Wenn Deepfakes Unternehmen gefährden

Als Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen diese Vorwürfe erhob, stoppte die Shop Apotheke ihre Werbung mit den beiden prominenten Werbegesichtern: Es geht um Identitätsdiebstahl über soziale Netzwerke mit Fakeprofilen und digitale Gewalt, die Fernandes ihrem Ex-Mann kürzlich vorwarf. Nun laufen Ermittlungen, die Anwälte sind eingeschaltet.

Doch nicht nur Identitätsdiebstahl von ihren Werbeträgern – oder durch ihre Werbeträger selbst – ist heikel für Unternehmen. Die Wirtschaftsanwälte Hans-Patrick Schroeder und Sarah Hillebrand von der Kanzlei Freshfields berichten über ihre Erfahrungen mit KI-Betrug und Deepfakes, die Unternehmen wie Top-Manager gefährden. Ein Gastbeitrag.

 

Hans-Patrick Schroeder (Foto: PR/Freshfields)

Ein manipuliertes Video von Bayer-Chef Bill Anderson machte im vergangenen Jahr auf Social Media die Runde, in dem er in einer australischen Morning-Show – angeblich – für ein neues Abnehmpräparat warb. Er forderte die Zuschauer auf, einen Button anzuklicken, über den sie die Wunderpille mit einem Discount kaufen können. Es war ein Deepfake – eine mit KI manipulierte Bild- oder Tondatei – und wurde schließlich von einer Taskforce gestoppt, die Bayer eigens zur Abwehr von Deepfakes gegründet hatte.

 

62 Prozent der Unternehmen als Opfer von Deepfakes

Deepfakes können immensen Schaden anrichten, bei Weitem mehr als nur wirtschaftlichen. Sie sind schon länger eine ernst zu nehmende Bedrohung für Unternehmen und ihre Top-Manager. Täter machen sich dabei die weite und in der Regel kostenfreie Verbreitung entsprechender KI zunutze, mit denen nicht mehr als solche zu erkennende Fälschungen erzeugt werden können. Nach einer Studie von Gartner aus September 2025 haben 62 Prozent der Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten Deepfake-Angriffe erlebt.

 

Ein weiteres Beispiel lieferte im Januar dieses Jahres Schraubenkönig Reinhold Würth: Kriminelle missbrauchten die Identität des bekannten Unternehmers, um mit einem gefälschten Video dubiose Investment-Angebote auf Social Media zu bewerben. In dem Video ist eine täuschend echte Version von Reinhold Würth vor einem Regal voller Schraubenpackungen zu sehen, der zu einem exklusiven Investment einlädt. Die Würth-Gruppe warnte kurze Zeit später über ihre Social-Media-Kanäle vor der Betrugsmasche.

 

Warum Deepfakes für Unternehmen gefährlich sind

Sarah Hillebrand (Foto: PR/Freshfields)

Die technische Qualität von Deepfakes ist hoch: Mit wenigen Sekunden Videomaterial und KI-Software können Betrüger täuschend echte Clips erstellen, die selbst Experten mit technischen Mitteln nur schwer von echten Aufnahmen unterscheiden können. Der Betrachter mit bloßem Auge ist chancenlos. Die Fakes verbreiten sich rasend schnell über soziale Netzwerke, Messenger und Online-Plattformen und erreichen so eine breite Öffentlichkeit. Beispiele wie Würth und Bayer gibt es zuhauf.

 

Kriminelle nutzen das Vertrauen, das bekannte Persönlichkeiten und CEOs genießen, und spielen mit deren Glaubwürdigkeit. Die Folgen sind Reputationsschäden für die betroffenen Unternehmen und Manager, aber auch handfeste wirtschaftliche Schäden: Kunden, Investoren und Partner werden verunsichert, das Vertrauen in die Marke leidet und Gewinneinbußen bis hin zum nachhaltigen Einbrechen des Aktienkurses sind denkbar. Was ist, wenn ein CEO nicht nur die Marktreife einer angeblichen Abnehmpille bekanntgibt, sondern den Verkauf wichtiger Unternehmenssparten? Oder der gefakte CEO wirbt nicht für Anlageprodukte, sondern äußert volksverhetzende politische Thesen?

 

Wie sich Unternehmen schützen können

Die Bedrohungslage ist klar. Was aber können Manager dagegen tun? Zunächst verlangt die Situation von Unternehmen eine neue Form der Wachsamkeit. Sie müssen die Mitarbeiter und das Management für die Gefahren durch Deepfakes sensibilisieren. Zwar gibt es Ansprüche auf Schadensersatz und Unterlassung. Allerdings ist die Rechtsverfolgung schwierig: Diese setzt bei täuschend echten Bildern oder Videos selbst im Eilverfahren häufig zu spät an und ist nicht ausreichend, um den teils massiven und bereits eingetretenen Schäden wirksam zu begegnen. Anspruchsgegner sind außerdem meist nicht die Plattformbetreiber, sondern die Urheber der Deepfakes. Deren Identität dürfte kaum herauszufinden sein, insbesondere, wenn sie im Ausland sind.

Deepfakes, die Prominente, Politiker und Top-Manager betreffen, verbreiten sich binnen eines Tages im Internet und erzielen ihre Wirkung. Wichtig ist daher für Unternehmen zügige Öffentlichkeitsarbeit und strategische Krisenkommunikation, um vor den Fakevideos zu warnen und die Schäden gering zu halten. Zur Risikovorsorge ist es ratsam, so wie Bayer eine Taskforce aus IT-Experten, Kommunikationsprofis und Juristen zu bilden. Damit das Unternehmen im Ernstfall sofort handlungsfähig ist.

 

 

 

 

 

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