesehen, in dem der Präsident von Norwegen klargestellt hat, dass das Völkerrecht international gilt, gerade auch in Bezug auf die Nahost-Frage und die Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs.“
Chancen und Engagement zulassen
Die Entwicklung unserer Gesellschaft und unseres Planeten ruft viele Privatpersonen als Aktivisten und Visionäre auf den Plan. Mit grenzenlosem Einsatz wollen sie ihre Idee zum Fliegen bringen und einen Beitrag im Sinne aller zum Gemeinwohl leisten. Das lässt neue Geschäftsideen entstehen und eröffnet neue Segmente und Märkte.
Auch mein Großvater als Staatsmann hat zum Beispiel drei Patente angemeldet. Eine Sojawurst, die allerdings nur in England zum Patent angemeldet wurde, da ein Formfehler die Patent-Anmeldung in Deutschland verhinderte. Dann dachte er sich eine Gießkanne mit einer beweglichen Klappe oben aus, die das Eingießen von Wasser erleichterte, und eine von innen beleuchtete Stopfkugel für Strümpfe. Die wurde allerdings nur von meiner Großmutter eingesetzt, da AEG schneller war, die Idee auf den Markt zu bringen und anzumelden. Später, als er nicht mehr in der Politik war, dachte er sich einen Kopfschirm mit Brille gegen blendende Sonnenstrahlen aus und eine Elektrobürste zur Schädlingsbekämpfung.
Doch damit junge Ideen in unserer schnelllebigen Zeit schneller erfolgreich sein und einen Wandel bewirken können, braucht es noch stärker die Unterstützung der Politik, der vierten Ebene. Es braucht bessere Ausgangsbedingungen, wenn zum Beispiel im Sinne der Kreislaufwirtschaft neue Müllsysteme entwickelt werden, Regen-, Grau- und Schwarzwasser-Methoden zur Düngung und zum Bewässern von Nahrungsmitteln, Robotaxis oder Anlagen, um CO₂ zu speichern. Die Firma „Neustark“, ein Spin-off der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, ist so ein Ansatz, um in recycelten Abfällen wie Recyclingbeton CO₂ zu speichern. Ihr Ziel: Mindestens eine Million Tonnen des Klimagases beim Neubau von Gebäuden zu speichern. Derzeit betreibt das schnell wachsende Schweizer Unternehmen 12 Anlagen. Eine davon in Berlin-Marzahn, und gewann als AG sofort den Investmentgiganten Blackrock, der die Aktie in sein Portfolio aufgenommen hat.
Idealtypisch ist dieses Start-up „geflogen“, wie es in diesen Kreisen heißt, wenn eine Idee wie eine Rakete durch die Decke geht. Was nicht oft der Fall ist. Um dennoch mehr Ideen und Vorangehern eine Chance zu geben und Potenzial im Kleinen nicht schon zu ersticken, braucht es mehr Förderung. Und die Steuern sollten in den ersten vier Jahre komplett entfallen. Auch sollten die Lohnnebenkosten und die Umsatzsteuer überdacht und neu geregelt werden, ab welchen Umsätzen Steuern abzuführen sind.
Warum muss bereits ab einem Jahresumsatz von 22.000 Euro Steuern anfallen? Und warum sind selbst bei Geschäften zwischen Privatpersonen 19 Prozent Umsatzsteuer abzuführen (am Ende des Jahres kommt noch die Einkommensteurer on top)? Warum auch ist es so höllisch kompliziert, einen gemeinnützigen Verein am Laufen zu halten, wo jedes Jahr beim Körperschaftsfinanzamt ein Bericht zur Gemeinnützigkeit abzuliefern ist und dabei ganz bestimmte Formalitäten zu berücksichtigen sind, um diesen rechtzeitig unter anderem über die jährliche Mitgliederversammlung abzugeben, inklusive Einladung, genauer Tagesordnung und Protokoll und das, egal was ist, auch in Ausnahmesituationen wie bei einer Pandemie. Wer die Fristen übersieht, erhält postwendend die Gemeinnützigkeit aberkannt. Dann kann man keine Spenden mehr beziehen, die steuerfrei sind, und damit ist oftmals die ganze Finanzierung blockiert von solchen behördlichen Regeln.
Bei meinem eigenen Verein erlebe ich das dauernd. Deswegen habe ich die Gemeinnützigkeit vor kurzem aufgegeben und bezahle anfallende Kosten aus eigener Tasche. Gut, das kann ich mit meinem Background leisten, doch braucht es grundsätzlich mehr Anreize, dass Menschen, gerade auch Privatpersonen mit guten Ideen, diese auch umsetzen und dass nicht der Fiskus diese Motivation bereits im Keim erstickt durch zu viel Bürokratie und zu restriktive Steuerregelungen.
Es darf, was derzeit leider der Fall ist, nicht der Eindruck entstehen, dass Engagement und Arbeit sich hierzulande nicht mehr lohnen. Doch sind die Parteien zu schwach, um gegen den Sumpf an Regulatorien vorzugehen. Dieser ist mittlerweile so dicht, dass keiner mehr durchblickt. Steuerlich wie bürokratisch gehört eine Abrissbirne her. Gleichzeitig heizt unsere föderale Struktur diesen Sachverhalt an, da jedes Bundesland Entscheidungsbefugnis hat und zusätzliche Regelungen aufstellt. Dabei kommen auch unterschiedliche Regierungspositionen zum Tragen, da die Regierungschefs der Länder der CDU angehören, der SPD, den Grünen … Folglich kann man sich im Bundesrat auch nicht durchbeißen. Mein Sohn David, den ich in diesem Zusammenhang befragt habe, ist der Ansicht, dass es bei einem geeinten Europa wichtig wäre, nicht noch mehr Bürokratie aufzubauen: „Denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist Europa vor allem als bürokratisches Monster wahrgenommen worden, das allen irgendwelche Regeln aufzwingen will und alles voll kompliziert macht. Das sollte bei einem geeinten Europa anders sein.“ Weiterhin ist es in seinen Augen wichtig, dass innerhalb Europas keine steuerlichen Schlupflöcher entstehen, dass wir bei der Verteidigung stärker zusammenarbeiten sollten, aber auch bei der Energiepolitik und als Standort attraktiver werden. „Wir müssen wieder wettbewerbsfähig werden, brauchen ganz schnell einen Demokratieaufbau und mehr Förderung in Bildung und Innovation.“
Deutschland kann in diesem Zusammenhang vieles von anderen europäischen Staaten lernen: „Das ist auch der große Benefit, den wir aus so einer Staatengemeinschaft ziehen können. Ich glaube, jeder Staat in Europa, wenn man sich den individuell angeguckt und die Stärken herausarbeitet, wird wahrscheinlich von jedem Staat etwas lernen können. Von den skandinavischen Staaten etwas zum Bildungssystem, von den baltischen Staaten etwas zur Digitalisierung …“ Und von den USA können wir lernen, so seine Meinung, wie wir unseren Standort wieder attraktiv machen, „dass wirklich die klügsten Leute der Welt – egal, wo sie herstammen – sich denken: `Deutschland ist ein lebenswertes Land, hier würde ich gerne mit meiner Familie hingehen und habe auch beruflich viele Möglichkeiten – um mich hier weiterzuentwickeln. Neulich stand im „Economist“, dass fünf der acht Superreichen aus dem Silicon Valley in den USA einen Migrationshintergrund haben. Ich finde, das zeigt schon viel. Selbst Elon Musk ist kein Amerikaner, sondern Südafrikaner. Er hat aber die USA gewählt, um sein unternehmerisches Dasein dort auszuleben. Das sollten wir in Deutschland und in Europa auch hinkriegen.“
(Fußnoten finden sich im Buch)
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