Buchauszug Erich Colsman, Christoph Berdi, Bettina Dornberg: „Die Werttreiber: Plädoyer für ein holistisches Unternehmertum“

Buchauszug Erich Colsman, Bettina Dornberg und Christoph Berdi: „Die Werttreiber: Plädoyer für ein holistisches Unternehmertum“

Die Werttreiber | Schäffer-Poeschel eLibrary – Eine Marke von HAUFE

 

 

Der Wert von Beziehungen

Was ist nun der Gegenentwurf zum Paradigma der Gewinnmaximierung, zum verengten, rein monetären Kapitalbegriff und zum reduktionistischen, nutzenoptimierenden Menschenbild? Und was für ein Selbst- und Fremdbild von Unternehmerinnen und Unternehmern als Werttreibende und Repräsentierende eines holistischen Unternehmertums schließt sich hier an? Welches Rollenverständnis wird hier angeboten, damit sie ganzheitlicher, nachhaltiger, freier und (ethisch) reflektierter agieren können – nicht, weil sie es sollen, sondern weil sie es wollen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden?

Die Soziale Marktwirtschaft kann als soziales Experiment betrachtet werden, das beweisen soll, ob ein fundamentales Tauschprinzip tatsächlich funktioniert: Freiheit gegen Verantwortung. In diesem Sinne haben Unternehmerinnen und Unternehmer einen Deal mit der Gesellschaft. Dem rechtlichen Charakter nach ist es eine einseitige Angelegenheit: Auf der einen Seite steht das vom Grundgesetz gedeckte Versprechen der Gesellschaft an die Entrepreneurinnen und an die Entrepreneure: ›Wir geben Dir weitreichende Freiheitsrechte, garantieren Deinen Gestaltungsraum und Dein Recht auf Eigentum. Wir sorgen dafür, dass Du in einem funktionierenden, überwiegend von Marktmechanismen bestimmten Wettbewerb unternehmerisch agieren kannst.‹ Demgegenüber stehen implizite Hoffnungen auf Wertschöpfung und Verteilungsspielräume – nach dem Motto: ›Wir setzen auf Dich als zentrale Akteurin, als zentraler Akteur der Sozialen Marktwirtschaft. Wir möchten, dass Du erfolgreich bist und Werte generierst, von denen die Menschen und die Gesellschaft insgesamt wiederum profitieren.‹

Die berühmte Grundgesetzformel »Eigentum verpflichtet« ist eine ständige Erinnerung daran – und bleibt ansonsten ohne jede Rechtsfolge: »Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Einen Beitrag zum Gemeinwohl der Gesellschaft zu leisten ist als Auftrag formuliert – ohne Sanktion bei Nichtbefolgung. Das heißt, Unternehmerinnen und Unternehmer sind im Rahmen von Recht und Gesetz vor allem eines – ziemlich frei. Und diese Freiheit ist in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ebenso sinnvoll wie maßgebend, denn nur aus sich heraus, aus ihrem intrinsischen Antrieb entsteht die Bereitschaft, ins Risiko zu gehen, die Rolle als schöpferische Zerstörer, wie es einst Joseph Schumpeter formulierte, anzunehmen. Jede gesellschaftliche Forderung, wozu und wie Unternehmerinnen und Unternehmer ihren Freiraum nutzen sollen, kann nicht mehr sein als ein Appell.

Vor diesem Hintergrund ist der Anspruch unserer Argumentation, auf ein, um es ökonomisch zu beschreiben, noch zu hebendes Effizienz- und Effektivitätspotenzial hinzuweisen: Rechte regeln Beziehungen. Unternehmerrechtliche Freiheit schafft das Potenzial, Beziehungen zu gestalten. Unternehmerinnen und Unternehmer sollten der Beziehungsebene in der gesamten Breite ihres Handelns größere Aufmerksamkeit schenken. Vieles, was als rechtliches Konstrukt abstrakt erscheint, ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Aufforderung, Bezie­hungen zu entwickeln. Das beginnt mit der Bilanz, die die Beziehungen zu Käufern und Verkäufern, Schuldnern und Gläubigern abbildet, und mit dem Eigenkapital, dessen Wesen allzu oft missverstanden wird. (Eigen-)Kapital ist ein Phänomen, nichts Materielles, und darf nicht verwechselt werden mit Geld und Vermögen. Es ist eben kein Sachwert, sondern sein Besitz ist mit einem ganzen Bündel an Rechten verbunden: das Recht auf Führung, auf Gewinn, auf Verteilung und Verkauf. Gleichzeitig begründet Kapitaleigentum klare Machtpositionen. Wer hingegen als Gesellschafter lediglich glaubt, mit seiner Beteiligung am Unternehmen habe er so etwas Ähnliches wie einen Goldbarren an der Hand, wird diese Dimensionen kaum erkennen und pflegen. Vielmehr wird er versucht sein, seinen Anteil zu einem geeigneten Zeitpunkt mit maximalem Ertrag zu verkaufen und damit gegen den langfristigen Unternehmenserhalt agieren.

Die Beziehungsthematik ist genau genommen allgegenwärtig. Sie ist eingebettet in die Vorstellung vom Unternehmen als System neben anderen Systemen. Sie ist im Gesellschaftsrecht (im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Handelsgesetzbuch, im GmbH- und Aktiengesetz) repräsentiert. Sie kennzeichnet die Arbeits- und Wertschöpfungsgemeinschaft des Unternehmens. Werttreiberinnen und Werttreiber räumen der Beziehungsfrage eine sehr viel höhere und tiefere Bedeutung ein als der Suche nach Wirkungsbeziehungen – verstanden als Input/Output, als Nutzenmaximierung. Beziehungen implizieren und generieren einen ökonomischen Wert.

 

(Foto: PR)

Erich Colsman, Bettina Dornberg und Christoph Berdi: „Die Werttreiber: Plädoyer für ein holistisches Unternehmertum“, Schäffer Poeschel Verlag, 224 Seiten, 29,99 Euro

 

Aus systemtheoretischer Perspektive stehen Unternehmen in Beziehung zu einer größeren Menge an Systemen, denen sie offen und geschlossen zugleich begegnen. Sie können von anderen Systemen nur wahrnehmen und managen, was in ihnen selbst als Erfahrung und Struktur angelegt ist. Um es zuzuspitzen: Für einen Hammer ist die ganze Welt voller Nägel, die eingeschlagen werden müssen. Für eine Organisation voller neoliberal geschulter Gewinnmaximierer besteht die Welt aus Kosten und ökonomischen Opportunitäten, die genutzt werden wollen. Die damit verbundene Beziehungslosigkeit ist vielleicht die größte Schwäche der BWL, ihr blinder Fleck, der es ihr verwehrt, die Welt ganzheitlich und in ihren Interdependenzen zu erkennen. Und damit ihre ökonomischen Akteurinnen und Akteure als das anzuerkennen, was realiter in Gesellschaft und Wirtschaft gebraucht wird: Gestalterinnen und Gestalter von Zukunft zu sein – im Einklang mit der Natur und ihren endlichen Ressourcen, mit den Menschen und ihren ureigenen, schöpferischen Potenzialen.

Mit ihren rationalistischen Methoden, Imperativen und Paradigmen hat die Betriebswirtschaftslehre zu einer in sich geschlossenen Parallelwelt beigetragen, in der Menschen und Organisationen vermeintlich erfolgreich sein können – solange sie die tatsächlichen Kosten, die auf der Beziehungsachse zur Gesellschaft, zu den Menschen und zur Natur entstehen, künstlich kleinrechnen, an die Gesellschaft zurückverweisen oder schlichtweg ignorieren.

Das ist ein Symptom der entkoppelten Sphären, die der Kapitalismus erzeugt und auf der Shareholder-Value-Welle perfektioniert hat: Immenses Wachstum, wirtschaftlicher Erfolg und Überkonsum einerseits, eine kaum mehr einzufangende Erderwärmung, Raubbau an den natürlichen Ressourcen und Vermüllung der Welt andererseits. Um die Finanzierung der Folgekosten – man denke nur an die Fluchtbewegungen, an die destruktiven Effekte der Klimakrise in weiten Teilen des Globalen Südens, an die zugespitzte Verteilungsproblematik zwischen extremem Reichtum und existenzbedrohender Armut – wird auf multilateraler Ebene verzweifelt gerungen. Es bleibt offensichtlich, dass im unternehmerischen Alltag die Konflikte zwischen einem chancenorientierten Handeln und dessen konkreten langwelligen, nicht immer eindeutig vorhersehbaren Folgen vorprogrammiert sind. Aber, wer will ernsthaft bestreiten, dass Menschen bei ihren Handlungen eben auch die Auswirkungen auf zukünftige Generationen angesichts technologischer Entwicklungen und ökologischer Probleme bedenken sollten?

Die weitgefasste Idee der Treuhänderschaft kann zweifelsohne ein Leitstern für Unterneh­merinnen, für Unternehmer und ihre Organisation sein. Der Wirtschaftshistoriker Geoffrey G. Jones charakterisiert in seinem Buch »Deeply Responsible Business« einen verantwortungs­bewussten Unternehmertypus, dessen Weltanschauung sich aus so unterschiedlichen Quellen wie religiöser Überzeugung, säkularisierter Philosophie oder schlicht Lebenserfahrung kons­tituiert hat. Jones bezeichnet die damit verbundene Werteorientierung als »spirituell«, was natürlich umgehend zu Missverständnissen einlädt. Aber unabhängig von der Frage, ob dieser Begriff glücklich gewählt ist oder nicht, weist seine esoterikfreie Definition von »Spiritualität« in eine interessante Richtung: Jones meint damit die weitverbreitete Überzeugung bei den von ihm betrachteten Unternehmerinnen und Unternehmern, dass alles Leben auf dem Planeten miteinander verbunden ist und sich daraus zwangsläufig gewisse handlungsleitende Prinzipien und Werte ergeben (Jones 2023, S. 6). Diese Werte wiederum, so argumentiert Jones, unter­stützten den Willen zur moralischen Verpflichtung, verringerten die Angst vor unbekannter Zukunft und förderten ein holistisches Verständnis von Problemen und Lösungen (ebd.). Das Konzept des Unternehmers als Treuhänder ist hier mühelos erkennbar.

Darüber hinaus führt die Idee der Treuhänderrolle geradewegs in eine der grundsätzlichen Debatten zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wirtschaft und Wissenschaft: Gibt es diese Form der Verantwortung überhaupt? Oder dominiert nicht doch das Streben nach einer Ge­winnmaximierung und nach dem damit verbundenen Shareholder Value? Es ist an der Zeit, das Referenzsystem der Betriebswirtschaftslehre, in dem die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer beruflich sozialisiert werden, entlang der Konfliktlinien zwischen Business und Responsibility unter die Lupe zu nehmen.

 

 

 

 

 

 

Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten. 

Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de

Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.

Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die männliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleichermaßen mit gemeint.

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*