Buchauszug Volker ter Haseborg: „Wolfgang Grupp“

Buchauszug Volker ter Haseborg: „Wolfgang Grupp“

Volker ter Haseborg ist Chefreporter bei der WirtschaftsWoche*

 

Volker ter Haseborg (Foto: PR / Lena Everding)

 

Affentheater

Werbung macht Grupp prominent – und beschert ihm Ärger mit Uli Hoeneß.

»Hallo, Fans!« Ein Affe, bekleidet mit Hemd, Krawatte und mit einer roten Brille auf der Nase sitzt als Nachrichtensprecher in einem Fernsehstudio und berichtet, dass Trigema Deutschlands größter T-Shirt- und Tennisbe­kleidungshersteller sei und nur in Deutschland produziere. »Was sagt der Inhaber Herr Grupp dazu?«, fragt der Affe. Wolfgang Grupp wird eingeblendet, er läuft etwas steif durch seine Näherei, die rechte Hand in der Hosentasche. »Wir werden auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren und unsere zwölfhundert Arbeitsplätze sichern«, verspricht er.

Nicht mal 20 Sekunden dauerte der Spot, er lief jahrelang direkt vor der Tagesschau. Seitdem wird Grupp auf der Straße angesprochen. Er sei doch »der mit dem Affen«.

Die Geschichte von Trigema ist auch eine Geschichte über Vermarktung. Wolfgang Grupp hat es geschafft, seine Firma und sich selbst bekannt zu machen. Nachdem er Trigema aus der Verlustzone herausgeführt hatte, investierte er Millionen in Werbung. Das war nötig, weil Trigema bis dahin kaum unter dem eigenen Markennamen aufgetreten war, sondern als Lieferant für die Marken großer Kaufhäuser wie Karstadt, Kaufhof und Horten.

Grupp erklärte die Vermarktung zur Chefsache. Zunächst suchte er dafür nach einem passenden Superlativ. Deutschlands größte Sportmarke? Nein, das war Trigema nicht, es gab ja noch Adidas und Puma. Grupp fand schließlich eine Bezeichnung, die fast nach der größten Sportmarke klang und seiner Meinung nach nur auf Trigema zutrifft: Deutschlands größter Sport- und Freizeitbekleidungshersteller. Das passte. »Weil sonst ja keiner mehr in Deutschland produziert hat.« Niemand habe protestiert.

Den Einstieg in die Sportmode hatte Trigema ja mit der Tenniskollektion gemacht. Die lief ganz ordentlich, aber Grupp störte sich daran, dass der Tennisprofi Wilhelm Bungert am »Trigema Original Bungert Dress« mitverdiente. Der Tennisstar ließ sich die Nutzung seines Namens bezahlen. Grupp beendete die Kooperation. Die Tenniskollektion hieß nun »Trigema Original Tennis Dress«. Die Nachfrage sei trotzdem gestiegen, sagt er.

»Das Bungert-Dress war für mich der Ausstieg aus der Anonymität. Ich war stolz, dass wir jetzt eine Marke hatten«, sagt Wolfgang Grupp. Als er in die Firma kam, habe er Ernst Schöller kennengelernt, den Inhaber der Ernst Schöller Wäschefabriken aus Albstadt. Der Mann wurde ehrfürchtig »Schlüpferkönig« genannt, er war ein Promi, umgarnt von den Großhändlern. »Das habe ich als Nobody bewundert. Wir waren damals überhaupt nicht bekannt.« Und das wollte Grupp ändern.

***

Wolfgang Grupp: Die autorisierte Biografie, Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag, 256 Seiten, 30,– Euro

Er schaltete erste Anzeigen in Zeitungen, was dem Verleger der Tennis-Revue auffiel: Günter René Evers. Ob Grupp nicht auch mal in seinem Tennismagazin werben wollte? Das lag schließlich in vielen Tennisclubs aus. Grupp war nicht sonderlich interessiert an einer Anzeige im Innenteil des Hefts. Anders wäre das mit einer ganzseitigen Anzeige auf der Titelseite – die würde jeder Tennisspieler beim Vorüberlaufen sehen. Evers willigte ein, und Trigema landete auf dem Titel.

Evers habe Kontakt zum Fußballclub Schalke 04 gehabt, sagt Grupp. Er habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, dort Trikotsponsor zu werden, die Schalker benötigten dringend Geld: »Ich habe gesagt, das ist eine Nummer zu groß für uns, weil damals nur große Firmen wie BP, Uhu oder Jägermeister auf Trikots von Bundesligavereinen geworben haben.« Doch Evers blieb hartnäckig, bis Grupp schließlich einwilligte, mit Schalke-Präsident Günter Siebert zu sprechen. »Sie wollten 600.000 Mark pro Saison«, sagt Grupp. 1,8 Millionen in drei Jahren. »Für diese Summe hätte ich damals ein ganzes Werk bauen können.« 1,8 Millionen, die nach drei Jahren weg sind, aufgebraucht. Ein neues Werk ist nach drei Jahren noch da. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre er als junger Schnösel verhöhnt worden, der Geld verbrennt. Trotzdem entschied er sich für den Millionen-Deal.

Grupps Überlegung damals: Er wollte auffallen. Dass Firmen wie BP, Uhu und Jägermeister auf Trikots warben, wussten alle. Aber Trigema? »Plötzlich waren wir mit dabei.« Die Leute sollten sich fragen: Wer oder was ist eigentlich dieses Trigema?

»Eine rot-weiß-blaue Schwinge wird in der nächsten Saison die Brust des FC Schalke 04 zieren«, vermeldeten die Ruhr Nachrichten am 14. Mai 1979. 1,8 Millionen Mark sollte das Unternehmen Trigema aus Burladingen dafür zahlen, dass die Kicker des Erstligaclubs mit einem 170 Quadratzentimeter großen Firmenlogo auf der Brust auflaufen. Die Bedingungen: Die sonst in »Königsblau« kickenden Schalker sollten möglichst ganz in Weiß spielen, damit das Logo gut zu sehen war. Der Verein musste Trigema zusagen, 25 Spieler für eine Autogrammstunde zur Verfügung zu stellen. Fünf Stunden pro Jahr musste darüber hinaus die gesamte Mannschaft geschlossen antreten und Autogramme geben.

Der Deal habe sich gelohnt, sagt Grupp. »Damals hat jeder junge Bursche gewusst, welcher Verein mit welcher Marke auf der Brust aufläuft.« Die Nachfrage nach Trigema-Artikeln sei gestiegen.

Schalke 04 war für Trigema der Einstieg in die Sportwerbung. In den Jahren 1979 bis 1997 warb das Unternehmen bei insgesamt elf Vereinen der 1. und 2. Bundesliga auf der Brust, etwa auf den Trikots vom 1. FC Nürnberg, Borussia Mönchengladbach, Karlsruher SC, KFC Uerdingen 05, Werder Bremen, VfB Oldenburg und Hertha BSC.

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Einen Verein hätte Grupp damals nur allzu gerne als Partner gewonnen: den Rekordmeister FC Bayern München. Es wäre die Krönung für ihn gewesen, sagt Grupp. »Der FC Bayern war die Königin unter den Königinnen.«

Doch statt einer Krönung wurde der Kontakt mit dem FC Bayern im Jahr 1983 für ihn zum großen Ärgernis. Vor allem über das Agieren eines Mannes kann er sich heute noch echauffieren: Uli Hoeneß. In Sachen Selbstbewusstsein und Streitlust sind sich die beiden ebenbürtig.

Aus der Perspektive von Wolfgang Grupp lief die Sache damals so: Er habe beim FC Bayern angefragt, ob es möglicherweise eine Chance gebe, dass Trigema Trikotsponsor werden könne. Uli Hoeneß, damals Manager des Vereins, und der damalige Schatzmeister Fritz Scherer seien dann nach Burladingen gekommen. Wann das war? Grupps Kalender gibt darüber heute noch Auskunft: am 10. November 1983, ab 19 Uhr. Er habe die Gäste in seinem Rittersaal empfangen, so nennt er den großen Raum mit dem wuchtigen Esstisch im Obergeschoss seiner Villa. Man habe zusammen gegessen und die Dinge besprochen. Damals warb noch der italienische Lastwagenbauer Iveco auf der Brust der Bayern, doch die Italiener dachten über ein Ende ihres Sponsorings nach. Ein Stichtag für die Entscheidung über eine Verlängerung stand kurz bevor.

Die Runde habe vereinbart: Falls Iveco nicht Sponsor bleibt, sollte Trigema zum Zug kommen – und pro Saison 1,5 Millionen D-Mark zahlen. Ein Rekordbetrag für Werbung auf der Brust des Rekordmeisters. »Darauf haben wir uns die Hand gegeben«, sagt Grupp. »Sollte Iveco die Option nicht einlösen, ist Trigema auf der Bayern-Brust.« Man hätte sich gegenseitig beglückwünscht und sich zugesichert, dass man sich auf die Zusammenarbeit freue.

Iveco verlängerte den Sponsoringvertrag nicht.

Hoeneß habe versprochen, ihn sofort anzurufen. Doch der Anruf sei ausgeblieben. Also habe Grupp selbst zum Hörer gegriffen. Als er Hoeneß schließlich erreichte, habe dieser herumgedruckst. Und schließlich eingeräumt, dass man nicht ins Geschäft kommen könne. Adidas, der Ausrüster des FC Bayern, habe Protest angemeldet, dass ein Textilkonkurrent auf die Brust kommen sollte. Statt Trigema wurde der Computerbauer Commodore in der Saison 1984/85 neuer Trikotsponsor des FC Bayern München.

Grupp ist heute noch sauer: »Herr Hoeneß hat den königlichen kaufmännischen Handschlag gebrochen«, wettert er. Der Bayern-Manager hätte Adidas absagen und auf sein Versprechen gegenüber Trigema verweisen müssen.

Was Grupp jedoch noch mehr verärgert: Hoeneß erinnert sich ganz anders an die Begebenheit. Das kann man sich noch bei Youtube anschauen, denn dort ist ein Mitschnitt eines Auftritts von Hoeneß vor einem Unternehmerforum abrufbar.

Mit Grupp habe er »mal eine lustige Geschichte erlebt«, berichtet Hoeneß. »Der wollte mal bei uns aufs Trikot.« Grupp sei ein »schwieriger Unternehmer«. Er habe eine klare Meinung, aber sei nicht »everybody’s darling«.

Iveco habe nur 900.000 D-Mark pro Saison gezahlt. Da habe er sich einfach mal gedacht, er verlange 1,5 Millionen. Grupp habe ihn irgendwann angerufen und gesagt: »Wir machen das.« Dummerweise hatte er, Hoeneß, noch nicht mit Adidas gesprochen. Die drei Streifen auf dem Trikot und dann auch noch Trigema – »das war nicht so schön«. Zur gleichen Zeit hätte auch Commodore angefragt, die ebenfalls 1,5 Millionen boten. Um dem Problem Adidas aus dem Weg zu gehen, habe man sich dann gegen Trigema entschieden.

Er hätte Grupp einen Brief schreiben oder anrufen können. »Nein, ich Idiot habe mich dafür entschieden, ihn zu besuchen und ihm das persönlich beizubringen.« In einer Nacht-und-Nebel-Aktion sei er mit Scherer auf die Schwäbische Alb gefahren, es hätte geschneit, geregnet und genebelt. Grupp sei offensichtlich der Meinung gewesen, dass nun der Vertrag unterzeichnet werde. Es habe einen »Wolfgang-Grupp-Wein« und Hirsch von der Grupp’schen Jagd gegeben. »Es war ein wunderschöner Abend, und ich wurde immer unruhiger.«

Für den geschäftlichen Teil des Abends habe Grupp dann in den Rittersaal gebeten. Scherer und er hätten sich dann mal kurz auf die Toilette verabschiedet. Scherer habe gefragt: »Was machen wir denn jetzt?« Darauf Hoeneß: »Wie immer: Die Wahrheit sagen, nützt ja nix.« Sie seien dann zurück in den Rittersaal, Grupp habe ganz oben an der Kopfseite eines langen Tisches gesessen. Der Trigema-Prokurist sei nun ebenfalls zugegen gewesen. »Er hat bei uns nichts zu sagen, aber er macht die Finanzen«, habe Grupp über seinen Mitarbeiter gesagt. Der Prokurist habe eine Mappe aufgeschlagen. Darin: ein Scheck über 1,5 Millionen. Als er ihm dann beigebracht habe, dass es da »ein kleines Missverständnis« gebe und dass der FC Bayern den Deal nicht machen könne, habe Grupp dies zunächst nicht glauben wollen. »Sie meinen das wirklich ernst?«, habe er gefragt. Und als er begriffen hatte, dass es wirklich nichts wurde, habe er sie hinausgeworfen. »Raus! Raus! Ich möchte Sie nie mehr sehen!«

Die Unternehmer, denen Hoeneß die Anekdote erzählte, haben sich damals prächtig darüber amüsiert. Immer wieder hört man in dem Youtube-Video von der Veranstaltung mit dem prominenten Gastredner Gelächter.

Grupp widerspricht dieser Version vehement. »Er hat die Geschichte umgedreht – zu seinen Gunsten«, wirft er Hoeneß vor. Dass Hoeneß jetzt so tue, als habe es gar keine Vereinbarung gegeben, sei falsch. Ebenso sei es bei dem ersten und einzigen Essen in Burladingen um keine Vertragsunterzeichnung gegangen, weil Iveco damals noch nicht erklärt hätte, ob das Unternehmen weiter Sponsor bleiben will. Auch der Scheck sei frei erfunden. Und hinausgeworfen habe er die Bayern-Bosse auch nicht.

Er kann verstehen, warum der FC Bayern damals auf Druck von Adidas den Deal nicht unterzeichnen konnte. Was er nicht verstehen kann: dass Hoeneß behauptet, er habe Grupp persönlich die Absage übermittelt. Tatsächlich habe Hoeneß ihm erst nach einigem Hinterhertelefonieren abgesagt. »Jetzt erzählt er die Geschichte so, dass sie positiv für ihn ist. Die Wahrheit aber ist: Er hat sich mir gegenüber nicht fair verhalten.«

Was sagt Uli Hoeneß dazu? Der Ehrenpräsident des FC Bayern München ruft kurzfristig zurück, als ich ihn um ein Gespräch über die Episode bitte. »Was ich gesagt habe, entspricht der Wahrheit«, stellt er fest. »Wer mich kennt, der weiß: Wenn ich einen Handschlag gebe, dann gilt der.«

Ja, es stimme, dass es eine Einigung gegeben habe. »Trigema hat ein seriöses und tolles Angebot gemacht. Wenn Adidas dem zugestimmt hätte, hätten wir das auch gemacht.« Doch die Einigung habe es gegeben »unter der Prämisse, dass Adidas zustimmt. Und diese Zustimmung bekam ich nicht.« Er habe Grupp auf jeden Fall gesagt, dass er die Zustimmung von Adidas brauche. Denn Adidas überwies damals ein Vielfaches von den 1,5 Millionen D-Mark im Jahr an die Bayern, war also viel wichtiger als andere Sponsoren.

Grupp habe geglaubt, dass er und Scherer gekommen seien, um einen Vertrag zu unterzeichnen. Das hätten die Bayern-Funktionäre aber nicht gekonnt. »Ich habe mir einfach gedacht, wenn man so einen Geschäftspartner hat, der sich wirklich gut verhalten hatte, kann man keinen Brief schicken und absagen.« Vor dem besagten Treffen sei er noch nie bei Grupp gewesen. Hoeneß bleibt dabei: Grupp habe ihn rausgeschmissen. »Es war ziemlich laut.«

In den 1980er-Jahren hätten er und Grupp gemeinsame Kunden gehabt: etwa den Discounter Aldi, den Grupp mit T-Shirts und Hoeneß mit Bratwürsten aus seiner Firma HoWe Wurstwaren belieferte. Wenn er Grupp zufällig bei diesen Kunden getroffen habe, seien die Begegnungen »kurz und schmerzvoll« gewesen. Grupp habe ihm deutlich gemacht, dass er immer noch sauer auf ihn war.

Hoeneß findet zu Grupp aber auch lobende Worte: »Was mir gefällt, ist, dass Wolfgang Grupp eine klare Meinung hat. Seine Idee, alles in Deutschland zu produzieren, ist sehr gut. Aber er ist kein einfacher Mensch. Ich muss nicht unbedingt jeden Tag mit ihm essen gehen. Ich versuche nie, besserwisserisch zu sein und andere zu attackieren – wie er. Wenn ich oder der FC Bayern aber attackiert werden, dann fahre ich die Krallen aus.«

Es gebe keinen Anlass, sich mit Grupp zu versöhnen. »Ich habe mich korrekt verhalten. Er sieht das anders.«

Die beiden Zeugen der Episode, Bayerns Ex-Schatzmeister und späterer Präsident Fritz Scherer und der langjährige Trigema-Prokurist, sind mittlerweile verstorben.

***

Der FC Bayern blieb nicht das letzte Ärgernis für Grupp beim Thema Sportsponsoring.

Der Verein Hertha BSC wurde zu seinem letzten Sport-Engagement. Seitdem verweigert sich Grupp jeglicher Sportwerbung: »Sportler sind Lumpen«, knurrt er. Seiner Meinung nach nutzen Sportler ihre Sponsoren nur aus: Solange sie unbekannt und wenig erfolgreich sind, würden sie sich um ein gutes Verhältnis zu ihren Finanziers bemühen – wenn der Erfolg sich einstelle, seien sie schnell weg.

Der Fall Hertha BSC begann für Grupp im Jahr der Wiedervereinigung 1990. Der Hauptstadtclub war in die 1. Bundesliga aufgestiegen, Trigema wurde Sponsor. Deutschland war wiedervereinigt – und Grupp wollte durch die Werbung auf dem Trikot des Vereins neue Kunden im Osten der Republik erreichen. 800.000 D-Mark zahlte Trigema an Hertha pro Erstligasaison. Im Falle eines Abstiegs in die 2. Bundesliga sollte Trigema 300.000 D-Mark zahlen.

Hertha stieg nach einer Saison sofort wieder ab – und häufte so hohe Schulden an, dass ein Lizenzentzug und ein zusätzlicher Zwangsabstieg drohten. Hertha brauchte dringend neues Geld.

Vereinspräsident Heinz Roloff rief bei Grupp an. Er wolle kurzfristig sprechen, habe ein größeres Problem. Roloff traf noch am gleichen Tag in Burladingen ein, es war der 17. Juni 1991, so steht es in Grupps Kalender.

An seiner Seite hatte der Hertha-Präsident damals einen Mann für schwierige Fälle: den Sportrechtler Christoph Schickhardt, einen der führenden Sportanwälte Deutschlands. Seine Kanzlei vertritt heute Trainer wie Julian Nagelsmann, Hansi Flick und Joachim Löw, darüber hinaus Vereine wie Hertha BSC, VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, SC Freiburg, RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach sowie Stars aus der Unterhaltungsbranche wie die Schlagersängerin Andrea Berg und den Rapper Cro.

Schickhardt erinnert sich gut an die Zeit damals. »Meine wenigen Begegnungen mit Grupp: eine Lehre für mich in vielerlei Hinsicht. Eine Persönlichkeit – unternehmerisch und menschlich. Akkurat mit Frisur, Hemd, Krawatte, Anzug und seiner Gesinnung. Ein kaufmännisches Schwergewicht. Ich habe sehr von ihm profitiert – für mein ganzes Anwaltsleben.«

Die Krise von Hertha BSC brachte die beiden also in Kontakt: Der Deutsche Fußball-Bund habe festgestellt, dass Hertha nicht genügend Geld hatte, um die nächste Saison in der 2. Bundesliga zu absolvieren – und deshalb keine Lizenz erteilt. Alle Fristen waren abgelaufen. »Ich bin dann gegen diese Entscheidung vorgegangen«, sagt Schickhardt. Mit Erfolg: Hertha bekam etwa zwei Wochen Zeit, um bei Sponsoren zusätzliches Geld einzutreiben. Der DFB wollte die Verträge mit den entsprechenden Zusagen sehen.

Also seien Schickhardt und die Hertha-Leute auf die Suche nach Geldgebern gegangen. Sie wurden auch fündig, vorwiegend in Berlin, doch es reichte nicht. 1,5 Millionen D-Mark fehlten am Ende noch, und die Zeit lief Hertha davon. Wer könnte bereit sein, diese Summe zu geben – und vor allem: schnell?

Anwalt Schickhardt sagt, er habe erst mal auf der Landkarte schauen müssen, wo dieses Burladingen überhaupt liegt, ein Navi gab es damals noch nicht. Mit einem Chauffeur habe er Hertha-Präsident Roloff, der aus Berlin kam, vom Stuttgarter Flughafen abgeholt. Dann ging es über die Schwäbische Alb. Zwischenzeitlich seien ihm Zweifel gekommen, ob es dieses Burladingen überhaupt gebe, erzählt er und lacht. Mehrmals hätten sie sich verfahren.

Dann aber waren sie da – und Schickhardt lernte Grupp kennen. Als Erstes sei ihm aufgefallen, dass Grupp im Großraumbüro inmitten seiner Mitarbeiter saß. Ein Großraumbüro habe es damals praktisch nirgends gegeben, sagt Schickhardt. Grupp habe sich nicht in einem Chefzimmer verschanzt. Später hat Schickhardt diese Art des Büros auch bei Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz gesehen. Grupp und Mateschitz seien ähnliche Typen, findet er: »Ein Mann, ein Wort. Kein Rausreden, keine Ausflüchte. Solche Leute werden in der Wirtschaft immer weniger – im Fußball sowieso.«

Auch Hertha-Präsident Heinz Roloff sei solch ein hemdsärmeliger Typ gewesen, ein Bauunternehmer, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Ein Mann der klaren Worte. Wie Grupp.

Wolfgang Grupp habe die Verhandlungen mit Hertha damals selbst geführt – ab und zu jedoch seinen Prokuristen zu sich gerufen. »Der musste dann immer pflichtschuldig sagen, dass wir zu viel Geld forderten«, erinnert sich Schickhardt. Auf ihn wirkten die Verhandlungsmuster gut einstudiert.

Dann habe Grupp seine Gäste über die Straße rüber in seine Villa gebeten, beim Abendessen seien auch Grupps Frau und die damals noch kleinen Kinder dabei gewesen, Wolfgang Grupp junior war damals erst ein paar Monate alt. »Dass ich Geschäftsfreunde zu mir nach Hause einlade, das mache ich bis heute auch so, denn das hat eine enorme Wirkung auf Gäste. Die Bedeutung des Geschäfts und das Ansehen der Geschäftspartner werden dadurch aufgewertet. Das schafft Vertrauen und Vertrautheit. Schließlich lädt man einen Schlawiner nicht an den Tisch der Familie ein. Sie haben dann eine viel größere Beißhemmung bei Verhandlungen. Die Gäste vergessen das nicht. Ein Abendessen im familiären Kreis – mich hat das damals sehr beeindruckt. Der englische Butler wusste bei meinem zweiten Termin noch, welche Sorte Tee ich gerne trinke.«

Schickhardt brauchte die Finanzzusage noch am selben Abend, die Hertha-Abordnung stand unter großem Druck. Grupp habe hart verhandelt und die Situation kaufmännisch genutzt, sagt der Sportrechtler. Aber: »Er hat Herrn Roloff mit größtem Respekt behandelt und ihn nie spüren lassen, dass er in einer schlechten Situation ist.«

Der Deal sah dann so aus: Der Sponsoringvertrag von Trigema wurde um fünf Jahre verlängert, allerdings zu Zweitliga-Konditionen, also für 300.000 D-Mark pro Saison. Egal, in welcher Liga die Herthaner kicken würden. Und: Die Summe – die so dringend benötigten 1,5 Millionen Mark – durfte auch auf einmal ausgezahlt werden. Somit konnte Hertha sich aus der Misere befreien. Die Herren besiegelten den Pakt per Handschlag, Schickhardt arbeitete einen Vertrag aus, Grupp unterschrieb sofort. Der Scheck war am nächsten Tag beim DFB – und Hertha endgültig gerettet, auch mit dem Geld aus Burladingen.

»Nachts sind wir dann irgendwann mit dem Vertrag in der Hand wieder losgefahren. Bei anderen Unternehmen wäre so etwas nie möglich gewesen«, sagt Schickhardt. In Großkonzernen brauche so eine Entscheidung mehrere Monate, bis sie ihren Weg durch die Abteilungen genommen hat. »Und er hat es allein entschieden. Per Handschlag. Ein Handschlag von Herrn Grupp ist so sicher wie die Zusage der Bank of England. Er hat mich tief geprägt. Harte Verhandlungen. Klare Aussagen. Zuverlässiges Verfahren. Immer respektvoll.«

Jahre später habe er noch einmal mit Wolfgang Grupp zu tun gehabt, berichtet Schickhardt. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich kam es zu Krawallen seitens deutscher Hooligans, bei denen der französische Polizist Daniel Nivel lebensgefährlich verletzt wurde – bis heute leidet er an den Folgen des Angriffs.

Es kam die Idee auf, dass der DFB mit Verantwortlichen und Spielern im Vorfeld des nächsten Spiels in einem besonderen T-Shirt auftritt, das zum Ausdruck bringen sollte, dass sich die Nationalelf von Gewalt distanziert und sich für den Vorfall entschuldigen möchte. Die großen Sportmarken taten sich schwer, die Shirts so schnell herzustellen. Da habe Schickhardt Grupp angerufen und ihn in dessen Jagdhaus im Allgäu erreicht. Es sei spät am Abend gewesen, er habe sich entschuldigt. Grupp aber habe sich über den Anruf gefreut. Und als Schickhardt ein wenig verlegen fragte, ob er einen kleinen Auftrag im Volumen von einigen Hundert D-Mark aufgeben könne, habe er geantwortet: »Ich freue mich über jeden Auftrag. Für mich als Unternehmer ist es eine Ehre – auch wenn der Auftrag noch so klein ist.« Und dann habe er die T-Shirts produziert und kurzfristig nach Frankreich geliefert.

Die Geschichte mit Hertha BSC allerdings nahm kein gutes Ende. Auslöser der weiteren Ereignisse waren die günstigen Konditionen, die sich Grupp im Gegenzug für seine Soforthilfe langfristig gesichert hatte. Denn Hertha berappelte sich wieder und wurde auch für andere Sponsoren attraktiv. Der Sponsoring-Deal mit Trigema erschien auf einmal lächerlich mager.

Das fiel vor allem den Managern der UFA Sports GmbH auf. Die Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann vermarktete ab 1994 die Hertha – und verlangte von Grupp, den Vertrag aufzulösen. Sein Ansprechpartner Heinz Roloff wurde 1994 abgesetzt. Hertha und Grupp zogen vor Gericht, Hertha unterlag. »Herr Grupp war zu 100 Prozent im Recht«, sagt Rechtsanwalt Schickhardt.

Obwohl er gewann, einigte sich Grupp daraufhin außergerichtlich mit der Hertha. 1997 war Schluss mit dem Trikotsponsoring.

Er hat dann noch ein paar Werbeformen ausprobiert: 1997 gewann er die Ferienfluglinie Aero Lloyd als Partner. Drei Maschinen wurden zwischenzeitlich zu fliegenden Litfaßsäulen: Trigema war damit nach eigenen Angaben die erste Firma, die in Deutschland auf Verkehrsmaschinen warb. Auch gibt es bis heute ein Trigema-Luftschiff, das öffentlichkeitswirksam über Großveranstaltungen schwebt.

All diese Werbeformen gaben Grupp aber kaum die Möglichkeit, mehr über seine Produktion »Made in Germany« zu erzählen.

Dafür brauchte er einen anderen Werbebotschafter, den es bis heute gibt: einen Schimpansen.

Und das kam so: Grupp schaut abends meistens die Tagesschau. Um nichts zu verpassen, schaltet er den Fernseher etwas früher ein – und bekommt so zwangsläufig die Werbung vor den Nachrichten zu sehen. Die Minute vor dem Beginn ist die teuerste für Werbeplatzierungen, weil schon viele der rund zehn Millionen Tagesschau-Gucker – wie Grupp – den Fernseher eingeschaltet haben.

Und genau diese Minute wollte Grupp damals haben. »Teuer ist in diesem Fall das Billigste – weil ich so viele Menschen erreichen kann wie kein anderer«, sagt er. Mit dem Chef einer Werbeagentur habe er dann über einen möglichen Spot gesprochen. Der Mann erzählte, er habe einen Spot für einen japanischen Konzern gemacht, in dem ein Affe in einem Nachrichtenstudio saß. Man hatte ihm Erdnüsse zu fressen gegeben, seine Kaubewegungen sahen so aus, als läse er tatsächlich Nachrichten vor. Doch dann hatte das japanische Unternehmen den Spot nicht gewollt – er war also wieder frei und kostete auch weniger, weil er bereits produziert war. Grupp schlug zu. »Ich fand den Affen super. Weil ich sofort erkannte: Da schauen die Leute hin, das erregt Aufmerksamkeit.«

Den Affen selbst hat er nie getroffen, die Aufnahmen mit dem Tier und Grupps Sequenz aus der Produktion wurden getrennt voneinander erstellt.

Im Jahr 1990 lief der Spot zum ersten Mal vor der Sportschau in der ARD, und in der ersten Version trat der Affe allein auf – in späteren Versionen, vor der Tagesschau, »schaltete« er rüber zu Grupp in die Produktion. Die Reaktionen kamen schnell: Vor allem Kinder fanden den Affen super. Das hing auch damit zusammen, dass damals im ZDF die erfolgreiche Serie Unser Charly lief – viele Leute glaubten, Charly trete jetzt auch in der ARD auf. Deshalb bekam der Trigema-Affe auch schnell einen Namen: Charly.

Nach einer dreijährigen Pause von 2015 bis 2018 kehrte der Affe in die Werbung zurück – allerdings als animierte 3D-Version, weil sich Tierschützer darüber beschwert hatten, dass ein echtes Tier als Werbebotschafter fungierte. Dank KI kann der Affe jetzt auch das Nachrichtenstudio verlassen und als »Fashion Influencer« andere Dinge tun, als nur Nachrichten zu verlesen. »Ich werde überall auf den Affen angesprochen«, sagt Grupp. Der Spot laufe drei- bis viermal im Monat. 1,5 Millionen Euro gebe Trigema im Jahr für lineare und digitale Fernsehwerbung aus.

Der Affe ist bei Trigema allgegenwärtig. In den Filialen werden Affentassen und Affen-T-Shirts verkauft. Auf den Dächern vieler Geschäfte thront eine große, aufblasbare Affenfigur.

Grupp kann nicht verstehen, wieso die Schuhfirma Salamander ihr Maskottchen, den Feuersalamander Lurchi, nicht mehr in den Mittelpunkt stellt. Dass der Mineralölkonzern Esso seinen Tiger nicht mehr offensiv einsetzt, wundert ihn auch. Seiner Meinung nach können nur »ahnungslose Unternehmensberater« hinter diesen Entscheidungen stecken.rb das Unternehmen bei insgesamt elf Vereinen
der 1. und 2. Bundesliga auf der Brust, etwa auf den Trikots vom 1. FC
Nürnberg, Borussia Mönchengladbach, Karlsruher SC, KFC Uerdingen
05, Werder Bremen, VfB Oldenburg und Hertha BSC.

 

 

  • Volker ter Haseborg ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Reporterpreis, dem Otto-Brenner-Preis, dem Medienpreis des Deutschen Bundestages und dem Deutschen Journalistenpreis. Er ist Co-Autor des Wirtschaftsbuch-Bestsellers „Die Wirecard-Story“.

 

 

 

 

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