„Leg das Ding weg“, der neue Urlaubs-Schlachtruf

„Leg das Ding weg!“ ist der Schlachtruf der Kinder und Ehepartner, wenn der moderne Büromensch im Urlaub auch unter der Sonne Spaniens, abends mit Freunden beim Essen oder am Frühstückstisch Sonntags mal eben seine Mails checkt.  Und die Zahl der Brötchenverdiener, die sich unbeliebt machen wächst stetig: waren es vor zwei Jahren laut einer Untersuchung des IT-Branchenverbands Bitkom auch schon stolze 73 Prozent, so sind es nun 88 Prozent. Bleibt wenigstens das tröstende Argument in der family: „Anderen ergeht es auch nicht besser.“ 

Bemerkbar macht sich an der Stelle eben, dass die Unternehmen so viele Mitarbeiter abgebaut haben, dass keiner mehr einen richtigen Vertreter hat oder einen Kollegen, der echt mal einspringen kann – alle haben mit ihren eigenen Jobs mehr als genug zu tun und die früheren Springer oder sontige Personalreserven sind längst aus dem Firmenalltag verschwunden. Die waren die ersten Streichposten der Unternehmensberater.

Warum es tatsächlich sinnvoll ist, immer mal zu checken? Es gibt eilige Anliegen, die hängenbleiben und unnötig Zeit verloren geht – aber mit einem Klick auf Weiterleiten an den Richtigen die Sache weiter läuft.

Oder Zweifelsfragen: darf Kunde x noch beliefert werden oder nicht, wie waren die letzten Insolvenzgerüchte? Oder anders, muss der ganz schnell seine Rechnung bekommen oder gibts Lösungen wie Lieferung nur gegen Anzahlung oder wie auch immer. Ist die Ware erst mal weg und nach dem Urlaub der Kunde tatsächlich pleite, inst nichts mehr zu reparieren. Und eilig sind heute alle Aufträge obendrein. 

„Eine klare Trennung zwischen Job und Arbeit gibt es für die meisten Berufstätigen nicht mehr“, erkennt denn auch der frisch gebackene Bitkom-Präsident Dieter Kempf und teilt es den Empfängern seiner Pressemeldungen im O-Ton mit.

 

Mehr Männer sind ständig erreichbar als Frauen – ja warum wohl? 

Die Bitkom-Umfrage verrät weiter, dass „29 Prozent der Arbeitnehmer jederzeit für berufliche Zwecke telefonisch oder per E-Mail erreichbar sind. Weitere 45 Prozent sind nur zu bestimmten Zeiten außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar, zum Beispiel am Abend oder am Wochenende. 15 Prozent geben an, dass sie nur in Ausnahmefällen erreichbar sind.“

Kein Grund für die 15 Prozent übrigens, darauf auch noch stolz zu sein. Denn an ihnen verzweifeln manch andere, die ihren Beruf ernster nehmen und mit den Füssen scharren, weil die Verweigerer zeitraubend schweigen – und sie immer wieder nachsehen müssen, ob nun doch vielleicht noch eine Antwort kommt.

Dass Bitkom feststellt, bei den Frauen seien nur 24 Prozent ständig erreichbar, bei den Männern hingegen 34 Prozent dürfte allein daran liegen, dass mehr Männer in der Firmenhierarchie höher sind als Frauen. Und daher deren Entscheidungen auch öfter erforderlich sind. 

 

Der deutsche Urlaubsstörer am Telefon ist sehr gesittet

Im Ernst gehen die Deutschen ziemlich vernünftig mit Belästigungen in der Freizeit und im Urlaub um: Wer gleich sagt, dass er gerade im Kochkurs vom Hotel ist oder irgendwo wandert, wird überschüttet mit Entschuldigungen, die Anrufer fassen sich kurz oder wollen gar viel zu voreilig gleich wieder einhängen – vor Schreck.

Ganz abgesehen davon, dass so ein gemeinsames Erlebnisse verbindet und Small-Talk-Thema für die nächsten Jahre sein kann. „Damals, Sie auf einem Tiroler Berg und ich in der Provence – und trotzdem haben wir´s geschafft…“ Oder: „Frau Tödtmann, wissen Sie noch damals, ich lag gerade auf der Liege bei einer Thai-Massage…“

Wenig richtungsweisend oder meinungsfreudig ist leider der Kommentar von Kempff hierzu: „Mit der steigenden Verbreitung von Smartphones und Tablet-PCs können Nutzer auch bequem außerhalb des Büros berufliche E-Mails lesen und bearbeiten.“ Ach was.

Ja wär´s anders, wäre die ganze Geschichte wohl kaum ein Thema.

 http://www.bitkom.org/de/presse/8477_68489.aspx

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Alle Kommentare [2]

  1. „Mama, du sollst den tompjuta ausmachen!, habe ich auch schon von meinem Jüngsten gehört, worauf ich „gleich“ geantwortet und einfach weiter gemacht habe. Ziemlich blöd, aber in Stresszeiten leider nicht immer zu vermeiden.
    Man man (oder frau) dagegen wirklich vermeiden sollte, finde ich, ist der pseudofreiwillige Dauerbereitschaftsdienst im Urlaub und an freien Wochenenden und Abenden.

    Oft ist das nämlich nur eine Folge von schlechter Organisation (ließ sich wirklich keine Vertretung finden?), von Angst um den Job (und wer erleidet den Burnout?) oder von Größenwahn (ohne mich bricht der Laden zusammen!).

    In diesem Sinne mein Wunsch an alle, die bald Sommerurlaub haben: Nur Mut – zum Abschalten!

  2. Tja, der Selbstständige wird über die Erkenntnisse der Bitkom wenig zu lachen haben, er ist en selbst ständig erreichbar. Ein Witz der Etymologie, sonst gehen die historischen Bedeutungen der Wörter verloren, hier hat die Moderne dem alten Begriff erst seinen eigentlichen Sinn erst verpasst.

    Es kann erheblich zur Entspannung im Urlaub beitragen, wenn man zwischendurch mal die Ruhe hat, Unaufschiebbares abzuarbeiten. Ein Segen, wenn man jemanden im Hintergrund hat, der einen so schont, dass nur wirkliche Notfälle die Ruhe stören.

    Aber eine kleine Mail kann den Familienfrieden auch erheblich belasten, denn auch all der Ärger, die kleinen Intrigen, das schamlose Ausnutzen der Abwesenheit anderer schwappen so in ein Candlelight-Dinner an der Côte d’Azur oder die Abgeschiedenheit des Luberon. Das vermiest die Stimmung und sorgt zu Recht für Ärger bei Ehepartner und Kindern. Das sollte uns alle daran erinnern, dass Abschalten auch das iPhone umfassen muss. Glücklicherweise lernen Kinder schnell, wo sie drücken müssen…