Buchauszug Werner Katzengruber: „Mental Health. Die Schlüsselkompetenz resilienter Organisationen“

Buchauszug Werner Katzengruber: „Mental Health. Die Schlüsselkompetenz resilienter Organisationen“

 

Werner Katzengruber (Foto: Privat)

 

Das Schweigen der Angst

Ein typisches Anzeichen für ein toxische Unternehmenskultur ist das Schweigen der Mitarbeitenden, welches durch Intransparenz, fehlende Kommunikation und auch bewusst durch Miss- oder Desinformation erreicht wird. Dieses Schweigen ist gefährlich, denn unter der Oberfläche gärt eine explosive Mischung an negativer Energie, die sich in unterschiedlichen Formen entlädt. Hohe Fluktuation mit gleichzeitig hohem Krankenstand sind die typischen Vorzeichen einer sich selbst zerstörenden Unternehmenskultur. Wir sind durch unsere Erziehung bereits geprägt, zu schweigen und unsere Bedürfnisse und Meinungen zurückzuhalten. Glaubenssätze wie »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold« begleiten unser Leben.

 

Warum geschwiegen wird

Schweigen ist ein gut erlernter Mechanismus, um Konflikten zu entgehen, doch leider ist dieses Verhalten kontraproduktiv, denn Schweigen ist die häufigste Ursache für Konflikte. Warum wird generell so leidenschaftlich geschwiegen?

Ursachen sind unter anderem:

  • Angst vor Konfrontation,
  • Angst vor Niederlage,
  • Angst davor, dem Gesprächspartner nicht gewachsen zu sein,
  • Angst vor Repressionen,
  • Angst vor der Selbstoffenbarung,
  • Angst vor Ablehnung,
  • Angst vor dem Konformitätsdruck.

 

Die meisten Skandale, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, lassen sich auf Schweigen zurückführen. Das gilt nicht nur für Wirtschaftsunternehmen, sondern ist ein typisches Anzeichen von hierarchisch geprägten Organisationsformen, deren Führungskräfte die Augen vor den Bedürfnissen der Mitarbeitenden verschließen. Der Arbeits- und Organisationspsychologe Dr. Michael Knoll von der Universität Leipzig hat mit seinem Team das Schweigen der Mitarbeitenden vor dem Hintergrund der zugrunde liegenden Motive untersucht. Die Studie wurde in 33 Ländern in 35 Stichproben mit über 8.000 Mitarbeitenden durchgeführt und ging der Frage nach, inwieweit die Motive des Schweigens mit der spezifischen Kultur des Landes in Zusammenhang stünden. Dabei wurden die vier wichtigsten Ursachen, die aus der Psychologie bereits bekannt waren, bestätigt, wenn auch länderspezifisch in unterschiedlicher Gewichtung. Die vier bekannten Gründe für Schweigen in Organisationen und Unternehmen sind:

  • Angst, die persönlichen Beziehungen innerhalb der Organisation aufs Spiel zu setzen. Damit ist die Angst vor negativen Effekten im Ansehen der eigenen Person und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die eigene Karriere verbunden (acquiescent silence).
  • Geschwiegen wird auch, um Kolleginnen und Kollegen zu schützen (prosocial silence).
  • Die Ansicht, die eigene Meinung habe keinen Einfluss (quiescent silence)
  • Schließlich schweigen Mitarbeitende auch, um Wissensmonopole nicht freizugeben, da diese als Wissensvorsprung zur Förderung der eigenen Karriere genutzt werden können.

 

Einer der Hauptverantwortlichen für das Schweigen der Mitarbeitenden ist der Machtunterschied durch die Hierarchie. Je größer der Machtunterschied ist, umso häufiger wird das Verhalten der Erwartungshaltung der Führenden angepasst. In Teams, die kollektiv an einem Ziel arbeiten und die das Gefühl haben, Risiken eingehen zu können, und ein bestimmtes Maß an Autonomie besitzen, wird weniger geschwiegen. Die These, dass in Kollektiven die eigene Meinung aufgrund des herrschenden Konformitätsdrucks eher zurückgehalten wird, bestätigt sich in dieser Studie nicht. Durchsetzungsfähigkeit ist eine der Eigenschaften, die Führungskräften zugesprochen wird und die auch in Assessments immer wieder bemüht wird. Sicher ist ein bestimmtes Maß an Durchsetzungsfähigkeit für Führungskräfte wichtig. Aber zu viel davon führt dazu, dass angstfreie Kritik unterdrückt wird. Ein konkurrierendes Umfeld führt häufiger dazu, dass mit der eigenen Meinung hinter dem Berg gehalten wird. Die Ausnahme ist, wenn eigene Ziele verteidigt werden.

 

 

Mental Health von Werner Katzengruber | ISBN 978-3-527-51171-6 | Buch online kaufen – 340 Se 24,99 Euro

 

 

Schweigen aus Angst

Dafür werden Konflikte in Kauf genommen. Welche dramatischen Auswirkungen angstvolles Schweigen haben kann, zeigt die Aufdeckung der Missbrauchs-Skandale in den christlichen Kirchen. Diese Skandale erschütterten nicht nur die Organisation dieser Glaubensgemeinschaften, sondern den Glauben von Milliarden Menschen. Die Folge davon spiegeln sich in den hunderttausenden Austritten von Gläubigen. Zu viele haben um die kriminellen Machenschaften von Angehörigen der beiden Kirchen gewusst und aus Angst geschwiegen. Aus Angst vor den Konsequenzen, denn wenn man sich in einer Hierarchie gegen die Herrschenden wendet, wird man selbst schnell zum Opfer.

 

Wir können dieses Phänomen auch in der Politik wahrnehmen und sollten uns nicht wundern, wenn dieses Schweigen zu Autoritäts- und Vertrauensverlust führt. Im Zuge der Impfpflicht-Debatte gab es bereits valide Hinweise auf die Nebenwirkungen der notzugelassenen Medikamente. Erst nach Beendigung der Pandemie wurden die Aussagen vieler Politiker und Gesundheitsexperten, die Impfung sei nebenwirkungsfrei, wieder einkassiert. Die Folgen tragen diejenigen, die dem Staat vertrauten, sich nun getäuscht fühlen und gesundheitlich geschädigt wurden. Gleichzeitig wurde damit den radikalen Kräften unterschiedlicher antidemokratischer Bewegungen in die Hände gespielt. Die Aufgabe des Staates, seine Bürger zu schützen, wurde durch mangelnde Aufklärung und falsche Informationen ad absurdum geführt. Was durch diese fehlende Ehrlichkeit verloren ging, ist das Vertrauen in die politischen Institutionen.

 

Sinkende Motivation der Mitarbeitenden, Missstände anzusprechen

Die Folge davon ist, dass sich unterschiedliche Bewegungen, die unter dem Begriff »Querdenker« von der Politik zusammengefasst wurden, in ihren Thesen bestätigt fühlen und an Vertrauen gewinnen konnten. Damit hat die Politik genau das Gegenteil von dem erreicht, was ihr ursprüngliches Ziel war, das Vertrauen in die Sicherheit der politischen Entscheidungen zu stärken. Werden kritische Themen nicht angesprochen oder aus Angst verschwiegen, hat das Auswirkungen auf das kollektive und individuelle Lernen der Organisation. Fehlentwicklungen werden zu spät wahrgenommen und senken die Motivation der Mitarbeitenden, Missstände anzusprechen. Zudem entgeht der Führungskraft die Chance, sich durch ein direktes und offenes Feedback weiterzuentwickeln. Für die Identität als Führungskraft ist die Rückmeldung der Geführten der wohl wichtigste Parameter der eigenen Standortbestimmung und damit der Entwicklungspotenziale. Schließlich ist die Legitimation einer Führungskraft abhängig von der Akzeptanz der Geführten. Führungskräfte, die nach dem Motto agieren, »Wenn niemand im Team meckert, scheint ja alles gut zu sein«, übersehen, dass diese Stille trügerisch sein kann und nicht generell bedeutet, dass alles in Ordnung ist.

 

Wenn Schweigen zur Pflicht wird

Die durch Medienberichterstattung in den Fokus gerückten Missstände, die durch Schweigen unterdrückt wurden, zeigen, wie häufig dieses Phänomen auftritt. Ob es die Me-too-Bewegung ist, die den sexuellen Missbrauch in der Filmindustrie an die Öffentlichkeit trug, oder die Missbrauchsfälle im Sport und in pädagogischen Einrichtungen – fällt die Mauer des Schweigens, werden Missstände ungeahnten Ausmaßes plötzlich aufgedeckt und sorgen in der Öffentlichkeit für Erstaunen. Die so oft von Mitarbeitenden und Führungskräften geforderte Integrität wird ebenso ad absurdum geführt, wenn eine Kultur der Angst herrscht und Schweigen zur Pflicht wird.

 

Dass persönliche Integrität dagegen tausende Leben retten kann, bewies der Fall von Ökkes Elmasoglu. Nach dem verheerenden Erdbeben 2023 im Grenzgebiet der Türkei zu Syrien wurde er zu einer Art Held, einfach aus der Tatsache heraus, dass er sich nicht korrumpieren ließ. Elmasoglu ist Bürgermeister der Stadt Erzin, die mitten im Erdbebengebiet liegt. Während in den Städten und Dörfern rund um seine Stadt viele Todesopfer aufgrund einstürzender Gebäude zu beklagen waren, blieben die rund 42 000 Einwohner von Erzin nahezu unbeschadet. Der Grund war, dass Elmasoglu keine illegalen Bauten akzeptierte und trotz massiver Widerstände und teils persönlicher Angriffe streng nach der Bauverordnung handelte. Er wurde zum Helden, weil er sich an die Gesetze hielt.

 

In der Türkei ist es üblich, illegal zu bauen, und so manches Hochhaus hat mehr Stockwerke als im Bauplan angegeben. Zudem wird gerne an Material gespart, da mit dem ursprünglich kalkulierten Budget einfach mehr Raum gebaut werden muss. Politisch motivierte Bau-Amnestien ermutigten die Bauherren, weiterhin mehr zu bauen als genehmigt war (ANF News, 2023). Obwohl Elmasoglu von vielen Bauherren verspottet und schikaniert wurde, blieb er standhaft. Er erhob seine Stimme, und wenn illegal gebaut wurde, zog er die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft. Wer von uns würde sich nicht so einen wehrhaften und angstfreien Menschen an der Spitze einer Organisation wünschen? Die meisten von Ihnen würden mir zustimmen, dass er der Prototyp einer verlässlichen Führungskraft ist. Doch es wird eine Gruppe von Menschen geben, die mit diesem Charakter Schwierigkeiten haben. Diejenigen, die hierarchisch über ihm stehen und deren Interessen nicht mit seinen kompatibel sind.

 

Seine Stimme zu erheben ist in vielen Organisationen ein gefährliches Unterfangen. Doch wenn Mitarbeitende ihre Bedenken, ihre Ideen und Fragen nicht offen kommunizieren dürfen, hat das negative Konsequenzen für ihre psychische Verfassung und die der Organisation. Ineffizienz, Mobbing und Diskriminierung werden ausgeblendet und die Resignation der Menschen wird hingenommen.

 

Schweigen zum Vertuschen von Fehlentscheidungen

Fazit: Schweigen ist in vielen Organisationen institutionalisiert und wird dazu genutzt, Konflikte zu vermeiden und Fehlentscheidungen zu vertuschen. Fakt ist, dass Konfliktvermeidung als Strategie die Probleme verschärft, anstatt sie zu lösen. Für Unternehmen und Organisationen bedeutet es eine dauerhafte Beeinträchtigung der Produktivität, da Mitarbeitende möglicherweise nicht in der Lage sind, effektiv zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus führt angstvolles Schweigen auch zu einem Verlust von Vertrauen und Respekt in die Führung. Angstfreie Kommunikation ist die Grundlage für Innovation und Verbesserung.

 

Auch wenn hierarchisch höher gestellte Organisationsmitglieder in ihrer Rolle vor schwierige Probleme gestellt werden, ist es elementar wichtig, dass jede dem Unternehmen zugehörige Person ihre Meinung offen und ehrlich kundtun kann. Wenn Beschwerden oder Verbesserungsvorschläge aus Angst zurückgehalten werden, sinkt die Qualität der Arbeit, der Stress unter den Mitarbeitenden wird größer und dieser Druck führt zur Bildung von Subsystemen innerhalb der Organisation. Die größte Angst guter Führungskräfte sollte sein, dass sich die Mitarbeitenden nicht trauen, ihre Meinung zu sagen.

 

 

 

 

 

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