Buchauszug Jean-Remy von Matt: „Am Ende. Erlebnisse und Erkenntnisse aus meinem kreativen Leben Das erste Buch, das von Anfang bis Ende schlechter wird“

(Foto: PR/ Econ Verlag)
Über Edith und Erich
Als kreativer Geist hat man geborene Feinde und Freunde. Ersteres sind die Ja-aber-Menschen, zweiteres die Warum-nicht[1]Menschen. Der Unterschied ist einfach: Der Ja-aber-Mensch bedenkt, bevor er denkt, sucht bei jeder Idee als Erstes nach Gründen dagegen und lehnt sich entspannt zurück, wenn er welche gefunden hat. Der Warum-nicht-Mensch begegnet allem Neuen erstmal mit Optimismus. Sofort sucht er nach den Chancen, sodass die Bedenken hinterher als das erscheinen, was sie in den meisten Fällen sind – vernachlässigenswert.
Die radikalsten Vertreter dieser zweiten Art, die in meinem Leben eine Rolle spielten, waren: der Unternehmer Erich Sixt und die Hausfrau Edith von Matt. Egal, mit welcher Idee wir Kinder ankamen – unsere Mutter erschrak nie. Als wir einmal mitten im Hochsommer Skilaufen wollten, hätte jede normale Mutter der Welt Fragen gestellt: »Skilaufen jetzt? Seid Ihr verrückt? Geht doch schwimmen bei den Temperaturen!«
Unsere Mutter überlegte kurz, besorgte Schmierseife und präparierte den einzigen Grashügel in unserem Garten so, dass mittlere bis schwere Abfahrten möglich wurden. Zu ihrer Entlastung sei angemerkt, dass ihr Vater Seifenfabrikant und die Nachhaltigkeitsidee noch Jahrzehnte entfernt war. Würde sie heute trotzdem noch so handeln? Ich fürchte, ja! Denn sie liebte radikale Lösungen mehr als alles andere – und wir liebten sie dafür.
Wenn ich heute an Skipisten im Grünen vorbeifahre, die mit Schneekanonen dürftig befahrbar gemacht wurden, sage ich leise vor mich hin: »Mama hätte es mit Schmierseife gelöst.« Auch Erich Sixt erschrak nie – egal, mit welcher Idee man ankam. Auch nicht, als wir vorschlugen, mit Angela Merkel für seine Cabrio-Flotte zu werben. Oder mit dem Papstmobil für seinen Limousinen-Service.
Ich erinnere mich nur an eine Situation, in der ich vergeblich auf ein »Warum nicht?« von Erich Sixt wartete. Als das Missverhältnis zwischen dem Arbeitsaufwand und dem Honorar dafür immer größer wurde, schickte mich unser Finanzvorstand nach Pullach. Doch meine Zuversicht, gegen den virtuosen Verhandler Sixt eine gerechtere Preisliste durchzusetzen, verflog schon auf dem Flug. Also dachte ich über einen Plan B nach.
Ich skizzierte ein Motiv, das meinen Partner Holger Jung und mich als Bettler zeigt. Überschrift: Damit Sie noch günstiger Autos mieten können, haben wir unsere Werbeleute im Preis gedrückt. Wie erwartet, war meine neue Preisliste schon nach wenigen Minuten vom Tisch. Also sagte ich, dass es für eine weitere Zusammenarbeit mit uns nur noch eine letzte Chance gebe: die Veröffentlichung des skizzierten Motivs an allen Flughäfen und in allen großen Zeitungen. Sixt schaute kurz auf meine Skizze – und da war es wieder, dieses einzigartige »Warum nicht?

(Foto: PR/Econ Verlag)
Jean-Remy von Matt: „Am Ende Erlebnisse und Erkenntnisse aus meinem kreativen
Leben. Das erste Buch, das von Anfang bis Ende schlechter wird.“
240 Seiten, 25,00 Euro
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