Buchauszug Miriam Fritsch-Kümpel: „Keep It Cool – Emotionen verstehen, Stressmuster durchbrechen, gelassen handeln – Die Quick-Win-Methode für Führungskräfte“

Miriam Fritsch-Kümpel (Foto: PR / Privat)
Was den einen nervt, lässt den anderen kalt
Es gibt keine allgemeingültige Regel, um Stress zu verhindern. Zu unterschiedlich sind Menschen mit ihren Prägungen und Erfahrungen. Auch Charakter, Temperament und der persönliche Zeittakt spielen eine Rolle für das individuelle Muster. Nie können wir es in einer einzigen Farbe darstellen, nie nur eine Webart bestimmen. Stress ist so bunt und verschieden wie die Menschen, die sich von ihm treiben lassen. Wollen wir ihn also durchschauen und seine Gefahr minimieren, müssen wir uns den Menschen ansehen, der ihn schmerzlich empfindet.
Das bedeutet, Ja zu sagen zu einer Begegnung mit sich selbst und zur Arbeit am eigenen Ich. Aber es wird sich lohnen. Sie werden Zeit und Stille mit einer Selbstreflexion verbringen und manches Mal währenddessen eine Träne verdrücken, weil Sie sich an ungute Umstände in Ihrer Kindheit erinnert fühlen, die nicht mehr zu korrigieren sind. Sie werden ein wenig Reue empfinden, weil Sie dachten, dass Stress zu Ihrem Job gehöre wie der Montblanc-Stift in der Brusttasche Ihres Jacketts. Und vermutlich werden Sie über dieses Sinnieren endlich einsehen, dass Stress niemals eine positive Seite hat. Ob Eustress oder Distress, das ist für mich keine Frage. Denn dieses kleine Präfix am Anfang des Wortes macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil, es verwischt die Gefahr, die immer von Stress ausgeht, nämlich das Überdrehen der Hormone und Botenstoffe, das ungesunde Aufpeitschen der Emotionen.
Es gilt, Ihren speziellen inneren Antreiber zu identifizieren, also jene Trigger, die unweigerlich die Emotionen in Wallung bringen. Sicherlich haben Sie es oft bemerkt, dass eine Kollegin die Ruhe im Meeting bewahrt, während Sie vor Wut über so viel Unverständnis oder Ignoranz aus der Haut fahren könnten. Da sitzen zwei Manager, hochdotiert und hochgeschätzt, der eine regt sich auf, der andere bleibt in seiner Mitte, obwohl beide von den gerade verkündeten Sparmaßnahmen betroffen sind.
Der Ursprung des Stressmusters
Dass Reaktionen auf eine Botschaft unterschiedlich ausfallen, hat oft einen tief zurückliegenden Ursprung. Es führt zurück auf längst vergangene, sich in vielen Jahren verfestigende Erfahrungen, meist wurden diese von der Kindheit an gelegt. Sie wurden geformt, gepflegt und stets bestätigt. Und diese Erfahrungen wurden mit den Jahren zu einer Wahrheit, über der ein Glaubenssatz schwebte. Er tut es bis heute. Denn nichts ist beständiger als diese kindlichen Prägungen, deren sozialer, erzieherischer und kultureller Färbung wir ausgesetzt wurden.
Durch wiederkehrende Botschaften, implizit oder explizit gesetzt, erhielten wir unsere individuelle angebliche Wahrheit über unsere Person und unsere Handlungen. Meist waren es die primären Bezugspersonen, Eltern, Lehrer, Geschwister, die gebetsmühlenartig sagten: »Wenn du alles richtig machst, dann haben wir dich ganz doll lieb«. Solch ein Satz fördert den Perfektionismus. Oder unser Enthusiasmus wurde niedergemacht mit den Worten: »Das kriegst du sowieso nicht hin«. Solch ein Satz fördert den Rückzug und die Kapitulation. Und mit jeder Wiederholung brennt sich solch ein Satz tief in die Gehirnwindungen ein.
Und gleichsam will das Kind sich vor den derart getriggerten Gefühlen wie Angst, Scham, Schuld schützen. Es strengt sich an, um keine Scham zu empfinden, um tatsächlich perfekt zu sein. Es geht in die Defensive, um der Angst vor einer Niederlage zu entkommen. Unter Druck und Unsicherheit werden diese Antreiber besonders aktiv. Ein Kind, das in eine Perfektionisten-Ecke gedrängt wird, steigert die Anstrengung zur Leistung, denn es will den Eltern gefallen. Oder es zieht sich zurück, wird einsam, wortkarg, denn es glaubt, sowieso keine akzeptablen Ergebnisse zu erreichen.
Um die Stressmuster einer Managerin zu durchschauen, brauchen wir den Rückblick. Niemals können wir von einer aktuellen Situation auf die Ganzheit schließen. Die Wissenschaft der Epigenetik geht noch weiter zurück, sie sieht sich die Stressfaktoren an, denen ein Ungeborenes im Mutterleib ausgeliefert war. Sie untersucht die Anordnung der Zellen der Mutter und deren Weiterreichung auf das Kind im Hinblick auf die epigenetische Modifikation. Und im weiteren Sinne können wir sagen, dass deren Antreiber für Stress sich im Denken, Fühlen, Verhalten wiederfindet und die Stressmuster des Ungeborenen beeinflussen.
Bereits im Mutterleib nimmt der individuelle Stress seinen Anfang. Vorgeburtlich, wenn sich das Neuralrohr zum Stammhirn formt, entsteht die Sensitivität der Amygdala. Sie ist zuständig für den Stressalarm. Erfährt die Mutter in dieser Zeit eine belastende Schwangerschaft, erfährt sie zunehmend ihre Triggerpunkte, muss sie auf Emotionen wie Angst, Wut, Ärger, Scham reagieren, werden ihre gesendeten neuronalen Botenstoffe das sich entwickelnde Gehirn des Kindes beeinflussen. Hier entscheidet sich der genetische beziehungsweise neurobiologische Anteil am individuell geprägten Stressmuster des Kindes.
Ebenso hat die Fähigkeit der Impulskontrolle in diesem frühen Stadium ihren Ursprung. Sobald das Gehirn sich ausbildet, kommt es zu Verbindungen zwischen der Amygdala und dem präfrontalen Cortex, der für die Emotionsregulation zuständig ist. Eine stetig aktive und überlastete Amygdala sendet ein Feuerwerk an Impulsen. Kommt die Mutter jedoch zur Ruhe, gönnt sie sich Pausen, Zeiten der Entspannung und Stille, reguliert sie den emotionalen Stress, statt sich ihm über lange Strecken auszuliefern, wird das Einfluss auf die sich heranbildenden Systeme des ungeborenen Kindes haben.
Vieles kann später nach der Geburt, in den prägenden ersten Lebensjahren durch einen liebevollen Umgang mit dem Kind aufgefangen werden. Das Kind kann emotionale Sicherheit erfahren, sich an Vorbildern orientieren, es kann Bewältigungsstrategien erwerben. Dann sind Veränderungen möglich. Denn all das nimmt Einfluss auf den erlernten Umgang mit Stress. Und später, als Jugendlicher und junger Erwachsener wird die individuelle Sozialisierung mit ihren gesellschaftlichen Normen, schulischen Erfahrungen oder die Akzeptanz in der Peer-Group eine Rolle spielen.
Für mich als Psychologin bleibt es eine gute Botschaft, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Jeder Abdruck im Stressmuster kann weichgezeichnet, unter Umständen gar korrigiert werden. Kein Manager muss ein ganzes Karriereleben lang unter den Effekten eines Verdrängens leiden und sich damit selbst ausbremsen. Und eine extravertierte Managerin kann lernen, dass das Delegieren von Aufgaben kein Eingeständnis von Schwäche ist, sondern im Gegenteil, ein sich öffnender Raum für die wesentlichen Dinge. Durch Selbstreflexion, Einsicht, Achtsamkeit, Therapie oder Coaching, durch die Bereitschaft, fortwährend an den emotionalen Treibern zu arbeiten, wird das Verändern der schädlichen Stressmuster gelingen.
Stressveränderndes Verhalten braucht einen unabdingbaren Willen zum Erfolg
Je mehr Sie an sich und Ihre Kraft zur Veränderung glauben, je mehr Sie von dem Erfolg einer Stressreduktion überzeugt sind, desto eher und nachhaltiger werden Sie die Effekte spüren. Deshalb werde ich hellhörig, wenn ein Manager in meinem Seminar behauptet, er habe schon alles versucht, aber falle immer wieder seinem eigenen Stress anheim. »Dann haben Sie kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem«, lautet meine Antwort. Was hart klingt, ist ehrlich gemeint. Denn wer wirklich an sich und seinen Reaktionen arbeiten und seine Emotionen im Griff haben will, der wird Besserung erfahren. Man muss nur wissen, welche Trigger die Emotionen hochschaukeln lassen – und mit einem Konzept wie dem, das in diesem Buch vorgestellt wird, dagegenhalten.
Gute Worte der Beruhigung allein reichen nicht aus. Sie brauchen den regelmäßig getätigten Hebel für vier Ebenen, und zwar auf der emotionalen, mentalen, körperlichen und verhaltensmäßigen. Nur dann lernt Ihr Gehirn um und vergisst, was bislang die Wahrheit war. Das hängt mit der Neuroplastizität dieses wunderbaren, komplexen Organs zusammen. In ihm nämlich verbinden sich Milliarden Nervenzellen und tauschen Informationen aus. Hier werden Atmung, Herzschlag und Verdauung organisiert. Es ist die Schaltzentrale Ihres Lebens, der Taktgeber Ihrer Persönlichkeit. Wie Sie denken, fühlen, handeln, wie Sie sich verhalten, wird in diesem überlebenswichtigen Organ bestimmt. Wen wundert es, dass da keine Veränderung auf Fingerschnippen passieren kann! Damit sich die Nervenenden neu verbinden und ein korrigiertes Muster entstehen kann, benötigen wir den Willen, das Wiederholen und das beständige Verfestigen unserer Absicht. Erst dann treten Effekte auf und die Wirkung wird erlebbar.
Das bestätigen die studienspezifischen Aussagen im Bereich von Stressbewältigungsprogrammen. Hier wurde eine Wirksamkeit von knapp 40 Prozent nachgewiesen, wenn Arbeitnehmende über mehrere Wochen hinweg an stressveränderndem Verhalten arbeiten.1
Kindheitsdenken und Erwachsenenverhalten: Dysfunktionale Antreiber stoppen
Der erste Schritt zur Veränderung ist die Selbsterkenntnis. Dieser Satz ist vermutlich so alt wie die Philosophie der Antike, dennoch gilt er bis heute, wenn es darum geht, sich selbst besser einschätzen zu lernen. Sie brauchen ein ehrliches Bild von sich selbst, an dem Sie den Feinschliff vornehmen können. Damit meine ich nicht die Bewertung durch andere und auch nicht das Profil, das man Ihnen in Persönlichkeitstests aufgedrückt hat. Diese unterliegen oft einem momentanen Hoch oder Tief, einer günstigen oder ungünstigen Laune. Was ich meine, liegt tiefer, im Verborgenen. Ich will mit Ihnen an der Oberfläche kratzen, um Ihre verschütteten Stressantreiber zu identifizieren.
Das bedeutet konkret: Bevor Sie handeln und Ihre Emotionen in den Griff bekommen können, brauchen Sie Kenntnisse über Ihren Stresstyp. Ich habe in den Tabellen dieses Kapitels all jene abgebildet, die im Management sehr häufig Karriere machen. Natürlich sind Reinformen eines einzelnen Stresstyps selten, üblich sind die Mischformen.
Meine identifizierten Stresstypen unterliegen übrigens keiner Wertung. Sie sind neutral. Gehen Sie deshalb vor der Selbsteinschätzung davon aus: So wie Sie sind, sind Sie okay. Wie Sie managen, ist es gut. Mir geht es weder um Kritik noch um Lob. Sie sind okay! Allerdings gibt es diese Triggerpunkte, die in manchen Situationen eine Emotion erzeugen, die Ihnen auf Dauer schadet. Darauf will ich Ihren Blick lenken.
Auch die neuere Forschung geht fast ausnahmslos davon aus, dass die emotionalen Erfahrungen in der Kindheit langfristige Denk- und Verhaltensmuster formen. Diese werden in belastenden Situationen aktiviert. Machen wir uns das nicht bewusst, bleiben wir in diesen Mustern gefangen, fühlen uns hilflos. Es halten uns dann dysfunktionale Antreiber im Griff, sie verhindern, dass uns die Flucht in positive Emotionen gelingt. Ein Dilemma? Könnte man denken. Es sei denn, die Auflösung solch verkrusteter Muster gelingt. Dazu will ich Sie ermutigen, denn Sie haben die psychologische Flexibilität, Ihre Glaubenssätze zu hinterfragen. Sie können feststellen, was genau mit Ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit korreliert.
Und sehr oft ist dieses Hinwenden und Bearbeiten alter Glaubenssätze wie das Schaffen eines inneren Freiraums, eine wunderbare Weite aller Spielarten der Reaktionen. Sie verlassen den schmalen Pfad, treten auf ein weites Feld, sehen Gegenwart und Zukunft in viel hellerem Licht. Plötzlich gibt es in Ihnen nicht mehr diese Handlungsschranken, nicht mehr diese Emotionen aus Angst, Scham, Ärger. Endlich schweigt die miese innere Stimme, die Ihnen so oft zuflüstert: »Das kannst du nicht! Brauchst du gar nicht erst zu probieren.« »Mach es allen recht, sonst bist du unbeliebt.« »Sei stark, du musst da durch, also reiß dich zusammen.« Welche Situationen triggern Sie? Was lädt Sie emotional auf und lässt Sie unreflektiert handeln? Welchen inneren Dialog führen Sie in solchen Momenten? Was in Ihrem Kopf treibt Ihren Stress an? Wenn Sie all das auf eine Formel herunterbrechen würden: Wie lautet Ihr Satz? Schreiben Sie diesen Satz auf! Lassen Sie ihn wirken. Spüren Sie, wie die Worte Ihre Stimmung, Ihr Hautgefühl, Ihren Herzschlag verändern.
Ein einziger Satz kann Sie innerhalb von 3 Sekunden in ein Emotionsloch schleudern. Sie müssen das nicht zulassen! Sie sind diesem Satz nicht wehrlos ausgeliefert. Sie sind stark genug, diesem Satz die Stirn zu zeigen. Denn Sie sind fähig, eine ganze Abteilung zu leiten, als Chef ein Vorbild zu sein. Sie können kraft Ihrer Intelligenz und Ihres Willens ein ganzes Unternehmen auf der Erfolgsspur halten. Da müssen Sie nicht vor diesem einen Kindheitssatz in die Knie gehen. Machen Sie sich das bitte klar. Es ist Ihre Entscheidung, jetzt dagegenzuwirken, nicht hilflos im Stress zu bleiben. Mit dem Wissen um die Wirkung und Auswirkung von Emotionen, die Sie steuern, wird das gelingen. Und sollte ich den Kern all dieser negativen Emotionen benennen, so wäre es die Angst.
Angst ist der Ursprung allen Stresses:
- Angst vor Kontrollverlust
- Angst vor Ablehnung
- Angst vor Verletzung
- Angst vor Zurückweisung
- Angst vor Leistungsverlust
- Angst, nicht zu genügen, nicht respektiert, übergangen zu werden, sich lächerlich zu machen, Letzter zu sein.
Was ist Ihre Angst? Benennen Sie Ihre Angst. Denn ich bin mir sehr sicher, dass sich hinter Ihrem aktuellen Stress eine Farbe von Angst verbirgt. Ich beharre hier auf dieser Wortgenauigkeit, weil das für die Identifizierung Ihres Antreibers wichtig ist.
Wenn ich den Finger auf diesen Punkt in meinem Seminar »Keep Cool – Die Emotionen im Griff« halte, höre ich oft: nichts. Ich frage:
»Welche Emotion empfinden Sie bei Stress?«
Die Teilnehmenden überlegen lange und erklären mir anschließend die Situation. Sie beschreiben die Umstände, unter denen Sie Stress empfinden. Das aber ist nicht das, was ich hören möchte, was uns weiterbringt auf der Spurensuche der Antreiber. Ich brauche die Emotion, beschrieben mit einer Wortgenauigkeit. Also frage ich nach: »Was löst den Stress aus, welche Emotion versteckt sich dahinter?« Als Antwort höre ich: »Ich bin gestresst, weil ich schlecht geschlafen habe.« »Ich bin gestresst, weil meine Chefin mich aus dem Verteiler gestrichen hat.« All das verstehe ich, es sind ärgerliche oder belastende Situationen, aber sie beschreiben nicht die Emotion, die den Stress auslöst. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Emotion, die hinter dem Stress steht: »Ich habe Angst, dass ich aufgrund meiner Schlaflosigkeit keine Leistung bringen kann. Ich habe Angst, dass meine Chefin mich nicht mehr im engsten Kreis der Vertrauten sieht.« Da ist sie, die Angst, die den empfundenen Stress befeuert.

(Foto: PR/Campus)
Keep It Cool, ein Buch von Miriam Fritsch-Kümpel – Campus Verlag, 231 Seiten, 28 Euro
Am Anfang steht die Reflexion
Die inneren Stresstreiber und damit die Farbe der Angst zu erkennen, das kann eine knifflige Angelegenheit sein. Eine spontane Selbsteinschätzung nach dem Motto: Ich bin eben ein nervöser, schnell reizbarer, ungeduldiger oder besserwisserischer Typ, reicht leider nicht aus, um diesen lästigen Antreibern auf die Spur zu kommen. Mit solchen spontanen Äußerungen würden Sie die Symptome identifizieren und nicht die Ursachen bekämpfen. Sie hätten vielleicht für wenige Stunden das Gefühl, sich selbst besänftigt zu haben, aber schon bald würden die Antreiber von Neuem zuschlagen. Das wollen wir verhindern. Denn mir geht es darum, die inneren Antreiber endgültig zu entlarven.
Deshalb sollten Sie statt der Spontaneität die Reflexion bevorzugen, und das bedeutet konkret: Gehen Sie in eine gewisse Distanz zu sich selbst. Jede Veränderung, ob im Denken, Fühlen oder Verhalten, beginnt mit einem bewussten Arbeiten an Mustern und deren Kontexten. Zwar kann eine spontane Einschätzung wie ein Türöffner in unbewusste Räume sein, doch erst die systematische Lenkung bringt die Kenntnis.
Sechs Stresstypen und ihre Trigger
Die folgende erste Tabelle bietet sechs grundlegende Stresstypen an. Sie implizieren klar umrissene Charaktermerkmale und Temperamente. Ich bitte Sie, sich den Typen (meist sind Sie mehr als ein Typ) zuzuordnen. Fragen Sie sich: Welcher Typ spiegelt meine Grundbedürfnisse? Dort, wo diese sich abbilden, erkennen Sie in der ersten Spalte Ihren Stresstypen. In der zweiten Spalte beschreibe ich die Grundbedürfnisse des Stresstyps und in der dritten Spalte die jeweiligen Trigger, die eine emotionale Belastung auslösen.
In der zweiten Tabelle betrachte ich mit Ihnen die tiefliegenden Glaubenssätze, die sich über viele Jahre mit bestimmten Emotionen verhakt haben. Diese sind durch Lernerfahrungen, Sozialisierung und Erwartungen entstanden und konnten durch eine unreflektierte Befolgung sehr, sehr stark in Ihnen werden. In der dritten und vierten Spalte erkennen Sie die mit dem Glaubenssatz verbundenen Emotionen.
In der dritten Tabelle beleuchte ich die Stressfalle der jeweiligen Stresstypen und mögliche Bewältigungsstrategien als Wege aus der Falle.
| Stresstyp | Grundbedürfnis | Trigger: Wenn … |
| Der Hektiker | Selbstwerterhöhung durch Aktivität und Leistung | • viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen sind
• Zeitdruck und/oder enge Deadlines bestehen • ein langsames Umfeld vorherrscht (zögerliche Kollegen, träge Abläufe) • er warten muss und durch Pausen wertvolle Zeit verloren geht |
| Der Kümmerer | Bindung und Zugehörigkeit | • Konflikte entstehen oder drohen
• er eigene Bedürfnisse oder Meinungen vertreten soll • ein klares Nein erforderlich wäre • andere keine Unterstützung brauchen oder ihn ausgrenzen |
| Der Perfektionist | Selbstwertschutz durch Fehlervermeidung
und Kontrolle |
• Fehler passieren könnten
• Misserfolg oder Kritik droht • schnelle Entscheidungen gefordert sind • Tempo wichtiger scheint als Genauigkeit • Erwartungen unklar oder Standards undefiniert sind |
| Der Un- abhängige | Autonomie | • Drucksituationen vorherrschen
• er auf Hilfe angewiesen ist • es emotional oder persönlich wird • andere Offenheit oder Nähe erwarten |
| Stresstyp | Grundbedürfnis | Trigger: Wenn … |
| Der Kontroll- typ | Kontrolle und Sicherheit | • Situationen unsicher sind
• Risiken oder Kontrollverlust drohen • etwas anders verläuft als erwartet • schnelle Entscheidungen ohne gründliche Prüfung verlangt werden |
| Der Beste | Selbstwert‑Erhöhung durch Erfolg und Anerkennung | • Zielerreichung gefährdet ist oder hohe Erwartungen bestehen
• andere scheinbar besser sind • Konkurrenzdruck entsteht • er sich im Mittelmaß wieder- findet • dauerhafte Anstrengung gefragt ist, um Anerkennung zu behalten |
Tabelle 1: Die sechs häufigsten Stresstypen im Management (eigene Darstellung, ergänzt mit Inhalten aus Brandt, E. und Fritsch-Kümpel, M. (2018): Stress? Du entscheidest, wie du lebst, Frankfurt: Campus)
Die Stresstypen spiegeln zentrale Grundbedürfnisse wider. Sie sind nicht willkürlich, sondern haben etwas mit uns und unserer Prägung und Sozialisation zu tun. Dabei verletzen die Trigger – das können Kritik, Angriffe, Drohungen der anderen sein – die eigenen Bedürfnisse. Deshalb gilt: Wer seine Trigger identifiziert, ist im Vorteil. Er kennt die typischen Überforderungsmuster. Statt automatisiert und impulsiv zu reagieren, ist es möglich, innezuhalten, zu reflektieren und neu zu bewerten und die Lage besser zu steuern.
| Stresstyp | Glaubenssätze | Ursprungs- emotion | Emotion bei unreflektiertem Glaubenssatz |
| Der Hektiker | • »Beeil dich!«
• »Ich muss effizient sein und jede freie Minute nutzen.« • »Ich darf mich nicht ausruhen.« |
Angst, wertlos und nutzlos zu sein, wenn man nicht funktioniert | • Gereiztheit und Rastlosigkeit
• Gefühl des Getriebenseins • Ungeduld mit sich und anderen • Scham, wenn etwas liegen bleibt • Angst, Ziele nicht zu erreichen |
| Der Kümmerer | • »Ich muss es allen recht machen.«
• »Ich darf nicht Nein sagen.« • »Es ist egoistisch, an mich selbst zu denken.« |
Angst vor Liebes- entzug | • Überforderung
• Schuld, wenn eigene Wünsche geäußert werden • Zweifel am Selbstwert • Traurigkeit oder Wut bei Undankbarkeit • Angst vor Zurückweisung |
| Der Perfektionist | • »Alles, was ich tue, muss perfekt sein.«
• »Ich darf keine Fehler machen.« • »Es ist inakzeptabel, eine Arbeit nicht zu schaffen.« |
Angst vor Abwertung | • Scham und Schuld, weil Fehler internalisiert werden
• Ärger bei Fehlern • Innere Anspannung, perfekt sein zu müssen • Traurigkeit, nie zu genügen • Angst, Fehler zu machen |
| Stresstyp | Glaubenssätze | Ursprungs- emotion | Emotion bei unreflektiertem Glaubenssatz |
| Der Un- abhängige | • »Sei stark!«
• »Wie es in mir drinnen aussieht, geht keinen etwas an.« • »Ich brauche niemanden – ich komme allein klar.« |
Angst vor Verletzlichkeit und der Abhängigkeit von anderen | • Verachtung von eigener Schwäche
• Traurigkeit aufgrund innerer Leere und Isolation • Wut und Härte mit sich selbst • Angst, enttäuscht zu werden |
| Der Kontroll- typ | • »Sei vorsichtig!«
• »Ich bin verantwortlich, dass alles richtig läuft.« • »Nur wer vorbereitet ist, wird nicht überrascht.« |
Angst vor Un- kontrollierbarkeit und Unsicherheit | • Ängstliche Wachsamkeit und Spannung
• Hilflosigkeit • Wut, wenn Kontrolle entgleitet • Angst vor Ungewissheit |
| Der Beste | • »Streng dich an!«
• »Ich darf keine Schwäche zeigen, sonst verliere ich Respekt.« • »Nur wenn ich etwas leiste, bin ich liebenswert.« |
Angst vor Bedeutungs- losigkeit | • Inneres Getriebensein und Druck
• Versagensangst • Scham, wenn Ziele nicht erreicht werden • Neid auf andere • Wut auf sich selbst bei Misserfolg |
Tabelle 2: Glaubenssätze und damit verbundene Emotionen (eigene Darstellung, ergänzt mit Inhalten aus Brandt, E. und Fritsch-Kümpel, M. (2018): Stress? Du entscheidest, wie du lebst, Frankfurt: Campus)
Ein Glaubenssatz ist eine verinnerlichte Überzeugung über uns selbst, über andere Menschen oder über das Funktionieren der Welt. Er erzeugt Emotionen. Wie diese sich färben, ist abhängig vom Glaubenssatz. Der Glaubenssatz ist eine mentale Schutzstrategie gegen die Verletzung eines zentralen Bedürfnisses. Er hilft zwar kurzfristig beim »psychischen Überleben«, verhindert langfristig aber das Aufblühen der Persönlichkeit.
| Stresstyp | Stressfalle | Wege aus der Falle |
| Der Hektiker | • Hektik
• Aktionismus • Ungeduld • Fehler und Qualitäts- mängel durch Schnelligkeit |
• Entschleunigungs- techniken
• Achtsamkeitspausen • Regeneration als we- sentliches Element von Gesundheit anerkennen |
| Der Kümmerer | • Selbstaufgabe/ Grenzenlosigkeit
• Überhöhte Anpassung • Ignorieren eigener Bedürfnisse |
• Selbstklärung stärken
• Neinsagen üben • Eigene Standpunkte vertreten • Eigene Bedürfnisse ernst nehmen |
| Der Perfektionist | • Verlieren im Detail
• Pedanterie • Überkontrolle • Nie zufrieden • Angst vor Fehlern |
• 80/20-Regel leben
• »Gut genug« statt »perfekt« • Bewusst Entscheidungen zulassen, auch wenn nicht alles optimal ist |
| Der Un- abhängige | • Isolation,
• Keine Hilfe annehmen • Emotionale Abschottung und Distanz zu anderen |
• Verletzlichkeit zulassen
• Unterstützung aktiv suchen • Gefühle benennen üben |
| Der Kontroll- typ | • Zwang der Kontrolle
• Überhöhtes Ver- antwortungsgefühl • Fehlendes Vertrauen |
• Akzeptanz von Unkontrollierbarem
• Loslassen • Unsicherheiten zulassen |
| Stresstyp | Stressfalle | Wege aus der Falle |
| Der Beste | • Selbstausbeutung
• Anstrengung als Selbstzweck • Überhöhtes Erfolgs- streben |
• Leichtigkeit üben
• Kleine Erfolge feiern • Milde mit sich sein • Eigene Leistungsgrenzen akzeptieren • Selbstfürsorge |
Tabelle 3: Die Stressfallen und die Wege hinaus (eigene Darstellung, ergänzt mit Inhalten aus Brandt, E. und Fritsch-Kümpel,
- (2018): Stress? Du entscheidest, wie du lebst, Frankfurt: Campus)
Ein unreflektierter Glaubenssatz erzeugt eine innere Verpflichtung, ähnlich einem unbewussten Gebot. Das führt dauerhaft zur inneren Anspannung. Deshalb ist das Bewusstwerden und die Flexibilisierung der Glaubenssätze einer der wirksamsten Hebel im Hinblick auf emotionale Gesundheit! In Kapitel 6 arbeiten wir an der Veränderung dieser Glaubenssätze.
| Nicht mit dem Holzhammer auf den Glaubenssatz schlagen!
Nehmen Sie sich Zeit für Ihre höchstpersönliche Innenreise. Seien Sie mitfühlend mit sich selbst. Bitte bedenken Sie: Dieser Glaubenssatz nährt sich seit Jahren, seit Jahrzehnten von Ihren Emotionen. Er hat tiefe Wurzeln geschlagen, sitzt dick und breit auf seinem Platz. Draufschlagen und killen mit einem Schwung – das wird nicht funktionieren. Deshalb ist Behutsamkeit angesagt. Zunächst geht es darum, die Herkunft zu erforschen. |
| Dann sollten Sie sich die Frage stellen, welchen Nutzen er Ihnen in der Vergangenheit garantiert hat. Es hatte einen Grund, warum er sich irgendwann formulierte und festsetzte. Vielleicht sollte er Sie als Kind schützen, damit ein Kümmerer sich von allen geliebt fühlte, wenn er Ihnen zurief: »Mach das, tu den anderen den Gefallen, dafür werden sie dich mögen.« Oder es konnte sich der Kontrolltyp in Sicherheit wähnen, wenn der Satz in ihm laut wurde: »Erledige das allein und schnell, dann hast du es im Griff, dann weißt du, was du geleistet hast.« In dieser Weise rechtfertigen die verschiedenen Stresstypen ihr Handeln.
Fragen Sie sich: • Wie hat Ihnen Ihr Glaubenssatz früher geholfen? • Wie hat er Sie zu Ihrem Ziel angespornt? • Was schützt dieser Satz bis heute in Ihnen?
Nehmen Sie sich Zeit für diese Forschungsreise. Vermutlich geht sie weit zurück, und Sie begegnen Ihrem inneren Kind wieder. Nehmen Sie es in den Arm und machen Sie ihm keine Vorwürfe. Es hat diesen Satz gebraucht, um zu überleben. Der Satz hatte früher einen Nutzwert. Aber heute ist eine andere Zeit, heute ist er störend. Sie dürfen ihn loslassen. Dabei ist es wichtig, dass Sie ihn noch einmal mit aller Intensität beleuchten. Fragen Sie sich in dieser Reflexion, welche Folgen hätte es, wenn Sie daran festhalten würden. Schälen Sie in Gedanken all das Schadhafte dieses Satzes heraus. Nur wenn Ihnen klar wird, dass er heute für Sie nachteilig ist, können Sie ihn verändern. Hier bitte ich Sie, in eine selbstmitfühlende Haltung zu gehen. Sie sind es wert, dass Sie in Ruhe, Entspannung und mit einem inneren Frieden leben können. Das verhindert Ihr alter Glaubenssatz. Daher brauchen Sie ihn nicht. Machen Sie sich bitte |
| klar, dass dieser alte stressverstärkende Satz beständig an Ihrer Energie frisst. Mehr noch, er verletzt Ihre Werte als Managerin, als Mensch. Der Hektiker zum Beispiel hat eine hohe Ressource, viel zu leisten. Es ist der Wert Ehrgeiz, der ihn treibt. Dazu hat er eine beachtliche Kondition entwickelt. Wenn Sie diesem Stresstyp entsprechen, sehen Sie sich diese täglichen Multitasking-Sprints, die Sie vollführen, aus einer weiten liebevollen Distanz an. Spüren Sie Ihre unterdrückte Sehnsucht, einmal Ruhe zu halten, die Füße hochzulegen, ein Buch zu lesen, ein Glas Wein zu trinken, und zwar ohne schlechtes Gewissen? Fragen Sie sich, welche Auswirkungen dieser Glaubenssatz »Ich muss mich beeilen, Ausruhen ist Zeitverschwendung« auf Ihre Lebensqualität hat. Atemlosigkeit. Stress. Gesundheitliche Schäden. Das sind die Folgeerscheinungen, die Ihr alter Glaubenssatz verursacht. Fragen Sie sich bitte, wie sich ein Satz anfühlen würde, der so oder ähnlich lautet: »Ich darf auftanken. Ich freue mich auf die Erholung nach dem Job. Sie steht mir zu.«
Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich Ihnen verspreche, sobald Sie diese Kenntnis über sich selbst haben, werden Sie endlich ein Verständnis für sich selbst entwickeln. Damit kommen Sie Ihren tieferen Bedürfnissen auf die Schliche.
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